Dahingegeben – verrückt

Römer 1, 24 – 32

 24 Darum hat Gott sie in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben in die Unreinheit, sodass ihre Leiber durch sie selbst geschändet werden, 25 sie, die Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient haben statt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen.

Aus dieser Verkehrung wird ein Verhängnis: Gott lässt sie jetzt auskosten, was sie sich selbst erwählt haben. Das ist das Gericht, das ist der Zorn Gottes: Sie müssen tun, was sie erwählt haben, werden zu Gefangenen ihres eigenen Weges. Sie kommen aus ihrem Verhaltensmuster nicht mehr heraus. Sie werden zu Gefangenen ihres Leibes, der von ihnen misshandelt wird, entehrt. Absurderweise indem er „bedient“ wird, seine Triebe befriedigt werden. Immer unter dem Motto: Es ist ja nur der Leib. Meldet sich hier verborgen die Kritik an der Abwertung der Leiblichkeit, wie sie in manchen Kreisen aus dem griechischen Umfeld und der Gnosis beeinflusst ist?

Es ist eine verhängnisvolle Verwechselung von Schöpfer und Geschöpft, die das Geschöpf vergöttlicht und dem Schöpfer die Ehre schuldig bleibt. Es wirkt, als wollte Paulus sich selbst schützen vor dieser unmöglichen Möglichkeit, wenn er seinen Hinweis auf den Schöpfer so abschließt: der gelobt ist in Ewigkeit. Amen. Das klingt für mich danach: Ich, Paulus, jedenfalls will nicht aufhören, den Schöpfer zu loben.

 26 Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; 27 desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen.

            Preisgegeben. Ausgeliefert. Dahingegeben. Gleich dreimal kommt dieses Wort παρδωκεν in dieser Passage – V. 24, V. 26, V. 28. Das Wort macht etwas deutlich von dem, wie Gottes Zorn nach dem Verständnis des Paulus wirkt: Er liefert Menschen aus an ihre Taten. Sie werden Gefangene ihres Tuns. Es gibt, so Paulus, einen von Gott gesetzten Zusammenhang von Tun und Ergehen, in den der Mensch sich hinein manövriert und aus dem er sich nicht selbst lösen kann.

Wir werden, was wir tun. Hier in V. 26 geht es ihm um eine aus Rand und Band geratene Sexualität. Widernatürlich nennt Paulus sie. Es geht um ein „fehlgerichtetes Streben, in dem der Mensch zu sich selbst zu kommen sucht auf Kosten seiner Nächsten.“(U. Wilckens, aaO. S. 108)

            Ich glaube, dass man diese Passagen nicht auf ein Urteil über die gleichgeschlechtliche Liebe reduzieren darf. Die Sätze des Paulus gehen tiefer: Es ist vielmehr das Urteil über eine Sicht der Sexualität, die, heterosexuell oder homosexuell orientiert, ver-rückt worden ist. „Wo die Verbindung mit Gott abreißt, das gerät das Gefühlsleben aus dem Gleichgewicht und zerstört die verantwortliche Lebensgestaltung.“(K. Haacker, Aus der Freiheit leben – Galater, Thessalonicher und Philemon, Bibelauslegung für die Praxis 23, Stuttgart 1982, S. 117) Das ist die ver-rückte Sicht, die aus der kostbaren Gabe die Lebensmitte macht, aus dem Geschenk einen Besitz-Anspruch, aus dem Gegenüber, ob homosexuell oder heterosexuell, ein Lustobjekt, das nur der eigenen Lust zu dienen hat. Der Lohn ist Unersättlichkeit und Überdruss. Ein Sich Verlieren ohne sich und den Anderen, die Andere wirklich zu finden, „zu erkennen“ (1. Mose 4,1).

Das meine ich, wäre ein wirklich ernsthaftes Gespräch wert: Ob wir in unserer Zeit nicht der Sexualität insgesamt einen falschen Stellenwert zumessen, sie vergöttern, sie zum Lebensinhalt schlechthin machen – und genau darin verfehlen, dass sie schön ist. Ich stimme zu: „Wenn ich Paulus recht verstanden habe, verurteilt er bei gleichgeschlechtlichen  Beziehungen, dass in ihnen der Sexualpartner an die Stelle Gottes tritt, so dass Gott und Geschöpf vertauscht werden. Das ist nach meiner Meinung für alle sexuellen Beziehungen zerstörend. Keiner darf in einer Ehe an die  Stelle Gottes rücken, keiner an die Stelle des unterlegenen Geschöpfs. Paulus will nicht wahrhaben, dass er etwas kritisiert, das für alle sexuellen Partnerschaften zerstörerisch ist.“(G. Theißen, Der Anwalt des Paulus, Gütersloh 2017, S. 239) Nur – ich gehe einen Schritt weiter, weil ich nicht glaube, dass Paulus in irgendeiner Weise die „Moral retten“ im unmoralischen Rom will. Es geht ihm nicht darum, verstörte und verstörende Sexualpraxis zu kritisieren, es geht ihm darum aufzuzeigen: Der Hintergrund solcher Praxis ist in jedem Fall ein Verlust der Gottes-Beziehung. Weil sie verloren ist, resultiert daraus die maßlose Sexualisierung in allen ihren Spielarten.

