Alles wird durchsichtig auf Gott hin

Offenbarung 11, 15 – 19

15 Und der siebente Engel blies seine Posaune; und es erhoben sich große Stimmen im Himmel, die sprachen:

 Das Zwischenspiel ist beendet. Die siebte Posaune ertönt. Der Blick wird zurück gelenkt von der Erde in den Himmel, vom Chaos auf den himmlischen Gottesdienst. Es ist, als wäre dieser Gottesdienst nie unterbrochen worden. Es sind große Stimmen, die im Himmel sprechen, singen. Ein vielstimmiger Chor, aber ein einmütiger Text.

 Nun gehört die Herrschaft über die Welt unserm Herrn und seinem Christus, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit. 16 Und die vierundzwanzig Ältesten, die vor Gott auf ihren Thronen saßen, fielen nieder auf ihr Angesicht und beteten Gott an 17 und sprachen: Wir danken dir, Herr, allmächtiger Gott, der du bist und der du warst, dass du deine große Macht an dich genommen und die Herrschaft ergriffen hast!

Alles ist klar, entschieden, eindeutig. Die Herrschaft über die Welt – ἡ βασιλεία τοῦ κόσμου – ist in den Händen Gottes. Was der Auferstandene den Jüngern vor ihrem Weg zu den Völkern gesagt hat – „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28,18) – ist jetzt im Lobgesang erfüllt.  „Beim Klang der siebten Posaune kommt das Mysterium Gottes zur Vollendung, die Geschichte Gottes mit der Welt zu ihrem Ziel.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 88) Endlich hat Christus die Macht übernommen. Es ist wie ein großes Aufatmen in diesen Worten.

             Darauf zielt der Lauf der Welt, dass Gott alles in allem ist und dass er angebetet wird. Gott allein – das ist keine Parole, die einmal überholt sein wird. Das ist die Wirklichkeit, auf die ich zuleben darf. Der Himmel sieht das heute schon. Die Engel sehen das heute schon. Wir aber auf der Erde sehen das noch nicht. Wir sehen den überirdischen Glanz noch nicht, weil wir noch in unserer Wirklichkeit gefangen sind, weil der Himmel noch weit ist und die Erde so nah.

Als Teresa von Ávila starb, fand man in ihrem Brevier ein kleines, dreimal dreizeiliges Gedicht, das mit den Worten endet: „Sólo Dios basta – Gott nur genügt. Ich habe über lange Jahre hin, seit der Studentenzeit diese Worte auf einem Taschenkalender mit mir geführt. Sie haben mich tief geprägt, auch wenn ich sie nicht immer in meinem Leben durchgehalten habe.

Von Zeit zu Zeit berührt uns ein Lichtstrahl aus der Ewigkeit, klingt der Lobgesang der himmlischen Chöre auf und erreicht sogar mein schwer hörendes Ohr. Von diesen Klängen und von diesen Bildern nährt sich meine Seele, so wie sie sich auch nährt von aller Freundlichkeit und Liebe, die mir hier widerfährt. Es ist gut, dass ich in die Herrlichkeit Gottes unterwegs bin – hier auf Erden.

Es ist die himmlische Anbetung, die das Ziel schon erreicht sieht. Auch in der irdischen Anbetung ist die Ewigkeit schon erfüllt. Gegenwart. Das ist, was manche Zeitgenossen den Christ*innen auch einmal vorhalten: Ausstieg aus der Zeit. Aber es ist kein Ausstieg, es ist nur ein Durchbrechen der Zeitdimensionen. Ich glaube nicht, dass ich betend aus der Zeit falle. Zumal  nicht, wenn mein Beten in der Fürbitte  Gott meine kleine und seine große Welt vorhält. Ich denke, dass die Anbetung Gottes das Fenster zur Ewigkeit aufstößt, so dass die Anbetung diese andere Dimension Ewigkeit nicht in die Zeit hineinholt, aber sie empfängt. Wir können Ewigkeit so wenig machen wie wir Zukunft machen können. Wir können uns ihr nur öffnen.

