Wer ist Zuflucht?

Jesaja 2, 6 – 22

6 Ja, du hast dein Volk, das Haus Jakob, verstoßen; denn sie sind den Sitten des Ostens verfallen, und es gibt Zeichendeuter wie bei den Philistern, und Kinder von Fremden haben sie mehr als genug. 7 Ihr Land wurde voll Silber und Gold, und ihrer Schätze war kein Ende; ihr Land wurde voll Rosse, und ihrer Wagen war kein Ende. 8 Auch wurde ihr Land voll Götzen; sie beten an ihrer Hände Werk, das ihre Finger gemacht haben.

             Es sind die Hörer*innen, die die große Vision des Jesaja gehört haben. Es ist jetzt wie ein schriller Misston, der dieser Vision folgt. Wie kann einer nur so wechselhaft sein in seinen Worten? Vielleicht gilt ja das Wort des Altkanzlers: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“(H. Schmidt) Jesaja – ein Fall für die Ärzte?

Meldet sich hier Fremdnefeindlichkeit? Kinder von Fremden haben sie mehr als genug. Mir scheint, es geht nicht um reale Kinder. Es geht um die Übernahme von Denkweise, von Glaubenshaltungen, die als Fremdimporte angesehenn werden. Diese neuen Denkweisen werden gehätschelt wie Kinder  und es ist übertrieben und falsch wie das Hätscheln von Kindern.

Es ist ein harte Feststellung, in der auch Schmerz mitschwingen mag: du hast dein Volk, das Haus Jakob, verstoßen. Das ist Gottes Antwort auf eine Erfolgsgeschichte, weil Gott nicht nach dem Erfolg fragt, nicht nach der Prosperität, sondern nach der Treue! Israel hat sich importiert, was es sich als Hilfen erwartete, was Aufschwung bringen sollte – Silber, Gold, Rosse, Wagen. Und wie nebenbei auch die Praktiken, die Zukunft sichern sollten – Zeichendeuter, Götzen. „Von Mesopotamien, dem klassischen  Land der Magie und Astrologie, und aus Philistäa, von Ost und West waren diese Bräuche zusammen mit den ausländischen Händlern, die von der wirtschaftlichen Blüte angezogen waren, und durch ihr Verhalten den Glauben des Bundesvolkes gefährdeten, in das Land eingedrungen.“(O. Kaiser, Der Prophet Jesaja, Kapitel 1 – 12, ATD 17; Göttingen 1963, S. 27)

Entfernt erinnert diese Argumentation an die Reaktionen von Eltern, die mit unerwarteten Schimpfworten ihrer Kinder konfrontiert werden. `Das haben sie aus dem Kindergarten, aus der Schule. Da haben sie das aufgeschnappt.´ Als ob es zu Hause nicht so etwas auch gäbe. Israel war nie das Land des reinen Gottesglaubens – vom ersten Tag an. Immerhin: Das Land steht gut da. Nur: der Preis ist zu hoch.   

 9 Aber gebeugt wurde der Mensch, gedemütigt der Mann. Vergib ihnen nicht!

          Das ist die Kehrseite der Erfolgsgeschichte – Menschen,  die gekrümmt sind. Menschen, denen das Rückgrat gebrochen ist. Menschen, die ausgebrannt sind. Es ist ein unheimliches Gesetz – nicht nur für Israel, nicht nur für damals: „Der Mensch wird durch das gebeugt, vor dem er sich beugt.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 1. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988, s. 86) Wer sich nicht vor Gott beugen will, der wird sich vor den Werken seiner Hände bücken, sich krumm legen bis zum bitteren Ende – nicht mehr zu können.

Vergib ihnen nicht! Will Jesaja die ganze Härte Gottes? Gar die Vernichtung des Volkes? Mir scheint, er stellt sich auf die Seite Gottes, weil er ahnt: Barmherzigkeit zur falschen Zeit ist die falsche Medizin. „Erst nach dem Offenbarwerden des Elends der Menschheit kann ihr geholfen werden.“ (D. Schneider, ebda.) Solange sie auf Selbsterlösung setzt und die Erlösungsbedürftigkeit leugnet, ist ihr nicht zu helfen.  

