Ein großes Hoffnungsbild

Jesaja 25, 1 – 12

1 HERR, du bist mein Gott, dich preise ich; ich lobe deinen Namen. Denn du hast Wunder getan; deine Ratschlüsse von alters her sind treu und wahrhaftig.

            Ein Loblied auf Gott. Nein, ein Lobpreis zu Gott, direkt an ihn adressiert: Du bist mein Gott.  Ein Einzelner stimmt ihn an. Aber er will und wird nicht allein bleiben mit seinem Lob. Er ist nur der Vorsänger, dem andere folgen werden. Er „übt mit der Gemeinde eine Liturgie ein, die einmal Gestalt annehmen wird.“(D. Schneider, aaO.  S. 355) Es kennzeichnet das Lob Gottes, dass in ihm die Zeiten zusammenfließen. Das Wunder in der Gegenwart öffnet den Mund und ruft zugleich die Erinnerung hervor: So ist Gott ja schon immer, von altersher. Und es macht sehnsüchtig auf die Zukunft hin.

 2 Denn du hast die Stadt zum Steinhaufen gemacht, die feste Stadt, dass sie in Trümmern liegt, die Paläste der Fremden, dass sie nicht mehr eine Stadt seien und nie wieder aufgebaut werden. 3 Darum ehrt dich ein mächtiges Volk, die Städte gewalttätiger Völker fürchten dich.

             Das ist das Wunder, das den Propheten zum Vorsänger macht. Gott hat aus der Weltstadt einen Trümmerhaufen gemacht. Einmal mehr ist es wohl müßig zu fragen: Ist damit Babylon gemeint oder Ninive, oder sonst eine Metropole? Natürlich liegt es nahe, an Babylon zu denken. Sie ist ja von alters her im Blick als die Stadt, die sich zum Himmel erheben will, an den Himmel kratzen und die von Gott zum Trümmerfeld gemacht wird. Paradebeispiel dafür ist die Erzählung vom Turmbau (1. Mose 11) Aber Babel findet wieder und wieder Städte, die in seine Fußstapfen treten, Kopien dieser Lebenshaltung, die nur auf sich selbst vertraut und baut.

Das Ende aber dieser Groß-Städte ist Zerstörung. Selbstzerstörung? Gehen sie an inneren Widersprüchen in die Brüche? So könnte man denken und sich die Vorgänge erklären: Gigantomanie richtet sich zwangsläufig gegen die Städte und macht sie irgendwann zu Steinwüsten. Der Sänger sieht auf den Hintergrund des Geschehens, wenn er sagt: Es ist Gericht Gottes, das sich an ihnen vollzieht, das sie so dahin sinken lässt. Über den Trümmern dieser Städte wächst Gras. Sie verschwinden aus dem Gedächtnis der Menschen. Es gibt genügend Beispiele dafür – die Archäologie unserer Tage gräbt so manchen verflossenen Glanz neu aus.

4 Denn du bist der Geringen Schutz gewesen, der Armen Schutz in der Trübsal, eine Zuflucht vor dem Ungewitter, ein Schatten vor der Hitze, wenn die Tyrannen wüten wie ein Unwetter im Winter, 5 wie die Hitze in der Zeit der Dürre. Du demütigst der Fremden Ungestüm, wie du die Hitze brichst durch den Schatten der Wolken; du dämpfst der Tyrannen Siegesgesang.

             Gott tritt den großen Städten entgegen, den Mächtigen, auch, weil es ihm um die Anderen geht, die Geringen, die Armen, die Schutzlosen. Darauf zielt der zweite Vers des Liedes. Er besingt Gott als der Geringen Schutz, der Armen Schutz in der Trübsal, als die Zuflucht der Bedrängten. Wieder und wieder ist das Thema in den Schriften des Alten Testaments, nicht nur bei Jesaja: Gott tritt auf die Seite der Armen und Geplagten. Er ist Partei – jedenfalls immer dann, wenn die Mächtigen ihre Macht missbrauchen und ihren Auftrag verfehlen, die Ohnmächtigen zu stärken und zu bewahren. Er ist der, der den Tyrannen Grenzen setzt, denen in Israel und auch denen aus den Völkern.

Wenn und weil sie das sehen, gehen den Völkern die Augen auf. Sie erkennen, dass Gott der Herr ist, sie ehren ihn – und das heißt doch, den Gott Israels, Jahwe, den HERRN. Was hier in einem dürren Satz angedeutet wird, findet sich erzählt wieder im Buch des Propheten Daniel, wenn König Darius nach der Rettung Daniels aus der Löwengrube anordnet: „Das ist mein Befehl, dass man in meinem ganzen Königreich den Gott Daniels fürchten und sich vor ihm scheuen soll. Denn er ist der lebendige Gott, der ewig bleibt, und sein Reich ist unvergänglich, und seine Herrschaft hat kein Ende.“ (Daniel 6,27) Diese Erwartung, die Völker werden den HERRN Israels ehren und fürchten, teilt Jesaja mit Daniel und anderen Propheten.  

