Öffne mir die Augen

Jesaja 29, 9 – 16

Nicht nur Leser*innen heute finden es schwer, diesem immer schnelleren Wechsel von Gerichtsworten und Gnadenverheißungen zu folgen. Es ist wohl seit Anfang an so, dass es die Fragen gibt: wie denn nun? Gericht oder Gnade? Es ist ja schon bei dem einen Wort  beides im Klang:  Gott sucht sein Volk heim – immer das eine Wort:  – fagat,פקך    – das ist einmal Gnade und ein andermal ist es Gericht. Und dieaufmerksam Lesenden fragen wieder: wie denn nun? Darum aber geht es: „Es muss unmissverständlich klar bleiben, dass Gottes Gericht wirklich Gericht und seine Gnade wirklich Gnade ist.“(D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 1. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988, S. 399) Diese Klärung zieht sich durch das ganze Propheten-Buch hindurch.

9 Starrt hin und werdet bestürzt, seid verblendet und werdet blind! Seid trunken, doch nicht vom Wein, taumelt, doch nicht vom Bier! 10 Denn der HERR hat über euch einen Geist des tiefen Schlafs ausgegossen und eure Augen – die Propheten – zugetan, und eure Häupter – die Seher – hat er verhüllt.

Bleierne Zeit – sagt man heute gerne. Es geschieht nichts. Es bewegt sich nichts. alles leibt wie es ist. Hier, in den Worten des Jesaja ist es ungleich härter: Alle Versuche zu sehen scheitern. alle Versuche zu hören scheitern. Die Leute laufen herum wie besoffen. Luthers Wort fällt mir ein: „Die Welt ist wie ein betrunkener Bauer.“(M. Luther, Tischreden) Nur – das gilt hier nicht für die Welt. Es gilt für das Volk Gottes. Es gibt nicht nur die Blindheit und Taubheit der Welt für das Reden Gottes, für seine Werke – es gibt die gleiche Blindheit und Taubheit auch für das Volk Gottes. Ein Welt und ein Volk Gottes im

Es ist in meinen Augen ein Schlüsseltext, auch für unsere Zeit: wir hören und hören nicht. Wir sehen und sehen nicht. Wir suchen zu verstehen und verstehen nichts. Wir scheitern am Wort Gottes, an seiner Botschaft. Dieses Unverständnis ist ein Verhängnis – Gott hat es so verhängt! Schon bei der Berufung des Jesaja heißt es: „Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! Verfette das Herz dieses Volks und ihre Ohren verschließe und ihre Augen verklebe, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.“(Jesaja 6, 9 – 10) 

Was hier wie eine aktuelle Handlung erscheint, wird in Texten des Neuen Testamentes zu einer grundsätzlichen Aussage erhoben:   „Der von oben her kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, ist über allen. Was er gesehen und gehört hat, das bezeugt er; und sein Zeugnis nimmt niemand an.“(Johannes 3, 31-32) Oder noch einmal anders, jedoch  nicht weniger hart: „Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.“(1. Korinther 2, 12 -14)  

So ist es von Anfang an: es gibt ein Reden Gottes, das auf taube Ohren trifft. Es gibt ein Aufleuchten der Zeichen Gottes, das wie von Blinden Augen nicht gesehen wird. Warum? Es ist müßig, das erklären zu wollen. Mich überzeugt keiner der theologischen Versuche, dieses Unverständnis zu erklären, gar zu begründen – ich stehe hier vor einer Wirklichkeit, die sich mir nicht enthüllt. Es mag ja stimmen: „Was von den Menschen her als ein Nichtwollen beurteilt werden muss, kann zugleich von Gott her als Verstockung, Verblendung beurteilt werden.“(O. Kaiser, Der Prophet Jesaja, Kapitel 13 – 39, ATD 18; Göttingen 1973, S. 216) Nur: erklärt ist damit eigentlich nichts.

