Ein wendiger Gott

Jesaja 29, 1 – 8

1 Weh Ariel, Ariel, du Stadt, wo David lagerte! Fügt Jahr zu Jahr und feiert die Feste! 2 Ich will den Ariel ängstigen, dass er traurig und voll Jammer sei, und er soll mir ein rechter Ariel sein.

Ein Wehe gegen Jerusalem. „Vorausgesetz ist eine relativ sorgenfreie Zeit, in der die Jerusalemer offensichtlich gerade nicht erwarten, was ihnen der Prophet ankündigt, Eine Belagerung der Stadt.“ (O. Kaiser, Der Prophet Jesaja, Kapitel 13 – 39, ATD 18; Göttingen 1973, S. 211) Umso härter dieses Wehe Sie werden aus dem Schlaf der Sicherheit jäh aufgestört.

Ariel –  Es gibt die Deutung des Namens auf einen alten kananäischen Namen der Stadt Jerusalem, zurückgeführt „auf einen Teil der Stadtmauer, der mit einem Löwentor geschmückt war.“(O. Kaiser, aaO. D. 212) Es mag sein, so in der Geschichte verankert klingt es zunächst wie ein Ehrenname. Es bleibt ein aber. Selbst wenn das zutrifft, Ariel  kann auch mit Brandopferaltar übersetzt werden Dann wird das Wort zum Drohwort: Die Stadt wird, einmal von Feinden erobert, zur Brandstätte werden. Zum Brandopfer-Altar. Die Feste sind vorbei – was bleibt ist Trauer, Schmerz und Jammer.

 3 Denn ich will dich belagern ringsumher und will dich einschließen mit Bollwerk und will Wälle um dich aufschütten lassen. 4 Dann sollst du erniedrigt werden und von der Erde her reden und aus dem Staube mit deiner Rede murmeln, dass deine Stimme sei wie die eines Totengeistes aus der Erde, und deine Rede wispert aus dem Staube.

             Eine Belagerung wird angesagt. allerdings nicht unter Verweis auf irgendwelche Feindmächte.  Ich will dich belagern. Gott selbst wird zum Belagerer seiner Stadt und wird dafür die Feinde von überall her heranführen. Sie sind, für sich genommen, nicht wichtig, sie sind nur Gerichtswerkzeug Gottes. „Jerusalem hat es mit Gott selbst zu tun, der sich wie ein Feind verhält.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 1. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988, S. 397) Gegen diesen Angriff wird es keinen Schutz geben. Was dann noch übrig bleibt ist Totengeflüster, als ob es Totengeister gäbe, die nur noch wispern können. Was da noch an Geräuschen, Worten Klage erklingt, wird vom Staub verweht.

Endet der Text hier, bleibt nur ein Fazit: es ist vorbei mit Jerusalem, mit der Stadt Gottes. sie ist tief gestürzt und es gibt kein Aufstehen mehr. Es ist vorbei.

 5 Aber die Menge deiner Feinde soll werden wie feiner Staub und die Menge der Tyrannen wie wehende Spreu. Und plötzlich, im Nu wird’s geschehen: 6 Vom HERRN Zebaoth wirst du heimgesucht werden mit Wetter und Erdbeben und großem Donner, mit Wirbelsturm und Ungewitter und mit Flammen eines verzehrenden Feuers.

 Der Text aber endet so nicht. Es gibt einen Neu-Einsatz: Aber. Im Hebräischen nur ein Buchstabe: ו  – waw Es ist eine spannungsreiche Wortfolge: Jerusalem ist in den Staub gesunken, alles Schreien wird im Staub verweht. Aber nun geht es mit den Belagerern genauso –  sie werden wie feiner Staub, wie wehende Spreu. Fast möchte man sagen: alles löst sich in einen Sandsturm hinein auf. Unerwartet, von einem Augenblick auf den anderen.

