Eine Zeit des Wartens

  1. Mose 8, 1 – 12

1 Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und ließ Wind auf Erden kommen und die Wasser fielen.

Das ist der Anfang der Rettung: Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh. Das ist nicht: Plötzlich fällt Gott wieder der vergessen gegangene Noah samt Begleitung ein. Sondern Gedenken ist nichts anderes als „Erbarmen“. Das Gedenken Gottes ist der Anfang der Rettung. So ist es, als Gott des Lot in Sodom (1. Mose 19,29) gedenkt, als Gott Rahel in ihrem Flehen erhört (1. Mose 30,22). Wer in das Gedächtnis, in das Gedenken Gottes eingeschrieben ist, der kann nicht mehr verloren gehen.

Dieses Gedenken setzt nun den Prozess in Gang, der die Sintflut an ihr Ende kommen lässt. Mich erinnert das daran, dass es im ersten Schöpfungsbericht heißt: die Erde bringe hervor. Was in Gott als Wille und Gedanke vorgeht, was er will, findet seine Fortsetzung, Umsetzung in einem beschreibbaren Geschehen. Ein Wind  weht und die Wasser fallen.

2 Und die Brunnen der Tiefe wurden verstopft samt den Fenstern des Himmels, und dem Regen vom Himmel wurde gewehrt. 3 Da verliefen sich die Wasser von der Erde und nahmen ab nach hundertundfünfzig Tagen. 4 Am siebzehnten Tag des siebenten Monats ließ sich die Arche nieder auf das Gebirge Ararat. 5 Es nahmen aber die Wasser immer mehr ab bis auf den zehnten Monat. Am ersten Tage des zehnten Monats sahen die Spitzen der Berge hervor.

Jetzt ist wieder der göttliche Handwerker am Werk, der auch aus Erde den Menschen geformt hat. Es ist dem alten Weltbild geschuldet: Die Fenster am Firmament werden abgedichtet, dem Urmeer wird der Weg aus der Tiefe versperrt. Gott schiebt diesen Fluten seinen Riegel vor. Die Wasser verlaufen sich. Der Wasserspiegel sinkt.

Noah strandet nach hundertundfünfzig Tagen mit der Arche auf dem Berg Ararat. Was hat diese Angabe nicht alles an archäologischen Aktivitäten und an Spekulationen ausgelöst. Deshalb ist gut, sich erinnern zu lassen. „Ararat bezeichnet wie auch sonst im Alten Testament nicht einen Berg, sondern ein Land. Die vage Bestimmung, die nur das Land angibt, in dem der Berg liegt, lässt keine Rückschlüsse auf einen bestimmten Berg zu.“ (H.J. Bräumer, aaO; S. 179) Heute finden wir den Berg Ararat in Armenien. Die Arche aber bleibt verschwunden.

6 Nach vierzig Tagen tat Noah an der Arche das Fenster auf, das er gemacht hatte, 7 und ließ einen Raben ausfliegen; der flog immer hin und her, bis die Wasser vertrockneten auf Erden. 8 Danach ließ er eine Taube ausfliegen, um zu erfahren, ob die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden. 9 Da aber die Taube nichts fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, kam sie wieder zu ihm in die Arche; denn noch war Wasser auf dem ganzen Erdboden. Da tat er die Hand heraus und nahm sie zu sich in die Arche.

Es beginnt eine Zeit des Wartens. Noch einmal vierzig Tage. Es ist nicht alles gleich gut, wenn die Sintflut vorüber ist. Vielleicht braucht es diese Zeit des Wartens, damit es nicht einfach nach überstandener Katastrophe im alten Trott weiter geht. In den alten Mustern des Lebens, die zur Katastrophe geführt haben. Das ist ja eine bange Frage, die sich aufdrängt: Lernen wir wirklich nichts aus den Erfahrungen der Vergangenheit? Schütteln wir uns kurz und machen weiter so? Allen Gerichten zum Trotz?

