Gott, der Herrr, ist ein ewiger Fels

Jesaja 26, 1 – 6

1 Zu der Zeit wird man dies Lied singen im Lande Juda:

Überblickt man die Textfolge nach vorne, dann ergibt sich folgendes Bild: 25, 1-5  Lobpreis, 25, 6–13 eine Beschreibung des kommenden Heils, 26, 1-6 Lobpreis. Die Beschreibung des Heils wird also von zwei Lobgesängen gerahmt. Diese sind auch aufeinander bezogen. Darauf weist die knappe Wendung, die  Jesaja so oft hat, zu der Zeit hin. Wann diese Zeit sein wird, bleibt auch hier in der Schwebe.

Im Unterschied aber zu 25, 1 – 6 wird hier ein Ort für das Singen des Liedes angegeben: im Lande Juda. Das ist deshalb bedeutungsvoll, weil es dem Lobpreis einen Ort gibt. Er ist nicht irgendein weltweit singbares Lied. Er hat einen konkreten Ort. Anknüpfend an das Heilsbild darf ich mir den Berg Zion als den Ort vorstellen, der hier gemeint ist. Dort wird das Fest gefeiert. Dort wird deshalb auch das Lob Gottes gesungen.

Das ist die Spannung, aus der uns Jesaja nicht entlässt: Er kündigt die große Wende an, den Tag Jahwes, den Tag, an dem die Welt neu wird. Und bindet zugleich diese Erwartung an den einen bestimmten Ort Jerusalem, an den Berg Zion. Ortsgebunden, geerdet.

Wir haben eine feste Stadt, zum Schutze schafft er Mauern und Wehr.

       Wir vermögen das Lob der festen Stadt heute nicht mehr so zu verstehen. Uns sind Stadtmauern allenfalls romantische Erinnerungen an frühere Zeiten. Für Jesaja und seine Zeitgenossen ist das anders: Stadtmauern bieten Schutz. Sie bieten Sicherheit. Sie ermöglichen ein unbeschwertes Miteinander. Sie erlauben es, ohne Angst aus dem Haus zu gehen.

Es ist Gott, der diese Stadt, Jerusalem, zur festen Stadt macht. Es ist Gott, der sie im Schutz der Mauern gedeihen lässt. Sicher und uneinnehmbar ist die Stadt.

Gott ist unsre Zuversicht und Stärke,                                                                                  eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. ….                                     Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein,                    da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.                                                                Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie festbleiben;                                                     Gott hilft ihr früh am Morgen.                      Psalm 46, 2.5-6

Es sind nicht die hohen Mauern, die die Stadt zur festen Stadt machen.Es sind auch nicht die Wächter auf den Mauern, die für Sicherheit sorgen, für sorglosen Schlaf und sorglose Tage. Es ist der Herr, der in der Stadt ist, dort sein Haus, seine Wohnung hat.

 2 Tut auf die Tore, dass hineingehe das gerechte Volk, das den Glauben bewahrt! 3 Wer festen Herzens ist, dem bewahrst du Frieden; denn er verlässt sich auf dich.

Es drängt sich förmlich auf, auch hier einen Seitenblick auf einen Psalm zu werfen.

Wer darf auf des HERRN Berg gehen,                                                                                und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?                                                                 Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist,                                                   wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört…             Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,                                                 dass der König der Ehre einziehe!                Psalm 24, 4 – 7

Die Parallelen sind mit Händen zu greifen. Hier wie dort geht es um Einzug, um geöffnete Tore, um Gerechte, um das Herz. Für den Psalm legt sich nahe, das als einen „Wortwechsel“ am Eingang des Tempels zu verstehen, als eine Art „Abfrage“ fast unter dem Motto: Wollen wir ihn einlassen? Ist er auch würdig? Ganz anders aber hier bei Jesaja: Nicht Bedingungen werden genannt, sondern an die Wächter ergeht eine Aufforderung: Tut auf die Tore. Das alles ist weit entfernt von Einzelfall-Prüfung. Nicht im Ansatz wird ein Versuch gezeigt, auch nur von einem/einer zu erfahren, wer er/sie ist, ob er/sie auch korrekt glaubt. Macht die Türen auf!  