Niemand, nicht in Jerusalem und nicht bei den Belagerern, hat diesen Wechsel auf der Rechnung. Es ist eine Heimsuchung, jäh, unerwartet, nicht herbeigebetet. „Gottes Heil kann man nicht vorausberechnen.“(D. Schneider, aaO. S. 398) Es kommt, wo und wann Gott will. 

Es sind die alten Zeichen der Theophanie, der Gotteserscheinung. Wetter,  Erdbeben, große Donner,  Wirbelsturm, Ungewitter, Flammen So kennt Israel sie seit dem Geschehen am Gottesberg, dem Horeb. Diese jetzige Theophanie ist Rettung in letzter Stunde. Die Frage wird sein, ob sie auch Aufbruch in eine neue Geschichte als Gottesvolk sein kann.

 7 Und wie ein Traum, wie ein Nachtgesicht, so soll die Menge aller Völker sein, die gegen Ariel kämpfen mit ihrem ganzen Heer und Bollwerk und die ihn ängstigen. 8 Denn wie ein Hungriger träumt, dass er esse – wenn er aber aufwacht, so ist sein Verlangen nicht gestillt; und wie ein Durstiger träumt, dass er trinke – wenn er aber aufwacht, ist er matt und durstig:

Noch einmal ein Blick auf die Belagerer  – sie sind für die in Jerusalem wie ein Albtraum: Unübersehbar in ihrer Menge. Aber – als sie in Jerusalem erwachen, sind sie alle weg. Es ist wie das Erwachen aus einem bösen Traum. Was für eine Erleichterung: Wir sind frei. Sie sind alle weg.

Und umgekehrt: die Belagerer, die sich Ruhm und Ehre, reiche Beute erträumt haben mögen, auch sie erwachen. Aber ihr Erwachen ist ein böses Erwachen. „Während ihnen die Beute so sicher wie nur irgendetwas erscheinen musste, hat sie Jahwes Eingreifen um die Frucht ihres Feldzuges gebracht.“ (O. Kaiser, aaO. S. 214) Ihr Hunger und ihr Durst bleiben ungestillt.

So soll es der Menge aller Völker ergehen, die gegen den Berg Zion kämpfen.

            Das könnte nur das Schlusswort eines großartigen Textes sein. Es kann aber auch viel mehr sein – ein grundsätzliches Heilswort für den Zion, ein grundsätzliches Unheilswort über alle, die sich gegen den Zion stellen.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Zeigt dieser ganze Text uns das Bild eines wetterwendischen Gottes, heute so und morgen anders? Eines Gottes, der schwankt zwischen Gericht und Gnade? Wir sind ja für unseren Glauben und für unser Denken darauf angewiesen, dass Gott irgendwie „berechenbar“ ist, jedenfalls nicht launisch und nicht von Willkür geleitet.

Es fordert mich heraus, dass ich eine Art Parallele im Neuen Testament finde, diesmal auf nur einen Menschen ausgerichtet: „Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“(Johannes 8, 9-11)

 Was mich beschäftigt:

Ist das eine Andeutung einer glücklichen Wende? Am Ende bleibt Jerusalem doch bestehen? Weil Gott Gott ist und seinen Gerichten selbst in den Arm fällt? Weil Gott keine Scheu davor hat, als in seiner Gnade inkonsequent da zu stehen? Jerusalem, dieser Brandopferaltar ist immer noch da, über die Jahrtausende hinweg, zerstört, verwüstet, menschenentleert und wieder aufgebaut. Diese Stadt ist wie ein eingelöstes Versprechen über alle Zeiten hinweg.

Mir scheint,  in dieser Wende leuchtet etwas von der Art Gottes auf, die mich tröstet und stärkt, meinen Glauben prägt: Gott stellt sich – überraschend – auf die Seite derer, die schuldig sind und keinen Weg mehr sehen.

 

Du, heiliger Gott, kannst Wege wenden. Du willst aus dem Staub erheben. Du hörst die Stimmen, die nur noch wie Totenwispern klingen. Du schenkst Leben, das kein Tod mehr zerstören darf. Du hältst fest – durch alle Gerichte hindurch – fest an Deiner Liebe. Darauf traue ich. Amen