Die Stadt Gottes

Offenbarung 21, 15 – 27

 15 Und der mit mir redete, hatte einen Messstab, ein goldenes Rohr, um die Stadt zu messen und ihre Tore und ihre Mauer. 16 Und die Stadt ist viereckig angelegt und ihre Länge ist so groß wie die Breite. Und er maß die Stadt mit dem Rohr: zwölftausend Stadien. Die Länge und die Breite und die Höhe der Stadt sind gleich. 17 Und er maß ihre Mauer: hundertvierundvierzig Ellen nach Menschenmaß, das der Engel gebrauchte.

             Eine Stadt, die ebenmäßig ist. Wohlgestaltet. Vollkommen. „Die Vermessung der Stadt … ist nur eine Demonstration ihrer Vollkommenheit.“ (H. Lilje aaO. S. 241) Kein Wildwuchs. In allem herrscht hier die ordnende Hand Gottes. Es ist für den antiken Leser zweifelsfrei das Idealbild einer Stadt, das sich hier eröffnet. Einmal mehr haben wir Vorlagen zu dieser Schau im Propheten-Buch.  „Und als er mich dorthin gebracht hatte, siehe, da war ein Mann, der war anzuschauen wie Erz. Er hatte eine leinene Schnur und eine Messrute in seiner Hand und stand im Tor.“(Hesekiel 40,3) Der Prophet wird Zeuge der Vermessung des neuen, göttlichen Heiligtums, des Tempels. Der Seher Johannes wird Zeuge der Vermessung der himmlischen Stadt.

Wenn man genau liest, kann man den Eindruck eines Würfels haben. Länge, Breite und Höhe der Stadt sind gleich. Aber: „Damit ist wohl nicht die Würfelform, sondern die Pyramide gemeint, und das Vorbild hierfür waren gewiss die „Wolkenkratzer“ Babylons, die vielen pyramiden-ähnlichen Turmaufbauten, an denen die Stadt reich war.“(H. Lilje aaO. S. 241) Mich lässt das fragen: Ist es vorstellbar, dass der Seher, der Babylon als die große Hure, als das Sammelbecken aller Laster sieht, dann am Ende seiner Visionen-Reiche ausgerechnet Babylon zum „Vorbild“ seiner Zeichnung des himmlischen Jerusalems macht? Selbst wenn Babylon im Altertum „das Bild der Weltstadt schlechthin“ (H. Lilje, ebda.) war.  Mir macht das gedanklich Probleme.

Deshalb leuchtet mir der andere Hinweis mehr ein. „Das Allerheiligste im salomonischen Tempel wies nach 1. Könige 6,20; 2. Chronik 3,8 Würfelform auf. Wie das Quadrat die vollkommene Fläche darstellt, so der Kubus den vollkommenen Raum.“ (A. Pohl, aaO. S. 321) Lediglich wenn es um die Größe geht, spielt Babylon vielleicht eine Rolle. Die Zahlenangaben schreiben der himmlischen Stadt eine so gigantische Größe zu – zwölftausend Stadien entsprechen ca. 2200 km! so dass Babylon daneben zu einem Kaff mutiert. Rom übrigens auch.

Der folgende Hinweis mag weiterhelfen. Seit Alexander dem Großen „war die „neue Stadt“ das progressivste gesellschaftliche Gebilde geworden, Gegenstand bewusster Planung und zukunftsorientierter Entwürfe. Ganze Städte wurden, noch bevor man sie erbaute, akribisch auf dem Reißbrett geplant, durchgerechnet. Sie hatten einen quadratischen Grundriss, ihre Tore waren symmetrisch angeordnet, Wasserversorgung und Abwasserentsorgung wareneingeplant, und durch diese Städtezogen sich breite Prozessions-Straßen mit Säulengängen auf beiden Seiten.“(G. Lohfink, Am Ende das nichts?, Freiburg 2017, S. 223)So also nimmt diese Vision auch die Gedanken der Zeit in sich auf. Und dient damit dem  einen Gedanken: „Die Vollendung, die Gott am Ende aller Geschichte schenkt, ist keine Vollendung nur des Einzelnen, der nun ganz für sich sein Glück und seine Lust findet. Was Gott schenkt, ist vielmehr neue Gesellschaft, Begegnung, Versammlung und allseitige Kommunikation.“ (G. Lohfink, ebda.)

