Im Gespräch mit den jüdischen Geschwistern

Römer 2, 17 – 29 

Was folgt, ist fast atemlos geschrieben. Es ist wie aus einem imaginären Gespräch, in dem einer tief Luft holt und dann einen Wortschwall folgen lässt. Die Sätze, Einfälle purzeln regelrecht übereinander. Aber nicht wirr, sondern zielgerichtet.

17 Wenn du dich aber Jude nennst und verlässt dich aufs Gesetz und rühmst dich Gottes 18 und kennst seinen Willen und prüfst, weil du aus dem Gesetz unterrichtet bist, was das Beste zu tun sei, 19 und maßt dir an, ein Leiter der Blinden zu sein, ein Licht derer, die in Finsternis sind, 20 ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen, weil du im Gesetz die Richtschnur der Erkenntnis und Wahrheit hast -:

Wer ist das, den Paulus anspricht, mit ουδαος? Jude! Es ist keine Beschimpfung, die hier folgt. Sondern Paulus führt eine Auseinandersetzung „mit den Ausdrücken der Würde und des Selbstbewusstseins, die der Schriftgelehrte sich selbst zuzulegen pflegt.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 71)  Wir hören Jude allzu rasch wie ein Schimpfwort. Hier ist es das klare Gegenteil, eine „Ehrenbezeichnung“(U. Wilckens aaO. S. 147). Es geht um den Unterschied zu dem Heiden, um den religiösen Selbstanspruch. Später, im gleichen Brief, wird Paulus von den Juden sagen: „Ihnen gehört die Kindschaft und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch.“ (Römer 9,4-5) Das ist ihr Vorzug, ihr heilsgeschichtlicher Vorrang, ihre Ehre, die Paulus nie bestreitet.

Das findet bei Paulus Anerkennung: Sie verlassen sich auf das Gesetz, sie wissen darum, dass sie zu Gott gehören, sie haben gelernt zu prüfen, zu urteilen, die richtigen Wege zu suchen. Sie sind Leiter, Licht, Erzieher, Lehrer – das alles, weil der Jude, jeder Jude im Gesetz die Richtschnur der Erkenntnis und Wahrheit hat. Alles unbestritten. Paulus denkt gar nicht daran zu sagen: Das kann doch keiner von sich selbst sagen. Vielmehr kennt Paulus das Denken: „Es gehört zu Israels Ruhm, dass es allein Gottes Willen kennt; Israel hat die Aufgabe, durch Gesetz und Belehrung die Menschheit zu unterrichten.“ (O. Michel, aaO. S. 72)

             Mich erinnert das an das Reden Jesu von „den Gesunden, die keinen Arzt brauchen“(Lukas 5,31). Auch daran, dass er dem reichen jungen Mann, als der ihm, als Jesus ihn an das Gesetz verweist, antwortet: „Meister, das habe ich alles gehalten von Jugend auf!“(Markus 10,20), nicht entgegen hält: Das gibt es nicht. Jeder hat Dreck an Stecken, Leichen im Keller. Du auch.

Nein. Paulus nimmt diese Sicht des Juden, diese Selbsteinschätzung ganz ernst. So seht ihr euch. So sehe ich euch auch. Und doch:

21 Du lehrst nun andere und lehrst dich selber nicht? Du predigst, man solle nicht stehlen, und du stiehlst? 22 Du sprichst, man solle nicht ehebrechen, und du brichst die Ehe? Du verabscheust die Götzen und beraubst ihre Tempel? 23 Du rühmst dich des Gesetzes und schändest Gott durch Übertretung des Gesetzes? 24 Denn »euretwegen wird Gottes Name gelästert unter den Heiden«, wie geschrieben steht (Jesaja 52,5).

            Umso härter fällt jetzt die Attacke aus. Er greift den Zwiespalt an zwischen den Worten und der Lebenspraxis. Er attackiert die, die es bei Worten bewenden lassen, aber in ihrer Lebensführung etwas ganz anderes tun. Mögen sie äußerlich Juden sein, innerlich und im Lebensvollzug sind sie es nicht. Um dieser gespaltenen Existenzen willen wird der Name Gottes verlästert. Es ist der uralte Angriff, wie ihn auch schon Jesaja formuliert hat.

