Lass es gut sein

Matthäus 3, 13 – 17

 13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.

            Wieder, wie schon in 3,1: Zu der Zeit. ν δ τας μραις.  In diesen Tagen, als so viele zu Johannes strömen. Jesus ist einer unter diesen vielen. Einer, der sich zielgerichtet auf den weiten Weg macht, von Galiläa nach Judäa, an den Jordan. Warum? Ist er angesprochen von dem, was man über Johannes erzählt, was als seine Predigt weiter gesagt wird? Ist er innerlich genötigt? Er ist nicht nur einer, der einmal seine Neugier befriedigen will. „Er kam nicht bloß als Zuschauer, um aus der Ferne zu betrachten, wie Johannes die Sünder bekehrte und die Reuigen aufrichtete.“(A Schlatter,  Das Evangelium Nach Matthäus, Stuttgart, 1977, S. 32)  Er kommt mit dem ausgesprochenen Vorsatz, dass er sich von ihm taufen ließe.

14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?

Sofort türmen sich die Fragen: Warum wehrt Johannes sich gegen Jesu Taufanliegen? Im Nachhinein ist das verständlich. Aber im Gang der Geschichte doch nicht. Da steht ein jüdischer Mann vor Johannes wie tausend andere. Kein Heiligenschein. Matthäus weiß nichts zu berichten von Augen, die zwingen, von einer Ausstrahlung, die unwiderstehlich ist. Er sieht eben nicht „eine eigenartig zwingende Hoheit in Jesu Haltung und Antwort.“(J. Wilkens, aaO.  S. 35) Keine Andeutung von einem Wesen, das sofort ahnen lässt: Hier ist mehr im Spiel.

Nichts dergleichen. Aber Johannes sagt: Verkehrte Welt. Dass Petrus das sagen wird, in der Nacht der Fußwaschung, dass er Einspruch erhebt: „Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!“(Johannes 13,6-8) das ist ja nach einem gemeinsamen Weg durch Jahre hin einigermaßen einleuchtend. Aber hier bei Johannes? Er ist doch der, der Zulauf ohne Ende hat, zu dem die Menschen nur so strömen, auch dieser Jesus.

Was also ist es, das Johannes so abwehren lässt? Unter Exegeten wird öfters gemutmaßt, dass Jesus ursprünglich ein Johannes-Jünger gewesen sein könnte, der sich dann von ihm gelöst hätte. Ich halte das nicht für schlüssig. Wenn es so gewesen wäre, dann müsste hinter der Frage ja Bitterkeit stecken: Wenn du schon weggehst, warum dann noch die Taufe? Was versprichst du dir davon? Aber nichts ist in dieser Richtung spürbar. 

Oder – auch das ist eine Überlegung wert: Meldet sich in der Abwehr des Johannes die Irritation der christlichen Gemeinde, die von einer Taufe Jesu durch Johannes wusste und es sich nicht erklären konnte, warum er sich hat taufen lassen? „Kann denn Jesus Christus sich unter Johannes stellen?“(E. Schweizer, aaO.  S. 28) Sofort aber möchte ich zurückfragen: Ist denn sich taufen Lassen ein sich Unterstellen? Wenn ja, dann doch nicht unter den Taufenden, sondern unter den, in dessen Namen und Vollmacht die Taufe geschieht, also unter Gott. Diese „Unterstellung“ wird dann auch folgerichtig in der nächsten Erzählung erkennbar.

Es wird nichts erklärt. Ich glaube, dass das erzählerische Absicht ist. Es ist einer der Augenblicke – ich liebe dieses Wort: Augen-Blicke -, in denen sich unendlich viel entscheidet. Ohne jede Begründung entscheidet. Matthäus lässt uns erzählend keine Wahl: Johannes weiß es einfach, jetzt, in diesem Augenblick, dass es so nicht stimmt. Er weiß es, aus unerklärlichem Durchblick, so würde ich das  Matthäus-Evangelium mit einem späteren Satz zitieren: „Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“(16,17) 

Es gibt diese merkwürdige Erfahrung: Plötzlich ist alles klar. Aber nicht erklärbar. Woher diese Klarheit kommt – keine Ahnung. Wenn mich einer fragt, warum ausgerechnet Jesus, kann ich lange reden, viel erklären, Bibel zitieren. Aber am Ende aller Worte ist ein Punkt erreicht, wo ich mir und dem Gesprächspartner eingestehen muss: Hier ist das Ende alles Erklärens und aller Erklärungen erreicht. Es ist einfach so: Jesus ist der, an dem ich hänge. Ohne Wenn und Aber, ohne warum und weshalb.

