Gottes Treue-Zeichen

  1. Mose 9, 1 – 17

1 Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde.

Den ersten Überlebenden der Sintflut  – Noah und seinen Söhnen – wendet Gott sich im Segen zu. Auf den ersten Blick ist es die Erneuerung des Segens, wie er ihn schon über den Menschen am Anfang gesprochen hat, in der Schöpfung. Ein Segen, der auf die Mehrung der Menschen hinzielt. Aber der Segen geht weiter – und wird jetzt irgendwie „angepasst“ an die neuen Lebensverhältnisse.  Es ist jetzt der Segen, der einem konkreten Menschen, Noah, und seinen Söhnen, Sem, Ham und Jafet zugesprochen ist.

 2 Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden und über allen Vögeln unter dem Himmel, über allem, was auf dem Erdboden wimmelt, und über allen Fischen im Meer; in eure Hände seien sie gegeben. 3 Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich’s euch alles gegeben.

            Es ist nicht mehr die friedliche Welt des Paradieses, das friedliche Miteinander von Mensch und Tier, das hier sichtbar wird. Ein Segen außerhalb von Eden, keine Paradies-Segen mehr. Darum: Herrschaft ist ein Stichwort dieses Segens. Und, neu gegenüber dem Anfang, der Mensch darf Fleisch essen. Nicht: er muss. Aber er darf. Er ist nicht verpflichtet, Vegetarier zu sein, weil Gott es ihm auuferlegt und abverlangt. Der Mensch, ein Allesfresser von Gottes Gnaden?

Es ist zwiespältig zu lesen, was hier steht. Weil es missverstanden werden kann. Aber diese Worte sind keine Aufforderung zur Maßlosigkeit. Und schon gar keine Rechtfertigung für Tierquälerei, auch nicht für hemmungslosen Fleischgenuss. Vor allem  auch kein  Freibrief für „Produktion von Fleisch“ ohne Fragen nach dem Wie. Hühnerhaltung, Schweineställe, Gänsemast, die keine Ehrfurcht kennt, werden hier nicht irgendwie mit gerechtfertigt. Es bleibt dabei, dass die Ehrfurcht vor allem Leben, auch vor dem Tiere eingeschrieben ist in die Ordnung der Schöpfung.

 4 Allein esst das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem sein Leben ist!

In dem knappen Satz, der jüdische Reinheitsvorstellung aus viel späterer Zeit spiegelt, meldet sich mehr als der Einspruch gegen einen willkürlichen Umgang mit den Tieren.  Es geht um die Achtung vor dem Blut  – dām. 360-fach kommt dieses Wort im AT vor. Das Blut „gilt zur Hauptsache als Sitz der physischen Lebenskraft als solcher.“(H. W. Wolff,  Anthropologie des Alten Testamentes, München 1973, S. 98) Die aber ist tabu. Auch da, wo es zum Essen von Fleisch kommt, soll es nie vergessen werden: Da ist Leben mit im Spiel.

 5 Auch will ich euer eigen Blut, das ist das Leben eines jeden unter euch, rächen und will es von allen Tieren fordern und will des Menschen Leben fordern von einem jeden Menschen. 6 Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht.

Wird das Leben von Tieren nicht einfach so preisgegeben, so wird auch das Leben von Menschen geschützt. Leben ist grundsätzlich unantastbar. Darum wird das vergossene Blut gefordert von dem, der es vergossen hat, ob Mensch oder Tier.

Man hat diese Sätze oft genug lesen wollen als eine biblische Begründung für die Todesstrafe. Ich glaube, dass sie damit falsch gelesen sind. Nicht im Wortlaut, aber im Recht zur Anwendung. Es gibt kein Recht irgendeines Staates, über das Leben zu verfügen, auch nicht über das Leben eines Mörders. Es gibt nur das Recht Gottes am Leben. Wer sich dieses Recht eigenmächtig nimmt, ob als Einzelner oder als Staat, fällt Gott in den Arm. Es gilt, „das alleinige Recht Gottes über Leben und Tod zu respektieren.“ (H.J. Bräumer, aaO; S. 190) Es ist auch gut, sich in diesem Zusammenhang daran zu erinnern: der Totschläger Kain wird durch das Kainszeichen von Gott (!) ausdrücklich davor geschützt, dass ihn umbringen darf, wer ihn sieht, weil er sagen könnte: Mörder, Totschläger haben kein Recht mehr zu leben.

7 Seid fruchtbar und mehret euch und reget euch auf Erden, dass euer viel darauf werden.

        Noch einmal: Der Segen. Damit wird auch das vorhergehende Wort über den Schutz des Lebens aufgenommen. Es geht in allem darum, dass das Leben weitergeht, dass es weiter gegeben wird, dass es zur Menschheitsgeschichte kommt, von Generation zu Generation. Es fällt schon auf: Es ist die vierte Wiederholung des Schöpfungssegens, die zweite nach dem Ende der Sintflut. „Es hatte Gott gefallen, als erstes Wort ein Wort des Segens über den neuen Äon zu stellen.“(g. v. Rad, aaO. S. 108)Dieses Wiederholen des Segens lässt fragen: kann es sein, dass der Segen deshalb mehrfach wiederholt wird, damit er gerade nicht als „selbstverständlich“ missverstanden werden kann?

Wir Heutigen lesen diese Worte mit dem Blick auf eine Weltbevölkerung, die in den letzten Jahrhunderten rasant gewachsen ist. Wir kennen das Wort von der Überbevölkerung der Erde. Darum hören wir solche Sätze zweigespalten. Keiner käme ja auf die Idee zu sagen: Ich bin überflüssig. Mich dürfte es eigentlich nicht geben. Gleichzeitig aber ist da der Gedanke: Irgendwann ist eine Grenze erreicht, was die Zahl der Menschen angeht. Wie damit umgehen?

