Dem Leben dienen

Jesaja 32, 1 – 8 

1 Siehe, es wird ein König regieren, Gerechtigkeit aufzurichten, und Fürsten werden herrschen, das Recht zu handhaben, 2 dass ein jeder von ihnen sein wird wie eine Zuflucht vor dem Wind und wie ein Schutz vor dem Platzregen, wie Wasserbäche am dürren Ort, wie der Schatten eines großen Felsens im trockenen Lande.

Jesaja darf auch – wieder einmal – andere Zeiten ansagen. . Zeiten wie aus dem Märchenland, aus einer schönen, neuen Welt. Zeiten, in denen der König für Gerechtigkeit steht und die Fürsten im Land für Zuflucht. Man kann sich bei ihnen bergen. Es ist ein „realistischer Zug“(O. Kaiser, aaO. S. 256), dass es nicht nur einen gerechten König, sondern auch gute Beamte, gleich Fürsten,  braucht, damit das Land auf die Beine kommt.

Fast zwei Jahrtausende später wird man singen in der Hoffnung auf diesen einen König, der das Erbarmen als den Kern aller Gerechtigkeit als Regierungserklärung nicht nur sagt sondern lebt:

„O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein.
Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat.“        G. Weissel 1642- EG 1

Was für ein Segen das ist – eine gerechte Regierung. was für ein guter Ort – eine Welt, in der die Großen und Mächtigen für die da sind, die auf sie angewiesen sind, die ihre Hilfe rauchen, die Verhältnisse brauchen, in denen auch die am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala noch genug zum Leben haben, noch Möglichkeiten zur Teilhabe am sozialen Miteinander nutzen können.

 3 Und die Augen der Sehenden werden nicht mehr blind sein, und die Ohren der Hörenden werden aufmerken. 4 Und die Unvorsichtigen werden Klugheit lernen, und die Zunge der Stammelnden wird fließend und klar reden. 5 Es wird nicht mehr ein Narr Fürst heißen noch ein Betrüger edel genannt werden.

            Die Verhältnisse werden zurecht gerückt. Das fängt damit an, dass Menschen neu sehen lernen, Durchblick gewinnen, und neu hören lernen, aufmerksam werden für Wahrheit und Unwahrheit. Die Verstockung wird aufgehoben werden, unter der die Verkündigung des Jesaja seit Beginn gestanden hat. (6,10). Es kommt zu so etwas wie einer „Aufklärung“..

Wenn man so will: Lebensweisheit setzt sich durch. Es ist ein Zug, der das Denken Israels, wie es sich in den Weisheitsschriften niederschlägt, vorbereitet. Gott öffnet Augen. Gott schenkt neues Hören. Es geht ja nicht um eine messbare Zunahme von Intelligenz und Wissen, ab-prüfbar durch so etwas wie Pisa-Tests. Es geht um Urteilsfähigkeit im Blick auf das Leben. Um Klarheit im Reden, Denken und Handeln.

 6 Denn ein Narr redet Narrheit, und sein Herz geht mit Unheil um, dass er Ruchloses anrichte und rede über den HERRN lauter Trug; dadurch lässt er hungrig die hungrigen Seelen und wehrt den Durstigen das Trinken. 7 Und des Betrügers Waffen sind böse, er sinnt auf Tücke, um die Elenden zu verderben mit falschen Worten, auch wenn der Arme sein Recht vertritt. 8 Aber der Edle hat edle Gedanken und beharrt bei Edlem.

Dem wird das Andere gegenüber gestellt: Narrheit, Torheit, Bosheit.  Es gibt sie, schon damals und heute noch immer, die die Wahrheit verdrehen, die Gott zu einen Zerrbild machen. Es gibt die Priester, die so von Gott reden, dass er irgendwo im Nirwana verschwindet, unzugänglich wird für die Sehnsucht, für die, die nach guten Worten für ihre Seele hungern, die ihren Durst nach Leben gerne an den „frischen Wassern“ (Psalm 23, 2) stillen würden. Aber diese Quellen werden ihnen verwehrt, verschwiegen, eingetrübt.. Es gibt Leute, die mit ihren klugen Worten nicht trösten und ermutigen, sondern entmutigen.

