Unter weitem Horizont

Offenbarung 20, 1 – 10

1 Und ich sah einen Engel vom Himmel herabfahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand. 2 Und er ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan, und fesselte ihn für tausend Jahre 3 und warf ihn in den Abgrund und verschloss ihn und setzte ein Siegel oben darauf, damit er die Völker nicht mehr verführen sollte, bis vollendet würden die tausend Jahre. Danach muss er losgelassen werden eine kleine Zeit.

             Eine Polizei-Aktion. Mehr ist nicht nötig, um dem Spuk ein Ende zu machen. Um den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan festzusetzen, braucht es  einen Engel eine „gewöhnlicher Engel, wie Gott viele hat.“ (A. Pohl, Die Offenbarung des Johannes, Wuppertaler Studienbibel, 2. Teil; Wuppertal 1969/1988, S. 262) und seine Handschellen. Keinen der großen Erzengel. „Eine untergeordnete Persönlichkeit aus der Welt Gottes.“(E. Schnepel, aaO. S. 240) Nicht einmal der Name des Engels wird genannt. Demnach ist es keiner von den „Großen“ – Gabriel oder Michael oder… Ist das zu harmlos gedacht? Fehlt mir der Respekt vor dem Bösen?

Es ist ein Hinweis mehr darauf, dass die Offenbarung keinen Kampf zwischen Christus und dem Feind wie zwischen Gleichstarken sieht. Der Kampf ist schon längst entschieden – an Karfreitag und Ostern. „Was noch zu tun übrig bleibt, erledigt auf einen Wink hin ein Diener.“(A. Pohl, ebda.) Ich glaube, dass Johannes uns den übergroßen Respekt, die Angst nehmen will, indem er so schreibt, was er sieht.

Es gibt eine Heidenangst vor dem Bösen, die vergisst, dass Christus der Sieger ist. Wahrscheinlich müssen wir die Angst-Freiheit neu lernen, die sich in den alten Worten spiegelt:  „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?…Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!“ (1. Korinther 15,55.57)

Eine Zeit, in der die Macht des Teufels gebannt ist. Weggesperrt. So eine Zeit kennt das Lukas-Evangelium für das Handeln Jesu. „Und als der Teufel alle Versuchungen vollendet hatte, wich er von ihm eine Zeit lang.“(Lukas 4,13) Eine solche Zeit sieht der Seher nun für die ganze Welt. „Der große Sabbat der Weltgeschichte hat begonnen.“ (E. Schnepel, aaO.;  S. 241)

             Er fesselte ihn für tausend Jahre. Das ist der Zeitraum, der den Namen „Millenium“ trägt, 1000-jähriges Reich. Um das Verständnis dieses Zeitraumes gibt es durch die Geschichte der Kirche hin immer neu Debatten. „Eine Kernfrage ist die nach dem Ort seiner Verwirklichung, ob noch im Rahmen der ihrer Vollendung erst entgegengehende Geschichte oder- gleichsam in einer Zwischenzeit – erst nach deren Ende mit der Wiederkunft Christi zum Gericht, vor der Herabkunft des Neuen Jerusalems.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 128)Es gab durchaus Zeiten, in den es zum Selbstverständnis der Kirche gehörte: wir sind die Gegenwart des 1000-jährigen Reiches.„Ab Mitte des 3. Jahrhunderts wurde der Chiliasmus auch innerhalb der katholischen Kirche bekämpft. Die Erwartung eines irdischen Gottesreiches wurde nun überflüssig, denn der katholischen Kirche ging es materiell zunehmend besser, und der politische Einfluss stieg. Dies interpretierte man als Zeichen, dass das Reich Gottes bereits begonnen habe.“(Wikipedia – Artikel Millenarismus, 8.11.18)

Es fehlt auch in der säkularen Geschichte nicht an Versuchen, die eigene Zeit mit diesem Reich und dieser Zeit zu identifizieren, besonders krass in der Anmaßung des 1000-jährigen Reiches durch die NS-Propaganda. Das zeigt aber zugleich die Gefahren des ideologischen Missbrauchs biblischer Texte, erst recht, wenn sie Interpretations-Spielräume zulassen.

