Bewahre uns Gott

Jesaja 9, 7 – 10,4

7 Der Herr hat ein Wort gesandt zu Jakob, und es ist in Israel niedergefallen, 8 dass alles Volk es innewerde, Ephraim und die Bürger Samarias, die da sagen in Hochmut und stolzem Sinn: 9 Ziegelsteine sind gefallen, aber wir wollen’s mit Quadern wieder bauen. Man hat Maulbeerbäume abgehauen, aber wir wollen Zedern an ihre Stelle setzen.

             Gott hat gewarnt. Aber sein Warnen ist auf taube Ohren getroffen, hat kein Gehör gefunden. Es ist niedergefallen. Die, die hätten hören sollen, die zur Umkehr gerufen worden sind, haben die Warnungen in den Wind geschlagen. Es ist überzogenes Selbstvertrauen: wir werden auf alle Angriffe antworten – sie zurückweisen. „Sollten die alten Ziegelbauten und Sykomorenbäume nur unter der Hand feindlicher Eindringlinge fallen, sie wollten das Zerstörte schöner wieder aufbauen!“ (O. Kaiser, Der Prophet Jesaja, Kapitel 1 – 12, ATD 17; Göttingen 1963, S. 107) Wir kommen stärker zurück als zuvor.

 10 Doch der HERR machte stark gegen sie ihre Bedränger, nämlich Rezin, und ihre Feinde stachelte er auf, 11 die Aramäer von vorn und die Philister von hinten, und sie fraßen Israel mit vollem Maul. Bei all dem kehrte sich sein Zorn nicht ab, seine Hand ist noch ausgereckt.

             Sie haben in Ephraim und Samaria die Worte des Propheten für folgenlos gehalten. Nur Worte. Jetzt erweist es sich: die Prophetenworte setzen Geschehen in Gang. Gott stärkt die Feinde gegen Israel, die von allen Seiten auf sie eindringen. Erschreckend: weil die Umkehr des Volkes ausblieb: „Die Hand Gottes hat eine Umkehr vollzogen – die Umkehr vom Schützen zum Richten.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 1. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988, S. 210) Es ist die Umkehr der Erfahrungen am Schilfmeer – da hatte die Hand Gottes das Volk geschützt. Jetzt ist die gleiche Hand gegen das Volk ausgereckt.

 12 Aber das Volk kehrte nicht um zu dem, der es schlug, und fragte nicht nach dem HERRN Zebaoth. 13 Darum hieb der HERR von Israel Kopf und Schwanz ab, Ast und Stumpf, auf einen Tag. 14 Die Ältesten und die Vornehmen sind der Kopf, die Propheten aber, die falsch lehren, sind der Schwanz. 15 Denn die Leiter dieses Volks wurden Verführer, und die sich leiten ließen, wurden verwirrt.

             Auch das wirkt nicht. Es bleibt dabei, dass das Volk eigensinnig unterwegs bleibt. Es fragte nicht nach dem HERRN Zebaoth. So bleibt Gott nur, das Gericht in aller Härte fortzuführen. An denen oben und an denen unten. An den Führungsschichten und den kleinen Leuten. Es ist so, dass es in den Untergängen nicht mehr differenziert zugeht, dass die Brandmarkung der Hauptschuldigen dazu führt, dass die Geringen und einflusslosen verschont werden. Im Untergang sind alle eins. Ohne Klassenunterschiede. Ohne Schichten-Unterschiede.

16 Darum kann sich der Herr über ihre junge Mannschaft nicht freuen noch ihrer Waisen und Witwen sich erbarmen; denn sie sind allzumal gottlos und böse, und aller Mund redet Torheit. Bei all dem kehrte sich sein Zorn nicht ab, seine Hand ist noch ausgereckt.

             Das ist wirklich zum Erschrecken. Die der Fürsorge Gottes besonders am Herzen liegen – Waise und Witwen – auch sie werden in Mitleidenschaft gezogen. Und es ist, als würde Gott sagen: auch der Satz: Wer die Jugend hat, hat Zukunft, wird jetzt widerlegt. Wo es so ist, dass alle gottlos und böse sind, alle der Torheit nachlaufen, da gibt es keine Zukunft.

 17 Denn die Bosheit loderte wie Feuer und verzehrte Dornen und Disteln; sie zündete den dichten Wald an, der aufging im hohen Rauch. 18 Im Zorn des HERRN Zebaoth verbrannte das Land, und das Volk wurde ein Fraß des Feuers; keiner schonte den andern. 19 Sie verschlangen zur Rechten und litten Hunger; sie fraßen zur Linken und wurden doch nicht satt. Ein jeder fraß das Fleisch seines Arms, 20 Manasse den Ephraim, Ephraim den Manasse, und sie beide miteinander gegen Juda. Bei all dem kehrte sich sein Zorn nicht ab, seine Hand ist noch ausgereckt.

             Das ist ernüchternd: „Es gibt keine Überwindung der Sünde des Menschen durch Gottes Richten. Im Gegenteil: Wenn Gottes Zorn weiter brennt, brennt der Frevel wie Feuer.“ (D. Schneider, aaO. S. 211) Was unter dem Zorn Gottes geschieht, ist furchtbar. die Solidarität untereinander im Volk löst sich auf. Keiner schonte den andern  Ganz hart muss man sagen: es ist eine Illusion, an die Solidarität der Sünder zu glauben. Da ist jeder sich selbst der Nächste. Unter der Sünde zerbricht alle Gemeinschaft.