 15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.

            Johannes „wehrt sich entschieden. Und ist doch wehrlos.“(J. Wilkens, aaO. S. 73) Die Antwort Jesu – das erste Wort Jesu im ganzen Evangelium! – kein Argument. Lass es jetzt geschehen! Lass es einfach zu. Wunderbar, im Englischen steht da: „Let it be“ (English Standard Version) Wer hört das nicht sofort auch als Melodie? Aber warum? Alle Gerechtigkeit soll so erfüllt werden – das ist Auftrag, Herausforderung an Johannes und Jesus. Jetzt, in diesem Augenblick. Zugleich ist es ein Wort, das den ganzen Weg Jesu, wie ihn Matthäus sieht, kennzeichnet.

Alle Gerechtigkeit erfüllen – πληρσαι πσαν δικαιοσνην – zwei Schlüsselworte im Evangelium des Matthäus – sowohl erfüllen als auch Gerechtigkeit. Worte der Schrift werden erfüllt, Verheißungen Gottes werden erfüllt. Das, worauf das Gebot abzielt, wird verwirklicht. So wäre im Wort Jesu hier schon angedeutet: Jesus folgt einer Wegweisung, die der Täufer nicht kennen kann. Sein Kommen zur Taufe ist Gehorsam und Erfüllung.

Gerechtigkeit meint anderes und mehr als wir heute hören. Wir kennen Verteilungsgerechtigkeit, wir fordern Lohn-Gerechtigkeit und hoffen auf Gleichheit vor dem Gesetz als Gerechtigkeit. Ohne Ansehen der Person. Biblisch hat Gerechtigkeit ein anderen Klang: sie „beschreibt ein Verhalten, das einer Gemeinschaft, einer Beziehung oder einem Menschen gerecht wird.“(W. Klaiber, aaO. S. 57)Im Schritt zur Taufe wird Jesus Gott gerecht, der ihn zu den Sündern sendet und wird er den Sündern gerecht, die er so mit sich verbindet.  Er „tritt in die vollständige Gemeinschaft mit seinem Volk.“(A. Schlatter, aaO. S. 34)     

Die Taufe als ein Schritt zur Erfüllung der Gerechtigkeit. „Die Rechtsordnung Gottes besteht darin, dass der Messias, der Gottkönig, sich zu seinem Volk hält, dass der Knecht Gottes für die vielen eintritt (Jesaja 53,12). Jesus stellt sich mit denen zusammen, die Sünder sind.“(J.  Schniewind, aaO.  S. 27) Jesus reiht sich ein in die Reihen derer, die erste Schritte zur Umkehr tun wollen. In die Reihe derer, die sich dem nahe gekommenen Himmelreich öffnen wollen. In die Reihen derer, die ihre Sünden bekennen. Er wird einer von ihnen.

Ich denke also, dass ich nicht zu weit gehe, wenn ich das als Erfüllung aller Gerechtigkeit  lese, dass er auf die Seite der Schuldigen tritt, ihre Schuld zu seiner macht und am Ende das Kreuz auf sich nehmen wird, Schuldspruch der Menschen und Gericht Gottes über aller Menschenschuld (J. Klepper) in einem. Ich lese diesen ersten Satz Jesu wie einen Programm-Satz über seinen Weg, der nun beginnt. Auftakt des Weges, auf dem alle Gerechtigkeit erfüllt wird. Der erste Schritt.

Da ließ er’s geschehen.

Überwunden durch diese Worte lässt Johannes es geschehen. Tauft er Jesus. Kein überflüssiges Wort. Nichts zu den Umständen, zur Art und Weise. Erzählt wie in einem Nebensatz. Wohl auch deshalb nicht, weil alle Leser*innen des Evangeliums Bilder von Taufe vor Augen hatten. Sie wussten, wie das geht, dieses Untertauchen und empor gehoben werden aus dem Wasser.

