Gottes vergebliche Liebesmühe

Jesaja 1, 1 – 9

1 Dies ist das Gesicht, das Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem zur Zeit des Usija, Jotam, Ahas und Hiskia, der Könige von Juda.

Mit diesem ersten Satz wird nicht nur der Prophet vorgestellt. Sondern vor allem seine Botschaft, das Gesicht – in der Luther-Übersetzung 1956/64 noch  Offenbarung über Juda und Jerusalem. „Ein Gesicht…das Hören, Sehen und Verstehen eines von Gott in den Dienst genommenen Menschen in Anspruch nimmt und formt“(D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 1. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988, S.  41) Es geht um eine Schauung aus der Wirklichkeit Gottes. Dafür verwendet man auch gerne das Wort Offenbarung, das mehr meint als eine Vision, die einer entwickelt. Das unterscheidet das Gesicht, das Jesaja sieht von dem was wir heutzutage eine Vision nennen. Hinter allem, was folgen wird an Worten, Bildern, Liedern, Berichten, steht Gott als der eigentliche „Autor“. Aber nicht zeitlos, sondern in eine bestimmte Zeit hinein.

Es ist sicher zutreffend: „Die vorliegende Überschrift dient dem ganzen Jesajabuch mit seinen 66 Kapiteln. Sie stammt in ihrer heutigen Form vielleicht erst von dem Sammler letzter Hand.“ (O. Kaiser, Der Prophet Jesaja, Kapitel 1 – 12, ATD 17; Göttingen 1963,. S.  1) Sie leistet, was eine Schlagzeile zu leisten imstande ist – sie macht aufmerksam.

Die Angaben der Namen von Usija bis Hiskia deuten auf einen Zeitraum zwischen 787 v.Chr.  bis 697 v. was mir nicht gefiel, und hatten ihre Lust an dem, woran ich kein Wohlgefallen hatte. Chr.. Nun zeigen schon diese Zahlen, die neunzig Jahre umfassen, dass das kaum vorstellbar ist. Etliche Exegeten lesen später Kapitel 6 als die erste Berufung Jesaja und nicht als eine erneute Berufung, die seinen Weg, der schon zuvor angefangen hat, noch einmal in ein neues Licht stellt. Dann wäre das  Jahr 736 der Anfang der Wirkens Jesaja als Prophet. Aber manches spricht doch dafür, dass Jesaja auch schon vor dieser Vision im Tempel prophetisch geredet hat. Darum wird meistens eingegrenzt auf einen Anfang seines Wirkens unter Usija um 750 v. Chr. und ein Ende seines Wirkens, des ersten Jesaja, wird vor dem Tod des Hiskia vermutet.

 2 Höret, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren, denn der HERR redet! Ich habe Kinder  großgezogen und hochgebracht, und sie sind von mir abgefallen! 3 Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht.

             Vor den Augen entsteht eine Gerichtsszene. Und Jesaja, der Prophet ruft Himmel und Erde als Zeugen auf für die Anklage. Die Anklage, die Gott gegen seine Volk erhebt. Diese Anklage heißt: Sie vergelten mir die Wohltaten mit Abkehr, die Liebe mit Abfall.

               Das ist die Anklage Gottes: Ich habe Kinder  großgezogen – aber sie haben sich abgewendet. Sind ihrer Wege gegangen. Bei Hosea heißt es: „Als Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten; aber wenn man sie jetzt ruft, so wenden sie sich davon und opfern den Baalen und räuchern den Bildern. Ich lehrte Ephraim gehen und nahm ihn auf meine Arme; aber sie merkten’s nicht, wie ich ihnen half.“ (Hosea 11, 1 – 3) Es ist die väterliche, sorgende Zuwendung, die auch hier angedeutet wird und die keinen Widerhall im Verhalten des Volkes findet.

