Über den Tod hinaus – Neuanfang

Römer 4, 13 – 25

13 Denn die Verheißung, dass er der Erbe der Welt sein solle, ist Abraham oder seinen Nachkommen nicht zuteil geworden durchs Gesetz, sondern durch die Gerechtigkeit des Glaubens. 14 Denn wenn die vom Gesetz Erben sind, dann ist der Glaube nichts und die Verheißung ist dahin. 15 Denn das Gesetz richtet nur Zorn an; wo aber das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung.         

Paulus argumentiert weiter, aber mit neuen Gedanken: Es geht jetzt um die Verheißung an Abraham und seine Nachkommen: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. (1. Mose 12, 2) Bei Paulus wird daraus: dass er der Erbe der Welt sein solle.

            Das hört sich, zumal wenn man es „politisch“ verstehen wollte, gefährlich an, „auf den ersten Blick imperialistisch“.(W. Klaiber, aaO. S. 74) Und mag auch gefährlich gewesen sein in einem Brief, der in die Hauptstadt des römischen Weltreiches geht. Obwohl ich nicht glaube, dass sich irgendwer in Rom für diesen kleinen Haufen von Christen schon zur Zeit der Abfassung dieses Briefes ernsthaft interessiert hat. Jedenfalls kein römischer Geheimdienst. Das ist zu sehr aus der Sicht heutiger Verhältnisse gedacht. Obgleich ja römische Christ*innen beim Platzverweis für die Juden durch Kaiser Claudius mit aus der Stadt gewiesen wurden, unter ihnen Aquila und Priscilla.

Vielleicht hat ja Paulus auch diesen Satz Jesu schon gekannt: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“(Matthäus 5,5) Gewiss kein Programm zur Welteroberung, sondern eines, dass den Besitz der Welt , das Erbe der Welt konsequent mit Machtlosigkeit, mit Friedfertigkeit, mit dem Einstehen für Frieden und der Erwartung Gottes verbindet.

Im Kern geht es Paulus aber darum: Die Verheißung ist nicht an das Gesetz gebunden, auch nicht an Abrahams Treue zum Gesetz. Die Verheißung gewinnt ihre Kraft durch den Glauben. Es ist ein hartes Entweder-oder, das sich hier auftut: Entweder Erben um der Treue zum Gesetz willen oder aber Erben auf Grund des Glaubens. Und dann es klingt wie ein Absage an das Gesetz: Das Gesetz richtet nur Zorn an. Es ist seine Wirkung, dass es Übertretung geradezu provoziert, hervorbringt. Es ist kein Weg zum Leben.  „Über den Tod hinaus – Neuanfang“ weiterlesen

Dss Zeugnis der Schrift: Abraham

Römer 4, 1 – 12

1 Was sagen wir denn von Abraham, unserm leiblichen Stammvater? Was hat er erlangt? 2 Das sagen wir: Ist Abraham durch Werke gerecht, so kann er sich wohl rühmen, aber nicht vor Gott.

            Einmal mehr scheint es, als würde Paulus auf Argumente eingehen, die irgendwie in der Luft liegen. Erst einmal aber wird man sagen müssen: dieser Rückgriff auf Abraham ist nicht den Lesern geschuldet Es mag sein, er hat dabei Juden, die ihn für einen Ketzer halten vor Augen. Oder Juden, die Christus-Gläubige sind, die aber gleichwohl glauben, dass die Botschaft des Paulus gefährlich verkürzt ist, weil sie die Notwendigkeit der Werke leugnet.  „Offensichtlich spricht Paulus damit vor allem zu Gesprächspartnern jüdischer Herkunft und nennt Abraham deshalb unseren Vorvater nach dem Fleisch.“(W. Klaiber, aaO. S. 69) Das heißt aber auch, dass er betont: Ich bin einer von euch. Auch mein leiblicher Stammvater ist Abraham.