 16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. 17 Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

             Der erste Satz ist eine Selbstverständlichkeit. Jesus steigt sofort aus dem Wasser. Ευθύς. Nicht eilig, aber sogleich. Er nimmt ja schließlich kein Bad in diesem Wasser. Dann aber folgt, was nicht mehr selbstverständlich ist: Der Himmel öffnet sich. „Nur wo sich der Himmel wirklich auftut, wird Gott den Menschen zugänglich.“(E. Schweizer, aaO.  S. 27) Darum aber wird es im nachfolgenden Evangelium wieder und wieder gehen, dass Gott zugänglich wird, sich zugänglich macht. „Die Trennung zwischen der Welt Gottes und der Welt der Menschen – durchbrochen.“(W. Klaiber, aaO. S. 58) Der Himmel wird sich über Jesus nicht mehr verschließen – und darum auch nicht über denen, die ihm glauben, vertrauen. Wir leben seit der Taufe Jesu unter dem geöffneten Himmel.

Er sah – das kann man nur so lesen: Jesus widerfährt eine Vision. Er sieht keinen Engel, keinen Lichtglanz der Herrlichkeit. Er sieht den Geist Gottes wie eine Taube – ob die Anderen am Taufort das alles auch sehen, interessiert Matthäus nicht. Das unterscheidet ihn vom Evangelisten Johannes. Der überliefert als Wort des Täufers: „Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm.“ (Johannes 1,32) Bei Matthäus sieht nur Jesus.

Aber die Stimme aus dem Himmel richtet sich nun – merkwürdigerweise – nicht an den getauften Jesus, sondern an die, die da „Taufzeugen“ sind. Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Nicht „Du bist“ (Lukas 3,22; Markus 1,11)! Keine ermutigende Anrede an Jesus, kein rückenstärkendes Wort für seinen Weg, sondern eine erste Proklamation vor aller Welt. Von Anfang an soll es die Welt wissen, wer da auf die Bühne tritt.

Auch das steckt in diesem Satz: Es ist der Wille Gottes, dass in Jesus der Sohn erkannt wird. In ihm, der alle Gerechtigkeit erfüllt. Der „der Gehorsame und Demütige“(U.  Luz, aaO.  S. 156) ist. Darin wird er als der erkannt wird, dem das Wohlgefallen Gottes gilt. εδοκία. An Jesus glauen ist nichts anderes als das Wohlgefallen Gottes an ihm teilen lernen. So steht am Anfang des Weges Jesu der Gehorsam, der nichts will als den Willen des Vaters. Und an diesem Weganfang steht das Zeugnis des Himmels über Jesus. Wie immer der Weg Jesu auch aussehen mag, als ein Weg nach unten, in die Einsamkeit, missverstanden von den Menschen, ausgeliefert und zum Spottbild gemacht, einer, dem die Mächtigen ein schreckliches Ende bereiten   – über ihm steht das Wohlgefallen Gottes.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Am Anfang des Weges Jesu steht der Gehorsam, der nichts will als den Willen des Vaters.  Mit dem Gehorsam haben wir es nicht mehr so, seid die Gehorsamsforderung in der deutschen Geschichte schändlich missbraucht worden ist. Sie wird bis heute missbraucht. Und doch gehört sie zum Wesen des Glaubens – so kann Paulus sagen:  Durch Jesus Christus  haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, den Gehorsam des Glaubens um seines Namens willen aufzurichten unter allen Heiden.“(Römer 1, 5) Ein Gehorsam, der aus dem Vertrauen schöpft.  

An diesem Weganfang steht vor allem das Zeugnis des Himmels über Jesus. Wie immer der Weg Jesu auch aussehen mag, als ein Weg nach unten, in die Einsamkeit, missverstanden von den Menschen, ausgeliefert und zum Spottbild gemacht, einer, dem die Mächtigen ein schreckliches Ende bereiten   – über ihm steht das Wohlgefallen Gottes. Dieses Zeugnis ist geeignet, Vertrauen zu schaffen.

 

 Jesus, getauft wie unser einer, eingereiht unter die Sünder, eingetaucht in die Fluten,  die den Tod bringen – Dich schaue ich an. Dich sehe ich. Einen jüdischen Mann, durch nichts zu unterscheiden von den vielen, die vor Dir, neben Dir, hinter Dir stehen.

Und doch. Es gibt den einen Augenblick in meinem Leben, in dem mir die Augen aufgegangen sind ohne mein Zutun, ohne mein Denken, ohne mein Wollen. Seitdem sehe ich Dich an und glaube der Himmelsstimme: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Ich danke Dir für das Geschenk des Glaubens. Amen