Eine Erzählung von Achtsamkeit

  1. Mose 9,18 – 29

18 Die Söhne Noahs, die aus der Arche gingen, sind diese: Sem, Ham und Jafet. Ham aber ist der Vater Kanaans. 19 Das sind die drei Söhne Noahs; von ihnen kommen her alle Menschen auf Erden. 20 Noah aber, der Ackermann, pflanzte als Erster einen Weinberg.

Neustart auf der Erde. Mit Noahs Söhnen, von denen her alle Menschen ihr Herkommen haben. Wie nebenbei auch der Hinweis: Es gibt eine gemeinsame Herkunft mit dem Vater Kanaans. Das ist wie ein versteckter, weit in die Geschichte hinein reichender Hinweis: alle Streitigkeiten mit den Kanaanitern sind in Wahrheit Familienstreitigkeiten.  

 Für die nachfolgende Erzählung eine Vorbereitung: Der Landwirt, der Bauer Noah, erfindet eine neue Kultur-Technik: Er erfindet das Anlegen von Weinbergen.

 21 Und da er von dem Wein trank, ward er trunken und lag im Zelt aufgedeckt. 22 Als nun Ham, Kanaans Vater, seines Vaters Blöße sah, sagte er’s seinen beiden Brüdern draußen. 23 Da nahmen Sem und Jafet ein Kleid und legten es auf ihrer beider Schultern und gingen rückwärts hinzu und deckten ihres Vaters Blöße zu; und ihr Angesicht war abgewandt, damit sie ihres Vaters Blöße nicht sähen.

Eine merkwürdige Geschichte, die auch darauf hindeuten mag, dass die neue Kultur-Technik den Erfinder überfordert hat. „Noah muss als Erster das Geheimnis des Neuen erst erfahren, ja er wird von der ungeahnten Kraft dieser Frucht überwältigt.“( G. v. Rad, aaO. S. 113) Er weiß noch nicht, mit seinem neuen Produkt umzugehen. Noah trinkt und wird betrunken. Das wird völlig nüchtern ohne jeden moralischen Zeigefinger erzählt.  

Es ist wohl wahr: „Der Wein erfreut des Menschen Herz“(Psalm 104,15). Die Bibel kennt durchaus die Hochschätzung des Weines. Er ist eine Quelle der Freude. Jedoch ist auch das iblisches Wissen von Anfang an: allzu-viel ist ungesund. Hier nun führt der Weingenuss dazu, dass Noah entblößt da liegt. Weil er dem Wein zu sehr zugesprochen hat. „Entblößung aber ist entehrend“ (C. Westermann, aaO; S. 105)

Das Schlimme ist, dass Noahs Sohn Ham den Vater so entblößt sieht und es nur weiter trägt. Tratscht. Ham wird noch einmal als Kanaans Vater gekennzeichnet, vielleicht erneut ein versteckter Hinweis: Diese Kanaaniter sind genauso schamlos wie der Vater. Denn das wird deutlich: es fehlt Ham am Scham- und Zartgefühl seiner Brüder. Die bedecken die Blöße des Vaters, ohne sie anzusehen.

In einer Zeit, in der es gang und gäbe ist, halbnackte oder nackte Menschen zu zeigen, zu filmen – welcher film kommt heute noch ohne Nacktszenen aus? – , sich durchaus selbst so zur Schau zu stellen, sich  im vertrauten Familienkreise auch nicht ängstlich bedeckt zu halten, ist das alles kaum noch verständlich. Wir verstehen nicht wirklich, was am Verhalten Hams so schrecklich gewesen sein soll.

 24 Als nun Noah erwachte von seinem Rausch und erfuhr, was ihm sein jüngster Sohn angetan hatte, 25 sprach er: Verflucht sei Kanaan und sei seinen Brüdern ein Knecht aller Knechte! 26 Und sprach weiter: Gelobt sei der HERR, der Gott Sems, und Kanaan sei sein Knecht! 27 Gott breite Jafet aus und lasse ihn wohnen in den Zelten Sems und Kanaan sei sein Knecht!           