 10 Geh in die Felsen und verbirg dich in der Erde vor dem Schrecken des HERRN und vor seiner herrlichen Majestät! 11 Denn alle hoffärtigen Augen werden erniedrigt, und die stolzen Männer müssen sich beugen; der HERR aber wird allein hoch sein an jenem Tage.

             Das ist blanke Ironie – Das Volk, das sich so sicher fühlt, wird aufgerufen, nach sicheren Orten zu suchen. Um zu erfahren: Es gibt kein Versteck!

„Der Mensch an sich ist feige Und schämt sich für sein Gefühl.
Das es nur keiner zeige, weil die Moral es so will.
Doch wenn im Fall des Falles er sich im Dunkeln versteckt.
Der liebe Gott sieht alles und hat dich längst entdeckt.“                                                                   H.
Knef, Album: Nichts haut mich um

Aus der Hoffnung auf Verbergen wird Schrecken. Gott ist keine Zuflucht mehr, die ist in den magischen Praktiken vertan und ohne Gott ist keine Zuflucht mehr. Nirgendwo.

 12 Denn der Tag des HERRN Zebaoth wird kommen über alles Hoffärtige und Hohe und über alles Erhabene, dass es erniedrigt werde: 13 über alle hohen und erhabenen Zedern auf dem Libanon und über alle Eichen in Baschan, 14 über alle hohen Berge und über alle erhabenen Hügel, 15 über alle hohen Türme und über alle festen Mauern, 16 über alle Tarsisschiffe im Meer und über alle kostbaren Boote, 17 dass sich beugen muss alle Hoffart der Menschen und sich demütigen müssen, die stolze Männer sind, und der HERR allein hoch sei an jenem Tage. 18 Und mit den Götzen wird’s ganz aus sein. 19 Da wird man in die Höhlen der Felsen gehen und in die Klüfte der Erde vor dem Schrecken des HERRN und vor seiner herrlichen Majestät, wenn er sich aufmachen wird, zu schrecken die Erde.

             Es kommen Schreckenstage. Alles, was Halt bieten könnte, zerbricht. Es sind die Naturgewalten, die sich austoben, von Norden kommend nach Süden. Es trifft die Natur und es trifft die Bauwerke, die Sicherheiten bieten sollen. Es trifft das Meer und das Land. Aber es ist nicht einfach nur Naturgewalt, die sich Bahn bricht – der Tag des HERRN Zebaoth wird kommen. Es ist ein Gerichtstag Gottes, der sein Volk heimsucht. Nichts wird an diesem Tag helfen und die Ohnmacht der Götzen wird offen zu Tage treten. Und mit den Götzen wird’s ganz aus sein. sie werden entlarvt als das, was sie sind: Nichtse.   

Zweimal, nahezu wortgetreu gleich: der HERR aber wird allein hoch sein an jenem Tage. Das erinnert an die Vision vom alles überragenden Berg. Zweimal auch: sich verbergen in der Erde vor dem Schrecken des HERRN und vor seiner herrlichen Majestät! Wenn Gott sich offenbart, seine Macht zweigt, werden die Verhältnisse zurecht gerückt. Wird menschliche Größe als da sichtbar, was sie ist: menschliche Größe. Mehr nicht. Im Vergleich zur Majestät Gottes ein Nichts. vor seiner Majestät verblasst alles.

Hinter solchen Sätzen steht keine Geringschätzung menschlicher Taten, Leistungen, Größe. Menschlicher Kunst. Ich habe den Pergamon-Altar gesehen und bestaunt. Seine Größe, seine Schönheit und Pracht. Unglaublich schön, ein Zeichen tiefer Religiosität. Zugleich eine Monument vergangener Größe und Pracht, gezeichnet vom „Stirb und werde!“ Und in meinen Augen doch ein nichts angesichts der Größe und Schönheit Gottes. Paulus wird schreiben: „Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne.“(Philipper 3,8) Und so singt es die Christenheit seit über 150 Jahren:

„Schön leucht die Sonne, schön leucht der Monde und die Sternlein allzumal.
Jesus leucht schöner, Jesus leucht reiner als alle Engel im Himmelssaal.