Der Unterschied im Ausflug der beiden Vögel fällt auf. Der Rabe fliegt, hin und her. Ob er zurückkommt, wird nicht gesagt. Die Taube dagegen wird schon mit einem Ziel ausgesandt. Sie soll Gewissheit bringen, ob die Wasser sich verlaufen hätten. Als die Taube zurückkehrt, nimmt Noah sie sorgsam wieder auf in die Arche. Signal für das „Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Tier.“ (C. Westermann, aaO; S. 94) 

10 Da harrte er noch weitere sieben Tage und ließ abermals eine Taube fliegen aus der Arche. 11 Die kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug’s in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden. 12 Aber er harrte noch weitere sieben Tage und ließ eine Taube ausfliegen; die kam nicht wieder zu ihm.

Eine weitere Wartezeit schließt sich an – sieben Tage. Es ist sicher kein Zufall, dass diese Zeit so benannt wird.  Entspricht doch diese Zeit der Zeit der Schöpfung – sieben Tage. Die Taube kehrt zurück, mit dem Ölblatt. „Ölblatt und Ölzweig sind seither zusammen mit der Taufe Embleme des Friedens und des Heils, und in der rabbinischen Literatur ist die Taube ein beliebtes Bild für das Volk Israel.“(H.J. Bräumer, aaO; S. 181) Die stumme Kreatur hat die Botschaft gebracht, wortlos, die Noah neue Schritte erlauben wird.

            Noah weiß jetzt: die Gefahr ist vorüber – und wartet noch einmal sieben Tage. Jetzt kann die Schöpfung wieder neu beginnen, der Mensch wieder die Erde betreten, neu anfangen.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

“Gehen Sie davon aus, dass Sie nicht vergessen sind. Gehen Sie davon aus, dass Gott nicht hinter den sieben Bergen Mittags-Schlaf hält.” Darf man so etwas zu einem Menschen sagen, der auf die Erlösung aus seinen Ängsten wartet? Muss man es nicht sagen, immer wieder, weil wir dazu neigen, uns vergessen zu fühlen – so wie der Soldat am Wolga-Strand: „Hast du auf mich denn vergessen, o Herr?“ So wie Tewje, der Milchmann, der sich bei der Glückszuteilung übersehen vorkommt.  Wir sind so vergesslich und darum glauben wir auch, dass Gott, viel beschäftigt, uns vergessen haben könnte.

Aber Gott vergisst uns nicht. Auch dann nicht, wenn er uns lange warten lässt. Es könnte ja sein, dass in solchen Wartezeiten die lange Kette unsere Wünsche auf den Prüfstand kommt und das eine oder andere Wunschbild sich glücklicherweise in Nichts auflöst. Wartezeiten sind auch Klärungszeiten für die Relevanz der Pläne und Wünsche.

Was mich beschäftigt:

Vorsichtig sich herantasten. Nichts überstürzen. Warten und noch einmal warten – vierzig Tage, sieben Tage, noch einmal sieben Tage. Noah ist nicht der, der rasch zupackt. Er ist der Mann der geduldigen und behutsamen Annäherung. Er lässt sich und seinen Gefährten in der Arche Zeit. Das ist das krasse Gegebenbild zu Heute. Bei uns gilt: Jetzt. Sofort. Keine Zeit verlieren. Ich habe den Eindruck: je schneller wir werden, umso knapper wird die kostbare Ressource Zeit, umso weniger  Zeit haben wir. Indem wir sie gewinnen, verlieren wir sie. Weil die Schnelligkeit es mit sich bringt – das noch und das noch und auch das noch.

Ich spüre eine Sehnsucht in mir, so wie Noah warten zu können, ausharren, behutsam sein. Nicht erzwingen, nichts über´s Knie brechen. Das ale Wort dafür ist Demut. Die gilt es zu lernen und zu üben. .

 

Mein Gott, wir warten oft, dass sich eine Not wendet, dass wir aus einer Enge herausfinden, dass sich neue Wege auftun.

Wie leicht vergesse ich darüber, dass Du auf uns wartest, unsere Einsicht, unsere Umkehr, unser Vertrauen.

Damit es einen neuen Anfang gibt, Du barmherziger Herr, lehre mich warten, so wie Du wartest. Amen