Eine große Vision

Jesaja 2, 1 – 5

1 Dies ist das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, schaute über Juda und Jerusalem:

            Es ist Neueinsatz gegenüber dem Vorhergehenden und eine feierliche Einleitung der nachfolgenden Vision. Sie wird dadurch unterstrichen, dass der Seher noch einmal ausdrücklich benannt wird: Jesaja, der Sohn des Amoz. Er empfängt diese Vision über Juda und Jerusalem, für Juda und Jerusalem.

Die Vision wird in fast gleichen Worten auch im Buch des Propheten Micha überliefert (Micha 4, 1-5). Dort fehlt aber genau dieser Einleitungsvers, der die Vision Jesaja zuschreibt. Das könnte ein Hinweis sein, dass sie bei Jesaja ihren ursprünglichen Ort hat und bei Micha „nur“ Zitat ist. Aber auch dann ist es gut, sich erinnern zu lassen: „Die Bedeutung eines biblischen Textes entscheidet sich nicht an der Verfasserfrage, sondern an seiner Aussage.“ (O. Kaiser, aaO. S.  20)

 2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, 3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN , zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.

            Zur letzten Zeit, in den späteren Tagen. Das ist „die Zeit, da Gott etwas völlig Neues tut. Nach dem Textzusammenhang ist aber nicht eine jenseitige Welt gemeint – dennoch sprengt das, was in V. 2-4 angesagt wird, die Möglichkeiten dieser Weltzeit völlig.“ (D. Schneider, aaO. S.  74)  Wahr ist ja: Die Zeiten, in der sich Berge weit über ihr seitheriges Niveau aufgetürmt haben, gehören der Entstehungszeit der Erde an. Millionen Jahre vor uns. Nicht mehr unseren Zeiten.

Aber vielleicht muss ich ja gar nicht so lesen, als würde hier die Erdbeschaffenheit rund um den Zion gewandelt. Auch die Auskunft, dass „der Zion mit einem hohen Götterberg im Norden gleichgesetzt“ (R. Albertz Hört, denn der Herr redet, 7 Abschnitte aus Jesaja 1 – 29, Texte zur Bibel 3, Neukirchen 1987, S.  41) sein könnte, scheint mir nicht zwingend. Gemeint sein könnte doch auch, dass der Zionsberg auf einmal eine Bedeutung gewinnt, die ihn alle Berge überragen lässt. Der Berg, auf dem das Haus des Herrn steht. Der Berg, auf dem das Heil der Welt sich entscheidet im Kreuz Jesu.

Zu diesem Berg beginnt in den späteren Tagen eine regelrechte Völkerwallfahrt. Menschen aus  allen Völkern laufen herzu, werden angezogen von diesem Berg, suchen den Weg zum Haus des Gottes Jakobs. Sie gehen den Weg nach, den Israel einst gezogen ist, aus Ägypten zum Horeb und vom Horeb zum Zion. Sie werden Pilger zum Haus Gottes, die dort auf Wegweisung hoffen.

Warum? Sie bringen nichts mit. Sie unterwerfen sich nicht. Sie holen sich vielmehr, wovon sie sich Lebensgewinn versprechen. Sie wollen ihren Weg nach dem Wort des HERRN und seinen Weisungen ausrichten. Weil sie spüren: Hier hören wir „Worte des ewigen Lebens.“(Johannes 6,68) Es geht nicht nur um Belehrung über das Gebot, auch nicht nur um Gotteslehre. Es geht um eine Einweisung in eine Lebenspraxis, die sich dem Wort des HERRN anvertraut und die dann auch wirklich seine Wege geht, auf seinen Steigen wandelt.

   „HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!“     Psalm 25,4

Das Gebet dieses Beters wird gewissermaßen zur Massenbewegung unter den Völkern. Weil es gilt: „Hier kann der Mensch allein lernen, welchen Weg er gehen soll, wie er auf Gottes Verheißungen, Forderungen und Heimsuchungen in rechter Weise mit seinem Verhalten antwortet.“ (O. Kaiser, aaO. S.  21) Weil es auf diese Anziehungskraft des Zions setzte, hat Israel nie Mission als Werbung für seinen Glauben geübt. Es ist Sache der Weisungen Gottes, die vom Zion ausgehen, die Herzen zu erreichen. Nicht Sache der Leute Gottes, für ihn Werbung zu machen. Das ist kei n künstlicher Gegensatz, nur eine historische Klarstellung.