6 Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist.

Dem Lied, das die Zukunft besingt, singend vorweg nimmt, folgen Bilder, die die Zukunft ausmalen.  Es sind starke Bilder, die der Prophet der Tristesse seiner Zeit entgegen stellt. Denn vor Augen haben seine Zeitgenossen andere Bilder: Trauergebeugte Frauen, die ihre Söhne und Töchter, ihre Brüder und Männer beklagten. Kämpfe, in denen Menschen ihr Leben lassen mussten. Die Härte, mit der Menschen den Menschen begegnen. Die Feindschaft der Völker gegeneinander.

Vor Augen haben sie die Wirklichkeit des Todes, mitten im Leben. Den „kleinen Tod“, wenn Lebensträume eines Menschen lächerlich gemacht werden, Hoffnungen eines Menschen zu Boden getrampelt werden. Wenn einer mit seinen Begabungen auf der Strecke bleibt, wenn Beziehungen zerbrechen, wenn Oberflächlichkeit das Miteinander erstarren und versteinern lässt.

             Diesen Bildern stellt Jesaja  – oder seine Schülergruppe – das andere Bild entgegen: Eine Mahlgemeinschaft auf dem Gottesberg. Eine Mahlgemeinschaft, die darin ihren Gipfelpunkt hat, dass es der HERR ist, der dieses Mahl bereitet. Ein Mahl voller Überfluss, keine Armenspeisung aus der Suppenküche. Ein Mahl, bei dem sich die Balken biegen.

“Es kommt ein Tag nach allen Tagen dieser alten Erde                                              Tag des Herrn genannt…                                                                                                     Dann wird unsagbare Freude sein                                                                                     wird helles Lachen herrschen                                                                                                wird an reichen Tischen gegessen.”                                                                                                J. Hansen, Nach dem Dunkel kommt ein neuer Morgen, Wesel 1978, S.  62

             Diese Zukunftserwartung greift, so sehe ich, zurück auf alte Bilder in Israel, vor allem auf dieses Bild: „Da stiegen Mose und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels hinauf und sahen den Gott Israels. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist. Und er reckte seine Hand nicht aus wider die Edlen Israels.  Und als sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie.“(2. Mose 24, 9 – 11) So, wie es war, als Israel zu Israel wurde durch den Bundesschluss am Sinai, so wird es sein. Am Ende des Weges der Welt.

 7 Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. 8 Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat’s gesagt.

             Es bleibt nicht beim Essen und Trinken. Und es bleibt nicht beim Heil allein für Israel. Am Ende weitet sich der Blick auf alle Völker, alle Heiden.Mit dieser Mahlgemeinschaft sind die Völker in die Gottesgemeinschaft aufgenommen.“ (O. Kaiser, aaO.  S. 161) Die Visionen dieses Propheten nehmen schon immer die Welt als Ganzes in Blick und das Heil der Welt als das Ziel Gottes mit allen Völkern. Israels Heil ist „nur“ der Anfang des Heils für alle.  

Es hat eine innere Logik, dass nun der Blick auf den Tod gerichtet wird. Wenn all die Tyrannen und Mächtigen, die das Leben eng machen, die von Opfer zu Opfer gehen, entmachtet sind, dann bleibt nur noch eine Macht: der Tod. Und da sieht Jesaja: Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Nicht wir Menschen besiegen den Tod. Alle menschlichen Siege über den Tod sind vorläufig. Gott selbst hebt das Todesgeschick auf. Ein anderer könnte das ja auch nicht.

Diese Sätze haben Langzeitwirkung. „Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: »Der Tod ist verschlungen vom Sieg.“(!. Korinther 15,54)

Auch der andere Satz des Jesaja findet seine Wiederaufnahme im Neuen Testament auch da wieder in der Vision vom Ende, oder vom Anfang der endgültigen Herrschaft Gottes.  „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 21,4)

Wenn es soweit ist, dann wird auch alle Schmach Israels aufgehoben werden. Alle Verachtung, alle Feindschaft. Alles Unterworfen-Sein unter fremde Herrschaft. Das ist ja die Wirklichkeit Israels nach dem Fall Jerusalems im Jahr 587, „von Fremden beherrscht zu werden, als Fremdling unter den Völkern zu leben und als Volk Gottes Mangel zu leiden.“ (O. Kaiser, aaO.  S. 162) Eine Wende – für alle Einzelnen und für das ganze Volk. Was für eine große Vision.

