Die Handschrift des Schöpfers

Römer 1, 18 – 23

18 Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.

             Viermal wird Paulus seine Sätze mit „denn“ beginnen. Wechselnd zwischen γρ und διτι. Beides sind nicht nur Füllworte, sondern Zeichen einer Argumentationskette. Ein Satz folgt aus dem anderen, erklärt sich aus dem Vorhergehenden. Was Paulus hier sagt, ist die dunkle Folie, das Gegenüber zu seinem früheren Satz: Denn darin (Ich erläutere: im Evangelium) wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Das Evangelium beschreibt Geschehen auf der Erde, genau genommen: Es zeigt Jesus als den Christus Gottes. Dem steht der Zorn Gottes  gegenüber, der vom Himmel her offenbart ist. „Was vom Himmel her kommt, trägt Gottes Art an sich.“(O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 52) Es ist kein Zorn nach menschlicher Weise, auch nicht der menschliche Aufschrei über das Unrecht der Welt.

 Aber auch der Zorn Gottes zeigt sich nicht wie von selbst. Von selbst  sehen wir nur das Chaos der Weltgeschichte, das Chaos des eigenen Lebens. Dass sich darin und dahinter Zorn Gottes zeigt, kann nur der erkennen, der geöffnete Augen hat. Das ist die Botschaft der Blindenheilungen in den Evangelien: Die Wirklichkeit Gottes in der Welt sieht, wem die Augen aufgetan worden sind. Darum sagt Paulus: Der Zorn wird offenbart, aufgedeckt.

Ein erste Begründung: die Wahrheit, λθεια,  wird niedergehalte. Nicht verdeckt durch Lügen,  sondern Ungerechtigkeitδικαν –  macht sie klein, kraftlos, hält sie am Boden. „Das Recht ist verletzt, wenn Menschen die Wahrheit unterdrücken.“ (O. Michel, aaO. S. 54) Nach Paulus ist also Ungerechtigkeit eine Form von Lüge – sie widerstreitet der Gerechtigkeit Gottes.

19 Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart. 20 Denn Gottes unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt wird, wenn man es wahrnimmt ersehen an seinen Werken , sodass sie keine Entschuldigung haben. 21 Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert.

Wenn vom Zorn Gottes – ργὴ θεοῦ – die Rede ist, geht es nicht um Willkür oder zorniges Dreinschlagen. Es geht aber sehr wohl darum, sichtbar zu machen, dass Gott nicht unberührt von dem ist, was Menschen tun, wie sie sich zu ihm stellen. „Gemeint ist keine bloße Stimmung Gottes, aber auch keine gefühllose Amtshandlung eines himmlischen Richters.“ (K. Haacker, aaO. S. 47) Es verletzt, betrifft Gott, wenn Menschen sich ihm verweigern.

Genau so aber sieht Paulus das Handeln der Menschen, aller Menschen. Es ist ein starker Satz: Gott ist erkennbar, denn Gott hat es ihnen offenbart. ἐφανέρωσεν. Er hat sich gezeigt. Das heißt doch; sich offenbart. Es ist das gleiche Wort, mit dem in den Evangelien die Erscheinungen des Auferstandenen beschrieben werden! Gott zeigt sein Wesen. Seine Art. Wobei es den Anschein hat, dass Paulus mit dem ganzen Abschnitt wohl vor allem die Völker, „Heiden“, im Blick hat: Sie haben die Spuren Gottes vor Augen – in der Schöpfung. Sie könnten sie sehen in seiner Treue. Sie sollten ihn loben und ihm danken über dieser „Wohltat der Schöpfung“.(K. Barth)

Wenn man so will: Das ist die „natürliche Gotteserkenntnis“, die Paulus den Heiden, den Völern zutraut. Ganz in der Spur der Schöpfungspsalmen Israels:

Lobe den HERRN, meine Seele!                                                                                              HERR, mein Gott, du bist sehr groß; in Hoheit und Pracht bist du gekleidet.     Licht ist dein Kleid, das du anhast.                                                                                         Du breitest den Himmel aus wie ein Zelt;                                                                            du baust deine Gemächer über den Wassern.                                                                    Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen                                                           und kommst daher auf den Fittichen des Windes,                                                               der du machst Winde zu deinen Boten                                                                             und Feuerflammen zu deinen Dienern;                                                                             der du das Erdreich gegründet hast auf festen Boden,                                                       dass es nicht wankt immer und ewiglich.                 Psalm 104, 1 – 5

Aber sie haben sich ihr und damit Gott verweigert. Alle. Hier nicht sehen ist in den Augen des Paulus ein Nicht-Sehen-Wollen. Aus dem dann auch ein Nicht-Sehen-Können wird. Daraus ist dann das geworden, dass sie dem Nichtigen verfallen, dass sie erblinden, dass ihr Herz dunkel wird. Sie sind blind für die Wirklichkeit Gottes, weil sie nur noch vor Augen haben, was vergänglich ist und nicht bleibt: Dinge, Wünsche, Begierden. Diese Hinwendung zum Nichtigen, die zugleich eine Abwendung von dem Geber allen Lebens ist, ist unentschuldbar. Es gibt keine Ausrede durch: Das haben wir nicht gewusst.