Wichtiger ist jedoch das andere: Paulus greift auch deshalb jetzt auf Abraham zurück, weil er ein Schrift-Theologe ist, einer, der an den Schriften der Väter hängt, weil er glaubt, dass sein Glauben an Jesus als den Christus in den Schriften der Hebräischen Bibel seinen Grund und seine Wahrheit hat. Würde die Schrift nicht bezeugen, was er bezeugt, so hätte er keinen festen Grund unter den Füßen. Hier ist sich Paulus ganz einig mit dem späteren Evangelium: „Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind’s, die von mir zeugen.“(Johannes 5,39)

Darum greift Paulus auf die Schrift zurück, weil es ihm um die Einheit des Evangeliums, das er verkündigt, mit den Worten und Wegweisung des Glaubens der Väter geht. Darum hat er ja schon früher betont: Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ist bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Paulus liegt unendlich viel daran, dass er nicht eine neue Lehre oder gar einen neuen Gott verkündigt, sondern dass das, was er sagt, Erfüllung der alten Schriften ist. Darum auch greift er auf Abraham nicht nur aus taktischen Gründen zurück. Es geht ihm vielmehr darum, dass er an Abraham genau das sieht, was er durch Christus glaubt..

Sie alle, Juden und Judenchristen aber auch Christen aus den Heiden, stehen vor der Frage: Was ist der Ruhm Abrahams? Sind es die Werke – ργα? Besteht er damit vor Gott? Vor Menschen mag er so großartig dastehen – wer wäre nicht beeindruckt von diesem Mann und seinem Weg. Aber vor Gott? „Dss Zeugnis der Schrift: Abraham“ weiterlesen

Alles Gnade

Römer 3, 21 –31

21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.

            Nun aber – das ist bei Paulus das Signal für einen Neueinsatz. Einen neuen Gedanken. Einen Grundsatzwechsel. Mit den gleichen Worten Νυν δbeginnt sein jubelndes Zeugnis von der Auferstehung: „Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“(1. Korinther 15,21) Hier also: Nun aber, jetzt ist auf ganz neuer Basis von der Gerechtigkeit die Rede, die vor Gott gilt. Und wieder schwingt Jubel mit. „Es ist sowohl zeitlich als auch logisch zu verstehen“. (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 89)Da ist eine Gerechtigkeit jenseits des Gesetzes. Jenseits der Spielregeln, durch die wir meinen, Gottes Willen gerecht zu werden, ihm zu entsprechen. Über das Gesetz hinaus. Von dieser Gerechtigkeit reden die Propheten und redet das Gesetz, also die ganze Schrift.   

            Dieser Neueinsatz aber geht nicht auf Gedankenspiele des Paulus zurück – nach dem Motto: Ich denke einmal. Sondern er kommt von daher, dass Gott neu gehandelt hat, dass er eine neue Wirklichkeit ins Spiel gebracht hat. Offenbart. πεφανρωται – sichtbar gemacht. Im Griechischen wird hier das Wort gebraucht, das auch verwendet wird, um die Erscheinungen des auferstandenen Christus zu bezeichnen. Ein Geschehen, das in der Gegenwart geschieht und die Gegenwart verwandelt – und damit auch die Zukunft, das Gericht Gottes, verwandeln wird.

Auch daran liegt Paulus: Was er hier sagt und weiter sagen wird, das ist keine Neuerfindung, sondern es ist bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Dieser dürre Satz behauptet nicht mehr und nicht weniger als dies: Diese Gerechtigkeit, die allem Gesetz voraus ist, ist von Anfang an das Thema der Schriften des Alten Bundes. Ins Bild gesetzt sieht das so aus: „Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.“(Matthäus 17,2-3)

22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.

            Das ist die Gerechtigkeit, die Paulus im Blick hat: die durch den Glauben kommt. Aus dem Vertrauen. δι πστεως. Der Glaube schafft diese Gerechtigkeit nicht. Aber er ergreift sie, lässt sie sich zueignen. „Der Glaube, von dem Paulus hier spricht, ist mehr als allgemeines Gottvertrauen., Es geht darum, sich mit der ganzen Existenz auf das zu verlassen, was Gott in Jesus Christus getan hat.“ (W. Klaiber, aaO. S. 58) Es ist ein Glauben, der sich hingibt, loslässt, anvertraut. Nicht ein Glaube, der richtige Sätze über Gott rezitieren kann. Es ist der Glaube, der sich an Christus hängt, an den Heiland Gottes.  Es ist eine Ausweitung auf die Welt hin, zu allen, die glauben. „Damit fällt die Beschränkung auf Israel hin: Gottes Gerechtigkeit wird allen zuteil, die glauben.“ (O. Michel, aaO. S. 90) Weltweit. Unbegrenzt. Der Anfang der Globalisierung des Glaubens.