„Ich habe einen Traum, einen Glauben, eine Hoffnung                                                     eine große Vision. Ich habe einen Traum.                                                                         Ich träume davon, dass eines Tages                                                                                 jedes Tal erhöht und jeder Hügel erniedrigt wird.                                                         Ich träume davon, dass eines Tages                                                                                    die Wüste der Ungerechtigkeit zu einem Land der Freiheit wird.                              Ich träume davon, dass eines Tages                                                                                        das Recht fließen wird wie Wasser                                                                                         und die Gerechtigkeit wie ein starker Strom.                                                                   Ich träume davon, dass eines Tages                                                                            Brüderlichkeit mehr ist als ein paar Worte am Ende eines Gebets.                                Ich träume davon, dass sich eines Tages                                                                        Menschen aller Rassen die Hand geben werden                                                            am Tisch der Brüderlichkeit.                                                                                                  Ich habe einen Traum….“                                                                                                                               Chr. Schwarz nach M. L. King, I have a dream, Abakus 1982  

  9 Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.«

             Jetzt folgt die Antwort. Wieder gewissermaßen vorgesungen durch den Propheten. Er gibt schon einmal den Text an, der als das neue Lied dann zu singen sein wird. Ein Text, der bewusst in der Nähe zu vielen Psalmen Israels formuliert ist. Und alle Völker sind eingeladen, diesen Text mit zu singen. Wer so Gott besingen kann, der gewinnt auch eine neue Perspektive für seine Gegenwart. Es bleibt nicht ohne Folgen, wenn Menschen Gott Loblieder singen. Ihr Herz wird verwandelt werden.

10 Denn die Hand des HERRN ruht auf diesem Berge. Moab aber wird zertreten werden an seinem Ort, wie Stroh in die Mistlache getreten wird. 11 Und wenn es auch seine Hände darin ausbreitet, wie sie ein Schwimmer ausbreitet, um zu schwimmen, so wird doch der Herr seinen Hochmut niederdrücken trotz allen Mühens seiner Hände. 12 Und deine hohen, steilen Mauern hat er gebeugt, erniedrigt und in den Staub zu Boden geworfen

             Ein schriller Misston am Ende. Schatten fällt auf das Lied – der Erzfeind Moab scheint ausgeschlossen. „Alle Gottesfeinde werden zertreten. In eine Jauchegrube wird alles Gottfeindliche geworfen, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 1. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988, S. 361) Es ist ein schwacher Trost: Diese Worte könnten ein Zusatz aus späterer, fremder Hand sein. Ein Widerspruch gegen die große Weite der prophetischen Heilsbotschaft für alle. Dass es so sein könnte, zeigt dann, wie sich schon in ganz früher Zeit, zur Zeit der Verschriftlichung der prophetischen Botschaft die Auseinandersetzung abspielt – hier die, die wie Jesaja auf das Heil der Welt hoffen – dort die, die wie der unbekannte Nachträger auf das Gericht über die Feinde warten. Die Frage an die Leser*innen heute ist dann: Wem folgst du in deinem Glauben und Denken?

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Es gibt mit Jesaja keine Exklusivität „jüdischen Heils“.  Am Ende wird die Decke weggenommen – darauf hoffen doch auch Christen, für alle Völker, alle Heiden. Auch für sich selbst.  Wenn es soweit ist, dann wird auch alle Schmach Israels aufgehoben werden. Alle Verachtung, alle Feindschaft. Alles Unterworfen-Sein unter fremde Herrschaft. Das, was Israel so als Befreiung erfährt, das soll Wirklichkeit weltweit werden. Wir denken zu klein, wenn wir nur in Interessen denken, wenn wir nur in Deals denken, aus denen wir egoistisch Vorteile schöpfen. Der Prophet kennt den Weg zum Heil der Welt nur als einen Weg für alle. Da kann kein Kontinent abgehängt werden, sich selbst überlassen. Da ist niemand durch Rasse, Herkunft oder Religion ausgeschlossen. Der Vorsprung des Propheten vor unserem engen Denken ist enorm. Und beschämend. Und eine Herausforderung – nicht zuletzt an unseren kleinen Glauben.

Was mich beschäftigt:

Es ist ein Kennzeichen der biblischen Botschaft, dass sie die große Wende, das große Heil so zeichnet, dass es auf das einzelne Leben hin sichtbar wird, auf das eigene Leben hin gelesen werden kann. Es sind meine Tränen, die getrocknet werden. Es ist mein Schmerz, der von mir genommen wird. Es ist meine Todesangst, die hier  Boden unter die Füße bekommt, eine Hoffnung, die standhalten lässt. Das kennzeichnet die Bibel: sie vergisst über der großen Welten- und Zeitenwende nicht den Einzelnen, das Staubkörnchen am Rand des Universums. Auch wenn der Glaube nie partikular ist, nie nur aufs private Heil aus ist – er ist immer an der einzelnen Person ausgerichtet. Er sucht mein Hören, mein Vertrauen.

 

Darauf warte ich, darauf hoffe ich, dass einmal der Tisch gedeckt ist, die Tür weit offen steht und Du, Gott, uns entgegen kommst . Uns erwartest und in Deine Arme nimmst.

Darauf hoffe ich, dass dann alles gut sein wird, aller Schmerz vergessen werden kann, alles Leid der Welt nur noch wie leichte Erinnerung ist. Weil wir zu Hause sind bei Dir. Geborgen. Willkommen als Deine Söhne und Töchter. Amen