Schöpfungs-Fortschritte

  1. Mose 1, 14 – 25

 14 Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre 15 und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so.

Die Schöpfung schreitet voran. Wobei es erstaunlich ist, dass die Reihenfolge so ist, wie sie ist, dass die Schöpfungsakte des vierten Tages denen des dritten Tages folgen. So gerät die Erschaffung der Sternenwelt zwischen das Werden von Kraut und Gras, von Tieren im Meer und Tieren auf dem Land. Das ist eine Botschaft an die Leser*innen damals: Die Lichter des Himmels, die der Welt ihren Rhythmus geben, gehören auf die Seite des Geschaffenen, wie die Pflanzen und die Tiere. Sie sind nicht göttlich und haben keine göttliche Macht. Sie müssen also auch nicht kultisch verehrt werden.

Aber, immerhin: Sie helfen, dass das Leben seine Ordnung findet, dass es einen Kalender geben kann. Dafür geben sie Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. In einer Umwelt, in der  die Sterne mit Gottheiten gleich gesetzt wurden, erkennbar schon an Namen wie Jupiter, Mars, Pluto, ist das eine sehr aufgeklärte Sicht. Sie sind Leuchten, Lampen am Himmel (C. Westermann, aaO; S. 20), Hilfen für den Menschen, um seine Zeiten zu ordnen. Mehr nicht.

 16 Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. 17 Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde 18 und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war. 19 Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.

            Jetzt wird differenziert – das große Licht der Sonne für den Tag, das kleinere Licht des Mondes für die Nacht. Immerhin wird Sonne und Mond zugestanden, dass sie regieren – aber nur den Tag und die Nacht, nicht die Menschen. Was für ein Kontrast zur Umwelt! „Das gesamte altorientalische Zeitdenken ist bestimmt von dem zyklischen Lauf der Gestirne. Die Welt des Menschen war bis in die Einzelschicksale hinein bestimmt von der Einwirkung siderischer Mächte.“(G. v. Rad, aaO. S. 43) Hier dagegen werden die Sterne nur noch nebenbei erwähnt.   

Was sich so sachlich nüchtern liest, ist in Wahrheit von größter Bedeutung. Wird doch die Freiheit von der Bestimmung durch die Sterne behauptet, eine Grundvoraussetzung für die Freiheit des Menschen und für die Möglichkeit, von seiner Verantwortung zu reden.  Wer nur tun kann, was die Sterne über ihn, über sie verfügt haben, schon in der Stunde der Geburt, – so glaubt manch einer und eine bis zum heutigen Tag, ist nicht mehr frei und damit auch nicht mehr selbst verantwortlich.

 20 Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. 21 Und Gott schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.

Den Sternen folgt das Getier Walfische und alles andere, Gevögel und Wassertiere. Leute, die den Schöpfungsbericht in Schutz zu nehmen suchen in der Weise, dass sie seine naturwissenschaftliche Vernunft behaupten, verweisen gerne darauf, wie sich die Reihenfolge der Entstehung der Tiere in etwa mit dem deckt, was auch heute Stand der Wissenschaft ist. Erst kommen Vögel und Fische, dann erst die Landtiere. Ich weiß nicht, ob das wirklich wichtig ist.

Wichtig ist allerdings, in meinen Augen, dass hier wieder für Gott schuf das Wort  bārāverwendet wird. Ausschließlich von Gott heißt es so. Es ist seine Aktivität, die durch sein Wort und sein Tun zustande kommen. „Mit Leichtigkeit“ (H. Seebass, aaO; S. 76) Mich erinnert das an die Aussage in einem Lobgesang auf die Schöpfung:

   “Da sind große Fische, die du gemacht hast, damit zu spielen.“      Psalm 104, 26

Gott hat sein Vergnügen an der Schöpfung, seine Lust, seine Freude an seinen Geschöpfen in ihrer ganzen Vielfalt. Das vermitteln  auch diese Worte in ihrem Gleichmaß und ihrer Sorgfalt. Jedes darf nach seiner Art leben. Und wie es ist, ist es gut. Man darf von diesen Worten her schon einmal darüber nachdenken, ob Artenschutz, der manchmal übertrieben erscheint, wenn Fledermäuse, Feldhamster oder Salamander-Arten  den Fortgang von Baumaßnahmen verzögern oder gar verhindern, nicht doch hier seine biblische Legitimation hat.

 22 Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden. 23 Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.

