Schon hier lernen

Offenbarung 22, 6 – 15

 6 Und er sprach zu mir: Diese Worte sind gewiss und wahrhaftig; und der Herr, der Gott des Geistes der Propheten, hat seinen Engel gesandt, zu zeigen seinen Knechten, was bald geschehen muss. 7 Siehe, ich komme bald. Selig ist, der die Worte der Weissagung in diesem Buch bewahrt.

             Manches prägt sich erst durch Wiederholung in seiner Bedeutung ein. Diese Worte sind gewiss und wahrhaftig. Das ist im Wortlaut gleich dem Wort Gottes aus der Vision vom kommenden „neuen Jerusalem“ (21,5) Als ob es noch einmal eingeschärft werden müsste. Als ob die Bilderflut der Offenbarung davor geschützt werden müsste, als bloße Bilderflut abgetan zu werden.

Es ist ein Zurückgreifen auf den Anfang des ganzen Buches, der jetzt geschieht. Erinnerung: Der Herr, der Gott des Geistes der Propheten, hat seinen Engel gesandt, zu zeigen seinen Knechten, was bald geschehen muss. Es ist nicht Prophetie aus eigener Vollmacht. Es ist Wort, das auf der Sendung Gottes beruht. Johannes hat sich nichts selbst ausgedacht und zusammengeschrieben. Er hat gesehen, gehört und geschrieben.

So wichtig aber sind diese Worte, dass die sechste Seligpreisung der Offenbarung sich auf das Lesen und Bewahren dieser Worte bezieht. Man kann zumindest darüber nachdenken, ob unser „Spruch“ nach der Schriftlesung im Gottesdienst nicht hier seinen Anfangsort hat: „Selig sind, die Gottes Wort höre und bewahren.“

Und der, der Johannes diese Bilder „geschickt hat“, der kündigt sein Kommen an. Bald. „In Kürze“ hatte es in 1,1 geheißen. Über das Geschehen, das angesagt wurde, angekündigt. Aber jetzt wird, wie am Anfang, der Blick vom Geschehen weg gelenkt auf Ihn, auf den kommenden Herrn. Immer ging es in der Offenbarung um Ihn!

  8 Und ich, Johannes, bin es, der dies gehört und gesehen hat. Und als ich’s gehört und gesehen hatte, fiel ich nieder, um anzubeten zu den Füßen des Engels, der mir dies gezeigt hatte. 9 Und er spricht zu mir: Tu es nicht! Denn ich bin dein Mitknecht und der Mitknecht deiner Brüder, der Propheten, und derer, die bewahren die Worte dieses Buches. Bete Gott an!

             Auch das kennt der Leser, die Leserinnen schon aus der Offenbarung. Johannes benennt sich ausdrücklich als der, der gehört und gesehen hat. Das gilt nicht nur von dieser letzten, großen Vision der Stadt Gottes. Ich denke, dieser Satz bezieht sich auf die ganze Schrift, auf den ganzen Brief, den wir Offenbarung des Johannes nennen. Und noch eine Wiederholung: Schon einmal (19,10) wollte Johannes dem Engel, der mit ihm redete, zu Füßen fallen, ihn anbeten. Und so, wie der Engel es da abwehrt, wehrt er Johannes auch hier. Und der Lesende versteht: Anbetung allein dem Lamm und dem, der auf dem Thron sitzt.

 10 Und er spricht zu mir: Versiegle nicht die Worte der Weissagung in diesem Buch; denn die Zeit ist nahe! 11 Wer Böses tut, der tue weiterhin Böses, und wer unrein ist, der sei weiterhin unrein; aber wer gerecht ist, der übe weiterhin Gerechtigkeit, und wer heilig ist, der sei weiterhin heilig.

             Keine Geheimlehre. Kein Wissen nur für Auserwählte. Es ist eine Zeit, in der es den Rücken stärkt zu wissen, was kommen wird, kommen kann. Es ist eine Zeit, in der es gilt, sich im Tun zu bewähren. Auf welcher Seite einer steht, ob auf der Seite des Tieres oder des Lammes, zeigt sich darin, wie er handelt.  Die einen fahren fort im Böses tun. Die anderen halten mit langem Atem fest an der Gerechtigkeit, am Erbarmen, an der Treue, am Heiligen.

Ich lese so: das sind die letzten Worte des Engels. Er hat alles gesagt. Nach ihm nimmt ein anderer das Wort.

 12 Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, einem jeden zu geben, wie seine Werke sind. 13 Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.