            Die da vor den Toren stehen, werden beschrieben: Sie sind das gerechte Volk, das den Glauben bewahrt! Es wird nicht mehr abgefragt. Es ist eine neue Wirklichkeit, die das ganze Volk prägt. Im Psalm 24 wird das Tor nur für den einen Gerechten, den „König der Ehre“ geöffnet. Hier für das ganze Volk.

Diese neue Wirklichkeit des Volkes hat zwei Wurzeln: das feste Herz und die Bewahrung des Friedens. Beides sind Gaben Gottes.  Kein Zweifel: Es ist Gott, der sich dieses neue Volk, das gerechte Volk schafft. Der Gott Israels. Auch daran kann kein Zweifel sein: Es ist nicht irgendein Volk, das da zum gerechten Volk wird – es ist ein gewandeltes Israel!

Es gibt einen inneren Zusammenhang zwischen der festen Stadt und den festen Herzen. Die äußere Festigkeit der Stadt hilft zum Festwerden der Herzen, zur Beständigkeit. „Stadtluft macht frei“ war mehr als ein Spruch über Rechtssicherheit. Es war zugleich ein Wort über eine innere Haltung. So hilft die feste Stadt dazu, dass Herzen fest, beständig werden und Menschen mit einem festen und beständigen Herzen bewirken eine feste, eine gefestigte Stadt, selbst wenn die Mauern nicht bis zum Himmel reichen.

 4 Darum verlasst euch auf den HERRN immerdar; denn Gott der HERR ist ein Fels ewiglich.

            Das klingt nach Leitspruch, Lebensmotto, Zusammenfassung. Fast wie ein Lehrsatz, den man Bibelschülern, Konfirmanden mit auf den Lebensweg geben möchte. „Auf diese Steine können sie bauen.“ Auf Gott ist Verlass. Wer sich auf ihn verlässt, steht nicht auf unsicherem Grund, sondern hat festen Boden, ja, Fels unter den Füßen. Fels, der ein wunderbares Fundament für das Lebenshaus ist. Es liegt nahe, die Worte Jesu als eine Art Illustration zu diesem Lehrsatz zu lesen. „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.“ (Matthäus 7, 24-25) Worte, die ein Fels sind. Worte, auf die man bauen kann. Kein Wunder, dass dieses Wort einmal Jahreslosung war. 1982 – in den aufgeregten Zeiten der Nachrüstungsdebatte und der großen Friedensdemonstrationen.

Da ist nichts zu spüren von Unsicherheit: Ob auf Gott denn wirklich Verlass ist? Ob er denn da ist – nicht nur irgendwo in den Weiten des Himmels, sondern da, wenn ich ihn brauche, da, wo ich ihn brauche? Ja, sagt der Prophet, du kannst dich verlassen, loslassen in die Hände Gottes hinein. Du kannst deine festen Standpunkte verlassen, deine Bunker, deine Festungen, die dich doch zugleich festlegen. Du kannst dich ins Freie wagen. Denn Gott ist da, Gott ist dein Zufluchtsfelsen.

5 Er erniedrigt, die in der Höhe wohnen; die hohe Stadt wirft er nieder, ja, er stößt sie zur Erde, dass sie im Staube liegt. 6 Mit Füßen wird sie zertreten, ja, mit den Füßen der Armen, mit den Tritten der Geringen.

Was für ein Kontrast. Hier die feste Stadt – da die hohe Stadt, die in die Tiefe stürzt. Hier das Leben, das geschützt ist – da die Stadt, die im Staub liegt, zerstaubt ist.