Daneben tritt ein Vergleich, der noch einmal unterstreicht: Jeder Ochse kennt seinen Weg, und diese Kennen bewirkt, dass er der Stimme seines Herrn vertraut. Ein Wort, das Jesus mit seiner Hirtenrede aufgreift: „Die Schafe folgen ihm nach; denn sie kennen seine Stimme.“ (Johannes 10,4) Jeder Esel weiß, wo er seinen Futtertrog findet. „Das Ungeheuerliche und Unnatürliche im Verhalten Israels wird durch den Vergleich mit der Treue der Tiere gegenüber ihren Nutzherren unterstrichen… Israel gebärdet sich vernunftloser als das liebe Vieh!“ (O. Kaiser, aaO. S.  6) 

Die Wirkungsgeschichte dieser Worte sei angemerkt: Von dieser Jesaja-Stelle her sind Ochse und Esel in die Weihnachtskrippen „eingezogen“, eine sichtbare Aufforderung an die Christenheit, nicht dümmer zu sein als Ochse und Esel und den Weg zur Krippe zu suchen.

             Würde Israel seinen Herrn kennen, dann würde es seine Wege gehen. „Kennen“ ist nie nur wissen, dass es etwas gibt, wissen und glauben, dass es einen Gott gibt. Kennen schließt immer praktisches Verhalten ein, Lebenspraxis. Wenn sich aus dem Wissen um Gott – so die Botschaft hinter den Worten – kein Tun ergibt, keine Konsequenz, nichts, was das Leben prägt, dann ist es auch nicht zum Kennen, schon gar nicht zum Erkennen gekommen. Dann ist immer noch Blindheit im Spiel. Folgenloser Glaube, der keine Alltagsgestalt gewinnt – das ist für den Gott Israels kein Glaube, kein Weg mit Gott.

 4 Wehe dem sündigen Volk, dem Volk mit Schuld beladen, dem boshaften Geschlecht, den verderbten Kindern, die den HERRN verlassen, den Heiligen Israels lästern, die abgefallen sind!  5 Wohin soll man euch noch schlagen, die ihr doch weiter im Abfall verharrt? Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt. 6 Von der Fußsohle bis zum Haupt ist nichts Gesundes an euch, sondern Beulen und Striemen und frische Wunden, die nicht gereinigt noch verbunden noch mit Öl gelindert sind.

             Es ist fast schon eine Totenklage, die hier angestimmt wird. Da ist nichts Heiles mehr zu sehen, da ist nur noch Schuld und Schmerz. Jesaja sieht ein Volk, das krank ist, von unten bis oben, von der Fußsohle bis zum Haupt. Es ist nicht so, dass es nur oben nicht stimmt mit dem Volk, in der Führungsschicht, oder nur unten, bei den kleinen Leuten. Der ganze „Volkskörper“ ist von Krankheit gezeichnet, tief verwundet. Und keiner macht Anstalten, Wunden zu versorgen. Weil sie alle sagen: Uns geht es doch gut!?

Es ist die Verblendung, die die eigene Schuld, hebräisch wōn nicht wahrnimmt, die eigene Verkehrtheit nicht sieht. Nicht, wie man sich verrennt. Worte, die einen über die eigene Zeit, das eigene Verhalten tief nachdenklich machen können. Wo laufen wir, in unserer Gesellschaft, ohne es zu merken, in die falsche Richtung? Und wo sind die, die Wunden verbinden, Striemen heilen, auf den richtigen Weg zurück finden helfen? Wäre das nicht der Auftrag der Kirchen?

  7 Euer Land ist verwüstet, eure Städte sind mit Feuer verbrannt; Fremde verzehren eure Äcker vor euren Augen; alles ist verwüstet wie beim Untergang SodomS.  8 Übrig geblieben ist allein die Tochter Zion wie ein Häuslein im Weinberg, wie eine Nachthütte im Gurkenfeld, wie eine belagerte Stadt. 9 Hätte uns der HERR Zebaoth nicht einen geringen Rest übrig gelassen, so wären wir wie Sodom und gleich wie Gomorra.

Aus der Anklage wird eine Gegenwartsbeschreibung: Macht doch die Augen auf: Das Land – verwüstet. Die Städte – verbrannt. Fremde sind die Nutznießer des Untergangs. So steht es um Israel, nachdem Sanherib nach dem Jahr 703 den Angriff auf Israel startet. Nur noch Jerusalem, der Zion ist nicht erobert.  Aber er ist angesichts der Übermacht der Assyrer doch nur wie ein Häuslein im Weinberg, wie eine Nachthütte im Gurkenfeld.