        Jetzt spricht der erhöhte Christus. Noch einmal: ich komme bald. Wieder, wie in V. 6: ταχύς. Das ist Wort des Herrn, nicht ein Engelswort. Er selbst ist es, der sein Kommen ansagt. Das heißt doch auch: Haltet durch. Auf euch wartet großer Lohn. Die Bibel geht unbefangener mit dem Gedanken an den Lohn um wie wir das tun in der Angst, man könnte auf die Idee kommen, sich den Himmel durch eigene Leistung zu verdienen. „Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Wiedergeburt, wenn der Menschensohn sitzen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit, auch sitzen auf zwölf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels. Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.“(Matthäus 19, 28-29)  

Lohn hin, Lohn her – in der Mitte steht das andere, steht Er: Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Der die ganze Welt in seinen Händen hält, ihren Anfang und ihr Ende. Am Ende des Evangeliums liest sich das so: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. …Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Matthäus 28, 18.20) Und er, der alle Macht hat, Anfang und Ende ist, er verspricht Lohn. Aus letzter Instanz. Das ist der Lohn: Ihn sehen, mit ihm sprechen, mit ihm leben.

„Noch eine kleine Weile, dann ist’s gewonnen.                                                                Dann ist der ganze Streit in Nichts zerronnen.                                                               Dann werd’ ich laben mich an Lebensbächen                                                                    und ewig, ewiglich mit Jesus sprechen.“                                                                                     Grabinschrift auf dem Grab von  Søren Kierkegaard

 14 Selig sind, die ihre Kleider waschen, dass sie teilhaben an dem Baum des Lebens und zu den Toren hineingehen in die Stadt.

Es folgt die letzte Seligpreisung.  Sie gilt für die, die ihre Kleider waschen. Die sich in die Vergebung der Sünde bergen. Es sich gefallen lassen: Dir sind Deine Sünden vergeben. (Matthäus 9,2 u.a.)  Daraus folgt Freiheit, Teilhabe, die selig macht. Die das Leben erfüllt. Die den Weg öffnet in die Stadt, zu dem Lamm, in das Vaterhaus.

 Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden
Teufel, Welt, Sünd oder Tod;
du hast’s in Händen, kannst alles wenden,
wie nur heißen mag die Not.
Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren
mit hellem Schalle, freuen uns alle
zu dieser Stunde. Halleluja.
Wir jubilieren und triumphieren,
lieben und loben dein Macht dort droben
mit Herz und Munde. Halleluja.   
                                                                                                      C. Schneegaß 1546-1597, EG 398

Keiner muss in der Ewigkeit verdreckt und beschmutzt ankommen. Wir müssen nicht das Leid und die Schuld unseres Lebens für immer, unauslöschlich, an uns tragen. Wir sind nicht dazu verurteilt, immer mit den Altlasten belastet weiter zu gehen.  Ich übertrage ein wenig salopp: Für die Finisher ist alles vorbereitet. Nach dem langen Lauf dürfen sie frisch geduscht  und gesäubert eintreten in den Festsaal. Fein gemacht für das Eintreten in den Kreis der Erwarteten. Kein Vorwurf an die, die so ihre Kleider waschen: Du schönst Dir dein Leben. Sondern: Du hast verstanden. Du bist frei von allem, was hinter dir liegt. Frei für den Weg in die Stadt, frei für den Zutritt zum Baum des Lebens. Wieder steht hier ξύλον ζωῆς, Holz des Lebens.

Es gibt dieser Seligpreisung – der siebten, die die Folge der Seligpreisungen abrundet, ihr besonderes Gewicht. Sie ist keine Reflexion. Kein Freudenausruf aus dem Mund eines Beobachters. Sie ist Wort Jesu, des Christus, der in den Seligpreisungen der Bergpredigt sein Programm aufgedeckt hat und der es nun an sein Ziel gebracht sieht.

 15 Draußen sind die Hunde und die Zauberer und die Unzüchtigen und die Mörder und die Götzendiener und alle, die die Lüge lieben und tun.

Noch einmal der Blick nach draußen. Auf das, was gar nicht mehr gibt. Es ist wie eine Erinnerung an dunkle Zeiten. Auf die, die sich nicht haben rufen lassen. Nicht auf die, die nie gerufen worden sind. „Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.“ (Johannes 3,19) Das ist diese unheimliche Möglichkeit – das Licht zu sehen und doch das Dunkel zu wählen, gerufen zu sein und doch den Ruf nicht zu folgen. „Darum haben wir um diejenigen, denen die Wahrheit Jesu nie auch nur eine Sekunde leuchtete, weniger zu zittern als um uns selbst.“ (A. Pohl, aaO. S. 348) 

Noch einmal stellt der Seher das vor aller Augen. Und bittet, auch wenn er es nicht noch einmal ausdrücklich sagt: Wer gerecht ist, der übe weiterhin Gerechtigkeit, und wer heilig ist, der sei weiterhin heilig.

 

Heiliger Gott, ich will es hier schon üben, das Lied der Befreiten, das Lied der Geliebten, das Lied, das Dir im Himmel gesungen wird. Ohne Anfang und ohne Ende.

Ich will mich bergen in die Worte, die mir die Zukunft hell machen, mir Bilder zeigen, die meine Sehnsucht am Brennen hält, die mich warten lehren, auf den Tag nach allen Tagen. Auf Deine Zukunft. Amen