Schön sind die Blumen, schön sind die Menschen in der frischen Jugendzeit;
sie müssen sterben, müssen verderben, doch Jesus lebt in Ewigkeit.

Alle die Schönheit Himmels und der Erden ist verfasst in Dir allein.
Nichts soll mir werden lieber auf Erden als Du, der schönste Jesus mein.“                                        H.
A. von Fallersleben, 1842, EG 403

 20 An jenem Tage wird jedermann wegwerfen seine silbernen und goldenen Götzen, die er sich hatte machen lassen, um sich vor Mäusen und Fledermäusen niederzuwerfen, 21 damit er sich verkriechen kann in die Felsspalten und Steinklüfte vor dem Schrecken des HERRN und vor seiner herrlichen Majestät, wenn er sich aufmachen wird, zu schrecken die Erde.

Es ist fast wie ein Akt der Befreiung, wenn die Menschen all das wegwerfen, wovon sie sich Hilfe versprochen hatten. „In der Stunde des Gerichts wird der Mensch auch befreit von seinen Götzen, ohne dass er das gleich als eine Wohltat begreifen könnte.“ (D. Schneider, aaO. S. 91)Schwer verständlich? Es hat vierzig Jahre gedauert, bis man in Deutschland den Tag des Zusammenbruchs des 3. Reiches, der Kapitulation am 8. Mai 45 als einen Tag der  Befreiung verstehen und benennen konnte.

Es dauert lange, bis man sich von den Götzen  befreien und lossagen kann. „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“( Weissagung, den Cree-Indianern zugeschrieben, A. Obomsawin 1972)Manchmal lernen Menschen nur durch tiefe Schmerzen und Untergänge hindurch.

22 So lasst nun ab von dem Menschen, dessen Odem nur ein Hauch ist; denn für was ist er zu achten?

Es scheint, dies sind Worte, die den Zusammenhang auflösen. Sie wirken eher wie eine Schlussfolgerung aus der Ansage des kommenden Tages. Aber was wollen sie, an wen sind diese Worte gerichtet? Sind es Worte, die an Gott gerichtet sind und um Verschonung bitten?Um eine Art Schonfrist, wie sie auch Hiob sucht, wenn er bittet, bettelt, an Gott gerichtet:  „Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.“(Hiob 14,6)

Es könnte auch sein: Dier Worte erinnern Gott daran, Wenn du deine Herrlichkeit enthüllst, die dir eigen ist, dann ist es vorbei mit uns Menschen. Dann wäre es ein Akt der Gnade, dass Gott sich auch in seinem Offenbaren immer zugleich verhüllt. Gott pur halten wir nicht aus.

Es können auch Worte sein, die angesichts des kommenden Gerichtes zur Abkehr von denen  rufen, die doch nicht helfen können. Worte, die hinweisen „auf die eine Gefahr, die durch alle Zeiten bleibt, dass der Mensch sich selbst und Seinesgleichen an die Stelle Gottes setzt und damit das Gericht Gottes über sich und seine Werke heraufbeschwört.“(O. Kaiser, aaO. S. 30)

„Lass dich nicht von Menschen leiten,                                                                       Menschen sind wie Laub im Wind.                                                                                      Jesus schafft Persönlichkeiten,                                                                                                die das Salz der Erde sind.“         H. Chr. Tischer, 1959

 

Heiliger Gott, wie oft rennen wir hinter dem her, was doch nur Kräfte auffrißt, was uns ausbrennt, was den Hunger und Durst der Seele nichtstillen kann.

Wie oft rennen wir hinter dem her, was Sicherheit verspricht, uns die Angst vor der Zukunft zu nehmen scheint und verstricken uns immer tiefer – in eine Abhängigkeit, in der die Angst nur weiter wächst.

Mache Du uns frei, auch wenn Du uns dafür wegnehmen musst, worauf wir uns bisher verlassen wollten. Sei Du uns Zuflucht in aller Sorge, auch in aller Zukunftsangst. Amen