Die erste Antwort: ich darf mich freuen, dass ich bin. Ich darf lernen, für mein Leben dankbar zu sein. Und ich soll lernen, für alles Leben, das ist auf dieser Welt, zu sorgen, es zu schützen. In dem Bereich, in dem ich lebe.

Die zweite Antwort: Es gibt eine Verantwortung für die nachkommenden Generationen. Die zeigt sich nicht nur in der Geburtenrate. Die zeigt sich vor allem darin, dass wir eine bewohnbare Welt hinterlassen, unseren Kindern und Enkeln. Keine ausgeplünderte Erde, keinen geschundenen Stern. Sondern eine Erde, die auch weiter Leben hervorbringen kann, Möglichkeiten bietet, die Schönheit der Schöpfung trägt.

 8 Und Gott sagte zu Noah und seinen Söhnen mit ihm: 9 Siehe, ich richte mit euch einen Bund auf und mit euren Nachkommen 10 und mit allem lebendigen Getier bei euch, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren des Feldes bei euch, von allem, was aus der Arche gegangen ist, was für Tiere es sind auf Erden. 11 Und ich richte meinen Bund so mit euch auf, dass hinfort nicht mehr alles Fleisch verderbt werden soll durch die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe.

   Was zuvor schon gesagt worden war (8,21-22) wird jetzt in eine feste Form gegossen, durch einen regelrechten Bundberīt – besiegelt. Es ist Gott, der den Bund setzt. Er ist ganz seine Gabe. Es sind nicht gleichberechtigte Partner, die einen Pakt schließen, einen Vertrag, ein Bündnis. Kein Vertragsabschluss, wie wir ihn heute kennen. Sondern ganz Gottes Geschenk an uns. Es ist das Kennzeichen aller Bundesschlüsse, von denen die Bibel auch später zu sagen weiß: Gott richtet den Bund auf – den Bund mit Israel, den Bund mit David, den Bund am Kreuz. Der noachitische Bund ist der Anfang dieser langen Kette von Bundesschlüssen.

 12 Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: 13 Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. 14 Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 15 Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. 16 Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist. 17 Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.

 In einer großen Ausführlichkeit kommt das Zeichen des Bundes zur Sprache. Der Regenbogen. Gleich dreimal wird es gesagt: Der Bogen ist das Zeichen des Bundes. Erinnerung für uns Menschen, dass wir es nicht vergessen: Über uns steht der bewahrende Wille Gottes. Auch wenn Wetter über uns gehen – über uns steht der Bund Gottes, in den wir hinein genommen sind. „So gnädig ist Gott, dass er zu seinem Wort das sichtbare, spürbare Zeichen fügt.“(H. Seebass, aaO;  S. 239) 

 Zugleich aber ist er auch an Gott selbst gerichtet. Er gemahnt ihn an seine Treue. Er ist für Gott das Zeichen, dass er sich in Freiheit an uns gebunden hat. Es ist gewiss wahr: Gott leidet nicht an Gedächtnis-Schwäche und braucht den Bogen nicht als Gedächtnis-Stütze. Aber der Bogen hält ihm gewissermaßen immer sein Innerstes, sein Herz vor Augen: das Erbarmen über die die, die alles Lebensrecht vertan hatten und dennoch leben dürfen, gerettet durch das Gericht hindurch.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Die Schreiber der Genesis-Geschichten waren nicht naiv. Es wird auch ihnen nicht entgangen sein, dass der Regenbogen erst einmal ein Naturphänomen ist. Es ist ihre Deutung, dass die Menschen in diesem Regenbogen ein Zeichen Gottes vor Augen haben. Erst diese Deutung macht aus einer Naturerscheinung ein sprechendes Symbol, einen Hinweis auf Gott. Ungedeutet bleibt der Regenbogen zwar schön aber stumm.

Ganz ähnlich verhält es sich ja mit anderem, was wir als Natur sehen. Die Majestät der Berge, die uns die Beständigkeit der Schöpfung und die Größe des Schöpfers signalisiert, die Weite des Meeres, die uns zur Botschaft von der Weite Gottes wird – immer sind es unsere Deutungen, die wir an das herantragen, was wir sehen. Das ist ein Lernweg, der vor uns ist: Die Natur so zu sehen, dass sie uns zu Zeichen Gottes wird. Das war das große Anliegen von Naturforschern in den Jahren vor der Aufklärung bis in die Aufklärung hinein. Durch die Aufklärung ist uns die Welt entzaubert. Verstummt. Sie sagt uns nichts mehr. Hier gilt es, vom biblischen Wort her neu sehen und hören zu lernen.

„Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,                                                                                und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.                                                                       Ein Tag sagt’s dem andern,                                                                                                         und eine Nacht tut’s kund der andern,                                                                           ohne Sprache und ohne Worte;                                                                                        unhörbar ist ihre Stimme.                                                                                                        Ihr Schall geht aus in alle Lande                                                                                               und ihr Reden bis an die Enden der Welt.“              Psalm 19, 2 – 5

 

Mein Gott und Herr, ich danke Dir für das Zeichen Deiner Treue, für den Regenbogen. Jedes Mal freue ich mich, wenn ich den Bogen sehe. Ich spüre tief in mir, unbewusst, dass er mehr ist als eine Naturerscheinung, ein Gruß aus Deiner Wirklichkeit, ein Signal, dass Du da bist, zugewandt zu uns.

Und jeder Regenbogen erinnert mich: da ist das andere Zeichen Deiner Treue, Deiner Gnade, Deines Erbarmens. Das Kreuz, an dem Deine Liebe aufleuchtet mitten im Dunkel der Welt.

Ich danke Dir für Deine Zeichen. Amen