Ein freier Rufer

Matthäus 3, 1 – 12

 1 Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa 2 und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! 3 Denn dieser ist’s, von dem der Prophet Jesaja gesprochen und gesagt hat (Jesaja 40,3): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!«

Ganz unbekümmert knüpft Matthäus an: ν δ τας μραις. In diesen Tagen. Dabei ist es ein Zeitsprung von etlichen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, zwischen der Rückkehr aus Ägypten, der Ansiedlung der „heiligen Familie“ in Nazareth  und dem Auftreten des Täufers. Für Matthäus aber rücken diese Zeiten zusammen, weil sich in ihnen die Zeit verdichtet.

Es ist viel mehr als eine geographische Notiz: In der Wüste von Judäa tritt der Täufer Johannes auf. Muss er auftreten, damit sich die Schrift erfüllt mit ihrem Wort von der Stimme eines Predigers in der Wüste. Mit diesem Zitat wird zugleich deutlich, wer der Täufer ist. Der Wegbereiter. Der Vorläufer. Johannes ist nicht der, auf den zu warten ist. Nicht der Erwartete.

            Seine Botschaft: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Umkehr, μετάνοια  predigt der Täufer.  Ist das seine  Antwort auf das diffuse Warten und Hoffen des Volkes? Es mag ja stimmen: „Es gibt Zeiten der Not, des Elends und der Erniedrigung, in denen die Hoffnung auf kommende Herrschaft gewaltig durch das Volk geht.“(J. Wilkens, Der König Israels; Die urchristliche Botschaft, Abt.1 Matthäusevangelium, 1. Halbband, Berlin 1934, S. 68)  Aber hier ist auch zwischen den Zeilen nicht die geringste Andeutung zu finden, dass dieser Ruf des Johannes von solch einem Warten ausgelöst ist. Dieser Ruf ist ausgelöst durch die Anweisung aus einer anderen Welt, aus der Sphäre der Ewigkeit Gottes. Und er zielt auf mehr als darauf, ein paar neue Gedanken zu denken. Mehr auch als eine neue Gesinnung. Das Wort will eine neue Lebenspraxis. Und sie ist möglich und nötig, weil  das Himmelreich nahe herbeigekommen ist.

       Das Himmelreich, βασιλεα τν ορανν ist ein Ausdruck, der so nur bei Matthäus begegnet. Da aber gleich 32-mal. Die geläufigere Wendung bei den anderen Evangelisten ist das „Reich Gottes“. Βασιλεύειν, königlich herrschen, ist die Verbform, die beide Wendungen verbindet. Auch sie ist bei Matthäus häufiger als bei allen anderen Evangelisten zu finden. Vom theologischen Inhalt her sind diese beiden Wendungen – Reich der Himmel und Reich Gottes – nicht wirklich deutlich unterschieden. Es kann sein, dass Matthäus mit seiner Wendung einen Sprachgebrauch aufnimmt, der ihm aus der Gemeinde vertraut ist. Oder, dass er, aus dem Judentum kommend, das direkte Reden von Gott aus Ehrfurcht vor dem Gottesnamen meidet und deshalb vom Himmel spricht.  Auch Evangelisten schreiben nicht im luftleeren Raum. 

 4 Er aber, Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig.

Johannes wirkt, sicherlich nicht zufällig, wie ein Asket. Der seltsame Richter Simson kann einem bei dieser Botschaft einfallen. Mit der knappen Andeutung seiner Kleidung und seiner Speisen wird nur die Fremdheit des Täufers seiner Umwelt gegenüber unterstrichen. Jetzt ist „keine Zeit mit Eitelkeiten und vergänglichem Genuss zu verlieren.“(A Schlatter,  Das Evangelium Nach Matthäus, Stuttgart, 1977, S. 23) Er redet aus einer anderen Wirklichkeit und lebt aus einer anderen Wirklichkeit als die, die sich zu ihm auf den Weg machen.  Er ist in der Wüste. Dort, wo Gott seine erste Liebe, Israel, geführt und gehegt hatte. Wer zu ihm kommen will, muss sich aufmachen, auf den Weg aus der Stadt.

