Gottesverlust

Jesaja 1, 21 – 31

 21 Ach, wie ist zur Hure geworden die treue Stadt! Sie war voll Recht, Gerechtigkeit wohnte darin; nun aber – Mörder. 22 Dein Silber ist Schlacke geworden und dein Wein mit Wasser verfälscht. 23 Deine Fürsten sind Abtrünnige und Diebsgesellen, sie nehmen alle gern Geschenke an und trachten nach Gaben. Den Waisen schaffen sie nicht Recht, und der Witwen Sache kommt nicht vor sie.

             Ach. Es klingt wie Totenklage und Vortrag einer Anklage in einem. Eine Totenklage über eine Stadt, die noch in voller Blüte steht. Weil Gott weiter sieht, weil er sich nicht blenden lässt vom Glanz der ehemaligen „Burg des Rechtes, in der die Bundesordnung wirklich in Kraft stand.“ (O. Kaiser, Der Prophet Jesaja, Kapitel 1 – 12, ATD 17; Göttingen 1963, S. 15)

Es gab eine andere Zeit, auf die das Wort zurück blickt – voll Recht, Gerechtigkeit,  Silber, Wein. Nichts davon ist übrig – das Silber verdorben, der Wein verfälscht, die Gerechtigkeit mit Füßen getreten – das alles ist Erläuterung zu dem Aufschrei: wie ist zur Hure geworden die treue Stadt! „Wenn Juda seinen Gott verlässt, der mit ihm einen ewigen Bund geschlossen hat, so ist das Ehebruch: Gottes Volk wird zur Hure.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 1. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988. S. 64) Es geht in diesem Aufschrei nicht um missbrauchte Sexualität, es geht um das Herumirren ohne festen Halt. die Stadt weiß nicht mehr, zu wem sie gehört.  Es ist der Aufschrei in einem Gemisch aus Schmerz und Zorn dessen, der das Werk seiner Liebe ganz und gar verdorben sieht.

Die Frage, die der Text nicht stellt, die sich aber dennoch aufdrängt: wie konnte es dazu kommen, dass Israel so die Spur Gottesverliert? wie konnte es dazu kommen, dass sie nach dem Anfang in der Wüste so abirren? Es ist eine Verlustgeschichte – auf den wundersamen Anfang folgt der Abstieg, der Abfall. Diese Sicht führt ja auch dazu, die Zeit in der Wüste zu verklären als die Zeit der ersten Liebe. Vielleicht ist das nichtstellen der Frage und das nichtsuchen nach Gründen ja ein Hinweis: Es hilft nichts, in der Vergangenheit Schuld aufzuspüren, Schuldigen zu benennen. Alles kommt darauf an, in der Gegenwart die Weichen neu zu stellen. Zurück zu kehren zu dem Anfang zu der „ersten Liebe.“(Offenbarung 2,4)

Verloren gegangen ist, woran Gott so viel liegt – das Recht der Waisen und die Sache der Witwen. Das zieht sich ja als ein roter Faden durch das Gesetz, wie es von Mose her überliefert ist – die Fürsorge Gottes in seinem Recht gilt besonders den Witwen und Waisen.

„Der HERR, euer Gott, ist der Gott aller Götter und der Herr über alle Herren, der große Gott, der Mächtige und der Schreckliche, der die Person nicht ansieht und kein Geschenk nimmt und schafft Recht den Waisen und Witwen und hat die Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleider gibt. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“ (5. Mose 10, 17 – 19) Es ist, als würde das 5. Buch Mose das ältere Buch zitierten, die Erinnerung an den Bundesschluss am Anfang in die eigene Zeit aktualisieren: „Einen Fremdling sollst du nicht bedrücken und bedrängen; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen. Ihr sollt Witwen und Waisen nicht bedrücken.  Wirst du sie bedrücken und werden sie zu mir schreien, so werde ich ihr Schreien erhören.“(2. Mose 22, 20 – 22) Darin erweist sich Israel als das Mustervolk Gottes, dass es die Geringen achtet und schützt, dass niemand ein Mensch zweiter Klasse werden darf.

4 Darum spricht der Herr, der HERR Zebaoth, der Mächtige Israels: Wehe! Ich werde mir Trost schaffen an meinen Feinden und mich rächen an meinen Widersachern 25 und will meine Hand wider dich kehren und wie mit Lauge ausschmelzen, was Schlacke ist, und all dein Zinn ausscheiden.