18 Und ihr Mauerwerk war aus Jaspis und die Stadt aus reinem Gold, gleich reinem Glas. 19 Und die Grundsteine der Mauer um die Stadt waren geschmückt mit allerlei Edelsteinen. Der erste Grundstein war ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon, der vierte ein Smaragd, 20 der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sarder, der siebente ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyazinth, der zwölfte ein Amethyst. 21 Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, ein jedes Tor war aus einer einzigen Perle, und der Marktplatz der Stadt war aus reinem Gold wie durchscheinendes Glas.

Das Beste ist gerade gut genug. Mauern aus Jaspis, die ganze Stadt aus reinem Gold. Der Jaspis kommt oft vor in den letzten Kapiteln der Offenbarung und immer ist er ein Hinweis auf überirdische Schönheit.

„Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt.                                                              Wir steh’n im Chore der Engel hoch um deinen Thron. “                                                                                    P Nicolai 1599 EG 147

Es lassen sich kaum Worte finden, um zu sagen, was unaussagbar ist, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat. Und es ist ein Ringen darum, diesem unsagbaren Reichtum irgendwie zu entsprechen und vor allem Ihm, der ihn schenkt, irgendwie zu entsprechen. Es mag sein, es ist ein Überschwang, der der Sprache der Zeit geschuldet ist. Aber es ist der Versuch, dieser überwältigenden Erfahrung gerecht zu werden, der Schönheit der Stadt und der Schönheit dessen, der der Herr dieser Stadt ist, „Herr aller Herren und König aller Könige.“(17,14)

 O dass doch so ein lieber Stern soll in der Krippen liegen!
Für edle Kinder großer Herrn gehören güldne Wiegen.
Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht,                                                                                    Samt, Seide, Purpur wären recht,                                                                                        dies Kindlein drauf zu legen!

 Nehmt weg das Stroh, nehmt weg das Heu,                                                                        ich will mir Blumen holen,                                                                                                          daß meines Heilands Lager sei auf lieblichen Violen;
mit Rosen, Nelken, Rosmarin aus schönen Gärten                                                             will ich ihn von oben her bestreuen.             P. Gerhardt 1653, EG 37

             Das Beste ist gerade gut genug – für den Heiland und für seine Stadt. Das hat zu allen Zeiten Künstler beflügelt. Maler, Musiker, Schriftsteller, ihm ihre schönsten Melodien, ihre schönsten Bilder, ihre schönsten Texte zu widmen. Soli deo gloria.  

Wie finde ich als Bibelleser in meinem winzigen Vogelsbergdorf über dieses Nachdenken hinaus einen Zugang zu diesen Worten, der mein Leben heute betrifft? Ich weiß es nicht so recht. Der direkte Bezug zu meinem Leben fehlt, zu den Gedanken über die Kinder und Enkel, die Eltern. Zu dem, was heute hier zu tun ist. Das alles ist so weit weg von dieser ebenmäßigen Stadt und sie ist so weit weg von dem, was heute hier ist. Dahinein wirkt der himmlische Kubus wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt. Aber vielleicht habe ich ja genau das zu lernen. Die Hoffnung auf die kommende Stadt ist wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt. Nur so ist sie Hoffnung, die die Welt übersteigt.

 22 Und ich sah keinen Tempel darin; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm. 23 Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.