Denn es ist hier kein Unterschied: 23 sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie  bei Gott haben sollten, 24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.

Noch einmal: alle sind Sünder. Auch das gilt weltweit. Das hat Paulus lang und breit dargelegt. Alle stehen vor Gott im Defizit, unauslösbar. Ohne Unterschied. Aber allen diesen Sündern, Defizit-Sündern ohne Chance auf Wiedergutmachung, gilt eben: Sie werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Im Griechischen steht da: δωρεὰν. Mein Wörterbuch belehrt mich: „umsonst, ohne Grund“. (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch; München 1957; S. 234) Ohne jeden Anhalt bei uns, am Menschen.

Das wird sofort weiter erklärt: Der Grund ist die Gnade, χρις, das Erbarmen. Der Grund für die Erlösung ist allein in Gott zu suchen und zu finden. Er macht gerecht. „Mit  δικαιοσθαι ist gesagt, dass die Einsetzung des Menschen in das göttliche Wohlgefallen durch einen richterlichen Akt geschehe…. Ein δικαιοσθαι findet dann statt, wenn eine Anklage vorhanden ist, die der Richter dadurch erledigt, dass er gerecht spricht.“ (A. Schlatter, Gottes Gerechtigkeit, Ein Kommentar zum Römerbrief, Stuttgart 1985 S. 143) Nicht im Menschen, seinem Tun oder seinem Lassen, sondern allein in Gott ist der Grund der Erlösung. „Alles Gnade“ weiterlesen

Sünder – alle

Römer 3, 1 – 20

1 Was haben dann die Juden für einen Vorzug oder was nützt die Beschneidung? 2 Viel in jeder Weise! Zum Ersten: ihnen ist anvertraut, was Gott geredet hat.

Gibt es Vorsprünge, wenn es um die Nähe zu Gott geht? Zeitlichen Vorsprung? Historischen Vorsprung? Oder Vorsprung lokaler Art? Das weist der Kirchenvater Hieronymus im 4. Jahrhundert zurück: „Sowohl von Jerusalem wie von Britannien aus steht der Himmel in gleicher Weise offen.“ Aber vielleicht ja Vorsprung, Vorzüge durch die Herkunft? Durch die richtige Abstammung? So wie im Bildungswesen die Herkunftsfamilie bis heute darüber entscheidet, wie es um Start-Chancen steht. Oder sind doch – wenigstens vor Gott – alle gleich?

Paulus scheut sich nicht zu sagen: Die Juden haben einen Vorzug: περισσὸς „über das gewöhnliche Maß hinausgehend“(Gemoll Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957., S. 599) Sie sind überreich bedacht, – wenn man so will privilegiert. Ihnen ist anvertraut, was Gott geredet hat. Sie haben die Worte des Alten Bundes, die Worte der Propheten, sie haben das Gesetz. Das macht ihre unverlierbare Würde aus. Gott hat mit den Vätern geredet. Gott hat seinen Bund mit Israel aufgerichtet. Das äußere Zeichen dieses Bundes ist die Beschneidung. Dass es diesen Vorsprung gibt, nimmt Paulus nie zurück. Darum auch immer wieder seine Formulierung: „Zuerst die Juden, danach die Griechen“(1,16; 2,9; 2,10). „die jüdisch-christliche Tradition beruft sich durchgängig auf einen sprechenden Gott, der sich den Menschen zuwendet, sich mitteilt, und ihnen zuhört.“(F. Hofmann, Wie Gott mit uns redet, in: Anders handeln, Verständigung, Hamburg 3/18, S. 34) Dafür ist Israel das Muster-Exemplar. Bleibend bis heute.  

Aber was Würde ist, ist zugleich auch Anspruch, Verpflichtung. Es geht um das Leben, das sich an diesen Worten orientiert, sich durch sie leiten lässt. Das ist die bleibende Verpflichtung Israels: Sich diesem Wort anvertrauen.

