Schutz und Schirm?

  1. Mose 7, 1 – 16

1 Und der HERR sprach zu Noah: Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus; denn dich habe ich für gerecht befunden vor mir zu dieser Zeit.

             Es ist Zeit. Gott gibt die Anweisung, die Arche zu betreten. Noah mit seiner ganzen Sippe. Wird Noah gerettet werden, so mit ihm seine Sippe. Weil Gott ihn gerecht befunden hat. als einen zaddiq,gemeinschaftstreu, loyal gegen Gott und Menschen.“(H. Seebass, aaO. S. 213) Man wird hier schon noch weiter gehen dürfen: „Um des einen frommen Mannes willen geht durch die Katastrophe hindurch die Menschheitsgeschichte weiter; die Welt wird um des Frommen willen erhalten.“(C. Westermann, aaO. S. 83) Das ist die Form der Stellvertretung, die uns die biblischen Texte lehren wollen.

  2 Von allen reinen Tieren nimm zu dir je sieben, das Männchen und sein Weibchen, von den unreinen Tieren aber je ein Paar, das Männchen und sein Weibchen. 3 Desgleichen von den Vögeln unter dem Himmel je sieben, Männchen und Weibchen, um Nachkommen am Leben zu erhalten auf der ganzen Erde. 4 Denn von heute an in sieben Tagen will ich regnen lassen auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte und vertilgen von dem Erdboden alles Lebendige, das ich gemacht habe.

             Noah erhält Reisegefährten reine und unreine Tierarten. Dazu Vögel unter dem Himmel. Paarweise, damit nach dem Aufenthalt in der Arche die Fortpflanzung gewährleistet ist. Die reinen Tiere sind in der Überzahl. Aber es ist schon bemerkenswert: auch das Fortbestehen der unreinen Tiere ist im Blick. „In die Bewahrung des Lebendigen sind sie eingeschlossen. Sie haben das gleiche Lebensrecht wie die reinen.“(C. Westermann, aaO. S. 87) Auf mich wirkt das wie ein sehr frühes Vorspiel der Überwindung der uralten Vorstellungen von rein und unrein bei Jesus.

„Der Nachsatz das ich gemacht habe  lässt noch einmal Jahwes Schmerz anklingen. Wo Menschen meinen, sich moralisch zu Richtern Gottes machen zu dürfen, bekommt V.4b einen schlimmen Klang. wie viele Menschen fragen: Wie konnte Gott dieses oder jenes zulassen. Gott konnte,. Gott wollte. Gott hatte Grund.“(H. Seebass, aaO. S. 214)

  5 Und Noah tat alles, was ihm der HERR gebot. 6 Er war aber sechshundert Jahre alt, als die Sintflut auf Erden kam. 7 Und er ging in die Arche mit seinen Söhnen, seiner Frau und den Frauen seiner Söhne vor den Wassern der Sintflut. 8 Von den reinen Tieren und von den unreinen, von den Vögeln und von allem Gewürm auf Erden 9 gingen sie zu ihm in die Arche paarweise, je ein Männchen und Weibchen, wie ihm Gott geboten hatte. 10 Und als die sieben Tage vergangen waren, kamen die Wasser der Sintflut auf Erden.

Wieder der Satz, der den widerspruchslosen Gehorsam des Noah betont. Die Arche wird bezogen – die Familie, die Tiere ziehen ein. Es dauert, bis alle drin sind. Und dann, nach sieben Tagen kommt der große Regen, die Sintflut. Was wir Sintflut nennen, Überschwemmungen, vielleicht noch Tsunami, ist hier nicht gemeint. Sintflut meint „eine sich über den ganzen Kosmos erstreckende Katastrophe.“(G. v. Rad, aaO. S. 105) Der Himmels-Ozean leert sich aus und das Urmeer bricht aus den Tiefen der Erde hervor.

11 In dem sechshundertsten Lebensjahr Noahs am siebzehnten Tag des zweiten Monats, an diesem Tag brachen alle Brunnen der großen Tiefe auf und taten sich die Fenster des Himmels auf, 12 und ein Regen kam auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte.

Eine Zeitangabe, die keine ist. Zumindest keine Zuordnung nach unserem Kalender erlaubt. In dem sechshundertsten Lebensjahr Noahs am siebzehnten Tag des zweiten Monats. Aber sie signalisiert dennoch Genauigkeit, weil sie präzise ist, bezogen auf die Hauptfigur der Erzählung, auf Noah. Es regnet –  vierzig Tage und vierzig Nächte. Das ist ein Zeitraum, der immer wieder einmal in der Bibel auftaucht. Mose „war allda bei dem HERRN vierzig Tage und vierzig Nächte und aß kein Brot und trank kein Wasser.“(2. Mose 34,28) „Allda“ meint auf dem Berg Sinai. Und Elia „stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.“ (1. Könige 19, 8) Von Jesus heißt es, dass er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte.“ (Matthäus 4, 2) Es ist eine volle Zeitspanne, an der nichts fehlt.