 10, 1 Wehe den Schriftgelehrten, die unrechte Gesetze machen, und den Schreibern, die unrechtes Urteil schreiben, 2 um die Sache der Armen zu beugen und Gewalt zu üben am Recht der Elenden in meinem Volk, dass die Witwen ihr Raub und die Waisen ihre Beute werden!

             „In einem letzten Weheruf wendet sich Jesaja gegen die Staatsbeamten und Richter, die im eigenen Interesse neue Gesetze und Verordnungen erlassen.“(O. Kaiser, aaO. S. 55) Er entlarvt das vermeintliche Recht als Gewalt gegen die Armen. Das ist mehr als der entrüstete Aufschrei eines moralischen Menschen. Mit seinem Wehe setzt die Totenklage ein und setzt Jesaja den Anfang des Gerichtes in Kraft.    

 3 Was wollt ihr tun am Tage der Heimsuchung und des Unheils, das von ferne kommt? Zu wem wollt ihr fliehen um Hilfe? Und wo wollt ihr eure Herrlichkeit lassen? 4 Wer sich nicht unter die Gefangenen bückt, wird unter den Erschlagenen fallen. Bei all dem kehrte sich sein Zorn nicht ab, seine Hand ist noch ausgereckt.

             Es ist eine direkte Anrede an die, die ihr Schäfchen ins Trockene bringen wollen. mit ihrem Recht, das Unrecht ist. Gott wird es ihnen nicht durchgehen lassen. Und sie, die so Witwen und Waisen jeden Beistand und jeden Schutzes berauben, sie werden unter dem kommenden Gericht Zuflucht suchen – irgendwo – und werden keine Zuflucht finden – nirgendwo.

Man kann fragen  und wir heute neigen dazu, so zu fragen: Meldet sich in diesen Worten des Jesaja eine weitsichtige Analyse der politischen, gesellschaftlichen Situation im Nordreich zu Wort? Ist Jesaja vergleichbar mit den Journalisten, die den Fingern in die Wunden der Gesellschaft legen, die das Unrecht aufdecken, die die Schönrednerei als das entlarven was sie in Wahrheit ist: Täuschung des Volkes und Selbst-Täuschung der Mächtigen. Haben wir in Jesaja also den Vorläufer unserer kritischen Journalisten vor Augen, die die Propheten unserer Zeit sind? Oder leben alle diese Worte des Jesaja davon, dass er das Ohr für Gottes Stimme geöffnet hat, dass sie „klassische prophetische Botschaft“ in dem Sinn sind: erst das Hören auf Gottes leise Stimme, dann das offene und öffentliche Wort?

Was aber, wenn das gar keine Alternative wäre? Wenn das kritische Beobachten der Zeit und das Hören auf die leise Stimme Gottes sich gar nicht ausschließen, sondern eines das andere stützt?

Es ist wie ein liturgischer Kehrvers, unheimlich in seiner steten Wiederholung: Bei all dem kehrte sich sein Zorn nicht ab, seine Hand ist noch ausgereckt. Viermal der gleiche Satz. Dieser Zorn ist unausweichlich und vor diesem Zorn gibt es kein Ausweichen. Zugleich hält dieser Satz daran fest: Hier ist kein anderer Gott am Werk als der, der am Schilfmeer bewahrt und gerettet hat. Das öffnet den Blick über alles Gericht hinaus, um hinter dem Gericht dennoch den rettenden Gott zu glauben, der nicht vernichten wird, sondern durch das Gericht hindurch neu zurecht bringen wird.

Dieser Satz von der ausgereckten Hand Gottes macht im strengen Sinn aus der Situationsanalyse des Jesaja, wo immer sie ihre Wurzeln hat, eine prophetische Botschaft. Sie deckt den Hintergrund des Geschehens auf – dieser Hintergrund ist das Gerichtshandeln Gottes. Das ist der Kern biblischer Prophetie: Sie  sieht in allem Geschehen Gott am Werk. Das ist der „Mehrwert“ der Prophetie gegenüber der kritischen Zeitanalyse.

Es bleibt das ehrliche Eingeständnis: Wir mögen heute solche Texte nicht. Wir sagen und hören bei Jesaja Droh-Botschaft statt Froh-Botschaft. Wir mögen lieber die Texte, die Gott freundlich zeigen, lieb. Vielleicht angesichts der Weltlage gar ein wenig harmlos und hilflos. Dass Gott auch hinter dem harten Geschehen der Welt noch auf dem Plan ist, dass er darüber den Weg der Welt nicht aus den Augen verliert, das müssen wir wohl erst wieder neu lernen. Im Hören auf solche harten, unbequemen Worte, die uns alles Schönreden verwehren.

 

Heiliger Gott, bewahre uns davor, dass wir Deine Warnungen in den Wind schlagen. Bewahre uns davor, dass wir unbequeme Worte nicht wahrhaben wollen, dass wir sie als bloße Entrüstungsschreie missachten, dass wir die, die in Deinem Auftrag reden, für Schwarzseher und Unheilspropheten erklären.

Bewahre uns vor der falschen Sicherheit, dass Du  es doch nicht über Dich bringen wirst, uns die Folgen unserer Taten spüren zu lassen.

Gib Du uns, dass wir uns zur Umkehr rufen lassen und die Schritte zur Umkehr dann auch wirklich gehen. Amen