Geschenk: Gegenüber

  1. Mose 2, 18 – 25

18 Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfen machen, die ihm entspricht. .

Schon in der Überlegung zeigt sich wieder der fürsorgliche Gott. „Der Mensch soll ein geselliges Wesen sein.“(H. Seebass, aaO; S. 115) Nebenbei: dieser Entschluss Gottes geht nicht auf eine Reklamation des Menschen zurück. Da wird nicht über Einsamkeit geklagt, über Alleingelassensein. Er ist nicht dazu bestimmt, als einsamer Wolf durchs Leben zu gehen. Oder anders: Es gehört zur Güte, die sich ins Leben hinein zeigen soll, dass es die Erfahrung des „Gegenübers“, – so die Übersetzungsmöglichkeit für die ihm entspricht – gibt.

Auch das ist mir wichtig: Der Luther-Text scheint ein Gefälle anzudeuten, eine Art Rangordnung – Hier der Mensch – da die Hilfe. Aber: „Wegen des Wortes Gegenüber wird man hier nicht an eine soziale oder rechtliche Nachordnung der Frau denken dürfen.“(H. Seebass, ebda.) Was in Wahrheit geschieht: Gott will nicht den selbstgenügsamen, sich selbst genügenden Menschen. Das ist nicht gut – im Gegenüber zu den Billigungsformeln aus Kapitel 1: Und Gott sah, dass es gut war. (1,4;1,10;1,1,18; 1,26) Gott, der auf die Güte seiner Schöpfung bedacht ist, der sucht diese Güte auch im Blick auf den Menschen und sein Leben. Und findet es in der Zuordnung zum Gegenüber.

19 Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. 20 Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen ward keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach.

Es scheint, als würde die Entstehungs-Reihenfolge vertauscht. Im ersten Schöpfungs-Bericht geht die Erschaffung der  Tiere dem Menschen voraus. Hier folgt sie dem Menschen. Er ist schon da, als die Tiere gemacht werden, aus Erde. Aber: „Mensch und Tier gehören wesenhaft zusammen, denn sie sind beide aus Erde gebildet.“(H.J. Bräumer, aaO; S. 76)

            Der Mensch übt den Tieren gegenüber Herren-Recht aus. Er gibt ihnen Namen. Dieses Recht räumt  Gott der HERR  dem Menschen ein. Wenn man so will: Es ist eine Art Teilhabe an der Schöpfung. So wie Gott dem Licht den Namen Tag und der Finsternis den Namen Nacht gibt  (1,5) und sie dadurch „ordnet“, so ordnet der Mensch die Tierwelt durch die Namen, die er in ihr vergibt.  Die Tiere werden ein Teil der Welt des Menschen. Er darf sie sich nützlich machen. Er kann mit ihnen umgehen.

Aber trotz dem mündet die Schilderung in der Feststellung: Unter all diesen Tieren ist nichts, was dem Menschen entspricht. Obwohl sie doch, wie er, aus Erde gemacht sind. Daraus darf man schließen: Die biologischen Gemeinsamkeiten – Säugetiere, Landwesen, Triebstruktur – reichen nicht aus, um die Tiere zum echten Gegenüber werden zu lassen. Es liegt dem biblischen Text fern, Tiere zu vermenschlichen.

 21 Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. 22 Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm.

            Was für ein starkes Bild, vielfach dargestellt in der Kunst. So nahe sind Mann und Frau einander – aus dem gleichen Stoff. „Das Erschaffen der Frau aus einer Rippe des Mannes ist nicht als eine realistische Beschreibung gemeint und darf auch nicht so verstanden werden.“ (C. Westermann, aaO; S. 36) Bei diesem Vorgang ist der Mensch unbeteiligt-beteiligt. „Gottes wunderbares  Schaffen duldet kein Zuschauen; der Mensch kann Gott nicht in actu, seine Wunder nicht im Entstehen wahrnehmen, er kann Gottes Schaffen immer nur als tatsächlich Vollzogenes anbeten.“(G. v. Rad, aaO. S. 67)Das gilt durchgängig in der Schrift. Auch die Geburt des Heilandes und die Auferstehung werden nicht in der Gegenwart menschlicher Beobachter ins Bild gesetzt.

Die so geheimnisvolle geschaffene Frau wird von Gott dem Menschen zugeführt. Fast wie der Brautführer die Braut dem Bräutigam zuführt. Bemerkenswert: Die Frau wird sofort Frau genannt, der „Mann“ heißt auch hier immer noch „Mensch“.

23 Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. 24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein “ein” Fleisch.

Erst jetzt ändert sich die Bezeichnung des Menschen in Mann. Der vom Tiefschlaf Erwachte erkennt in der Frau, die ihm gegenüber ist, Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Und nennt sie – in einem Wortspiel, wie es im Hebräischen möglich ist: Männin, ›’ischah‹ abgeleitet von Mann, ›’isch‹. Endlich das Gegenüber. Schön, wie es mehrfach heißt: Das, diese, die da. Man spürt im Ausruf des Mannes etwas von dem Jubel, der in dieser ersten Begegnung liegt, in der Befreiung aus der Einsamkeit. Da ist kein Raum für Überordnung oder Vorrang oder gar Hierarchie, heilige Ordnung. Nur elementare Freude.