Jesaja findet auch hier Worte, die auch aus der Weisheitsschule Israels stammen könnten, wie wir sie in den Sprüchen Salomos und beim Prediger finden. Ob sie deshalb nicht aus seiner Zeit stammen können, sondern erst sehr viel später zugewachsen sein müssen, ist für mich fragwürdig, auch zweitrangig. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Prophet wie Jesaja auch solche Worte findet und formt. Schon um das Jahr 700 herum

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Das alles, das Chaos der Welt wird einmal vorbei sein. Die Herrschaft des Bösen, der Bösartigkeiten ist begrenzt, nicht für immer und ewig. Irgendwann. Noch nicht heute, sondern in Zukunft. Aber in einer Zukunft, die gewiss kommt, auch wenn es keinen Terminplan für dieses Kommen gibt. Es ist erstaunlich, fast unglaublich, mit welcher Zähigkeit in düsteren Zeiten Propheten daran festhalten, dass die Welt eine Zukunft hat, die in hellem Licht liegen wird. So kann man wohl nur glauben und denken, wenn man fest in Gott verwurzelt ist.

Ist diese Welt des Jesaja nur ein schöner Traum und Jesaja nur einer von den Träumern, die schöne Worte finden, aber die Welt bleibt, wie sie ist? Es scheint fast so, als blieben all die biblischen Worte die von der nahenden Heilszeit Gottes reden, irgendwie auf der Strecke. Sie nähren die Sehnsucht, aber sie ändern nichts an den Verhältnissen. Oder gilt doch der Satz, von dem ich nicht einmal weiß, woher ich ihn habe: „Die Realisten haben die welt immer nur beschrieben, die Träumer und Visionäre haben sie verändert.“

„Es ist eine Utopie. Die Lieder, die davon handeln, halten den Glauben an eine radikale Alternative fest. Das Leben würde depressiv ohne diese Widerstandslieder. Und wenn sie einen verstören, weil die Wirklichkeit so entsetzlich anderes ist, haben sie Erfolg. Denn nur Menschen, die sich stören lassen und etwas vermissen, sind offen für die Sehnsucht, die nach Veränderung sucht: Das ist Weihnachten.“ (H. Prantl, in: der andere Advent, Hamburg, 19.12.2018)

Was mich beschäftigt:

 Es scheint so logisch heutzutage, in die Katastrophenrufe einzustimmen. Wir sehen jeden Abend in den Nachrichten die geballte Ladung an Problemen, deren Lösung keiner hat. Wir sehen jeden Abend diese Mischung aus Hilflosigkeit, Trägheit – und ja – auch Bosheit und Egoismus, die eine menschenwürdige und lebensfreundliche Zukunft gefährden. Freundliche Politiker, die nichts bewirken, die nur selbst getrieben und hilflos wirken. Wie halten wir, ich diesen Schwarzmalereien stand? Es geht ja nicht, sich ins Nichtwissen und Nichtsehen zu flüchten. Aber es fehlt, mir zumindest, auch an Wissen, um realistische Wendeschritte über mein individuelles Verhalten hinaus zu befördern. Woher nehmen wir die Kraft, an eine gute Zukunft der Welt zu glauben und für sie zu arbeiten? Gott will doch, dass wir dem Leben der Welt dienen.

 

Mein Gott, schenke uns einen neuen Durchblick, dass wir die Zeichen der Zeit verstehen. Schenke uns ein neues Hören, dass wir die leise Stimme Deiner Wahrheit hören. Schenke uns ein neues Reden, dass unsere Worte aufrichten und zurecht helfen. Schenke uns ein neues Handeln, dass wir zum Leben helfen.

Mein Gott, mache Du uns zu Leuten, die dem Leben dienen, die aus Deiner Kraft Gutes tun, die in den Wüsten unserer Zeit Liebe säen, kleine Zeichen der Hoffnung in der Freiheit, die sich Deiner Liebe anvertraut. Amen