Das ist neu gegenüber dem bisher Gesagten. Gott segnete sie. Es gibt einen Segen Gottes über dem Getier der Erde – den Fischen im Meer, den Vögeln in der Luft – und später den Tieren auf dem Land. „Das Erschaffen der Tiere schließt die Fruchtbarkeit (ursprüngliche Bedeutung des Segens) mit ein.“ (C. Westermann, aaO; S. 21) Aber Segen ist mehr als nur Fruchtbarkeit. Sie haben Anteil an der Freude am Leben.

Über den Text 1. Mose weit hinausgreifend, erinnere ich mich an das, was Paulus schreibt: „Das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.“ (Römer 8,19) Darauf wartet die kreatürliche Schöpfung, dass sich an den Kindern Gottes die Wirkung des Segens zeigt und dadurch auch der Segen über die Kreatur, die Tiere, seine Kraft entfalten kann.

            Es gab Zeiten, in denen das den Menschen bewusst war, auch in ihrem Umgang mit Nutztieren. Darum gibt es auch eine hohe Verantwortung der Tierhalter für ihre Tiere. Wie sich das in der Massentierhaltung unserer Tage, in der industriellen Produktion von Fleisch, noch einlösen lässt, weiß ich nicht. Für den biblischen Autor ist es klar: Die Tiere haben Anteil am Segen Gottes.

Die Bächlein rauschen in dem Sand und malen sich an ihrem Rand
mit schattenreichen Myrten;                                                                                                
die Wiesen liegen hart dabei und klingen ganz vom Lustgeschrei                           der Schaf und ihrer Hirten.               P. Gerhardt 1653   EG 503

So steht über dem Werk des fünften Tages der Segen Gottes, wie er auch über dem Werk des sechsten Tages stehen wird.

 24 Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so. 25 Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.

             Es beginnt der sechste Tag der Schöpfung. Sein Beginn vollendet das Werk des fünften Tages. Auch hier geht wieder der Auftrag an die Erde, wie bei den Pflanzen: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier. „Das Tier ist seiner Lebensgrundlage nach total an die Erde gewiesen und aus dieser schöpfungsmäßigen Verbundenheit empfängt es Leben und Tod.“ (G. v. Rad, aaO. S. 44) 

           Es nimmt offensichtlich dem, was da geschaffen ist, hervor gebracht wird, nichts von seiner Würde, nichts von seiner Eigenschaft als Geschöpf Gottes, dass es aus der Erde hervor geht und nicht direkt einem Befehl Gottes entspringt. Es gibt nicht Schöpfung 1. Ordnung, die aus dem Wort Gottes direkt wird und Schöpfung 2. Ordnung, die aus der Erde hervor geht, sozusagen vermittelt ist. Diese Beobachtung könnte auch das Gespräch mit all denen ein wenig entkrampfen, die die Schöpfung in der so trag-kräftigen Theorie der Evolution beschrieben finden. Auch diese Theorie lässt für mich Raum für  das „Und Gott sprach“. Und auch über dem, was so aus der Erde hervorgeht, Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes steht am Ende: Und Gott sah, dass es gut war. Besser geht’s nicht.

Die Herausforderung an unser Glauben und Denken:

Es sind unauffällige, aber deutliche Kritikpunkte an der religiösen Umwelt.  . An der Vergötterung der Natur. Gestirne- nur Lampen. Ganz und gar nicht göttlich. Keine Schicksalsmächte. Mir scheint, dass das bis heute nicht erledigt ist. auch heutzutage wird oft die Natur ins Göttliche überhöht. Zeitgenossen glauben nicht mehr an Gott, wohl aber an „Mutter Erde“, an die Heiligkeit der Natur. Die Weltlichkeit der Welt zu lernen ist eine der Aufgaben, die uns dieses Loblied der Schöpfung stellt. .

 

Wie gut, Du Schöpfer des Himmels und der Erde,dass die Schöpfung Dein Werk ist, dass sie die Zeichen Deiner Güte trägt, unter Deinem Segen steht. Wie gut, dass Du Deine Ordnung in die Welt hinein gelegt hast, den Fluss der Zeiten, den Wechsel von Tag und Nacht, den Raum zum Leben für alles, was auf Erden ist.

Gib Du, dass wir den Geschöpfen Deiner Schöpfung ihren Lebensraum lassen, ihn nicht eng machen, sie achten als Träger Deines Segens, gesegnet wie wir. Amen