3 Dass aber einige nicht treu waren, was liegt daran? Sollte ihre Untreue Gottes Treue aufheben? 4 Das sei ferne!

            An diesem Vorsprung ändert auch das nichts, dass nicht alle Juden diesem Anspruch nachkommen. Die Treue Gottes hängt nicht an der Treue der Menschen. Die Treue Gottes zu Israel hängt nicht daran, dass das ganze Volk Israel als Kollektiv Gott die Treue hält. Beispiele dafür gibt es genug: Gott hält auch nach dem Tanz um das goldene Kalb an seinem Volk fest. Gott beginnt auch nach all den Treulosigkeiten in der Königszeit mit jedem König wieder neu. Gott sucht auch nach dem Untergang im Jahr 586 einen neuen Anfang mit seinem Volk, indem er aus dem Exil zurück führt in das Land der Verheißung. Gott lässt sich nicht durch ihre Untreue „aus dem Konzept bringen“. Gott hält gegen alle Untreue an seiner Treue fest. „Sünder – alle“ weiterlesen

Im Gespräch mit den jüdischen Geschwistern

Römer 2, 17 – 29 

Was folgt, ist fast atemlos geschrieben. Es ist wie aus einem imaginären Gespräch, in dem einer tief Luft holt und dann einen Wortschwall folgen lässt. Die Sätze, Einfälle purzeln regelrecht übereinander. Aber nicht wirr, sondern zielgerichtet.

17 Wenn du dich aber Jude nennst und verlässt dich aufs Gesetz und rühmst dich Gottes 18 und kennst seinen Willen und prüfst, weil du aus dem Gesetz unterrichtet bist, was das Beste zu tun sei, 19 und maßt dir an, ein Leiter der Blinden zu sein, ein Licht derer, die in Finsternis sind, 20 ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen, weil du im Gesetz die Richtschnur der Erkenntnis und Wahrheit hast -:

Wer ist das, den Paulus anspricht, mit ουδαος? Jude! Es ist keine Beschimpfung, die hier folgt. Sondern Paulus führt eine Auseinandersetzung „mit den Ausdrücken der Würde und des Selbstbewusstseins, die der Schriftgelehrte sich selbst zuzulegen pflegt.“ (O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 71)  Wir hören Jude allzu rasch wie ein Schimpfwort. Hier ist es das klare Gegenteil, eine „Ehrenbezeichnung“(U. Wilckens aaO. S. 147). Es geht um den Unterschied zu dem Heiden, um den religiösen Selbstanspruch. Später, im gleichen Brief, wird Paulus von den Juden sagen: „Ihnen gehört die Kindschaft und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch.“ (Römer 9,4-5) Das ist ihr Vorzug, ihr heilsgeschichtlicher Vorrang, ihre Ehre, die Paulus nie bestreitet.

Das findet bei Paulus Anerkennung: Sie verlassen sich auf das Gesetz, sie wissen darum, dass sie zu Gott gehören, sie haben gelernt zu prüfen, zu urteilen, die richtigen Wege zu suchen. Sie sind Leiter, Licht, Erzieher, Lehrer – das alles, weil der Jude, jeder Jude im Gesetz die Richtschnur der Erkenntnis und Wahrheit hat. Alles unbestritten. Paulus denkt gar nicht daran zu sagen: Das kann doch keiner von sich selbst sagen. Vielmehr kennt Paulus das Denken: „Es gehört zu Israels Ruhm, dass es allein Gottes Willen kennt; Israel hat die Aufgabe, durch Gesetz und Belehrung die Menschheit zu unterrichten.“ (O. Michel, aaO. S. 72)

             Mich erinnert das an das Reden Jesu von „den Gesunden, die keinen Arzt brauchen“(Lukas 5,31). Auch daran, dass er dem reichen jungen Mann, als der ihm, als Jesus ihn an das Gesetz verweist, antwortet: „Meister, das habe ich alles gehalten von Jugend auf!“(Markus 10,20), nicht entgegen hält: Das gibt es nicht. Jeder hat Dreck an Stecken, Leichen im Keller. Du auch. „Im Gespräch mit den jüdischen Geschwistern“ weiterlesen

Gegen alle Selbsgerechtigkeit

Römer 2, 1 – 16

1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.