            Die Frage heißt: was hat Ham dem Noah angetan? „Möglicherweise hat der Erzähler etwas noch Hässlicheres als das bloße Hinsehen unterdrückt.“(G. v. Rad, ebda.)Der Phantasie lässt diese Formulierung alle Spielräume – und sie werden von Auslegern auch alle genutzt: „Einige nehmen an, er habe seinen Vater völlig ausgezogen, andere, er habe sich an ihm homosexuell vergangen. Manche nehmen sogar an, dass der Sohn sich, als der Vater im Rausch lag, an seiner Mutter verging.“ (H.J. Bräumer, aaO; S. 196) Ich erkenne in all diesen Überlegungen nur, welche blühende Phantasie Ausleger haben können. Nichts davon steht da.

Das aber wird möglich sein zu sagen. Diese erste kurze Erzählung nach dem Neustart ist wie ein Beleg für das Urteil Gottes: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (8,21)

            Die Reaktion Noahs ist hart: Kanaan wird verflucht, zur Knechtschaft bestimmt. Es ist ein Dasein in Schande, entwürdigt: Der Knecht seiner Brüder. Die Entwürdigung des Vaters fällt in diesem Fluch auf den Sohn zurück – und auf alle, die von dem Sohn abstammen. Merkwürdig, dass nicht der Name Ham genannt wird, sondern der seines Sohnes Kanaan. Das ist wohl dem geschuldet, dass die Schreiber diesen Fluch verwirklicht sehen in der  Existenz Kanaans, in der Knechtschaft der Kanaaniter.

Diesem Fluch steht der Segen für Sem und Jafet gegenüber. Für ihre Nachfahren.

28 Noah aber lebte nach der Sintflut dreihundertundfünfzig Jahre, 29 dass sein ganzes Alter ward neunhundertundfünfzig Jahre, und starb.

Zum Schluss bleibt die Notiz über Noahs Tod. Auch er einer der vielen Hochbetagten n der Urgeschichte. Man wird gut daran tun, als heutige Leser*innen, diese Jahres-Zahlen nicht auf ihre Belastbarkeit hin zu überdenken. Sie sind lediglich ein Hinweis auf hohes, erfülltes, gesegnetes Alter.

Was mich beschäftigt:

 Auf den ersten Blick ist das nur eine Episode, beschämend für alle Beteiligten. Liest man die biblischen Texte weiter, so kommt einem der Gedanke: hier wird erklärt, warum die Feindschaft zwischen Juden und Kanaanäern so tief geht, sich als regelrecht unüberwindlich erweist. Es ist der Fluch aus grauer Vorzeit, der weiterwirkt. Liest man das alles aber im Blick auf die moderne Zeit, den abgrundtiefen Hass, der Juden und Palästinenser „verbindet“, dann wird das Erschrecken noch größer. Es ist, als sei zwischen diesen Völkern eine Unheilsgeschichte am Werk, deren Wurzeln sich allem Zugriff, auch von gutwilligen Leuten auf beiden Seiten, entziehen. Das macht mich ratlos und hilflos.

 

Du, Gott, schenkst neue Anfänge. Wir aber geraten darüber dennoch manchmal ins Stolpern, ins Straucheln.  Die neue Möglichkeit kann überfordern. Sie kann dazu führen, dass wir nicht mehr kontrollieren können, was wir tun.

Es ist gut, dass dann andere behutsam mit uns umgehen, uns nicht bloßstellen, uns nicht unserem Scheitern einfach überlassen.

Ich danke Dir für alle, die mir  geholfen haben, wenn ich an meine Grenzen geraten bin oder über sie hinaus gestolpert bin.  Ich danke Dir für alle, die achtsam mit mir umgegangen sind. Amen