Heilig, heilig, heilig

Jesaja 6, 1 – 13

1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel.              

Das ist eine klare Datums-Angabe, wenn auch nur in Bezug auf das Jahr und nicht genau auf Tag und Stunde: In dem Jahr, als der König Usija starb. Es ist wohl das Jahr 736 v. Chr.

Wichtiger aber ist, was folgt: Jesaja sieht  den Herrn sitzen – im Tempel. Wenn ich genau lese, so sieht er wohl doch nicht den Herrn selbst, sondern nur den Saum seines Gewandes, der  füllte den Tempel. Auch diese Vision Gottes bricht nicht mit dem Grund-Satz: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ (2. Mose 33,20) In den Worten des Kommentars: „Es will aber durchaus beachtet sein, dass der Prophet letztlich nicht Jahwe selbst beschreibt, sondern nur den Saum seines Gewandes.“(O. Kaiser, aaO. S.  58) Es reicht, den Saum zu sehen, um zu wissen, mit wem man es zu tun hat.

2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie.

            Beschrieben werden nun aber die Serafim. „Darunter sind keine niedlichen, pausbäckigen Rubensengelchen vorzustellen, sondern schaudererregende dämonische Mischwesen mit Schlangenleibern und 6 Flügeln (śārāf Schlange, vergl. Jes 14,39; 30,6)“ (R Albertz, aaO.  S.  15) Sie haben Flügel. Mehr erfahren wir nicht über ihr Aussehen. Wichtiger ist ihr Verhalten: Sie bedecken ihr Angesicht und ihre Füße – Zeichen der Ehrfurcht. „Wie der Mensch können auch diese Wesen Gottes Angesicht nicht sehen.“ (D. Schneider, aaO.  S.  135)  Sie sind um Gott.

 3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!

Dreimal ertönt das Heilig. Es ist, als rufen es sich die Serafim gegenseitig zu, damit sie es nie vergessen. „Alle Heiligkeit nimmt von ihm ihren Ausgang“ (O. Kaiser, aaO.  S. 60) Wenn etwas in dieser Welt heilig ist, Menschen heilig sind, dann, weil er, der HERR Zebaoth heilig ist. Seine Heiligkeit strahlt aus. Berührt als seine Ehre, seine kabôd, die ganze Welt. Es ist keine abgesonderte, sondern eine ausstrahlende Heiligkeit. Nur deshalb auch können wir diesen Ruf aufnehmen in der Abendmahls-Liturgie, wenn die Gemeinde es den Serafim nachsingt: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!

Und es schlägt sich ein weiter Bogen von diesem Anbetungsruf in dem Tempel zu Jerusalem – oder ist es doch ein Tempel, in den Jesaja sozusagen im Geist entrückt ist? – zu den Rufen in der Offenbarung: „Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr, der Allmächtige, der da war und der da ist und der da kommt.“ (Offenbarung 4,8)

 4 Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch.              

               Das ganze Gebäude ist erschüttert, bebt. Erfüllt vom Rufen der Stimmen. Das Haus wird voll Rauch. So etwas Ähnliches kennt der Bibelleser von der Tempelweihe in Jerusalem. „Das Haus des HERRN wurde erfüllt mit einer Wolke, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes. “ (2. Chronik 5,13-14) Und es wirkt fast wie ein Zitat aus Jesaja, wenn es später in der Offenbarung heißt: „Und der Tempel wurde voll Rauch von der Herrlichkeit Gottes und von seiner Kraft.“ (Offenbarung 15,8) Es gibt so etwas wie ein biblisches Wissen darum, dass sich Gott verhüllt, sich um unseretwillen verhüllen muss, wenn er uns Menschen entgegen tritt.

5 Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.

In dieser Vision erkennt Jesaja sich selbst. Im Gegenüber zu dieser Herrlichkeit geht es ihm auf: Ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen. Es gibt kein Bestehen vor diesem heiligen Gott. Noch einmal: Gott sehen ist Sterben. Das hält keiner aus, die unverhüllte Herrlichkeit Gottes.  Nicht einmal die unverhüllte Herrlichkeit nur seines Saumes.