22 Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden 23 und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild gleich dem eines vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere.

            Es ist Narretei, die sie treiben, in der sie sich für Weise halten. Hier redet Paulus wie Jesaja, der sich über die Produktion von Götterstatuen lustig macht: „Der Zimmermann haut Zedern ab und nimmt Kiefern und Eichen und wählt unter den Bäumen des Waldes. Er hatte Fichten gepflanzt und der Regen ließ sie wachsen. Das gibt den Leuten Brennholz; davon nimmt er und wärmt sich; auch zündet er es an und bäckt Brot; aber daraus macht er auch einen Gott und betet’s an; er macht einen Götzen daraus und kniet davor nieder. Die eine Hälfte verbrennt er im Feuer, auf ihr brät er Fleisch und isst den Braten und sättigt sich, wärmt sich auch und spricht: Ah! Ich bin warm geworden, ich spüre das Feuer. Aber die andere Hälfte macht er zum Gott, dass es sein Götze sei, vor dem er kniet und niederfällt und betet und spricht: Errette mich, denn du bist mein Gott! Sie wissen nichts und verstehen nichts; denn sie sind verblendet, dass ihre Augen nicht sehen und ihre Herzen nichts merken können.“ (Jesaja 44, 14 – 18) Darin ist Paulus immer noch Jude und bleibt es auch als Christus-Gläubiger, dass er die Götterstatuen nur als Nichtse betrachten kann, Ästhetik hin oder her. „“Für die Leser des Römerbriefes boten die antiken Götter- und Heroenstatuen mitsamt den religiösen Tiersymbolen reiches Anschauungsmaterial für die paulinischen Sätze.“(P. Stuhlmacher,  aaO. S.36) 

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:    

Durchaus merk-würdig, wie Paulus hier argumentiert. Es ist mit seinen Worten der Vorwurf der modernen Religionskritiker, wenn er sagt: Ihr macht euch euren Gott nach eurem Bild. Ihr denkt ihn euch zurecht, indem ihr vergöttlicht, was ihr vor Augen habt: vergängliche Menschen, Vögel, vierfüßigen und der kriechenden Tiere. Kurz, die ganze hinfällige Wirklichkeit. Das Nichtige. Statt den Unsichtbaren zu ehren, dessen Spuren die Welt trägt, beugt ihr euch vor den „Realien“, die doch alle vergänglich sind.

Es ist wohl so: Wer zu lange nicht will, was er kann, kann irgendwann auch wirklich nicht mehr, was er nie wollte. Gott ist nicht der nette, liebe Gott, der uns die Konsequenzen unserer Verweigerungen erspart. Er ist der, der es uns spüren lässt, dass wir uns den Weg zu ihm selbst verschließen. Die Vorstellung, dass Gott mit uns so umgeht, wie ein Vater mit seinem Kleinkind, dass er ihm das Streichholz wegnimmt, weil er sagt: du verbrennst dich – die ist nicht Gottgemäß und stimmt auch nicht für uns. wir sind verantwortlich und in dwr Sicht das Paulus ist der Unglaube eine Folge der Selbstabschließung, der Abkehr vom unsichtbaren Gott und der Hinkehr zum Sichtbaren, zur Welt der Dinge. Wir sagen zwar noch „Schöpfung“, aber wir sind blind geworden für den Schöpfer hinter der Schöpfung.

 

Heiliger Gott, barmherziger Herr, öffne mir die Augen für die Schönheit Deiner Schöpfung. Lass mich Deine Werke sehen und hinter Deinen Werken Deine Majestät. Lass es nicht zu, dass ich nur Wunder der Natur sehe und nicht die Handschrift des Schöpfers. Deine Handschrift.

Bewahre mich vor einer Weisheit, die die Welt ohne Dich erklären will, die Dir die Anbetung schuldig bleibt und darum das Werk der eigenen Hände vergöttern muss. Lehre mich Demut, die Dir die Ehre gibt. Dir allein. Amen