             In dieser vollkommenen Stadt ist kein Tempel. Er ist nicht mehr nötig. Ist doch der Tempel der Wohnort Gottes in unserer Welt, der Ort, an dem wir ihn anrufen können, zu ihm flehen, ihm klagen. In dem sein Name wohnt (2. Chronik 7,16). Wenn Gott aber selbst, in Person, Wohnung genommen hat unter seinen Menschen, bei ihnen, in ihrer Mitte zeltet (21, 3; Johannes 1,14), dann braucht es keinen Tempel mehr. „Das alles ist kein Mangel, vielmehr höchste Vollkommenheit.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 139)  Gott bei seinen Menschen – mehr geht nicht.

Es ist eine Linie, die in der Folge der Schriften angelegt ist. Im Bund mit Israel ist der Tempel der Ort, an dem Gott sich finden lassen will. Nicht der einzige Ort – jeder alte Dornbusch ist gut genug, Gottes Ort zu werden –   aber doch ein Ort, an dem Gott sich versprochen hat. In der Verkündigung Jesu hören wir schon neue Töne: „Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Johannes 4, 20 – 24) Da wird die Frage nach dem Ort umgewandelt in die Frage nach der Art und Weise der Anbetung.

Und bei Paulus wird die Tempelfrage noch einmal umgewandelt, wenn er fragt: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“ (1. Korinther 6,19) Da sind es auf einmal die Christ*innen – und zwar ihr Leib und nicht nur ihr Geist, in denen Gott seine Gegenwart aufleuchten lassen will.  In der Welt. Hier und heute. Und jetzt also, in der Johannes-Offenbarung noch einmal der eine Schritt weiter: Gott ist gegenwärtig, unverstellt – und da ist der Tempel überholt.

Überflüssig geworden. So wie ja auch der Pfarrerstand überflüssig wird, wenn Gott leibhaftig unter seinen Menschen wohnt. Auch das schon längst angesagt: „Es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jeremia 31,34) Was für eine glückselige Zeit!

Und: Keine Sonne mehr, kein Mond mehr. Die Gestirne des Himmels haben ausgedient. Die Schöpfung ist neu. „Es gibt nicht mehr die irdische Zeit. Das Fest, das hier gefeiert wird, steht nicht mehr unter dem Zwang der Zeit.“ (G. Lohfink, aaO. S. 226) Und die Lampen am Himmel braucht es nicht mehr, weil diese neue Schöpfung Himmel auf Erden ist, Gegenwart Gottes, die aufstrahlt ohne jedes Dunkel. Ihre Leuchte ist das Lamm. Das ist keine Zusatzleuchte zur Herrlichkeit Gottes. Das ist die strahlende Herrlichkeit Gottes.

Man hat wohl manchmal der Offenbarung vorgeworfen, dass sie das Kreuz nicht im Blick habe, dass sie eine reine Sieger-Christologie vertrete. Ich vermag das so nicht zu sehen. Es leuchtet doch in der himmlischen Wirklichkeit die Herrlichkeit des Lammes auf, aus der Tiefe, wenn es von ihm heißt: „Das Lamm steht, wie geschlachtet“ (5,6); die Herrlichkeit des Lammes, von dem sie anbetend singen: „Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.“ (5,12) Und auch das ist zu hören, wenn von der Herrlichkeit des Lammes zu reden ist: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (Johannes 1,29) Nein, die johanneischen Schriften haben den Weg nach unten nicht vergessen und übersprungen. Aber sie sehen ihn gemeinsam als den Weg dessen, der am Ende die Welt ans Ziel bringt.