            Ich lese: „Paulus hat in 1, 18 – 32 die Sünde der Menschen (1,18) beschrieben, wie sie der Jude gewohnt ist, dem Heiden anzulasten, während er  sich selbst aufgrund des heilsgeschichtlichen Privilegs Israels als vor Gottes Zorn gesichert glaubt.“(U. Wilckens, aaO. S. 121) Demnach würde jetzt der Adressat der Worte des Paulus wechseln – und angeredet wären Juden. Wenn auch mit der etwas diffusen Anrede o Mensch. Wohl, weil die Juden die sind, die auf die lasterhaften Heiden herab blicken und sie – auch ein wenig hochmütig und selbstgerecht? – verurteilen. So der geradezu einstimmige Schluss von Bibelausgaben und Exegeten. Es geht um „die Schuld der Juden“. (Zwischenüberschrift Lutherbibel 1964) Demnach vermutet der Apostel in der Gemeinde in Rom unter den „Christusanhängern“(G. Theissen, Der Anwalt des Paulus, Gütersloh 2017, passim) auch solche, die eine jüdische Herkunft haben und einer jüdischen Denkweise verpflichtet sind.

Ich gestehe, dass ich damit Schwierigkeiten habe. Mir ist das zu klischee-mäßig gedacht. Stolze, hochmütige, „pharisäische“ Juden, die sich für etwas Besseres halten. Es mag sein, dass in der Gemeinde in Rom Menschen dabei sind, die aus dem jüdischen Volk stammen. Aber ob sie deshalb noch an das heilsgeschichtlichen Privilegs Israels glauben, sich darauf gar verlassen – woher soll ich das aus dem bisherigen Brief wissen?

Für mich haben die Sätze des Paulus auch dann Gewicht, wenn sie nicht an jüdische Heilsgewissheit adressiert sind, oder gar an jüdisch begründete Überlegenheitsgefühle. Worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. Das kann auch ein Satz allgemein christlicher Überzeugung sein, der sich gegen jede Form von selbstgerechtem Urteilen richtet. Der ohne Ansehen der Person die anklagt, die Wasser predigen und Wein saufen. Er ist nicht so weit weg von einem Wort, das von Jesus in den Evangelien überliefert ist. „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Matthäus 7,3) „Gegen alle Selbsgerechtigkeit“ weiterlesen

Dahingegeben – verrückt

Römer 1, 24 – 32

 24 Darum hat Gott sie in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben in die Unreinheit, sodass ihre Leiber durch sie selbst geschändet werden, 25 sie, die Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient haben statt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen.

Aus dieser Verkehrung wird ein Verhängnis: Gott lässt sie jetzt auskosten, was sie sich selbst erwählt haben. Das ist das Gericht, das ist der Zorn Gottes: Sie müssen tun, was sie erwählt haben, werden zu Gefangenen ihres eigenen Weges. Sie kommen aus ihrem Verhaltensmuster nicht mehr heraus. Sie werden zu Gefangenen ihres Leibes, der von ihnen misshandelt wird, entehrt. Absurderweise indem er „bedient“ wird, seine Triebe befriedigt werden. Immer unter dem Motto: Es ist ja nur der Leib. Meldet sich hier verborgen die Kritik an der Abwertung der Leiblichkeit, wie sie in manchen Kreisen aus dem griechischen Umfeld und der Gnosis beeinflusst ist?

Es ist eine verhängnisvolle Verwechselung von Schöpfer und Geschöpft, die das Geschöpf vergöttlicht und dem Schöpfer die Ehre schuldig bleibt. Es wirkt, als wollte Paulus sich selbst schützen vor dieser unmöglichen Möglichkeit, wenn er seinen Hinweis auf den Schöpfer so abschließt: der gelobt ist in Ewigkeit. Amen. Das klingt für mich danach: Ich, Paulus, jedenfalls will nicht aufhören, den Schöpfer zu loben.

 26 Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; 27 desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen.

            Preisgegeben. Ausgeliefert. Dahingegeben. Gleich dreimal kommt dieses Wort παρδωκεν in dieser Passage – V. 24, V. 26, V. 28. Das Wort macht etwas deutlich von dem, wie Gottes Zorn nach dem Verständnis des Paulus wirkt: Er liefert Menschen aus an ihre Taten. Sie werden Gefangene ihres Tuns. Es gibt, so Paulus, einen von Gott gesetzten Zusammenhang von Tun und Ergehen, in den der Mensch sich hinein manövriert und aus dem er sich nicht selbst lösen kann.