 5 Da ging zu ihm hinaus die Stadt Jerusalem und ganz Judäa und alle Länder am Jordan 6 und ließen sich taufen von ihm im Jordan und bekannten ihre Sünden.

Das freilich ist bemerkenswert: Es ist eine richtige Massenbewegung, die sich aus der Stadt Jerusalem und ganz Judäa und allen Ländern am Jordan auf den Weg macht zu dem Täufer. Eine Massenbewegung, die ihren Gipfel darin findet, dass sie sich taufen lassen im Jordan und ihre Sünden bekannten.

Diese Reihenfolge ist nicht zufällig und auch nicht einfach umkehrbar. Die Taufe setzt das Bekennen der Sünden frei. Das Bekennen ist nicht die Voraussetzung für die Taufe.  Vielleicht darf man allerdings überlegen: “Indem der Jude in den Jordan hinunterstieg, gab er seinen Ruhm gerecht zu sein, auf und stellte sich offenkundig vor Gott und Menschen als Sünder dar.“A Schlatter,  aaO. S. 24)  Der Schritt zur Taufe ist der Anfang des Bekennens; die Worte sind „nur“ nachgeschoben. So fehlt bei Matthäus auch, was Markus über die Taufe des Johannes sagt: Johannes „predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden.“(Markus 1,4) Der Ruf zur Taufe ist in sich hinreichend Ruf zur Umkehr.

 7 Als er nun viele Pharisäer sah zu seiner Taufe kommen, sprach er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? 8 Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße!

                  Unter den Massen, die kommen, sind auch viele Pharisäer und Sadduzäer. Normalerweise nicht die Leute, die sich unter das Volk mischen. Sie sind sich ihrer Frömmigkeit sicher. Was also suchen sie hier, bei diesem Umkehr-Prediger? „Ob sie sich taufen lassen wollten, bleibt offen; vielleicht kommen sie zu seiner Taufe nur als Beobachter.“ (W. Klaiber, Das Matthäus-Evangelium. Teil 1, Neukirchen 2015, S. 54) Die Worte des Johannes sind eine harte Attacke, ein Angriff, der unvermittelt ist und durch nichts erklärt wird. Die ersten Leser des Evangeliums aber werden lesen und verstehen: So wie sie uns heute begegnen, so sind sie schon dem Johannes gegenüber getreten.

Johannes sieht in ihnen Schlangenbrut. Falsche Leute. Heuchler? Er unterstellt, dass sie sich sicher sind, dem künftigen Zorn zu entrinnen. Es ist ein Anknüpfen an die Botschaft der alten Propheten, ob Jesaja oder Jeremia oder Hosea, die alle der Selbstsicherheit: `Wir sind Gottes Volk und uns kann deshalb nichts geschehen’, entgegentreten.

Wie die alten Propheten fordert Johannes nur eines: Rechtschaffene Frucht der Buße! Seine Botschaft ist nicht ein Ruf zu einer irgendwie spirituell motivierten Askese. Auch nicht dazu, das Leben ein wenig zu bessern. Er will radikale Umkehr. Rechtschaffen. „Frucht ist das, was aus einer Grundhaltung des Herzens „wächst“ und nicht einfach „getan“ werden kann.” (E. Schweizer, aaO.  S. 25) Leben, das den frommen Worten entspricht. Leben, das sich ganz Gott zuwendet und sich abwendet von den eigensinnigen Wegen.

9 Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen könntet: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.