 28 Und wie sie es für nichts geachtet haben, Gott zu erkennen, hat sie Gott dahingegeben in verkehrten Sinn, sodass sie tun, was nicht recht ist, 29 voll von aller Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht; Zuträger, 30 Verleumder, Gottesverächter, Frevler, hochmütig, prahlerisch, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam, 31 unvernünftig, treulos, lieblos, unbarmherzig.

Es folgt ein Laster-Katalog, wie er im Buch steht. Hier ist Paulus nicht sonderlich originell. Das könnten auch Zeitgenossen so schreiben. Es ist ein „Panoptikum menschlicher Schwachheit und Bosheit“(K. Haacker; aaO. S.54), das er hier vorführt. Gekennzeichnet dadurch, dass es Verhalten ins Licht rückt, welches das Miteinander schädigt, das wieder zeigt, wie Leben auf Kosten anderer gelebt wird, wie sich Macht aufspielen kann.  Fast wie nebenbei: Auch das Miteinander von Eltern und Kindern wird zerstört.

Es geht, so denke ich, um eine Grundhaltung des Lebens, die sich für mich in dem Wort „Gier“ zusammenfasst,. Dieses Laster „Gier“ ist in feinen Anzügen unterwegs, gesellschaftlich anerkannt, wohl situiert. Es verkleidet sich und hat doch eine ganze Gesellschaft im Griff. Das Urteil des Paulus: Das ist so, weil wir Gott aus den Augen verlieren, weil wir nicht auf ihn und seine “volle Genüge” (Johannes 10,10) trauen und deshalb unser Leben selbst sichern müssen. „Dahingegeben“ meint nichts anderes als dass wir diesen Mechanismus der Selbstsicherung bedienen müssen, weil wir uns dieser Logik unterwerfen: „Du bist nur, was du aus dir machst.“ Das neue Gesetzt unserer Zeit heißt „Selbstoptimierung“. Das ist das seriöse Wort, das hinter allen Lastern steckt. Paulus kritisiert, so sehe ich das, nicht irgendeine „sündige Meile“ oder das Rotlicht-Milieu. Seine Kritik trifft vielmehr das Fundament der Erfolgsgesellschaft. Die Gier. Das Haben-wollen um fast jeden Preis.

Kein Zweifel: dieser Laster-Katalog lebt in seiner Eindringlichkeit und Eindrücklichkeit davon, dass er zeitlos wirkt. So geht es zu allen Zeiten zu, nicht nur im „alten Rom“. Das Gegenbild wäre ein Leben, das sich im Rahmen der Gebote Gottes bewegt.

 32 Sie wissen, dass, die solches tun, nach Gottes Recht den Tod verdienen; aber sie tun es nicht allein, sondern haben auch Gefallen an denen, die es tun.

            Das schließlich ist wirklich ein vernichtendes Urteil: Die so leben, wissen darum, dass es nicht richtig ist, dass sie zerstörerisch unterwegs sind. Aber dieses Wissen ändert nichts am Verhalten. Ob man hier eine über ein allgemeines Unrechtsbewusstsein hinausgehende Ahnung von Gottes Recht und Gebot angedeutet finden kann, wage ich nicht zu entscheiden. Paulus aber liegt daran: Man kann wissen, dass das alles nicht richtig ist. Und wenn man es dann trotzdem tut und auch anderen dafür applaudiert, ist man sein eigener Totengräber. Eine Gesellschaft, die sich solchen Verhaltensweisen nicht mehr entgegen stellt, geht unweigerlich an ihren inneren Widersprüchen zugrunde. „Wer dem Nichts nachläuft, wird selbst zu nichts.“(P. Stuhlmacher, aaO. S.36) 

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Die Flut der Kriminal-Romane lebt davon, dass es für niemand mehr die Möglichkeit gibt, an eine heile Welt zu glauben. Verbrechen finden sich überall, selbst in kleinsten Dörfern. Und moralische Fehltritte machen selbst vor Pfarrhäusern, gleich welcher Konfession nicht halt.  Dass es so unter uns zugeht, wissen alle. Aber es ist nicht das Wissen,  von dem Paulus spricht. Das Wissen der Krimi-Autoren und Leser*innen von Kriminal-Romanen führt nicht zu einer großen Buß-Bewegung. Es hindert nur, sich die Welt schön zu denken. Mehr nicht. Paulus will einen Schritt über diesen Schauer des Erschreckens hinaus.

 

Mein Gott, ich möchte nicht eng sein und ängstlich in meinem Denken, erst recht nicht in meinem Urteilen. Ich möchte Menschen ermutigen aus Deiner Freiheit zu leben, in den guten Grenzen Deines Gebotes.

Manchmal erschrecke ich über mich selbst, wie verführbar ich bin, wie ich mich verlocken lasse, wie ich meinen Gedanken und Trieben freien Lauf lasse, ob es Lust oder Neid oder Wut ist

Hilf Du mir, dass ich mich in Deinem Gebot berge. Leite mich auf Deinem Weg und nimm mir die Angst, in dieser Bescheidung das Leben zu versäumen. Amen