Wir werden, was wir tun. Hier in V. 26 geht es ihm um eine aus Rand und Band geratene Sexualität. Widernatürlich nennt Paulus sie. Es geht um ein „fehlgerichtetes Streben, in dem der Mensch zu sich selbst zu kommen sucht auf Kosten seiner Nächsten.“(U. Wilckens, aaO. S. 108) „Dahingegeben – verrückt“ weiterlesen

Die Handschrift des Schöpfers

Römer 1, 18 – 23

18 Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.

             Viermal wird Paulus seine Sätze mit „denn“ beginnen. Wechselnd zwischen γρ und διτι. Beides sind nicht nur Füllworte, sondern Zeichen einer Argumentationskette. Ein Satz folgt aus dem anderen, erklärt sich aus dem Vorhergehenden. Was Paulus hier sagt, ist die dunkle Folie, das Gegenüber zu seinem früheren Satz: Denn darin (Ich erläutere: im Evangelium) wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Das Evangelium beschreibt Geschehen auf der Erde, genau genommen: Es zeigt Jesus als den Christus Gottes. Dem steht der Zorn Gottes  gegenüber, der vom Himmel her offenbart ist. „Was vom Himmel her kommt, trägt Gottes Art an sich.“(O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 52) Es ist kein Zorn nach menschlicher Weise, auch nicht der menschliche Aufschrei über das Unrecht der Welt.

 Aber auch der Zorn Gottes zeigt sich nicht wie von selbst. Von selbst  sehen wir nur das Chaos der Weltgeschichte, das Chaos des eigenen Lebens. Dass sich darin und dahinter Zorn Gottes zeigt, kann nur der erkennen, der geöffnete Augen hat. Das ist die Botschaft der Blindenheilungen in den Evangelien: Die Wirklichkeit Gottes in der Welt sieht, wem die Augen aufgetan worden sind. Darum sagt Paulus: Der Zorn wird offenbart, aufgedeckt. „Die Handschrift des Schöpfers“ weiterlesen

Kein Alleingang

Römer 1, 8 – 17

8 Zuerst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle, dass man von eurem Glauben in aller Welt spricht.

Das ist nicht nur üblicher Briefstil, dem Paulus hier folgt. „Es liegt der Versuch vor, eine persönliche Beziehung zwischen Paulus und der Gemeinde herzustellen.“(O. Michel, Der Brief an die Römer, KEK NT,  Göttingen 1955, S. 36) Ihr Glauben  – πστις – ist für ihn ein Zeugnis der Kraft Gottes. Auch in Rom gibt es Christen. Wie anders sollte er damit umgehen können, als sich zu freuen und Gott dafür zu danken. Dass es Glauben gibt, in Rom und anderswo, ist ein Grund zur Anbetung Gottes. Dass sie ihren Glauben so leben, dass man in aller Welt von ihrem Glauben spricht, ist erst Recht Grund zur Freude. „Die ganze Gemeinde wird dem Apostel zum Grund seines Dankes; er schließt niemand aus.“ (O. Michel, aaO. S. 37) Es mag sein: „Die Rede vom „weltweiten Echo“ ist gewiss eine für die Empfänger schmeichelhafte Übertreibung.“ (K. Haacker; Der Brief des Paulus an die Römer, Theol. Handkommentar zum Neuen Testament, Bd. 6, Leipzig 1999, S. 32) Und doch: Sie verstecken sich nicht. Sie sind in einer heidnischen Umwelt als Christen erkennbar.

 9 Denn Gott ist mein Zeuge, dem ich in meinem Geist diene am Evangelium von seinem Sohn, dass ich ohne Unterlass euer gedenke 10 und allezeit in meinem Gebet flehe, ob sich’s wohl einmal fügen möchte durch Gottes Willen, dass ich zu euch komme. 11 Denn mich verlangt danach, euch zu sehen, damit ich euch etwas mitteile an geistlicher Gabe, um euch zu stärken, 12 das heißt, damit ich zusammen mit euch getröstet werde durch euren und meinen Glauben, den wir miteinander haben.