            Aber: Der Zion steht noch. Und es gibt noch einen geringen Rest, den Gott übrig gelassen hat. Aus der Sicht der Assyrer: nur einen Handvoll Leute. Aus der Sicht des Jesaja – der Rest, den Gott bewahrt. Dem er seine Gnade zuwendet. „Das Überleben in Gottes Gerichten ist Gnade.“(O. Kaiser, aaO.  S.  8)  Dieser Rest macht den Unterschied zwischen Israel und Sodom und Gomorra.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Hier zeigen sich Grundüberzeugungen des Jesaja-Buches: Menschen machen Geschichte, aber Gott ist der Herr der Geschichte. Es sind Gerichte Gottes, die sich im Handeln der Menschen vollziehen. Und es sind Gnaden-Erweise Gottes, wenn es dann doch einfach „weiter geht“: mit einem Rest, mit ein paar Entronnenen.

Und: wie lese ich das alles? Als historische Analyse über Israel im 8. Jahrhundert? Dann lässt es mich, abgesehen vom Wissenszuwachs kalt. Was, wenn ich anders lese, danach fragend, wie das bei uns ist, bei dem Volk Gottes, das sich in der Kirche sammelt? Das geht unter die Haut. Sind wir nicht längst wie eine armselige Hütte im Gurkenfeld? Wir sind doch schon lange kein Fels mehr in der Brandung der Meinungsfluten. Wir werden mitgespült, mitgeschwemmt. So wie die Volksparteien kränkeln, kränkelt auch die Volkskirche, weil keiner mehr erkennt, was ihr Markenkern ist, wofür sie steht, woher sie ihre Identität gewinnt.

Es ist an der Zeit, dass wir uns unsere Wunden eingestehen, die große Schwäche. Dass wir aufhören, Träume von neuer Größe zu träumen oder in der glorreichen Vergangenheit zu schwelgen. Angesagt ist das Eingeständnis: verwundet von unten bis oben. Nichts mehr, was gesund wäre. Und angesagt ist die Suche nach dem Herrn, die Umkehr, die ihm Recht gibt.

Was mich beschäftigt:

Mir wird Gott in seiner vergeblichen Liebesmühe vor Augen gestellt. der ein Stück ratlos zu fragen scheint: wie soll es denn weitergehen? Was habe ich noch für Möglichkeiten? Das löst Erinnerungen an eigene Erfahrungen aus: Manchmal standen meine Eltern da und haben gefragt: Was sollen wir denn noch machen? Und ich habe Menschen vor Augen, an denen mir lag und liegt und frage: Was soll ich denn noch tun? Was ist denn noch möglich. Die Ratlosigkeit Gottes spiegelt mir die eigenen Ratlosigkeiten mich. Mir hilft das.

Krank an Leib und Seele – so erlebe ich vieles in unserer Gesellschaft. Ich sehe Krimis und sage: verlorene Seelen, kranke  und krankmachende Zustände.  Ich höre: ich bin so frei und sehe eine Freiheit, die nicht stärkt, sondern kränkt. Ich sehe Tagesschau und höre: eine kranke Welt. Wir singen an Weihnachten, ohne zu glauben(?) zu wissen(?) was wir da singen: „Welt ging verloren – Christ ist geboren.“ Christus ist die Antwort Gottes auf eine an Leib und Seele kranke Welt. Wäre die Welt heil, hätte Christus nicht kommen müssen. Darf man so denken?

 

Mein Gott und Herr, Die Wahrheit kann wehtun. Manchmal muss sie wehtun. Du willst, dass wir mit offenen Augen hinsehen, auch da, wo es zum Wegsehen ist, wo es zum Weinen ist, wo es bitter schmerzt, weil wir die vergebliche Liebe sehen.

Das ist mein Trost. Mit allen Klagen und allem Schmerz können wir Dich suchen. Wir müssen nicht alleine fertig werden mit der Not, die zum Himmel schreit. Du willst unser Rufen hören. Amen