Das Grundproblem schlechthin, bis heute: Wir bleiben mit unserem Leben hinter den Worten zurück. Es geht um „den Widerspruch zwischen Wort und Tat.“(O. Michel, aaO. S. 74) Unsere Worte werden zur Anklage gegen unseren Lebensstil. Wenn ich das als Christ lese, dann kann ich mich nicht wegducken: Gilt ja nur damals, nur den selbstbewussten und womöglich selbstgerechten Juden in der Gemeinde in Rom. Nein, diese Worte des Apostels stellen über alle Zeiten hinweg an uns heute die Frage: Lebst Du, was du sagst? Oder entlastest du dich von den konkreten Schritten, vom Handeln durch schöne Worte? Auch durch fromme Worte?

Es ist unglaublich wichtig, sich diesen Fragen tatsächlich zu stellen und sie nicht, weil sie schmerzen, wegzudrücken. „Tatsächlich“ meint: So, dass es zur Tat kommt, so dass wir uns der Sachen annehmen, die vor unseren Füßen sind. Es ist die Frage, die auch heute über die Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses entscheidet – über die Glaubwürdigkeit jedes Einzelnen und über die Glaubwürdigkeit der Kirchen: Leben wir, was wir sagen? Die Menschen um uns herum können besser sehen als hören. Deshalb ist das Zeugnis des Glaubens, das eine Tatgestalt gewinnt, so wichtig. Und das „Zeugnis“, in dem unsere Worte durch unser Tun Lügen gestraft werden, ist nicht durch noch so schöne Worte wieder einzufangen.

Dieser Zwiespalt zwischen Worten und Tun, zwischen den proklamierten Werten und den tatsächlichen Verhalten ist ein menschliches Grundproblem, nicht auf religiöse Praxis und religiöse Menschen beschränkt. Das trifft Politiker, die Moral einfordern, aber in ihrem privaten Verhalten nicht so moralisch sind – wenn es um Treue und Verlässlichkeit geht. Die Gewerkschafter, die Verteilungsgerechtigkeit einfordern, und doch zusehen, wo sie bleiben, wie sie ihre Schäfchen ins Trockene bringen. Es trifft Medienleute und Sportfunktionäre – immer ist da die Spannung zwischen den Idealen und der persönlichen Realität.

Paulus attackiert die Spaltung zwischen öffentlichem Reden und privatem Verhalten. Er schlussfolgert, dass das öffentliche Reden das private Verhalten als Lüge entlarvt. Und umgekehrt, dass das eigene Verhalten die öffentlichen Reden zur Heuchelei macht, ihnen die Krft raubt, weil ihnen die Wahrheit des eigenen Lebens entgegensteht.

 25 Die Beschneidung nützt etwas, wenn du das Gesetz hältst; hältst du aber das Gesetz nicht, so bist du aus einem Beschnittenen schon ein Unbeschnittener geworden. 26 Wenn nun der Unbeschnittene hält, was nach dem Gesetz recht ist, meinst du nicht, dass dann der Unbeschnittene vor Gott als Beschnittener gilt? 27 Und so wird der, der von Natur unbeschnitten ist und das Gesetz erfüllt, dir ein Richter sein, der du unter dem Buchstaben und der Beschneidung stehst und das Gesetz übertrittst. 28 Denn nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist, auch ist nicht das die Beschneidung, die äußerlich am Fleisch geschieht; 29 sondern der ist ein Jude, der es inwendig verborgen ist, und das ist die Beschneidung des Herzens, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht.

Es geht um eines der großen Identitäts-Merkmale der Juden. Neben dem Sabbat ist das seit der Zeit des Exils die Beschneidung. περιτομ. Das Wort „kann dreierlei Bedeutung annehmen: den Akt der Beschneidung, die Zustand des Beschnittenseins, die Gemeinschaft der Beschnittenen.“ (O. Michel, aaO. S. 75) Immer aber läuft es darauf hinaus: es ist ein Zeichen, spürbar am Leib. Eine Erinnerung, die nie vergessen lässt: Ich gehöre zu diesem Volk Gottes. Paulus attackiert nicht die Beschneidung, wohl aber ein folgenloses sich auf die Beschneidung Verlassen. Dass manche sie zum Heilszeichen machen, das aus dem Vollzug heraus wirkt und jede Lebenspraxis überflüssig macht. Hauptsache beschnitten. So wie heute manche immer noch denken: Hauptsache getauft.