Es ist nicht unbedingt meine Sprache, aber es trifft den inneren Ton dieser Worte Jesaja ziemlich genau:

Seht, man musste sie begraben, die der Welt Gebote gaben,                                    und ihr Wort hat nicht Bestand.                                                                                               Ihre Häuser wurden Trümmer, ihre Münzen gelten nimmer,                                       die man in der Erde fand.                                                                                                     Ihre Namen sind verklungen, ihre Lieder ungesungen,                                                  ihre Reiche menschenleer.                                                                                                      Ihre Siege sind zerbrochen, ihre Sprachen ungesprochen.                                                Ihr Gesetz gilt längst nicht mehr.“                         R.Wagner, 1968, Abakus

            „Nachdem Jahwe die Weltstadt mit ihren Bewohnern entmachtet hat, können sie die Niedrigen und Armen, die in dieser Welt über keinerlei Macht verfgren, vollends mit ihren Füßen zertreten und so ihre Spuren auf der Erde tilgen.“(O. Kaiser, aaO.  S. 167) Auf den ersten Blick wirkt das wie Rache an dem, der sich nicht mehr wehren kann. Der jetzt überwältigt ist, denen preisgegeben, die sich vorher vor ihm ducken mussten. Oft genug hat es sich in der Geschichte auch genauso abgespielt.

             Dazu sage ich: Füße der Armen, Tritte der Geringen – beides tut weh, genauso weh wie die Füße der Mächtigen und die Tritte der Gewalthaber. Darum hoffe ich auf Worte, die an dieser Stelle über Jesaja hinausgehen. „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. … Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. …Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5, 5.7.9)

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Wie leicht kann eine konkrete, ortsgebundene Vision  zu einer Allerwelts-Vision werden. Ein schöner Traum, der überall geträumt wird. Biblische Vision geht anders: Es geht immer um konkrete Hoffnung, um Bilder, die heute schon in Bewegung bringen, Herzen und Hände. An dem Ort, an dem wir leben.

Auch das ist eine Herausforderung: Gibt es die Wende immer nur so, dass es Verlierer gibt? Hier sind die Verlierer die früher Mächtigen. Was wäre das für eine Wende, in der es keine Verlierer gibt, in der alle gewinnen – die, die bis dahin Arme und Geringe waren und nun Teilhabe am Leben gewinnen und die, die bis dahin die Macht hatten und sie nun teilen müssen. Nicht mehr Macht exklusiv besitzen, sondern nur als Teilhabe an dem Leben, das allen offensteht

Was mich beschäftigt:

Dieses Loblied hat seine Fortschreibung gefunden im Lied des Mädchens Maria. Es hat seine Fortschreibung gefunden in so manchem Protest-Song. Dahinter steht die Zuversicht, dass nicht immer alles beim Alten bleiben wird, die Verteilung der Macht schon seit Urzeiten geregelt ist, die Verteilung der Güter schon immer unfair, zugunsten der Starken, Schnellen, Geschickten, Cleveren.  Und dass sich daran nichts ändern wird. Ich erschrecke vor der Resignation, die sich mit solchen unfairen Lebens-Verhältnissen einfach nur noch abfindet. Gott kann doch zur Umverteilung helfen, nicht einfach nur zur Umkehr, dass zur Abwechslung einmal die oben sind, die immer unten waren und die unten, die immer oben ihren Platz hatten.

Das Lied träumt von einer Wende, die wirklich eine Wende ist – eine neue Gesellschaft und eine neue Weltordnung hervorbringt. Darf ich Gott das nicht zutrauen und uns auf dem Weg zu so einer Wende ermutigt sehen?

 

Gott, bei Dir habe ich festen Grund unter den Füßen. Du bist der Fels, der mich trägt, zu dem ich flüchten kann. Du, mein Fels, bist auch nicht leicht zu versetzen. Du bist der Fels, der stetig da ist, auch wenn ich woanders unterwegs bin.

Zu Dir, mein Fels und Gott, kann ich zurückkehren, wenn ich mich verrannt habe. Du mein Gott, Fels, auf dem ich stehe, auf dem Deine Kirche gegründet ist. Ich lobe und preise Dich. Amen