Die Würde der Lasten

  1. Mose 3, 14 – 24

14 Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. 15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.

Die Schlange, zwischendurch aus dem Blickfeld verschwunden, wird nicht zur Rede gestellt. Sie wird, im Gegensatz zu dem Mann und der Frau, nicht gefragt. Sie empfängt nur ein Urteil, einen Fluch. Das ist im Alten Testament nur zweimal der Fall, dass Gott selbst ausspricht:  Du seist verflucht. Hier „der Schlang“ und wenig später Kain (4,11), der seinen Bruder Abel erschlagen hat. Da, wo es um Leben und Tod geht, da ist der Fluch im Spiel – oder eben Segen.

Im Übrigen spricht dieses Wort von der geradezu zeitlosen Feindschaft zwischen Mensch und Schlange, von der unheimlichen Bedrohung, die von ihr ausgeht. Es ist eine merkwürdige hoffnungslose Situation – weder die eine noch die andere Seite wird die Oberhand behalten.

Die alte Kirche hat im Wort von dem Nachkommen der Frau einen verborgenen Hinweis auf Christus gelesen. Das ist im wörtlichen Sinn vermutlich nicht haltbar. Weil das Wort für Nachkommen, wörtlich Samen, nicht individuell zu verstehen ist, sondern auf “Nachkommenschaft“ hin zu lesen ist. Sagen wir, exegetisch geschult, heute. Aber: Es kann auch als Wort über einen einzelnen Nachkommen gelesen werden. So hat es die alte Kirche getan und auch jüdische Ausleger haben so gelesen. „Das Judentum erwartet den Sieg über die todbringende Schlange in den Tagen des Messias. „Es ist eine Heilung  vom Fersenbiss der Schlange vorhanden am Ende der Tage, in den Tagen des Messias.“ (palästinensisches Tarum zu 1. Mose 3,15)“(H.J. Bräumer, aaO; S. 94) So ist es nicht verwunderlich, dass Christen dieses Wort als „Proto-Evangelium“ auf Jesus hin gelesen haben und von daher auch Kreuz und Auferstehung gedeutet haben als den Sieg über die alte Schlange. 

16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.

Die Frau wird, im Unterschied zur Schlange, nicht verflucht. Aber ihre Lebens-Situation wird gedeutet: Sie ist gekennzeichnet durch Mühsal, durch den kreatürlichen Schmerz, der mit der Geburt verbunden ist. Es ist schon wichtig, sorgfältig zu lesen: Es ist nicht so, dass Schwangerschaft als Strafe benannt würde. Sondern benannt ist der Schmerz der Geburt, der zur Last wird. Aber: Wer sich um schmerz-freie Geburt müht, fällt damit nicht Gott in den Arm.

Daneben tritt als zweite Belastung die Abhängigkeit vom Mann. Auch hier wieder gilt es, genau hinzusehen: Das ist keine Schöpfungsordnung: er soll dein Herr sein. Es ist Beschreibung einer oft genug bis heute verhängnisvollen Wirklichkeit vieler Frauen, „erniedrigendes Beherrschtwerden“(G. v. Rad, aaO. S. 75). Es ist das oft mit Unterwerfen und Entehren verbundene Recht, das Männer für sich behaupten. Ursprünglich, im Anfang, ist es anders: Gleichwertiges Gegenüber, Gefährtenschaft. Entsprechung. So ist dieses Wort gänzlich ungeeignet, um eine angeblich schöpfungsmäßige Vorordnung oder Überordnung des Mannes gegenüber der Frau zu begründen.

Diese schöpfungsmäßige Vorordnung gibt es nicht, selbst wenn sie bis in Schriften des Neuen Testamentes geglaubt worden sein sollte. „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie sich’s gebührt in dem Herrn.“(Kolosser 3, 18) Stärker noch: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist – er hat sie als seinen Leib gerettet.“(Epheser 5, 22-23) Beide Male fällt es auf: Keine Berufung auf eine wie auch immer behauptete Schöpfungsordnung.