„Ewigkeit, in die Zeit
leuchte hell hinein,
daß uns werde klein das Kleine
und das Große groß erscheine.                                                                                                                        M. Schmalenbach, 1835 – 1924, EG Westfalen 572

Die Ältesten im Himmel beten so, dass sie das, was sie erhoffen, schon erfüllt sehen. Sie beten Gott über dem an, was er noch tun wird, als hätte er es schon getan. Hans Bürki, von dem ich viele Impulse erfahren habe, hat uns nahegelegt, unsere Bitten schon im Dank als erfüllt zu formulieren. Das stellt eine geistliche Herausforderung dar – für uns als Betende, für mich, lebenslang: Traue ich mich, schon zu danken für das, was ich erhoffe? Gott schon im Voraus darüber zu loben? Das ist mehr als nur eine veränderte Wortwahl. Das ist ein anderes Denken, eine andere Haltung, und sie wird anfangsweise eingeübt in der Anbetung

18 Und die Völker sind zornig geworden; und es ist gekommen dein Zorn und die Zeit, die Toten zu richten und den Lohn zu geben deinen Knechten, den Propheten und den Heiligen und denen, die deinen Namen fürchten – die Kleinen und die Großen –, und zu vernichten, die die Erde vernichten.          

Allerdings – eines steht noch aus: dass die Gerechtigkeit Gottes aufgerichtet wird. Dass der Widerspruch der Welt gegen Gott seine Antwort finden wird. so erwartet der Lobgesang(!) die Zeit, die Toten zu richten. Es wird nichts, was geschehen ist auf der Welt, ohne das Urteil Gottes bleiben. Dieses Gericht schließt ein, dass es Lohn gibt – μισθς. Das macht aus Knechten, Propheten und Heiligen keine Lohnempfänger für geleistete Arbeit. Aber es lässt sie Lohn empfangen für das geteilte Leben, für die Schicksalsgemeinschaft. Nichts an diesem Lohn ist erdient, alles ist geschenkt.

             Das allerdings ist auch gemeint: „Gott setzt die ins Recht, die in einer gottlosen Welt den Stachel des Wissens um Gott erhielten, seine Propheten und alle, die sich von Gott und seinem Willen nichtlösten, Ohnmächtige und Mächtige.“ (T. Holtz, aaO. S. 89) Die Kleinen und die Großen. Diese Treue lohnt.

19 Und der Tempel Gottes im Himmel wurde aufgetan, und die Lade seines Bundes wurde in seinem Tempel sichtbar; und es geschahen Blitze und Stimmen und Donner und Erdbeben und ein großer Hagel.

             So war es ja auch bei der Gottesoffenbarung, aus der das alte, erste Gottesvolk geworden ist:  „Und alles Volk sah den Donner und die Blitze und den Ton der Posaune und den Berg rauchen.“(2. Mose 20, 18) Nur so viel noch dazu – es gibt im Evangelium in meinen Augen eine direkte Parallele zu diesen Worten:  „Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.“(Matthäus  27,51- 53) Alles wird durchsichtig auf Gott hin.

 

Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha,                                    der in bittern Todesschmerzen das Geheimnis Gottes sah.                               Das Geheimnis des Gerichtes über aller Menschen Schuld,                                das Geheimnis neuen Lichtes aus des Vaters ew‘ger Huld.

Schweigen müssen nun die Feinde  vor dem Sieg von Golgatha,                            die begnadigte Gemeinde sagt zu Christi Wegen: Ja!                                                 Ja, wir danken deinen Schmerzen,    ja, wir preisen deine Treu,                              ja, wir dienen dir von Herzen: Ja, du machst einst alles neu!

So zu beten übe ich und hoffe, es wird reichen, um in das himmlische Lob einzustimmen. Amen