            Mit schneidender Schärfe entwindet Johannes Argumente, die seine Worte entschärfen könnten. Die Berufung auf Abraham. Das trifft das Selbstverständnis jüdischer Hörer im Nerv: Die Abrahams-Kindschaft ist mehr als ein bloßes Identifikationsmerkmal. Sie ist das Vergewissern einer Segenslinie, die bis zu diesem Tag nicht aufgehört hat. Johannes tritt dem entgegen. Die Worte des Johannes tauchen bei Lukas umgewandelt und doch in einer Nähe zu der Stelle hier im Mund Jesu erneut auf: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ (Lukas 19,40) antwortet Jesus auf die entrüstete Aufforderung der Pharisäer, seine Jünger zum Schweigen zu bringen.

10 Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum: jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

             Die Bußpredigt, der Ruf zur Umkehr geht weiter. Es ist hohe Zeit, sich auf den Weg zu machen, neue Schritte zu gehen. Es ist eine Eigenart aller Umkehr-Predigt, zu allen Zeiten, dass sie nicht von Optionen redet, die man wahrnehmen kann oder auch nicht, sondern dass sie die Umkehr dringlich macht. Der Ruf zur Buße ist immer ein Ruf ins Heute und nicht in irgendein unbestimmtes Morgen.  

11 Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. 12 Er hat seine Worfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne fegen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer.

            Johannes weiß sich als den Vorläufer. Er weiß, dass nach ihm ein Anderer kommen wird, ein Stärkerer. Einer von ganz anderer Art als er es selbst ist, der Prediger in der Wüste. Dieses Wissen des Johannes um seine Rolle wird im Johannes-Evangelium besonders herausgestellt.  „Ihr selbst seid meine Zeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Christus, sondern vor ihm her gesandt. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun erfüllt. Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Johannes 3,28-30) So abgeklärt kann Johannes bei Matthäus nicht reden.

In den Worten hier ist deutlich: Johannes erwartet als den Kommenden den Richter. Den Weltenrichter. Den, der die Ernte Gottes an ihr Ziel bringt, seinen Weizen in die Scheune sammelt. Er sieht das Ende nahe. Und mit dem Kommenden den, der das Ende bringt.

Herausforderungen an unser Denken uund Glauben:

Ich habe insgesamt den Eindruck, dass sich in dieser ganzen Szene die Auseinandersetzung der jungen christlichen Gemeinde mit Gruppen aus dem Judentum widerspiegelt. Es geht um das Recht, sich auf Abraham zu berufen, ein Recht, das zum Beispiel Paulus explizit in Anspruch nimmt: „Deshalb muss die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, damit sie aus Gnaden sei und die Verheißung festbleibe für alle Nachkommen, nicht allein für die, die unter dem Gesetz sind, sondern auch für die, die wie Abraham aus dem Glauben leben. Der ist unser aller Vater“ (Römer 4, 16) Es geht den Evangelisten nie nur um einen historischen Bericht, wie es früher wohl war. Es geht ihnen in ihrem Erzählen, Berichten, Predigen immer um eine Wegweisung im Heute für ihre Gemeinde. Für mich sind die Evangelien Predigten, damals an ihre Gemeinden, die neues Predigen hervorbringen, heute, in unsere Zeit.

 

Mein Gott, wie oft warte ich auf einen wie Johannes, auf einen, der mit schneidender Schärfe die Wahrheit sagt, die Heuchelei entlarvt, sich nicht duckt vor den Mächtigen, keine Furcht kennt, der allein Dir und Deinem Wort folgt.

Mein Gott, ich bin nicht wie Johannes. Ich habe Angst vor den scharfen Worten, der Wahrheit ohne Kompromiss. Ich versuche Brücken zu bauen, sogar ins Niemandsland. Ich frage oft genug, welchen Preis die Wahrheit für mich haben wird.

Mein Gott, lass mich tapfer sein, wenn die Angst mich schweigen lassen will, mutig, wenn der Gegenwind mich umdrehen lassen will. Sei Du mir so nahe, dass ich alle Angst um mich vergessen kann. Amen