Die Freude setzt neue Bewegung in Gang. Ein Handeln des Mannes – jetzt erst ist er ein Mann! Im Auszug, im Weggehen aus dem Elternhaus, im Zusammengehen mit der Frau wird er, was er immer schon sein sollte. Sie werden eins, ein Paar. Zusammengehörig. Leiblich. Seelisch. Die ganze Existenz umfassend.

Es geht bestimmt um die tiefe Anziehungskraft zwischen Mann und Frau, zwischen den Geschlechtern. Um eine Begründung der Kraft der Heterosexualität.Sie ist mit der Schöpfung gegeben, sozusagen gottgewollt. Auch das wird gelten: Im V. 24 ist wie selbstverständlich von der Frau als Ehefrau die Rede. Merkwürdig genug aber auch dies: In der Welt des Patriarchats verlässt gemeinhin die Frau das Elternhaus und wird „Eigentum“ des Mannes. Hier dagegen: Ein Mann wird seinen Vater und seine Mutter verlassen. So überwältigend groß kann die Leidenschaft füreinander, die Anziehungskraft sein, dass die Rechtsverhältnisse auf den Kopf gestellt werden.

            Aber: „Wer sich mit dem alttestamentlichen Recht befasst, wird immer nur staunen können, wie wenig die Überlieferung die Ehe als regelungsbedürftig befunden hat. Die Ehe ist viel eher durch die ungeschriebenen Gesetze der Familien garantiert worden als durch fixierte Rechtsnormen.“ (H. Seebass, aaO; S. 117) Nicht die Institution Ehe ist hier Thema, sondern die Gemeinschaft, der die Institution in ihrer sich immer wieder wandelnden Gestalt hoffentlich dient.

Mir leuchtet ein: In Gesellschaften, die sich in ihrem Normverhalten durch die gemeinsame Tradition weitestgehend einig sind, weil das Volk gleichzeitig der gegebene Rechtsraum ist, braucht es nicht so viel rechtliche Regelung. „Man“ weiß ja, was richtig ist, erlaubt ist, verboten ist. Erst da, wo an die Stelle der normgebenden Größen „Volk“ oder „Sippe“ oder „Haus“ der Einzelne tritt, die Individualität und ihr folgend der Individualismus Einzug hält, erst da braucht es Regelung über Regelung. Braucht es den Konsens im Blick auf die Werte. Weil ja jeder ein Sonderfall ist. Weil sich nichts mehr von selbst versteht.

25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.

Paradiesische Zustände. Sie leben schamlos miteinander. Nicht unverschämt. Es ist noch kein Raum, kein Anlass, kein Ort für die Scham da, weil sie ja geborgen sind in der Fürsorge Gottes. Ohne diese Geborgenheit braucht es Scham als Schutz vor der Bloßstellung. Sie aber brauchen keine Scham, haben sie nicht nötig. Weil sie ihr Miteinander empfangen als Geschenk. Jubelnd vor Glück.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

„Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung.“ So weiß es das Grundgesetz, Artikel 6 der Bundesrepublik seit 1948. Dieser Satz wird bis heute gern zurückgeführt auf den biblischen Satz: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Ist dieser Satz wirklich das Grundwort der Schrift zur Ehe? Oder ist es nicht doch geboten,  vorsichtiger sein? Weil hier weit und breit nicht von Ehe als einer Institution nicht nur nicht die Rede ist. Der Text zielt auf elementare Grundordnung, eine Verhältnisbestimmung der Geschlechter, nicht auf die  schöpfungsmäßige Legitimation einer gesellschaftlichen Ordnung. Luther war so frei, die Ehe für ein „weltlich Ding“ zu halten und zu empfehlen, Trauungen draußen vor der Kirchentür zu begehen. Auch von daher ist dieser Satz nur mit großer Zurückhaltung im Blick auf eine Verankerung von Ehe in der Schöpfungsordnung zu lesen.

 

Mein Gott, ich danke Dir für alles Gegenüber, das Du mir gegeben hast, das ich entdecken darf. Für das Gegenüber der Frau, die mir vertraut ist, der ich vertraut bin. Für das Gegenüber der Kinder, für die Weggefährten, die mich begleiten und korrigieren, herausfordern und formen, auch in ihrem Widerspruch.

Ich danke Dir, dass es nicht bei der Einsamkeit des ersten Adam geblieben ist, dass Du uns geschaffen hast zur Gemeinschaft, mit der Sehnsucht nach Begegnung, Gespräch, Lachen und Weinen, Fest und Freude.

Ich danke Dir, dass der Jubel Adams nicht aufhört, nicht nur dem Paradies gehört, dass der Glanz des Miteinanders weiter reicht, über den Garten Eden hinaus in die Wirklichkeit der Welt, in der wir leben, in der wir einander suchen. Partner für den Weg des Lebens. Amen