Gottes Plan – ein langer Weg

Matthäus 1, 1 – 17

 1 Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.

Mit einem ersten großen Satz wird das Thema genannt. Es geht um die Geschichte Jesu Christi. Ganz so einfach ist es aber dennoch nicht. Ββλος γενσεως – diese Wendung wird vielfältig so übersetzt: „Buch des Ursprungs“ (Neue evangelistische Übersetzung); „Stammbaum“ (Einheitsübersetzung); „Geschlechtsregister“(Schlachter); „Dieses Buch berichtet über die Herkunft und Geschichte von Jesus Christus“ (Gute Nachricht). Wörtlich steht da „Buch der Abstammung“. Eine neue Genesis. Ein neuer Anfang Gottes am Anfang des Neuen Testaments.

Der Satz kann als Überschrift, Inhaltsangabe für das ganze nachfolgende Evangelium gelesen werden. Es klingen für Israel hoch bedeutsame Wendungen an: „Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde, da sie geschaffen wurden.“(1. Mose 2,4) und im gleichen Buch:  „Dies ist das Buch von Adams Geschlecht.“(1. Mose 5,1) Hört man das mit, wird die Wendung theologisch voll Fülle. Was hier erzählt wird, ist der Beginn der neuen Schöpfung. Mit Jesus Christus kommt die Welt in eine neue Wirklichkeit, analog zur Schöpfung am Anfang.

Das Problem, das sich allerdings stellt: Der Satz kann auch enger verstanden werden. Man kann ihn nur auf den unmittelbar folgenden Stammbaum bezogen lesen. „die Überschrift signalisiert: „Hier folgen Informationen über die Herkunft Jesu Christi, und zwar in der Form eines Stammbaums.“(W. Klaiber, Das Matthäus-Evangelium. Teil 1, Neukirchen 2015, S. 21) Danach geht es „nur“ um seine Herkunft. Es spricht manches dafür, dieser eher „bescheidenen“ Deutung den Vorzug zu geben. Der leise Ton liegt näher als der große Posaunenklang.

Jesus wird bezeichnet als Sohn Davids, der wiederum, wie jeder Jude  Sohn Abrahams ist. Wir haben also sowohl einen besonderen, messianisch gefärbten Titel als auch eine allgemeine Einzeichnung in das Judesein vor uns. Sohn Abrahams zu sein konnte jeder Jude von sich sagen. Jesus ist Jude. In dieser Verknüpfung der Herkunftshinweise liegt vielleicht eine frühe Variante des viel späteren Bekenntnisses vor: „Wahrer Gott und wahrer Mensch.“

 2 Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. 3 Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. 4 Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salmon. 5 Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai. 6 Isai zeugte den König David. David zeugte Salomo mit der Frau des Uria. 7 Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abija. Abija zeugte Asa. 8 Asa zeugte Joschafat. Joschafat zeugte Joram. Joram zeugte Usija. 9 Usija zeugte Jotam. Jotam zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. 10 Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. 11 Josia zeugte Jojachin und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. 12 Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jojachin Schealtiël. Schealtiël zeugte Serubbabel. 13 Serubbabel zeugte Abihud. Abihud zeugte Eljakim. Eljakim zeugte Asor. 14 Asor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. 15 Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Mattan. Mattan zeugte Jakob. 16 Jakob zeugte Josef, den Mann der Maria, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus.

Es gibt im jüdischen Denken eine Vorliebe für solche genealogischen Listen. Das 1. Buch der Chronik ist in seinen Kapiteln 1 – 9 ein Beleg dafür. Ein Volk, das immer wieder vom Untergang oder der Auflösung in viele Völker bedroht ist, versichert sich so seiner Herkunft, der Kontinuität seiner Geschichte und darin der Treue Gottes.  In diese Treue ist auch Jesus, der da heißt Christus, eingezeichnet.

Auffällig: Es ist kein moralisch lupenreiner, rein-rassiger Stammbaum. Da ist die Stamm-Mutter Tamar, mit der Juda als ihr Schwiegervater Nachfahren zeugt. „Tamar hatte sich, als Prostituierte verkleidet, den Beischlaf mit ihrem Schwiegervater Juda erschlichen.“ (W. Klaiber, aaO. S. 22) Da ist Rahab, auch sie eine Hure, noch dazu aus dem fremden Volk der Kanaaniter, Überlebende bei der Eroberung Jerichos. Da ist Batseba, die mit David die Ehe bricht. Ihr Name wird nicht genannt, nur ihre Bedeutung für die Sippe: David zeugte Salomo mit der Frau des Uria. – Alle drei sind Nicht-Jüdinnen, genau wie Rut, die Moabiterin.

Man kann also überlegen, dass schon dieser Stammbaum über Israel hinaus weist, eine „universalistische“ Note hat. Es kann auch sein, hier spielgelt sich die Wirklichkeit der Gemeinde, für die Matthäus sein Evangelium schreibt: „Dass nichtisraelitische Frauen in den Stammbaum des Messias gehören, ist sicherlich ein Signal für die Aufnahme von Heiden in seine Gemeinde.“ (W. Klaiber, aaO. S. 23)Dieses Thema der Hinwendung zu den Heiden wird sich durch das ganze Evangelium ziehen- auch als ein Streit-Thema! Darüber hinaus wird auch  das wie nebenbei vermittelt, dass es nicht die moralische Integrität ist, die tauglich dafür macht, Werkzeug Gottes zu sein.

17 Alle Glieder von Abraham bis zu David sind vierzehn Glieder. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus sind vierzehn Glieder.

Zugleich aber ist dieser Stammbaum streng geordnet. Dreimal vierzehn Glieder, macht zusammen 42. Das ist ein Rhythmus, der es in sich hat: 42 Monate sind 3 ½ Jahre, die Hälfte von Sieben, der Zahl der Vollkommenheit. Beim Nachzählen merkt der genau Lesende: die Zahl 14 stimmt nur, wenn David als Schlussglied der ersten „Abteilung“ und Anfangsglied der zweiten Abteilung doppelt gezählt wird. Genau wie Josia, der gleichfalls doppelt zu zählen ist. Es geht um die Symbolzahl vierzehn, nicht um die mathematische Exaktheit. Hinter allem dürfen die Leser*innen hören: Die Geschichte Jesu folgt einer höheren Ordnung als es unsere Augen gleich wahrnehmen. Hinter diesem Geschehen, dieser Geschichte, diesem Anfang steht ein göttlicher Plan.

Und, daran liegt dem Stammbaum. Er zeigt Jesus als den Sohn Davids und über David als den Sohn Abrahams. „Jesus ist Davidssohn, von Gott zu Israel als sein Gesalbter gesandt, und zugleich Abrahamssohn, weil Gott durch ihn die ganze Heidenwelt anreden will.“(U. Luz, Das Evangelium nach Matthäus (1-7) EKK 1/1, Zürich 1985, S. 97) 

 

Gott. Du hast einen langen Atem. Durch Generationen hindurch hältst Du die Treue, folgst Du Deinem Plan. Du nimmst Menschen  mit ihren Träumen, Leidenschaften, Irrwegen in Anspruch für Deinen Weg.

Du kennst nicht, was wir kennen, Auswahl und Ausschluss derer, die nicht gut genug sind, den Anforderungen nicht entsprechen. Du wählst und bist doch nicht wählerisch wie wir. Du gehst Deinen Weg, menschlich mit Menschen, göttlich zu Deinem Ziel. Amen