Es ist mehr als ein individuelles Schuldbekenntnis, das Jesaja hier ausspricht. Es ist die Einsicht in das Wesen, das er mit allen Menschen teilt. Mit seinem Volk, zu dem er gehört. Dabei ist „unrein“ nicht zuerst und auch nicht zuletzt eine moralische Kategorie. Sondern unrein umfasst das ganze Sein. „Unrein ist nicht der Körper aufgrund irgendwelcher kultischen Verletzungen; unrein sind die Lippen, die Gott loben, während das Herz fern von ihm ist und während die Nächsten verachtet werden.“ (D. Schneider, aaO.  S.  139)

Das ist Einsicht allerdings, die nicht aus theologischen Lehrsätzen gewonnen ist, sondern die aus dieser überwältigenden Tempel-Erfahrung erwächst. Wenn man so will – auch Jesaja hätte es ja schon lange wissen können: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“(1. Mose 6,5;8,21) Aber dieses erlernte Wissen gewinnt hier auf einmal persönliches Gewicht. Das verändert alles.

Die gleiche Erfahrung wird im Neuen Testament von Petrus erzählt – als seine Erfahrung angesichts des Fischfanges ohne Maßen: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten.“ (Lukas 5,8-9) Auch da wird diese Erfahrung zum Vorspiel einer nachfolgenden Berufung!

 6 Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, 7 und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.

Nur: Es gibt keinen neuen Weg für Jesaja, wenn ihn nicht Gott öffnet. Genau das geschieht. Einer der Serafim „reinigt“ den Mund des Jesaja. Brennt ihn regelrecht aus. Seine Sünde ist gesühnt. Nach anderer Übersetzung „bedeckt“. Sie hat keine Macht mehr über ihn, darf ihn nicht mehr binden, nicht mehr hindern, auch nicht mehr von Gott fernhalten.

Wieder: Hier wird nicht nur ein persönliches „Problem“ des Jesaja gelöst. Ein Versagen bereinigt, eine Schuld gesühnt. Sondern hier geschieht Grundsätzliches: „Da alle Abweichung (ergänze: Vom Weg und Willen Gottes) Schuld ist, gibt es angesichts des fordernden Gotteswillens keine dritten, neutralen Ort. Der Mensch steht zu allen Zeiten entweder in der Gnade Gottes oder unter seinem Gericht.“(O. Kaiser, aaO. S.  64) Dazu also hilft ihm der Engel, dass Jesaja unter die Gnade kommt.

8 Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!

         So, unter der Gnade, kann er hören – und antworten. Das Fragen des Herrn nach einem Boten – und sich zur Verfügung stellen. Nicht hochmütig, sondern demütig, nicht gezwungen, sondern aus freien Stücken, nicht selbst-gewiss, sondern innerlich angesprochen, nicht voller Selbstvertrauen, sondern voll Vertrauen auf den, der ihm die Gnade zugewendet hat und nun nach ihm fragt. Das ist, wenn man so will, die Gewissheit des Jesaja: Er weiß, dass er in dieser Frage Gottes gefragt ist. Kein Bote aus eigener Wahl und auf eigene Verantwortung, sondern einer, der antwortet auf den Ruf, der ihn erreicht hat.

9 Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! 10 Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.

Was für ein Auftrag! Tauben Ohren, blinden Augen, verstockten Herzen predigen. Rufen in dem Wissen, dass es nicht zur Umkehr kommen wird. Was für eine Zumutung an den Propheten. Von Anfang an steht über seinem Rufen, Reden, Predigen das göttliche „Vergeblich“.  Es ist wie ein Verhängnis. Ist das wirklich Gottes Absicht?

„Ist das Volk, bildlich gesprochen, schon jetzt krank, so wird es der Prophet gerade nicht heilen, sondern immer mehr einem Siechen ähnlich werden lassen, dessen verfettetes Herz nur noch träge schlägt. Dessen Ohren stumpf sind und dessen Augen ein Fluss verklebt.“ (O. Kaiser, aaO. S.  65)   Dass er das alles in der Stunde seiner Berufung erfährt, mag ihm helfen, seine Erfolglosigkeit zu tragen, mit der Anfechtung umzugehen, dass er kein Gehör findet. Aber es stürzt ihn und uns als Lesende doch auch in eine tiefes Fragen: Was ist das für ein Gott, der so verstockt, blind und taub werden lässt, der sein Volk so eingeholt werden lässt von seiner Abwendung, dass er es zeigt: Am Ende werdet ihr so allein sein, wie ihr es euch selbst erwählt haben. Gottverlassen allein.

11 Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt. 12 Denn der HERR wird die Menschen weit wegtun, sodass das Land sehr verlassen sein wird. 13 Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden, doch wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.