17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

Der Mann wird gleichfalls nicht vom Fluch getroffen. Er spürt „nur“ Folgen seiner Tat. Die Arbeit, hier die Arbeit als Bauer, wird mühsam, mühselig. „Die Arbeit des Menschen ist immer irgendwie mit Mühsal und Last verbunden; jedes Arbeitsfeld hat seine Disteln und Dornen, die nicht abzuschaffen sind.“ (C. Westermann, aaO; S. 44) Aber, auch hier: Das ist aber keinesfalls ein Verbot, humane Arbeitsbedingungen zu schaffen. Oder sie gewerkschaftlich organisiert einzufordern.  

     Nichts spricht in diesem Wort dagegen, Lasten der Arbeit zu verringern. Aber es öffnet die Augen für die seltsame Erfahrung unserer Zeit: Körperliche Lasten sind in der Arbeitswelt weniger geworden, die psychischen Lasten haben unverkennbar zugenommen. So bleibt die Mühe ein Kennzeichen der Arbeit – nicht nur bei Männern. Es gibt, das sagt dieses Wort, offensichtlich kein unbelastetes Leben. Oder anders gesagt: Mühe und Sorge gehören unausweichlich zum Leben. Auch da, wo das Leben gelingt. Auch da, wo das Glück Gast in einem Haus ist.

Das andere: Hier wird der Tod angesprochen. Man hat daraus lesen wollen, dass er erst hier zur Wirklichkeit des Lebens wird. Dass er eine Folge des Falls ist. Vor dem Fall war es anders. Ich weiß nicht, ob das nicht den Bogen überspannt, ob wir da ein Wissen behaupten, das wir nicht haben. Wir kennen keine Welt vor dem Fall.

Nur so viel ist gewiss: „Der Mensch erfährt jetzt von diesem Ende, es wird in sein Bewusstsein gerückt und er muss von diesem Wissen sein ganzes Leben überschatten lassen.“ (G. v. Rad, aaO. S. 77) „Der Tod gehört zum Leben.“ höre ich. „Es ist doch ganz natürlich, dass wir sterben müssen.“ höre ich. Und höre gleichzeitig in solchen Sätzen den Schmerz, dass es so ist. Dass der Tod auch ein Verhängnis ist. Für die, die ihn erleiden, ob als Sterbende oder als Hinterbliebene. Dem müssen wir uns stellen, Männer und Frauen und können nichts daran schönreden.

 20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. 21 Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.

            Auf den ersten Blick hört sich der Name Eva (hebräisch chawwāh) „Leben“ an wie eine bloße Erklärung. Aber ich lese anders. In diesem Namen gibt Adam seiner Hoffnung Ausdruck: Das Leben geht weiter. Mit dieser Namensgebung akzeptiert Adam das Urteil Gottes. Die Strafworte Gottes sind nicht das Ende aller Wege. Sind streng genommen nicht Urteilssprüche, keine Strafakte, „sondern sie beschreiben die Begrenztheit menschlicher Existenz in der Gottesferne.“ (C. Westermann, aaO. S. 43) Sie sind eine Last, die es zu tragen gilt, aber sie versperren nicht den Weg in die Zukunft. Gehe ich zu weit, wenn ich sage: Jetzt erst, im Annehmen dieser Urteilsworte sind der Mann und die Frau nicht mehr irgendwelche unbestimmte Menschen. Jetzt sind sie in Wahrheit Adam und Eva. 

Das zeigt auch das nachfolgende  Geschehen. Gott, der seine Menschen mit den Folgen ihres Handelns konfrontiert, stellt damit nicht seine Fürsorge ein. Gott macht ihnen Kleider.  Röcke von Fellen statt der kümmerlichen, improvisierten Feigenblätter (3,7). Er gibt ihnen damit zugleich recht: Sie müssen jetzt mit ihrer Verletzlichkeit, mit der Sorge vor Bloßstellung umgehen lernen. Sie müssen und dürfen lernen, sich bedeckt zu halten.

 22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!

Das ist die eigentliche „Strafe“. Die Worte zuvor sind nur Lasten, die Lebenswirklichkeit abbilden. Sie erklären, warum das Leben so mühsam sein kann. Hier aber kommt zu Tage, was der eigentliche Verlust ist: Der Weg ins Paradies wird versperrt. Der Zugang zum Baum des Lebens verwehrt. Dass der Mensch gottgleich geworden ist in seinem Wissen um gut und böse, das wird nicht zurück genommen. Es ist nicht mehr die ursprüngliche Ebenbildlichkeit, die ja völlig unbelastet war. Es ist jetzt eine Gottgleichheit, die immer auch die Tendenz zur Versuchung hat, die immer auch den Menschen selbst gefährdet, weil sie droht, ihn vergessen zu lassen, dass er Geschöpf ist und nicht selbst der Schöpfer. Dass er das Leben empfängt und es nicht selbst produziert. Dass seine Lebenszeit begrenzt ist.

