Segen reicht weiter

Jesaja 19, 16 – 25

16 Zu der Zeit werden die Ägypter sein wie Weiber und sich fürchten und erschrecken, wenn der HERR Zebaoth die Hand gegen sie ausstreckt. 17 Und die Ägypter werden sich fürchten vor dem Lande Juda; sooft man es erwähnt, werden sie erschrecken vor dem Ratschluss des HERRN Zebaoth, den er über sie beschlossen hat.

             Sechsmal in  diesen wenigen Zeilen: zu der Zeit – an jenem Tage. Es ist eine Ankündigung, die in der Schwebe bleibt, „eine beliebte Einleitungsformel für eschatologische Ergänzungen.“ (O. Kaiser, Der Prophet Jesaja, Kapitel 13 – 39, ATD 18; Göttingen 1973, S. 86) Der Versuch einer Datierung der Ereignisse muss scheitern. Aber dass diese Worte von dem Propheten gesprochen sein können, steht für mich außer Zweifel: immerhin hat Jesaja die große Vision von der Völkerwallfahrt zum Zion – Kapitel 2, 1 – 5 – übermittelt – warum also sollte er nicht eine Vision über Ägypten und seinen Weg aussagen können?

Es wirkt wie eine Umkehr der realen Verhältnisse: die Ägypter erschrecken schon bei der bloßen Nennung des Landes Juda. Sie erschrecken, weil sie hinter dem Land den Ratschluss des HERRN Zebaoth wissen. Für den bibellesenden Heutigen ist die Anspielung auf die Auszugstradition mit Händen zu greifen – diesem Auszug gingen die Schrecken der ägyptischen Plagen voraus! Nicht nur Israel hat eine Schreckensgeschichte mit der Weltmacht Ägypten – diese auch mit Israel.           

  18 Zu der Zeit werden fünf Städte in Ägyptenland die Sprache Kanaans sprechen und bei dem HERRN Zebaoth schwören. Eine wird heißen Ir-Heres.

             Das kann eine Anspielung auf jüdische Siedlungen in Ägypten sein. „Man kann in der Tat auf fünf jüdische Siedlungen im Grenzgebiet zu Ägypten verweisen, die etwa ab dem Jahr 660 v. Chr. nachweisbar sind.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 1. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988, S. 303) Dort also leben Juden, die die Sprache Kanaans, „Gottesdienst-Hebräisch“(D. Schneider, ebda.), sprechen, die Gottesdienste feiern. die sich dem Herrn Zebaoth anvertraut und verpflichtet wissen. Erstaunlich, dass hier das Schwören ei dem HERRN als Identifikationsmerkmal angeführt wird, wo doch eigentlich ein Schwören bei Gott untersagt ist.  

19 Zu der Zeit wird für den HERRN ein Altar mitten in Ägyptenland sein und ein Steinmal für den HERRN an seiner Grenze; 20 das wird ein Zeichen und Zeugnis sein für den HERRN Zebaoth in Ägyptenland. Wenn sie zum HERRN schreien vor den Bedrängern, so wird er ihnen einen Retter senden; der wird ihre Sache führen und sie erretten. 21 Und der HERR wird den Ägyptern bekannt werden, und die Ägypter werden den HERRN erkennen zu der Zeit und werden ihm dienen mit Schlachtopfern und Speisopfern und werden dem HERRN Gelübde ablegen und sie halten.

            Das ist großartig: die Hinkehr Ägyptens zu dem HERRN. Gott wird den Ägyptern so begegnen, wie er seinem Volk begegnet – als Retter, als Helfer vor denen, die sie bedrängen. In Ägypten wird ein Altar für Jahwe aufgerichtet sein, werden Ägypter dem Gott Israels Opfer bringen. Was in der Vision der Völkerwallfahrt angekündigt wird, das wird hier als Gottesdienst-Geschehen noch einmal präzisiert. ein Volk, das sich dem Recht Gottes anvertraut, feiert ihn in seinen Gottesdiensten.

 22 Und der HERR wird die Ägypter schlagen und heilen; und sie werden sich bekehren zum HERRN, und er wird sich von ihnen bitten lassen und sie heilen.

 

            Darauf läuft alles hinaus: die Ägypter werden sich zu Gott bekehren. Sie werden sich umkehren zu ihm – hier steht das Wort, das die Umkehr Israels zu seinem Gott beschreibt – ŝūb. Fehlt nur noch, dass es heißt: sie werden sein Volk sein. wie muss das in den Ohren der Hörerc des Jesaja geklungen haben!

 23 Zu der Zeit wird eine Straße sein von Ägypten nach Assyrien, dass die Assyrer nach Ägypten und die Ägypter nach Assyrien kommen, und die Ägypter samt den Assyrern werden dem Herrn dienen.  

Eine Straße des Heils – quer durch den ganzen Vorderen Orient, die die beiden verfeindeten Weltmächte Ägypten und Assyrien miteinander verbindet. Und alle, Ägypter samt den Assyrern werden dem Herrn dienen. Was für ein Vision, die noch heute alles Denken sprengt. Über eine Region, die bis heute wie ein Brandherd wirkt.

Ist es frommes Wunschdenken oder ist es Realismus, der aus dem Glauben an Gott schöpft: „Eine entschlossene Hinkehr zu Gott von wenigstens einem Teil des Volkes eröffnet auf jeden Fall eine Friedensepoche, wobei nicht ausgemacht ist, dass alle anderen Völkern sich in gleicher Entschlossenheit zu Gott wenden.“ (D. Schneider, aaO. S. 306)Aber der Anspruch an die, die sich als Volk Gottes verstehen ist eindeutig – sie sollen jetzt schon so tun, als ob: „Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!“(2,5)  

24 Zu der Zeit wird Israel der Dritte sein mit Ägypten und Assyrien, ein Segen mitten auf Erden; 25 denn der HERR Zebaoth wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk, und du, Assur, meiner Hände Werk, und du, Israel, mein Erbe!

So weit öffnet die Prophetie den Blick. So weit öffnet Gott das Herz. Israel , zusammen mit Ägypten und Assyrien – ein Segen. Für die Region. für die Welt. Es liegt nahe, hier an die Verheißung zu erinnern, mit der Abraham aus dem Zweistromland aufgebrochen war:  „Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“(1. Mose 12, 2 – 3)

Diese universale Weite ist in Israel, zumal in bedrängten Zeiten, manchmal in den Hintergrund gedrängt worden. Aber sie ist nie von einem „engen Heilspartikularismus, der sich Freiheit und Heil Israels nur bei gleichzeitiger Knechtschaft und Schande der Völker denken konnte“ (O. Kaiser, aaO. S. 90 ) erstickt worden. Hier ist es festgehalten: ein Segen ist Israel nur in der Gemeinschaft mit allen anderen, nicht im Alleingang.

Ich frage mich einigermaßen nachdenklich, wie viel Wahrheit in solchen Worten auch für die heutige Situation in Israel und um Israel herum liegt.

 

Mein Gott. Keiner kann allein Segen sich bewahren. Weil Du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen.

Was ist das für eine seltsame Angst, dass  wir manchmal glauben: Dein Segen würde nur für uns reichen, nur bis zu uns reichen. Dein Segen reicht weiter, auch zu den Völkern, mit denen wir es schwer haben. Auch zu den Menschen, die wir nicht als Dein Volk zu sehen vermögen.

Öffne du uns die Augen, dass wir das Wirken Deines Segens sehen über unsere engen Grenzen hinaus. Öffne du uns die Herzen, dass wir uns denen öffnen, die Du unter Deinen Segen gestellt hast. Unwiderruflich. Amen