            Wie lange? fragt Jesaja. Und bekommt Antwort: Bis das Gericht vollzogen ist. Das Land leer, die Städte verwüstet, die Einwohner verschleppt. Das alles ist Gottes Werk! Er – der HERR wird die Menschen weit wegtun. Es gibt keine Umkehr mehr vor der Katastrophe. Und wenn es scheint, als ginge es nicht mehr schlimmer, als sei schon alles verloren, dann wird es abermals verheert werden. Eine zweite Welle der Vernichtung.

            „Fragt man nach der Erfüllung der jesajanischen Gerichtsworte, so muss man auf die dem Nordreich in den Jahren von 734 bis 721 zuteil gewordenen, bis zur Vernichtung des Staatswesens führenden Schläge, auf die harte Niederlage des Südreiches im Jahr 701 und endlich auf seinen Zusammenbruch im Jahr 587 verweisen, in dessen Verlauf selbst der heilige Tempelberg zm Tummelplatz der Füchse wurde.“(O. Kaiser, aaO. S. 67)

Aber – auch das ist Antwort auf das Wie lange? – nicht für immer. Und nicht völlig. Es gibt ein nach dem Gericht. Es gibt noch einen Stumpf, der bleibt. Verheißung eines neuen Anfangs. Ein Rest.  Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.

Mitten in der Untergangs-Vision bleibt ein Schimmer Hoffnung. Festgemacht nicht in der Vitalität des Stumpfes, des Restes, sondern allein darin begründet, dass Gott heilig ist und darum auch der Rest heilig – zum Leben gerufen. „Gott hält in seinem Richten unbegründet inne und bindet den kläglichen Rest aus unbegreiflichen Gründen an sich.“(D. Schneider, aaO.  S.  148) Mit einem Wort: Es ist allein die Gnade, die neue Zukunft öffnen wird.

   Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Diese Gerichts-Worte dürfen nicht überdehnt werden. Es geht in diesen Worten nicht um eine Vorherbestimmung zu ewigem Heil und ewigem Unheil. Es geht um Gericht in der Zeit. Darum, dass Menschen in einen Strudel hineingezogen werden, den sie selbst mit verschulden und der zugleich doch auch schicksalhafte Züge hat. Das ist hart genug. Aber es ist nicht die Ewigkeit, die hier auf dem Spiel steht.

 Der Gedanke des heiligen Restes hat sich Israel tief eingeprägt. Im der Legende von den zehn Gerechten, die in jeder Generation das Gericht aufhalten, hat er eine eindrückliche Ausprägung erhalten. Nicht nur Israel – die Welt lebt von dieser Stellvertretung. Auf die Spitze getrieben ist das alles im Evangelium.  „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“(Johannes 3, 16-17)  Da sind es nicht mehr zehn Gerechte, da ist es nur noch einer!.

Was mich beschäftigt:

Berufungen Gottes sind in den biblischen Texten keine Schritte auf einer Karriere-Leiter. Sie sind mehr Zumutung, mehr Belastung als Auszeichnung. Berufen zu werden ist kein Privileg. Die Berufung des Jesaja ist in ihrer Form ein Sonderfall. Aber auch das kann Berufung sein, ohne die Schau des Saumes am Gewand Gottes, ohne Tempel, ohne Serafen, ohne Erbeben der Erde, dass ein Wort uns so berührt, dass wir wissen: Jetzt bist Du gefordert. Ausweicheh geht nicht.

Man kann sich am Wort Gottes und mit dem Wort Gottes die Zunge verbrennen. Schon in der Berufung erfährt Jesaja, berührt von glühender Kohle: der Weg wird hart werden. Widersprüchlich und er wird auf taube Ohren treffen. Wagen wir heute, denen, die wir in den Dienst der Verkündigung rufen, zu sagen: Mach Dir nichts vor – es wird ein Weg im Gegenwind sein? Ich fürchte, wir reden uns zu oft die Situation der Verkündigung schön. Wir rechnen nicht mt verschlossenen Ohren, blinden Augen, verhärteten Herzen. Nicht bei und selbst und nicht bei anderen.

 

Heiliger Gott, Du und ich – wir passen nicht zusammen. Du bist zu groß für mich, für meinesgleichen. Wir sind nicht tauglich, Deine Boten zu sein.

Wir erfahren, dass uns die Worte stecken bleiben im Hals, dass wir sprachlos werden, dass wir nicht wissen, was wir sagen sollen.

Wenn es uns den Atem nimmt, die Sprache verschlägt, die Worte raubt, die Augen blendet, uns umwirft, zunichte macht mit unseren Möglichkeiten – dann, erst dann werden wir vielleicht brauchbar für dich. Amen