 4 Und ich sah Throne und sie setzten sich darauf, und ihnen wurde das Gericht übergeben. Und ich sah die Seelen derer, die enthauptet waren um des Zeugnisses von Jesus und um des Wortes Gottes willen und die nicht angebetet hatten das Tier und sein Bild und die sein Zeichen nicht angenommen hatten an ihre Stirn und auf ihre Hand; diese wurden lebendig und regierten mit Christus tausend Jahre.

             In dieser Zwischenzeit wird nicht nur Christus in seiner Herrlichkeit erkennbar, sondern auch die Gemeinde. Sie gewinnt Anteil an seiner Macht, an seinem Regieren. Die zur Anbetung des Tieres Nein gesagt haben, zu denen wird jetzt Ja gesagt – durch ihre Einsetzung auf die Throne. „Die unter der Anfechtung Gottes und Christi besonders gelitten haben, erhalten von Gott eine besondere Rechtsgabe.“(M. Karrer, Unfassbares, aaO. 78) Sie werden beteiligt an der Aufrichtung der Rechtsdurchsetzung Gottes, in der das Handeln geprüft, unterschieden wird. Das Gute belohnt. Ihr Gericht ist nicht Rache. Die selbst zu Märtyrern gemacht worden sind, zu Blutzeugen, machen jetzt nicht andere zu Blutzeugen. Ich verstehe ihr Richten und Regieren so: Sie haben Anteil am Leben Jesu und geben es weiter. Ungehindert.

Es geht ja darum, in der Spur Jesu zu bleiben. Er sagt „Ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette.“ (Johannes 12,47) Sein Richten ist: das Leben anbieten, zum Leben rufen, in die Gemeinschaft mit dem Vater rufen. In die Gemeinschaft mit sich selbst stellen. Wer diesem Ruf folgt, der gewinnt das Leben. Wer ihm nicht folgt, schließt sich selbst aus – von der Gemeinschaft mit Jesus, von dem Weg, auf der uns nach Hause führen will. Von daher verstehe ich auch das Richten und Regieren. Es ist die Fortsetzung des Rufes zum Leben mit Gott.

 5 Die andern Toten aber wurden nicht wieder lebendig, bis die tausend Jahre vollendet wurden. Dies ist die erste Auferstehung.

         Es ist ein rätselhafter Zwischensatz, vielleicht dem Versuch geschuldet, die Toten in ihrem unterschiedlichen Geschick zu unterscheiden.  Da sind die, die sich zu Jesus bekannt haben – sie werden lebendig und sie regieren mit ihm. Dann gibt es andere Tote, die nicht wieder lebendig werden für diese Zeit der tausend Jahre. Wer diese anderen sind – darüber gibt es „eine merkwürdige Fehlanzeige. Es erscheinen keine Beherrschten, auch keine Missionierten oder Bekehrten. Da sind nur Auferstandene und Tote.“ (A. Pohl, aaO. S. 268) Es mag gut sein, es ist Demut angesagt auch im Verstehen- und Erklären-Wollen: wir wissen nicht alles.

 6 Selig ist der und heilig, der teilhat an der ersten Auferstehung. Über diese hat der zweite Tod keine Macht; sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahre.

             Es folgt die fünfte Seligpreisung. Sie erklärt sich als Teilhabe an der ersten Auferstehung, als die Einsetzung als Priester Gottes und Christi. In einer Heilszeit von tausend Jahren. Sozusagen: für immer.

             Wenn es eine erste Auferstehung gibt, gibt es auch eine zweite? Was ist mit dem Ausdruck gemeint? „Erste Auferstehung nennt er ihre Auferstehung, soweit wir erkennen können, um sich von der gelegentlich im Urchristentum aufkommenden Vorstellung abzusetzen, die Auferstehung geschehe schon mit der Neuprägung der christlichen Existenz vor den Tod (vgl bes. 2. Timotheus 2,18) Ein Neuerstehen des Christen etwa bei der Taufe oder durch den Geistempfang ist für Johannes betont nicht Auferstehung. Die „erste“ Auferstehung ist erst und nur die Auferstehung nach dem Tod. Eine „zweite Auferstehung“, die einzelne Ausleger vermuten, folgt nicht.“ (M. Karrer, Unfassbares, aaO.;  S.78) 