Aus dem, was Paulus gehört hat über die Christen in Rom ist bei ihm der Wunsch erwachsen, sie zu sehen, zu ihnen zu kommen, sie kennen zu lernen. Dass dieser Wunsch in Erfüllung geht, darum bittet er. Es ist eine regelreche Beschwörung seiner Wahrhaftigkeit, wenn er sagt: Gott ist mein Zeuge, dem ich in meinem Geist diene. Das ist hoch gegriffen. Aber es sagt schlicht: „Der Dienst für Gott beherrscht ihn durch und durch, bis in  sein Innerstes hinein.“(W. Rebell, Erfüllung und Erwartung, München 1991, S. 180) Auch bis in sein äußeres Verhalten, deshalb, weil er seine Reisepläne nicht selbst ausarbeitet nach strategischen Gesichtspunkten, sondern abhängig ist vom Willen Gottes. Gott möge es fügen. Aber auch so wird deutlich: Er ist innerlich verbunden mit den römischen Christen, auch wenn er sie bislang nicht gesehen hat.   „Kein Alleingang“ weiterlesen

Selbstbewusst demütig – Knecht Christi

Römer 1, 1 – 7

1 Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes, 2 das er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der Heiligen Schrift, 3 von seinem Sohn Jesus Christus, unserm Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, 4 und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten.

Was für ein langer Satz. Einer, in dem Paulus sagt, wer er ist, wie er sich versteht. Und einer, mit dem er schon einmal anfangsweise das Thema benennt.

Paulus stellt sich der Gemeinde vor. Unter Verzicht auf alle biographischen Daten. Aber unter Betonung aller Daten seines Selbstverständnisses. Ein Knecht Christi Jesu ist er. Sklave heißt das griechische Wort δολος. Nicht irgendein Sklave, sondern ein Sklave Jesu Christi. Kein freier Mann mehr. Kein autonomer Mensch. Unter Befehl. Das sagt Paulus und es klingt selbstbewusst. Weiß doch der Theologe Paulus, dass Knecht Gottes bei Jesaja ein Würdenamen ist. Eine regel-rechte Hoheitsbezeichnung. Das macht seine Würde aus, dass er Sklave Jesu Christi ist.

So geht es auch weiter: berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes. Es ist ihm eine Aufgabe anvertraut, wie sie größer nicht sein kann: Das Evangelium, die gute Nachricht auszurufen, unter die Menschen zu bringen, auch nach Rom.

Es ist eine ziemliche Herausforderung. Paulus verlangt von seinen Lesern, dass sie auf ihn hören, ihn lesen, nicht weil er eine große Herkunft hat, ein kluger Theologe ist, für eine Geschichte der Frömmigkeit steht, sondern nur deshalb, weil Christus hinter ihm steht, weil er berufen ist, ausgesondert. φωρισμνος So wie ein Jeremia ausgesondert worden ist, von Mutterleib an. So wie er es auch an die Gemeinden in Galatien geschrieben hat: „Als es aber Gott wohlgefiel, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch seine Gnade berufen hat…“(Galater 1,15) Das alles sind keine biographischen Notizen, sondern geistlich-theologische Deutungen seines Lebens.

 Seine Autorität ist freilich auch dadurch nicht sichtbar, nicht festgemacht an nachprüfbaren Fakten, nicht bestätigt durch Anerkennungsschreiben aus Jerusalem: Sie beruht allein auf dieser Zugehörigkeit zu Christus, unserem Herrn. Wenn die Römer das anerkennen, werden sie auch seine Autorität anerkennen. Zugleich gilt: Paulus schreibt nicht im luftleeren Raum. „In Römer 1,3f stoßen wir auf eine vorpaulinische Glaubensformel… Paulus setzt dieses vorformulierte Glaubensbekenntnis ein, um der römischen Gemeinde, in der er noch nicht persönlich bekannt ist, zu zeigen, dass er fest im überlieferten Glauben steht.“(W. Rebell, Erfüllung und Erwartung, München 1991, S. 36)So baut er ihnen eine Brücke – er steht im gleichen Glauben wie wir ihn kennengelernt haben.  „Selbstbewusst demütig – Knecht Christi“ weiterlesen