11 Darum wurde euch diese ganze Offenbarung wie die Worte eines versiegelten Buches, das man einem gibt, der lesen kann, und spricht: Lies das!, und er spricht: »Ich kann nicht, denn es ist versiegelt«; 12 oder das man einem gibt, der nicht lesen kann, und spricht: Lies das!, und er spricht: »Ich kann nicht lesen.«

             Manchmal sagen mir einfache Leute: ich lese in der Bibel und verstehe nichts. Ich finde keinen Zugang. Die Sprache ist nicht meine Sprache. Die Welt, in der diese Worte entstanden sind, ist wie ein ferner Stern für mich. Da ist keine Brücke, über die ich einen Zugang finden könnte. Ein Buch mit sieben Siegeln. σφραγισμνος -versiegelt. Es mag sein, Offenbarung, Enthüllung – aber ich komme dennoch nicht dran.  In der Septuaginta steht nicht Offenbarung sondern alle diese Worte – πντα τ ῥήματα –  das macht es noch härter. Es geht nicht um geheimnisvolle Einsichten, sondern um Worte, die Gott spricht. „Vermutlich dürfen wir den Ausdruck nicht pressen und an buchstäbliche, außergewöhnliche prophetische Gesichtswahrnehmungen denken.“ (O,. Kaiser, aaO. S. 214)  Es ist das Leid des Propheten, das hier sichtbar wird: alle seine Worte sind wie Fragmente, wie Blätter, die umhertreiben und keiner liest und keiner hört.

 13 Und der Herr sprach: Weil dies Volk mir naht mit seinem Munde und mit seinen Lippen mich ehrt, aber ihr Herz fern von mir ist und sie mich fürchten nur nach Menschengeboten, die man sie lehrt, 14 darum will ich auch hinfort mit diesem Volk wunderlich umgehen, aufs Wunderlichste und Seltsamste, dass die Weisheit seiner Weisen vergehe und der Verstand seiner Verständigen sich verbergen müsse.

       Es klingt nach einer Reaktion Gottes auf diese Unfähigkeit zu hören, zu verstehen, zu lesen. Es klingt wie die Aufdeckung eines zweiten Grundes neben dem Tiefschlaf (s. o. V. 10) für diese Unfähigkeit: Sie sind nicht ganz bei der Sache. Sie sind viel beschäftigt. Anderes steht auf der Tagesordnung weit vorne. Es ist eine bittere Einsicht Gottes: ihr Herz fern von mir. Daneben steht: alle Worte Gottes sind nicht zu verinnerlichten Worte geworden, sondern sie sind äußerlich geblieben. „Das lebendige Reden Gottes wird nicht vernommen; es ist geronnen und missbraucht zum angelernten Menschenwort.“ (D. Schneider, aaO. S. 402)

 Fast müsste man also sagen: Gott ist gescheitert mit seinem Versuch, sein Wort in die Herzen einzupflanzen. „Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“(5. Mose 30, 11 -14) Es hat nicht funktioniert mit dieser Einpflanzung in die Herzen.

Ist Gottes jetzt leid? Gibt er resigniert auf? Jedenfalls wird der Weg revidiert: Gott setzt nicht mehr darauf, dass es der Verstand  schafft, dass es die Weisheit ist, die den Zugang zu Gott öffnet.  Er wählt einen anderen Weg, den, dass die Weisheit seiner Weisen vergehe und der Verstand seiner Verständigen sich verbergen müsse.

 Das ist sicher auch eine inneralttestamentliche Abrechnung mit den Denkansätzen der Weisheit in Israel. Mit dem Versuch; Gott denkerisch zu fassen. Die Logik Gottes zu erklären und Menschen dazu zu ringen, dieser Logik zu folgen. So gesehen liegt hier eine Nähe des Propheten zu den vermutlich viel späteren Schriften sowohl des Hiob-Buches als auch zu den Gedanken des Predigers vor. Beide führen ja das Scheitern der Weisheit in Bezug auf die Wege Gottes vor.

Es ist zugleich aber auch über die Grenzen der Testamente hinweg eine Vorbereitung – auf die Worte des Paulus: „Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben.“ (1. Korinther 1, 21) Mir scheint, Paulus hat das Jesaja-Buch sorgfältig gelesen und gelernt. Es verinnerlicht.

Schließlich – es trifft auch unsere Zeit und unseren Umgang als Kirche. Wie oft habe ich versucht, mit guten, klugen Argumenten den Glauben zu erklären. Denen den Glauben nahe zu bringen, die sich nur von der Denkweise und den Denkvoraussetzungen der Welt leiten lassen, die der philosophischen Logik verpflichtet sind. Mein eigener Sprachgebrauch zielt auf Verständigung mit denkbereiten Leuten. Dass die Botschaft Gotts in den Augen der Welt-Weisen Torheit ist, hat mich nie gehindert, doch mit ihnen so zu reden zu versuchen, dass sie vielleicht einen Zugang finden, weil sie ihr eigenes Denken wiederfinden in meinen Worten.- Und ich sehe auch: wann immer „Menschen von der Kirche“ im öffentlichen Raum, in Talk-Runden auftreten, unternehmen sie den Versuch, mit der Botschaft Gottes vor dem Forum der weltlichen Vernunft zu bestehen. Die Torheit Gottes vernünftig zu machen. Wir – von der Kirche – wollen es nicht gerne wahr haben: Unsere Botschaft ist in ihrem Kern für das Denken der Welt Unsinn. Torheit.