Paulus dagegen sagt: die Beschneidung gehört zusammen mit dem Leben nach dem Gesetz. Sie stellt hinein in den konkreten Gehorsam: Du sollst… Du sollst nicht…. Wenn du so lebst, dann ist es in Ordnung. Es reicht nicht, äußerlich ein Jude sein, beschnitten, mit Gebets-Schal und Schabbes-Locken. Nicht äußerlich, nicht im Phäno-Typ, ν τ φανερῷ. Das äußere Bild macht es nicht. Es geht um die Hingabe, um die Zuwendung zu Gott, inwendig verborgen, aber mit der vollen Konsequenz des ungeteilten Herzens und des ganzen Lebens. „Was im Herzen des Menschen, was in seinem Inneren vor sich geht, entscheidet über das, was er ist.“ (O. Michel, aaO. S. 78)

Damit ist Paulus nahe bei den Schriften der Hebräischen Bibel, die auch eine „Beschneidung des Herzen kennen. Unter anderem: „ So beschneidet nun die Vorhaut eurer Herzen und seid hinfort nicht halsstarrig.(5. Mose 10, 16) Paulus bleibt sich treu: Es ist nicht der Buchstabe, nicht die äußere Form, nicht die sichtbare Gestalt, auch nicht das, was man als Frömmigkeits-Praxis vorweisen kann. Es ist der Geist, der lebendig macht. Es ist die Liebe, die Gott ins Herz hinein entzündet hat.

Das Lob eines solchen ist nicht von Menschen, sondern von Gott.

Das Leben im Geist freilich ist eine verborgene Existenz. Ob die Menschen so einem Menschen, der von Gott geformt wird, der aus Gott lebt, das ansehen, ob sie das schätzen werden, ob sie ihn darüber loben werden, das steht noch dahin. Gott aber sieht. Ob sich in diesen Worten nicht auch Erfahrungen des Paulus widerspiegeln, dem ja vorgehalten wird, dass er eine schwache Ausstrahlung hat, dass er unscheinbar ist, dass so wenig bei ihm zu sehen ist von den Wirkungen der Kraft. Nur so ein armseliger Apostel. „Ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern.“(1. Korinther 2, 3) Manchmal muss das reichen, dass Gott lobt, segnet, sich zuwendet.

Bleibt die beschämende und beschämte Feststellung: „Unsere Verse sind in der christlich-kirchlichen Tradition als antisemitisches Ketzerplakat missbraucht worden.“(P. Stuhlmacher, aaO. S. 48) Was der Jude Paulus anderen Juden, die, wie er, Christen geworden waren, sagen durfte, hätte nie und nimmer im Mund von Heidenchristen zum hochmütig gebrauchten Angriffsmaterial gegen Juden werden dürfen, auch nicht gegen Juden, die nicht Christen werden wollten.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Christ*innen tun sich keinen Gefallen, wenn sie hier nur die Selbstgerechtigkeit jüdischer Zeitgenossen des Paulus attackiert sehen. Wir müssen schon danach fragen, ob die Angriffe des Paulus nicht genauso die christliche Existenz treffen: Leben wir denn glaubwürdig, so dass Wort und Tat einander entsprechen? Sind Christ*innen nicht allzu oft mit äußeren Ritualen zufrieden, die innere Umkehr der Herzen und das neue Handeln aber bleiben auf der Strecke? Man könnte ja variieren: Nicht der ist schon Christ, der äußerlich getauft ist, sondern der, der es innerlich ist, der sein Herz dem Christus geöffnet hat und sein Handeln von ihm leiten lässt. Diese Sätze sind geeignet, aller christlichen Selbstgerechtigkeit den Spiegel vorzuhalten. Erkenne dich selbst.

 

Heiliger Gott, wehre aller äußerlichen Frömmigkeit bei mir. Hilf Du durch Deinen Geist, auch durch schmerzhafte Wahrheit, dass ich nicht ein geistlicher Schauspieler bin, der nur eine Rolle spielt, aber in Wahrheit anders lebt, sich leiten lässt durch das, was nicht von Dir kommt.

Heiliger Gott, ich erschrecke über mich selbst, wie oft ich zufrieden bin mit dem, was ich darstelle, wie ich wirke- und es mir erspare, meine innere Armut, meine leeren Hände und mein verkrampftes Herz auszuhalten.

Mache Du mich wahrhaftig in Deinen Gerichten, damit ich mich flüchte zu Dir, mich berge in Dir, in dem Erbarmen, das alle Leere umgreift. Amen