 24 Und die Völker werden wandeln in ihrem Licht;

           Das ist die Erfüllung der Erwartungen Israels: Die Völkerwallfahrt zum Zion wird zum Einzug in die Stadt Gottes. Die Völker werden regelrecht angezogen von dieser Stadt. „Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“(Micha 4,2) Ich übertrage, sicher nicht gegen jüdisches Denken: In den Weisungen und dem Wort des HERRN leuchtet seine Herrlichkeit auf. Sie sind das Licht, in dem die Völker wandeln.

 und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in sie bringen. 25 Und ihre Tore werden nicht verschlossen am Tage; denn da wird keine Nacht sein. 26 Und man wird die Pracht und den Reichtum der Völker in sie bringen. 27 Und nichts Unreines wird hineinkommen und keiner, der Gräuel tut und Lüge, sondern allein, die geschrieben stehen in dem Lebensbuch des Lammes.     

             In diese Stadt, in der die Herrlichkeit Gottes leuchtet, bringen die Könige ihre eigene, bescheidene Herrlichkeit ein. Und die Völker bringen die Pracht und den Reichtum ein. Daraus erklärt es sich mir auch, dass am Ende nicht die Wiederherstellung des Paradieses vom Anfang steht, das ganz und allein Gottes Handschrift trägt, sondern eben die neue Stadt, in die eingebracht wird, was der Ertrag der Geschichte ist – das Wahre, Gute, Schöne, was die Freude am Leben als Zeichen an sich trägt und gleichfalls, was die Zeichen des Schmerzes am Leben an sich trägt. Das wird in dieser neuen Stadt heil werden. Es ist wohl so: „Die neue Stadt kommt nicht nur vom Himmel, sie reicht bis in den Himmel hinein. Sie verbindet Himmel und Erde…. Das neue Jerusalem ist nicht nur Weltstadt, diese Stadt ist die Welt.“(G. Lohfink, aaO, S. 225) Alles, was gut ist, findet hier seinen Platz. Alles, was schön ist, alles, was aus der Wahrheit schöpft, wird seinen Platz finden in der Stadt Gottes. Nichts muss dem anderen seinen Platz streitig machen.

Ich lese auch nicht als eine Einschränkung: allein, die geschrieben stehen in dem Lebensbuch des Lammes. In der Vollkommenheit ist kein Raum für das Unvollkommene. In der Herrlichkeit ist kein Raum für das, was befleckt ist, verschmutzt, aus dem Hass geboren, aus der Lüge. Es ist eine Linie, die sich vielfach in der heiligen Schrift findet:

„Die Sünder sollen ein Ende nehmen auf Erden                                                            und die Gottlosen nicht mehr sein.                                                                                  Lobe den HERRN, meine Seele! Halleluja!“                Psalm 104, 35

Wo die Herrlichkeit Gottes aufstrahlt, muss alles Dunkel weichen. Da ist kein Raum mehr für eine Welt gegen Gott, ohne Gott. Weil Gott ja alles in allem ist.

 

Am Ende des Weges der Welt Deine Stadt. Am Anfang Dein Garten, Paradies. Am Ende der Ort, an dem Menschen sich begegnen, das Leben pulsiert, die Freude sich Bahn bricht und Raum ist für alles Gute, Wahre, Schöne.

Für Dich und Dein geliebtes Volk, für uns. Amen

 

 

2 Gedanken zu „Die Stadt Gottes“

    1. Der Seelsorger in mir sagt: Ja. Der Theologe in mir differenziert: “Es ist uns schlicht verwehrt, für die Existenz jenseites des Todes mit irdischen Zeitabläufen zu operieren…. Die Unähnlichkeit mit irdischer Zeit ist unfasslich größer als die Ähnlichkeit.” (G. Lohfink) Wir können nichts wirklich definitiv sagen über “Ewigkeit”. Wir können an der Stelle nicht durch den Vorhang sehen. Biblisch gesprochen: es gibt das Wort Jesu: “Heute noch wirstdu mit mir im Paradies sein.” Es gibt Lazarus in Abrahams Schoß – Bild für das Aufgehobensein in Ewigkeit. Und es gibt eben auch die Worte von der Auferstehung am Jüngsten Tag und in den Jüngsten Tag hinein.

      Anders gesagt: wir sterben in die ewige Gegenwart Gottes hinein.

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