Vom suchenden Gott

  1. Mose 3, 1 – 13

 1 Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?

Kein Wort darüber, wo die Schlange herkommt. Sie ist da. Sie ist aber auch nicht aus sich selbst da, gewissermaßen jenseits der Schöpfung, vor aller Schöpfung. Sie gehört zu den Tieren,  die Gott der HERR gemacht hatte. „Man darf deshalb die Schlange nicht von vornherein gleichsetzen mit dem Teufel, dem Feind Gottes, der das ganze Unheil anrichtet.“ (H.J. Bräumer, aaO; S. 84)  Sie ist klüger, listiger als alle Tiere und sie bringt zur Sprache, was doch wohl schon im Menschen drin ist als sein eigenes Denken, Fühlen, Sehnen.

Die sprechende Schlange ist „ein Stilmittel“ der Erzählung, des Erzählers, nicht mehr und nicht weniger, so wie Bileams Esel ja auch nicht eine Debatte über die Sprachmöglichkeiten von Eseln eröffnen soll. Freilich: Hinter ihrem Sprechen mag eine andere Kraft stehen, der Böse. Aber ausdrücklich gesagt wird das eben nicht. Damit bleibt es im Bereich des Unerklärten, wohl auch des Unerklärlichen, was hier in Gang gesetzt wird – der Ursprung des Bösen, der Ursprung von Schuld und Sünde.

Ohne Umschweife: Die Bibel geht davon aus, dass das Böse da ist, trotz dem, dass die Schöpfung sehr gut ist. Es findet seinen Raum in der Schöpfung.  Eine Erklärung seiner Herkunft würde nichts erklären und schon gar nichts helfen.

Es hätte viele belastende, vor allem Frauen belastende Auslegungen nicht gegeben, wenn man immer darauf geachtet hätte: Die Schlange ist im Hebräischen ein maskulines Wort. Der Alttestamentler Seebass übersetzt deshalb konsequent „der Schlang“ ((H. Seebass, aaO; S. 98; S. 100) Wie viel unfassbar unfaire Beschuldigung gegen Frauen als Ausgangspunkt allen Übels wären damit unmöglich geworden. 

Es ist eine „fromme Frage“, die zur Diskussion gestellt wird – von der Schlange an die Frau. Anfang einer theologischen Debatte. Sollte Gott gesagt haben? Habt ihr wirklich richtig verstanden? Schon in der Frage steckt ja eine suggestive Unterstellung: So kleinlich werdet ihr doch wohl von Gott nicht denken! Und: Es ist zugleich eine Verfälschung – das Verbot Gottes gilt ja nicht allen Bäumen, sondern nur dem einen, dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.(2,17) 

2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!

         Es ist eine schöne, aber fatale Situation: Die Frau kann Gott verteidigen, in Schutz nehmen. Sie kann richtig stellen. Du irrst, Gott ist großzügig. Sie kann begründen, warum sie sich an das Gebot Gottes halten. Das Gebot hilft, unser Leben zu schützen. Aus dem schlichten Gehorsam gegen das Gebot, der aus dem Vertrauen lebt, wird ein Gehorsam, der begründet werden muss. Das erreicht die Frage.

Wieder meisterhaft: Es bleibt nicht bei der Richtigstellung. In der Antwort der Frau wird der Weisung Gottes hinzugefügt, was Gott nicht gesagt hatte: rühret sie auch nicht an. Schon anrühren ist gefährlich. Man könnte im Fortgang der Geschehens ergänzen: schon ansehen ist gefährlich. Dieser Baum in der Mitte des Gartens, „der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“(2,17) ist ein gefährlicher Baum. Besser wäre, es gäbe ihn gar nicht.

 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

            Auf den ersten Blick, so kann man lesen, korrigiert der Schlang die Übertreibung der Frau: Rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! So eng ist Gott nicht. Keine übertriebene Angst vor diesen Früchten, diesem Baum. Meisterhaft: Der Schlang richtet den Blick auf die Früchten, aber in Wahrheit müsste es doch darum gehen, das Gebot, die Weisung Gottes im Blick zu behalten.

Gleichzeitig unterstellt und zeigt sie: Das Wort Gottes steht zur Diskussion. Mehr noch – es stimmt nicht. Es ist ein großes Missverständnis, das der Schlang korrigiert. Ihr habt Gott falsch verstanden. Ihr werdet keineswegs des Todes sterben! Hinter den schönen Worten steht eine Behauptung: Die Drohung oder Warnung Gottes ist ein leeres Wort. In Wahrheit geht es – so die Schlange, der Schlang, um etwas anderes: Gott versperrt euch den Weg nach vorne, in das größere Leben.  

            Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Es ist das uralte Motiv vom Neid der Gottheit, vom Neid Gottes. Gott will sich seine exklusive Stellung erhalten und den Menschen seine Möglichkeit verwehren. Gott beharrt auf sein Alleinstellungsmerkmal und verweigert so die Gleichheit: Nur ich überblicke das Ganze. Es ist Verlockung und Verführung zugleich: „Die Verführung bietet eine Lebenssteigerung an.“(C. Westermann, aaO; S. 39) Eine Lebenssteigerung, die einer Sehnsucht im Wesen des Menschen entspricht: Zu verstehen, zu begreifen, urteilsfähig zu sein, unabhängig, frei. Damit ein Leben, eine Lebenssteigerung, die Gott angeblich verweigert. 