            Weil es diese Aufgabe verfehlt, droht jetzt das Gericht. Gott findet sich nicht mit den Zuständen ab. Nicht klaglos und nicht hilflos. Sie haben die Gefahr ihres Handelns nicht verstanden, die Mächtigen Israels: indem sie Gottes Recht missachten, machen sie sich Gott zu Widersachern, machen sie sich selbst zu seinen Feinden. Gott ist nicht neutral. „Gottes Feinde sitzen nicht irgendwo im Ausland. Nein, sie sitzen inmitten seines Volkes.“( D. Schneider, aaO. s. 65)

Muss einem das nicht den Atmen nehmen, auch den heutigen Lesenden: Die Feinde Gottes sind nicht die, die sich als Atheisten bezeichnen, die der Kirche den Rücken gekehrt haben. Feinde Gottes sind die, die mitten in seinem Volk den Gehorsam gegen sein Wort schuldig bleiben. Die das Wort und Gott dadurch in Misskredit bringen, dass sie sich anpassen an Unrechts-Systeme, an den Wettlauf um Macht und Einfluss.

Die Antwort Gottes: Ich will meine Hand wider dich kehren. Es war durch den Weg Israels der Schutz Israels, dass Gott seine Hand über es hielt, dass er sie gegen Israels Feinde kehrte. Jetzt wird Gott mit Israel umgehen wie mit den Feinden von außen. Unter diesen Angriffen Gottes wird es zur großen Scheidung kommen – Gott wird mit Lauge ausschmelzen, was Schlacke ist, und all dein Zinn ausscheiden. „Hier wird deutlich, dass Gottes Gericht nach biblischem Glauben nicht einfach Strafgericht ist. Es ist Scheidung zwischen den Frommen und den Gottlosen.“ (O. Kaiser, aaO. S. 16)

 26 Und ich will dir wieder Richter geben, wie sie vormals waren, und Ratsherren wie im Anfang. Alsdann wirst du eine Stadt der Gerechtigkeit und eine treue Stadt heißen. 27 Zion wird durch Recht erlöst werden, und wer dorthin umkehrt, durch Gerechtigkeit.

             Vielleicht kommt es ja so zu einem Neuanfang. Gott jedenfalls lässt nichts unversucht – er gibt neue, andere Richter und Ratsherren wie am Anfang. Vielleicht macht Jerusalem dann ja auch wieder den althergebrachten Namen Ehre und trägt sie wieder zu Recht. Stadt der Gerechtigkeit und treue Stadt. Dann würde es wieder zur Zuflucht werden können für alle, die Recht und Gerechtigkeit suchen. Es sind Worte, „die keineswegs irreversibles Gericht ankündigen, sondern die Zukunft offen lassen, es könnte sich alles zum Guten wenden und Jerusalem könnte endlich werden, was es seinem Wesen nach ist.“(H. Wildberger, Königsherrschaft Gottes, Jesaja 1 – 39, 1. Teil, Neukirchen 1984, S. 59) Vorsichtiger gesagt: was es nach seiner Berufung sein  und werden soll.           

28 Die Übertreter aber und Sünder werden allesamt zerbrochen werden, und die den HERRN verlassen, werden umkommen. 29 Denn sie sollen zuschanden werden wegen der Eichen, an denen ihr eure Lust habt, und ihr sollt schamrot werden wegen der Gärten, die ihr erwählt habt. 30 Denn ihr werdet sein wie eine Eiche mit dürren Blättern und wie ein Garten ohne Wasser; 31 und der Starke wird sein wie Werg und sein Tun wie ein Funke, und beides wird miteinander brennen und niemand löscht.

             Die Übertreter scheitern an sich selbst. Sie suchen Hilfe, wo keine Hilfe ist. Bei den Eichen, in den Gärten. Dort, wo es die alten kanaanäischen Kultorte gab. sie sind ja nicht mit der Landnahme Israels ein für alle Mal verschwunden. „Heilige Terebinthen sind bis in christliche Zeit hinein in Palästina verehrt worden.“ (O. Kaiser, aaO. S. 17) Es ist nicht angesagt, aus heutiger Sicht einigermaßen hochmütig auf diese Irrwege zu blicken. Erleben wir doch immer wieder die Wiederkehr von heidnischen Verhaltensmustern in einem Land, das sich seit Jahrtausend christianisiert wähnt.

 

Heiliger Gott, sich von Dir abkehren ist nicht harmlos. Nicht nur: Es geht auch ohne Gott. Wir verlieren alles – die Orientierung, den Halt, die Zuflucht, die Geborgenheit und darin Dich.

Sich von Dir abkehren, das geht so unheimlich leicht. Wir folgen den Wegen, die so viele laufen, übernehmen die Verhaltensmuster der Zeit, machen mit beim Rennen nach den besten Plätzen. Nur die Stärksten und Rücksichtslosen kommen oben an.

Die Opfer aber dieser Wettläufe rufen nach Dir und Du hörst ihr Schreien. Gib Du, dass wir uns warnen lassen. Amen