             Dreimal taucht in dem Abschnitt 20, 1 – 7 diese Zeit auf, tausend Jahre. In der Geschichte der Kirche hat das gewaltige Folgen gehabt. Auf das tausendjährige Reich haben die Christen der Anfangszeit gehofft. Sollte es doch ein Reich der Freiheit von aller Angst vor Verfolgung sein. Als die Kirche selbst groß und mächtig wurde, hat sich das Blatt gewendet. Die früher Verfolgten verfolgten nun ihrerseits mit oft erschreckender Härte ihre früheren Verfolger. Für „Heiden“ wurde es im römischen Reich mit dem Christentum als Staatsreligion ungemütlich. Und es hat sich oft wiederholt – bei Katharern, Hussiten, Hutterern, Mennoniten – sie alle, die auf das Reich der Freiheit hofften, wurden verfolgt, auch durch die Kirche selbst. Kein Ruhmesblatt.

Dieser Vorgang der Umkehrung wiederholt sich bis auf den heutigen Tag. Beispielhaft: Früher haben manche homophile Menschen, schwul oder lesbisch, als krank diskriminiert, weil sie der herrschenden psychologischen Lehrmeinung gefolgt sind. Wer heute noch dazu steht, dass er mit der Gleichgeschlechtlichkeit und der “Ehe für Alle” Schwierigkeiten hat, wird plötzlich als homophob diskreditiert und diskriminiert. Man wird gewissermaßen genötigt, dem Dictum des früheren Berliner OB Wowereit zuzustimmen: “Und das ist auch gut so.” Wehe, wer nicht zustimmt. Auch innerhalb der Kirchen. Eine von dieser Lesart abweichende Auslegung entsprechender Passagen in AT und NT, besonders bei Paulus, droht  per Synodal-Dekret untersagt zu werden. Abweichler sind unerwünscht, zu allen Zeiten. Sie stören nur.

Was ist das Ziel dieser Rede vom tausendjährigen Reich. Mir hilft, was ich lese: „Hier wird in fast phantasieloser Nüchternheit nur die Tatsache bezeugt, dass Gottes Schöpferwille und Heilswille auch innerhalb der Geschichte noch zu seinem Ziele kommt. Darüber hinaus ist für irgendwelche ausschmückende Phantasietätigkeit kein Raum.“(H. Lilje, aaO. S. 227) Also kein Vertrösten und keine Flucht ins Jenseits. In dieser Welt will Gott sein Heil aufrichten.

Auch die folgende Aussage finde ich bedenkenswert: „Die Vision des tausendjährigen Reiches kann nicht mehr mit der uns zur Verfügung stehenden Vorstellung von Raum und Zeit aufgegriffen werden. Christus ist zu diesem Zeitpunkt wiedergekommen. Die Dimensionen von Raum und Zeit sind bereits aufgelöst. Jeder Versuch, die Wiederkunft Christi in unsere Raum- und Zeitordnung zu pressen, muss damit als Schwärmerei betrachtet werden.“ (K. Henning, aaO.  S. 300) 

             Ich spüre: wir haben hier Bildworte vor uns, nicht die Reportage von einer irdisch-himmlischen Zeitreise. Es sind Bilder von einer großen seelischen Kraft. Diese Bildersprache jedoch eignet sich nicht zur Entwicklung lehrhafter Sätze. Sie ist auch – in meinen Augen – falsch verstanden, wenn man aus ihr einen Zeitablauf herauslesen will. Sie will das Herz erreichen, trösten, ermutigen, Mut machen. Es reicht, dass sie das unabwendbare Ende aller Macht des Bösen ansagt. Wer glaubt, mit ihrer Hilfe den Fortgang der Weltgeschichte Klären und erklären zu können, glaubt mehr als er um seiner Seelen Seligkeit willen glauben muss.

 

Über mir ist der Himmel offen. Manchmal stehe ich staunend da, schaue in das Blau des Himmels, ahne die Weite, in der sich mein Blick verlieren kann und spüre gleichzeitig die Nähe Gottes. Deine Nähe, auf den alle Welt in ihrer Geschichte zulebt.

Damit ich unter dem weiten Himmel Deine Nähe, mein Herr, ahne und spüre, brauche ich den anderen Blick – auf Dich, mein Jesus, wie Du nahe zu uns kommst, unsere Wege teilst, unseren Tod stirbst, uns mit Deinem Leben beschenkst.

Und alle Furcht fällt von mir ab. Dafür danke ich Dir. Amen