 6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

 Die Saat des Misstrauens geht auf. Es braucht keine Überredung. Es ist hohe erzählerische Kunst: Da ist ein Augenblick des Verweilens. Der Lesende sieht die Frau regelrecht sinnend stehen. In ihren Gedanken arbeitet es. Schmackhaft, eine Augenweide und ein Schritt zum Klug-werden. Was wir sehen, gewinnt Macht über uns. Was die Frau sieht  ist verlockend. Wer wollte da widerstehen? Sie und ihr Mann folgen dem, was so einleuchtend ist –  sie wollen die Welt verstehen und ergreifen können. Ganz. Unabhängig. Selbstbestimmt. Ohne die Grenze, die ihnen ein Gott setzt.

Es kommt zur Tat. Lapidar wird erzählt: Sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Der Mann macht mit. Er ist ein Mitmacher, ein früher Vorläufer aller Mitläufer. Kein Ruhmesblatt für die Männer. Mit ihrer Selbstbestimmung ist es oft nicht weit her. Allzu oft sind sie nur Mitläufer.

Das Wort des „Schlang“, der längst von der Bildfläche verschwunden ist, wird wahr: Sie fallen nicht tot um. Aber die Augen gehen ihnen auf. Sie sehen sich plötzlich mit anderen Augen: dass sie nackt waren. Das ist zuvor kein Problem, weil sie geborgen sind in dem fürsorglichen Gott. Aber jetzt: Heraus gefallen aus dem einfältigen Gehorsam sind sie auch heraus gefallen aus der Geborgenheit. Bloß gestellt. Und müssen sich selbst bedecken, verhüllen.

Es ist eine Scham-Reaktion. Sie schämen sich – voreinander! – weil ihnen aufgegangen, dass sie getan haben, was nicht richtig ist. Sie haben sich verfehlt in ihrem Tun. Sie sollten leben im Vertrauen auf Gott und sind aus diesem schlichten Vertrauen heraus gefallen. Das ist die Wurzel aller Scham: Vertrauensverlust.

 8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. 9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?

Was für ein Bild: Gott, der HERRR macht seinen Abendspaziergang. Er nützt die herannahende Kühle der Nacht, um durch den Paradiesgarten zu schlendern. Ob er damit rechnet, dass der Mensch und die Frau es ähnlich halten werden, dass er sie also treffen wird – so wie er sie schon oft getroffen hat? Es ist ganz große Erzählkunst, wie aus diesem so alltäglichen Gang eine Begegnung voller Dramatik werden wird.   

Zur Scham voreinander kommt die Furcht vor Gott. Sie zeigt sich im Verstecken, Verbergen vor dem Angesicht Gottes.War die Scham das Signal einer Störung mehr seines Verhältnisses zum anderen Menschen, so ist die Furcht vor Gott das Zeichen einer Zerrüttung seines Verhältnisses zu seinem Schöpfer.“ (G. v. Rad, aaO. S. 73)  Die Unbefangenheit ist weg. Zerstört, zerbrochen. So zerbrochen, dass schon das Geräusch der Schritte Gottes sie ins Verstecken jagt.

Gott aber sucht seinen Menschen, der hier, in diesen beiden Versen erstmals mit Namen benannt wird: Adam. Sucht ihn, ruft ihn: Wo bist du? Das ist nicht nur die Frage nach dem äußeren Ort. Nach dem Versteck. Es ist vor allem die Frage nach seinem inneren Ort: Wo stehst du jetzt? Was macht dich aus? Gott fragt nur Adam, und auch nur Adam antwortet. Der Mitläufer wird zur Rede gestellt, zur Antwort gerufen.

Es ist eine erste Begegnung, die zeigt, wie sich die Alten den Menschen denken: Er ist einer, der Gott verantwortlich ist, ihm Rede und Antwort stehen muss. Weil Gott nach ihm fragt, nach ihm sucht. Es macht die Würde des Menschen aus, dass er nicht fraglos in sein Versteck entlassen bleibt, sondern Gott ihn sucht und fragt und er sich verantwortet.

Es ist ein peinliches Verhör, aber keine Folter. „Der Mensch, der von Gott in seinem Vergehen gestellt wird, erhält in seinem Verhör einen Raum der Freiheit, in dem er auch jetzt noch sich verteidigen kann. Gott billigt dem, der sich vergangen hat, noch die Freiheit zu, alles zu sagen, was zu seiner Entlastung beitragen könnte; denn nur so kann er am Ende das Urteil anerkennen.“ (C. Westermann, aaO; S. 41)So zur Rede gestellt. muss sich Adam bekennen, als nackt und bloß, als einen, der sich verborgen hat vor Gott. Er kann nicht mehr nackt sein vor Gott. So muss er seine Furcht vor Gott bekennen. Das ist noch kein Schuldgeständnis, sondern nur die Benennung seines Ortes: Ich bin nicht mehr nahe bei Dir, Gott.