15 Weh denen, die mit ihrem Plan verborgen sein wollen vor dem HERRN und mit ihrem Tun im Finstern bleiben und sprechen: »Wer sieht uns und wer kennt uns?« 16 Wie kehrt ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer gleich wäre, dass das Werk spräche von seinem Meister: Er hat mich nicht gemacht!, und ein Bildwerk spräche von seinem Bildner: Er versteht nichts!

             Statt Einsicht findet der Prophet Verweigerung. Statt die eigenen Pläne am Willen Gottes zu orientieren, sind die Mächtigen darauf aus, ihre Pläne zu verbergen. als o man auch nur einen Gedanken vor Gott verbergen könnte. sie, die so am Suchen des Willens Gottes scheitern, obwohl er ihnen verkündigt wird, sie wollen sich ins Halbdunkel flüchten. Als hätten sie es nie gelernt, nie gehört:

 “Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                              du verstehst meine Gedanken von ferne.                                             Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                und siehst alle meine Wege.                                                                   Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                  das du, HERR, nicht alles wüsstest.“                  Psalm 139, 2 – 4

Es ist ein so törichtes Spiel, das sie spielen. Das wird erst recht, spottend, deutlich im absurden Vergleich des sprechenden Tones und des redenden Bildes. Sie sind blind für das Gefälle, das das Geschöpf vom Schöpfer unterscheidet. Blind für den unendlichen Abstand, der unser Verstehen von den Wegen Gottes trennt.

 

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

„Einer der Aufklärer, ein sehr gelehrter Mann, der vom Berditschewer gehört hatte, suchte ihn auf, um auch mit ihm, wie er’s gewohnt war, zu disputieren und seine rückständigen Beweisgründe für die Wahrheit seines Glaubens zuschanden zu machen. Als er die Stube des Zaddiks betrat, sah er ihn mit einem Buch in der Hand in begeistertem Nachdenken auf und nieder gehen. Des Ankömmlings achtete er nicht. Schließlich blieb er stehen, sah ihn flüchtig an und sagte: »Vielleicht ist es aber wahr.« Der Gelehrte nahm vergebens all sein Selbstgefühl zusammen – ihm schlotterten die Knie, so furchtbar war der Zaddik anzusehn, so furchtbar sein schlichter Spruch zu hören. Rabbi Levi Jizchak aber wandte sich ihm nun völlig zu und sprach ihn gelassen an: »Mein Sohn, die Großen der Thora, mit denen du gestritten hast, haben ihre Worte an dich verschwendet, du hast, als du gingst, drüber gelacht. Sie haben dir Gott und sein Reich nicht auf den Tisch legen können, und auch ich kann es nicht. Aber, mein Sohn, bedenke, vielleicht ist es wahr.« (M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, S. 363)

Was mich beschäftigt:

Es ist eine harte Aufgabe, es lebensmäßig zusammen zu halten, den Glauben an den erbarmenden Gott und den Glauben an den Gott, der uns durch die Gerichte hin führt. ich in weit davon entfernt, alle Widerfahrnis meines Lebens, die mir zusetzen, als Gerichte Gottes zu sehen. Aber der Blick auf diese Seite Gottes, dass er auch solche Harten Wege mit seinem Volk geht,  hilft mir, die Härten meines Weges ein wenig getroster anzunehmen. So hat es wohl auch Luther gesehen, wenn er sagen oder schreien konnte: Anfechtungen sind Umarmungen Gottes.

 

Was mir bleibt, mein Gott, ist demütig bitten zu lernen: Öffne mir die Augen für die Wunder an Deinem Gesetz. Öffne mir die Augen für die Zeichen Deiner Gegenwart, für Deine Nähe. Öffne mir die Ohren, hinter den vielen Stimmen Deine Stimme zu erlausche, durch die vielen Worte Dein Wort zu empfangen. Öffne mir das Herz.

Schließe mich auf und wehre Du aller Verschlossenheit, die mich Abstand halten lässt von Dir, Deinem Wort, Deinen Menschen. Amen