4 Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

            Das ist ein Ergebnis dieser Weisungen vom Zion her. Eine weltweite, globale Neuordnung unter den Nationen. Weit über Israel hinaus. Nicht das einzige Ergebnis. Zurechtweisen ist zurechtbringen. Es kommt durch das Wort vom Zion her zu einer Neuausrichtung des Lebens. Ein zentrales Ergebnis dieser Neuausrichtung ist die Konversion von Kriegsgerät in Werkzeuge des Lebens. „Die ständige Kriegsbereitschaft aller gegen alle ist sinnlos geworden.“ (O. Kaiser, aaO. S.  22)Die tiefe Sehnsucht der Welt nach Frieden bekommt in diesen Weisuungen Gottes festen Grund unter die Füße. Es beginnt ein globales Umlernen  – bis heute nicht abgeschlossen.

5 Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Das ist Antwort auf Gottes Wegweisung – eine Selbstverpflichtung Israels: Als Gottes Volk in der Zeit wollen wir wandeln im Licht des HERRN, nach den Maßstäben der Zukunft Gottes leben. Es ist auch eine Absage an die eigensinnigen Wege, die dem Urteil Gottes verfallen sind, wie es im Anfang des Propheten-Buches ausgesprochen wird (1,28).

Es mag sein: Die Völker denken zu seiner Zeit noch nicht an diese Wallfahrt – das weiß Jesaja. Sie folgen ganz anderen Tagesordnungen und anderen Gesetzmäßigkeiten.  Aber umso wichtiger ist es, dass Israel zu einer neuen Treue und zu einem neuen Wandel auf den Wegen Gottes findet, die Zukunft der Völker gewissermaßen vorweg nimmt.

Was mich staunen lässt: Ist das wirklich der gleiche Jesaja, der die Ansagen des Gerichtes im 1. Kapitel zu übermitteln hat und der hier ein Heilswort sagt? Das Gericht über Israel, das Heilswort über alle Völker. Wie geht das, zumal Jesaja ja offensichtlich einer ist, der den Finger auf die Wunden legt, nichts schön redet, der keinen Zweifel lässt: Weiter so! ist eine Parole, die in den Untergang führen wird.

Wenn ich nicht die Lösung so mancher Exegeten akzeptiere, die hier einen „nicht-jesajanischen Text“ sehen, die aber auch damit immer noch keine Antwort haben, wie man denn in ein Buch so unmittelbar hintereinander Gerichts- und Heilswort stellen kann, dann muss ich weiter fragen. Denn auch die Endbearbeiter, die Schüler Jesajas, die das Buch „weiter geschrieben haben“, müssen doch diese Spannung handgreiflich und herausfordernd gespürt haben. Und sie ersparen uns nicht, sie heute zu spüren.

Mein Versuch zu verstehen: Die Gerichtsansagen entstehen im Blick auf das Volk. Sie haben ihren Haftpunkt in der Realität, im verweigerten Glauben, im eigensinnigen Weg des Volkes, in der gelebten Ungerechtigkeit, im Machtpoker der Führungseliten. Die Heilsansagen dagegen entstehen im Blick auf Gott. Es ist der Blickwechsel des Propheten, weg vom Volk, hin zu Gott, der diesen Wechsel der Prophetenworte bewirkt. Es ist die Unterscheidung: die Wirklichkeit des Volkes ist das Eine, die Wahrheit Gottes das Andere.

Die Wirklichkeit des Volkes ist so, dass die Gerichtsworte plausibel sind. Der Blick auch die Wahrheit Gottes dagegen rückt das Erbarmen, die Treue, die Liebe, die nicht aufgibt, ins Bild. So ist das ja wohl bis heute: Wer auf die Kirche schaut, der sieht eine Geschichte, die viele dunkle Flecken hat. Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Waffen segnen, Kumpanei mit den Mächtigen…. Genug, um zu sagen: Mit diesem Verein geht es bergab, wenn er Weiter so! als Parole hat.

Hoffnung dagegen gibt es auch für die Kirche nur, wenn der Blick wechselt. Wenn er nicht auf der Kirche ruht, sondern auf dem Herrn der Kirche. Auf Jesus Christus. Was den Weg zum Glauben, zu neuem Leben öffnet, ist nicht die Wirklichkeit der Kirche, sondern die Wahrheit Gottes, von der Jesus sagt: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“. (Johannes 8,32) Eine Wahrheit, die sich selbst durchsetzt, – in den Herzen, ohne Gewalt, einfach, weil sie aus dem Herzen Gottes kommt. Darauf hoffe ich.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Die Worte dieser Vision sind ausgewandert aus ihrem Zusammenhang. Dass Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Sicheln gemacht werden, ist im Denken des Jesaja Folge dessen, dass Menschen der Weisung Gottes ihr Herz öffnen und ihr Handeln davon bestimmen lassen. Es ist eben nicht Konsequenz einer allgemein einleuchtenden Friedensethik oder eines grundsätzlichen Pazifismus. Demgegenüber  sagt die weltliche Vernunft vielmehr stattdessen: „Si vis pacem, para  bellum.“ Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor. Sei gerüstet, so wird dich keiner angreifen.