Plato und andere Philosophen haben gewusst, dass Unsterblichkeit ein zwiespältiges Geschenk wäre. Sie würde, erst recht unter den Bedingungen, die zuvor genannt sind – Mühsal, Schmerzen, Schweiß und Tränen, Disteln und Dornen, eher einer Last als einem Geschenk gleichen. Davor bewahrt Gott den Menschen, die Menschheit durch den versperrten Weg.

 23 Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. 24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

             Das Paradies wird verschlossen. Geschützt vor unbefugtem Eindringen durch Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert. „Für den Menschen war damit die Zeit, in der er seinem Gott im Garten Eden unmittelbar begegnen konnte, vorbei.“(H.J. Bräumer, aaO; S. 100)  

             Erst wenn die Zeit erfüllt ist, wird der Weg zum Baum des Lebens wieder freigemacht werden.

             Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, in seinem höchsten Thron,
der heut schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn.

 Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis;
der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis.                                          N. 
Herrmann 1554, EG 27

             Im Weg zu dem Gekreuzigten ist der Weg zum Lebensbaum wieder frei. In der Mitte der Zeit. Heute. Aber das wird dann kein Rückweg ins Paradies. Am Ende dieses Weges stehen das Vaterhaus und die Stadt Gottes. Und heute schon essen und trinken wir von den Früchten des Lebensbaumes, wenn wir Abendmahl feiern.

 Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

 Es gehört wohl zum Grundbestand der Erzählung aller Völker: da gibt es einen Ort, an dem das Leben schön ist, geborgen, rund. Die Sehnsucht der Völker gilt diesem Ort,. Die großen Utopien sind in meinen Augen nichts anderes als der Ausdruck der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Filme enden mit großer Regelmäßigkeit in einem happy end. Kitschig sagen wir und spüren zugleich: Diesen guten Ausgang wünschen wir uns auch – für unser Leben, für unsere Familie, für unser Land und unsere Welt.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

 Es gehört wohl zum Grundbestand der Erzählung aller Völker: da gibt es einen Ort, an dem das Leben schön ist, geborgen, rund. Die Sehnsucht der Völker gilt diesem Ort,. Die großen Utopien sind in meinen Augen nichts anderes als der Ausdruck der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Filme enden mit großer Regelmäßigkeit in einem happy end. Kitschig sagen wir und spüren zugleich: Diesen guten Ausgang wünschen wir uns auch – für unser Leben, für unsere Familie, für unser Land und unsere Welt.

Ich glaube, dass es zum Schmerz des Lebens gehört, dass wir den Zugang zum Paradies verloren haben. Ich glaube auch, dass es einen anderen, weniger rührseligen Blick auf Weihnachten ermöglicht, wenn wir zu sehen vermögen: Da wird der Zugang zum Paradies neu geöffnet.

In meiner Zeit als Schlitzer Gemeindepfarrer hatte ich es sonntäglich vor Augen: In der Sakristei hängt eine Kasel aus dem 13. Jahrhundert, die das Kreuz Jesu als Lebensbaum zeigt.   Der Weg zum Baum des Lebens ist wieder frei. Es ist Gottes Revision dieser Aussperrung, dass er das Kreuz Christi in die Welt als den Fluchtpunkt für uns akzeptiert.

 

Heiliger barmherziger Gott, Du nimmst es uns nicht ab, Lasten zu tragen, die Mühen der Arbeit, den Schmerz und die Sorgen, die es mit sich bringt,  dass wir Vater und Mutter sind.

Du traust es uns zu, dass wir das Leben bewältigen, auch da, wo es hart ist, wo es uns fordert und manchmal auch überfordert. Wir haben es so gewollt. Gewählt, weil wir frei sein wollen, alles überblicken, alles beurteilen, alles entscheiden.

Es ist gut für uns, dass dieser Weg ein Ziel haben wird bei Dir und dass wir ihn gehen, eingehüllt in Deine Fürsorge, die Du uns nie entziehst, wenn wir sie uns nur gefallen lassen. Amen