13 An eben diesem Tage ging Noah in die Arche mit Sem, Ham und Jafet, seinen Söhnen, und mit seiner Frau und den drei Frauen seiner Söhne; 14 dazu alles wilde Getier nach seiner Art, alles Vieh nach seiner Art, alles Gewürm, das auf Erden kriecht, nach seiner Art und alle Vögel nach ihrer Art, alles, was fliegen konnte, alles, was Fittiche hatte; 15 das ging alles zu Noah in die Arche paarweise, von allem Fleisch, darin Odem des Lebens war. 16 Und das waren Männchen und Weibchen von allem Fleisch, und sie gingen hinein, wie denn Gott ihm geboten hatte. Und der HERR schloss hinter ihm zu.

            Es wird aufgezählt, wenn auch nicht im Detail, was und wer alles mit Noah in die Arche ging. Seine Leute und die Tiere. „Der Einzug ist wie eine Prozession.“(C. Westermann, aaO. S. 89) Noah nimmt alle mit, wie es ihm Gott geboten hatte. Darauf kommt es dem Erzähler wohl an. Und auf den Satz, der die Fürsorge Gottes ins Licht stellt. Und der HERR schloss hinter ihm zu. Gott selbst schirmt die Arche durch dieses Verschließen der Türen von dem Wasser des Verderbens ab. Es ist sein Handeln, das Noah und die Arche bewahrt. „Das Einschiffen aller Kreaturen ist exakt am Tag des Eintreffens der Flut beendet.“(H. Seebass, ebda.)Fast möchte man sagen: der Zeitplan ist eingehalten. Der Countdown heruntergezählt. Es geht los.  

Die Kehrseite dieser Fürsorge: Noah hat keine Kontrolle mehr. Er ist ausgeliefert, sein Handlungsspielraum ist gleich Null. Diese Arche hat ja auch kein Steuer-Ruder – davon ist nirgends die Rede. Sie wird auf dem Wasser einfach dahintreiben, richtungslos, ziellos. Noah ist eingeschlossen. Es verlangt ihm eine Menge Zutrauen ab, dieses Eingeschlossen-sein so zu sehen: Gott meint es gut mit mir. Mit uns.

Ein Beter bringt etwas von dem Empfinden, das hier mit im Schwang ist, auf den Punkt:

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,                           so würde auch dort deine Hand mich führen  und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,    so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,                                                                  und die Nacht leuchtete wie der Tag.  Finsternis ist wie das Licht.                                     Psalm 139, 9 – 12

             Es ist beides ineinander vermischt im Spiel: Das Verlieren der eigenen Souveränität, das Preisgegeben-sein in der Gegenwart Gottes und eben das Geborgen-sein in dieser Gegenwart. Manchmal möchte man ihr entfliehen. Aber mindestens genauso oft möchte ich mich in ihr geborgen wissen, sicher sein: er schließt hinter mir zu. Er ist mir Schutz und Schirm vor allem Argen.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Warum Noah? Weil er fromm ist? Gehorsam? Ist das wirklich die Begründung: Frömmigkeit kann vor dem Untergang retten? Es gab nach dem Tsunami 2004 die, die es genau wussten: die umgekommen sind, waren Sünder und Sünderinnen. Das waren nicht nur Stimmen aus dem Lager der Christen, auch aus moslemischen Ländern gab es ähnliche Stimmen. Die westliche Dekadenz ist abgestraft worden. Und bei denen, die neben Noah abgesoffen sind – welche Dekadenz war es da?  Wahrscheinlich müssen wir damit leben lernen, dass es keine Antwort gibt, wenn es heißt: Warum der/die, warum ich nicht? Warum ich, warum der/die nicht?

Was mich beschäftigt:

Die Sintflut-Erzählung hat – merkwürdigerweise – mein Bild von Gott nie negativ beeinflusst. Ich spüre bei mir die Fremdheit gegenüber der Frage: Wie kann Gott das zulassen? Oder gar selbst ins Werk setzen?  Nicht, weil ich sie unangemessen fände – wer bin ich, um Gott zu kritisieren? Es ist einfach nicht meine Frage. Nicht im Blick auf die großen Katastrophen – Flugzeug-Abstürze, Überschwemmungen, Vulkan-Ausbrüche, Feuersbrünste, Kriege. Auch nicht im Blick auf das Unheil im familiären Umfeld. Wahrscheinlich ist es mein „Westerwälder Erbgut“, das mich denken und sagen lässt: Man muss sich schicken. Um  leben zu lernen mit all den Zumutungen, die das Leben in sich trägt. Mit dem, was wir nicht begründen, nicht ergründen und auch nicht ändern können. Schicksalsergeben. Hoffnungsvoll, weil es da diesen einen Satz gibt: Und der HERR schloss hinter ihm zu. Gott ist die Grenze aller Schicksalsschläge. Darauf kommt es mir vor allem anderen an.

 

Mein Gott. Sturmwarnung. Ein Hurrikan im Anzug, ein Taifun. Überschwemmungen von einem Augenblick auf den anderen. Kann man sich darauf vorbereiten? Wie oft sehe ich solche Bilder und denke: Weit weg. Nicht bei uns. Unsere Gewitter sind nur laue Lüftchen gegen solche Unwetter.

Mein Gott, wenn die Stürme des Lebens über mich hinwegtoben, wenn der Boden mir unter den Füßen wankt, wen die wellen der Angst +ber mir zusammenschlagen, dann spüre ich die kreatürliche Angst, die Furcht, ausgeliefert zu sein, hilflos. Und hoffe darauf: Du bist da. Du bist nahe. Schutz und Schirm vor allem Argen.Hilfe und Stärke zu allem Guten. Amen