Wann ist es so weit, dass die Tage der „letzten Zeit“ da sind? Manchmal denke ich, wir sind heute weiter von ihnen entfernt als es zur Zeit des Jesaja war. Nicht nur, weil es in der Gegenwart „etwa 222 weltweit bewaffnete Konflikte“(A. Merkel, Rede vor dem Bundestag 21.11.18) gibt, die auch mit Waffen aufs Grausamste ausgetragen werden. Mehr noch, weil augenscheinlich das Fragen nach der Wegweisung Gottes völlig aus der Mode gekommen ist. Heute fragt man nach der Zustimmungsquote bei Wählern und in den Medien, nach dem Stand des DAX, nach der Durchsetzbarkeit der eigenen Interessen, nach den Auswirkungen auf den Markt, Alles legitime Fragen – nur Gottes Weisung kommt darin nicht vor.

Ab und an wird symbolträchtig beschworen: Schwerter zu Pflugscharen, Aber die Lebenspraxis ist eine andere. Ich fürchte, das gilt in den häuslichen Verhältnissen wie in der großen Welt der Politik, 140 000 Fälle häuslicher Gewalt – das ist nur die angezeigte Spitze des Eisberges – sprechen eine deutliche Sprache. Wie weit ist das weg von den Worten des Jesaja: sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Im Großen und im Kleinen

Umso größer die Herausforderung an alle, denen es mit Gott ernst ist, mit dem Glauben, die zum Volk Gottes gehören wollen, zu seinem Aufgebot in der Welt. Die Vision folgt einer anderen Vernunft. Wir sollen so tun als ob. Wir sind dazu berufen, heute schon aus der Hoffnung auf die Gegenwart Gottes zu handeln. Wir üben es heute schon ein, seine Weisungen suchen, Auf sein Wort und seine Stimme höre und ihr folgen. Die Christen sind um ihres Glaubens willen in der Gegenwart schon der Zukunft Gottes verpflichtet. Wir sind berufen zu einer Lebenspraxis, in der aufleuchten kann: Wir trauen auf das Kommen Gottes.

 

Es ist eine Erfahrung, dass die Vergangenheit und die Gegenwart einen so gefangen nehmen können, dass der Blick auf die Zukunft verstellt wird und Hoffnung auf Gottes Zukunft nur noch wie eine Illusion erscheint. Wir sind Problem-orientiert, nicht nur im Unterricht. Es gibt die bittere Variation eines Theologie-Professors des Jesus-Wortes: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind – Christ*innen – da ist ein Problem in ihrer Mitte.“ Manchmal denke ich, dass wir blind und taub geworden sind für alle Hoffnungssignale und nur noch die Signale der Angst wahrnehmen.

Es ist ein schräger Satz „Viele kleine Leuten an vielen Orten können das Gesicht der Welt verändern.“ Sie können es, wenn sie mit der Selbstentwaffnung anfangen und mit der Selbstentwertung – wir können ja doch nichts ändern – aufhören. Wenn wir uns aufmachen zu dem Berg Gottes, uns orientieren an seinem Recht, für uns seine Gerechtigkeit – geschenkt! – in Anspruch nehmen.

Wer auf die Kirche schaut, der sieht Menschen am Werk mit Schwächen, Fehlern, Kleinglauben und manchmal auch tapfer – das soll Gottes Avantgarde sein? Ich – einer von denen, mit denen Gott seinen Weg gehen will? Ich lerne mühsam: ich muss nicht die Welt retten. Das ist Gottes Job und er hat ihn sich auch vorbehalten als Alleinstellungsmerkmal. Ich darf einfach tun, was vor meinen Füßen ist, wofür meine Kraft reicht. Und Gott kann daraus etwas machen.

 

Mein Gott, wie ist das mit der Sehnsucht nach Deiner Weisung?, Mit dem Hören auf Dein Wort, mit den Suchen nach Deinem Recht? Wie steht es darum, dass ich mich Deinem Leiten anvertraue?

Es sind die kleinen Schritte, die mir abverlangt sind, damit es zu den großen Schritten in aller Welt kommen kann.               Dass Schwerter zu Pflugscharen werden, die Völker das Kriegshandwerk verlernen, Soldaten zum Blumen-Pflücken gehen, Gewehre verrotten  – das fängt in der Abrüstung bei mir an, in meinen Gedanken und Worten, in meiner Seele.

Es ist meine Sehnsucht, der ich Raum geben möchte, an der ich festhalten will, dass Du diese Worte festhältst, mein Gott, und sie einmal Wirklichkeit werden bei uns, in unsere Zeit hinein. Amen