Gott greift die Antwort auf – und das, was hinter der Antwort steht. Die Ursache für die Furcht, für die Scham. Die Übertretung des Gebotes. Er sagt es ihm nicht auf den Kopf zu: Du hast… Sondern er fragt: Hast du…. Und bietet ihm so noch einmal die Möglichkeit zu sagen: Ja, so bin ich. Ja, so stehe ich vor Dir. Ja, das habe ich getan.

12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

So tapfer, keine Ausflüchte zu machen, keine Ausrede zu suchen, nichts zu beschönigen, sich zu stellen, ist dieser Adam nicht. Nicht ich – die Frau. „Die Antwort ist eine einzige Verteidigung und Entschuldigung.“(H.J. Bräumer, aaO. S. 91)Sie ist das so unendliche banale Spiel der eigenen Entschuldigung durch Beschuldigung, des Verschiebens der eigenen Schuld auf andere.

„Die anderen waren schuld, dass alles anders kam.“(Alexandra) Dieses Spiel beherrschen alle, ungeübt, nie gelehrt – vom Kleinkind bis zum hochrangigen Politiker, vom einfachen Arbeitnehmer bis zum Chef, vom Sportler bis zum Ehepaar. Immer sind es die anderen – die Frau, die Schlange. Die Umstände, die ungünstige Sozial-Situation, die ererbten Alt-Lasten, die Eltern, die Lehrer, die Nachbarn.

Am Ende der Schlange dieses Verschiebespieles steht Gott. Er hat Adam die Frau zugesellt. Er ist doch der Schöpfer des Schlang. Hätte er nicht vorausschauend, die Verführbarkeit einkalkulierend Sicherungen einbauen müssen? Hätte er nicht die Welt so schaffen können, dass es nicht so weit kommt?

Es ist zur sprichwörtlichen Weisheit geworden: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.”(F. Schiller, Wilhelm Tell) Immer die anderen. Aber, ich erinnere mich, dass wir Gymnasiasten der 60-er Jahre wohl schon früh Unbehagen an dieser Weise der Selbstentlastung gespürt haben, eher instinktiv, wenn wir als unreife Schüler variiert haben: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn ihm die schöne Nachbarin gefällt.” 

Haben wir Schüler damals, ohne es wirklich zu wissen und zu wollen, vor 50 Jahren einen Wahrheitskern getroffen? Es gibt nur diesen einen Ausweg aus Schuld, indem ich sagen lerne: Ich war es. Wenn ich mich meiner Schuld stelle. Wenn ich aufhöre mit dem Verschiebespiel, das andere anklagt und sich selbst doch nie freisprechen kann.

Es ist der Lernschritt, den Jesus uns lehren will, der uns die Tür zur Vergebung weit aufmacht: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.“(Lukas 15, 18.21) Das ist der erste Schritt in die Freiheit.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Im letzten Jahr – eine wilde Debatte mit einem Freund. Er vertritt in diesem Gespräch die These, dass der Sündenfall notwendig ist. Wie sonst sollte  es zur Entfaltung des Menschen in seiner Menschlichkeit kommen? Im Paradies ist diese Entfaltung nicht möglich. Der Vorgang ist vergleichbar mit der notwendigen Ablösung des Kindes von den Eltern. Das Kind, das sich nicht löst, bleibt ein Leben lang unfrei. Das ist die These: Es ist die Emanzipation von Gott, die erst den humanen Fortschritt ermöglicht. Meine Gegenposition: Der Sündenfall wird erzählt als Verlustgeschichte. Die Geborgenheit in Gott geht verloren und dieser Verlust ist das Minus-Zeichen über allem Zuwachs an Wissen. Es ist der Betrug, der uns bis heute im Griff hat: Wir werden wie Gott alles überblicken, alles beurteilen und alles gestalten können. Mit dem Sündenfall wird die Selbstüberschätzung des  Menschen sichtbar, der sich an die Stelle Gottes setzt. Die Emanzipation von Gott landet schnurstracks in der Usurpation, an Gottes Stelle zu treten.

 

Mein Gott und Herr, wie oft habe ich mich verborgen, versteckt vor Dir, bin abgetaucht, habe versucht, mich herauszureden und es doch immer gewusst: Ich bin schuld.

Wie oft habe ich angeklagt, alle Welt, alle um mich herum, mit dem Finger auf die anderen gezeigt und doch gewusst: Ich habe getan, was nicht recht war, geredet, was nicht richtig und wahr war, mich in Gedanken und Sehnsüchten verrannt und mir selbst den Weg versperrt.

Du aber suchst mich, rufst nach mir, fragst mich. Wo bist du? Du willst mich, dass ich mich bekenne vor Dir, damit ich nicht immer weiter wegtreibe von Dir, mich verfange im Gestrüpp meiner Gedanken, Worte und Werke.

Höre nie auf, mich zu suchen und zu rufen, Du treuer Gott. Amen