Schicksalsgemeinschaft

Offenbarung 11, 3 – 14

3 Und ich will meine zwei Zeugen bestimmen, und sie sollen weissagen tausendzweihundertsechzig Tage lang, angetan mit Trauerkleidern. 4 Diese sind die zwei Ölbäume und die zwei Leuchter, die vor dem Herrn der Erde stehen.

 Es ist Rückgriff auf jüdisches Denken: Die Wahrheit bedarf immer zweier Zeugen. 1260 Tage = 42 Monate, = 3 ½ Jahre. Solche Angaben zu den Zeiten sind kein zufälliges Zeitmaß.  „Fasst man den Ablauf der Weltgeschichte vom Anfang bis zum Ende als einen „sieben Jahre“ dauernden Prozess auf, so kennzeichnet die Zahl dreieinhalb genau die Hälfte der Weltgeschichte.“ (K. Henning, Die Zukunft findet statt. Die Offenbarung aus der Sicht eines Ingenieurs, Wuppertal 1979, S. 183) Oder salopp gesagt eine halbe Ewigkeit. In dieser Zeit rufen die beiden Zeugen noch einmal zur Umkehr.

Es sind besondere Zeugen – darauf deuten die Bildworte hin: zwei Ölbäume, zwei Leuchter. Es gibt im Judentum die Erwartung, dass Elia wiederkommen wird, bevor das Ende kommt. „Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag des HERRN kommt.“ (Maleachi 3, 23). Es gibt die Erzählung von der Verklärung Jesu: „Und es erschien ihnen Elia mit Mose, und sie redeten mit Jesus.“(Markus 9,4) Von diesen Texten her ist es nahliegend: „Es bleibt kein Zweifel darüber, wer ihr irdisch-geschichtliches Vorbild ist; es sind Mose und Elia“ (H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 152)

5 Und wenn ihnen jemand Schaden tun will, so kommt Feuer aus ihrem Mund und verzehrt ihre Feinde; und wenn ihnen jemand Schaden tun will, muss er so getötet werden. 6 Diese haben Macht, den Himmel zu verschließen, damit es nicht regne in den Tagen ihrer Weissagung, und haben Macht über die Wasser, sie in Blut zu verwandeln und die Erde zu schlagen mit Plagen aller Art, sooft sie wollen.

      Die Zeugen sind unangreifbar. Sie sind nicht wehrlos, keine schwachen Figuren. Sie müssen sich nicht alles gefallen lassen, sie können dagegen halten, sie haben Macht. Das Wort ξουσα lässt auch „Gewalt“ mithören – so wie im Wort des auferstandenen Herrn: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28,18) In diesem Zusammenhang tauchen Bilder auf, die sich mit den Erzählungen von Elia – der den Himmel verschließen konnte – und mit Mose, der den Nil zum Blutwasser wandeln konnte, verbinden lassen.  Bilder von Macht, die ihren Grund in Gottes Ermächtigen hat.

7 Und wenn sie ihr Zeugnis vollendet haben, so wird das Tier, das aus dem Abgrund aufsteigt, mit ihnen kämpfen und wird sie überwinden und wird sie töten. 8 Und ihre Leichname werden liegen auf der Straße der großen Stadt, die heißt geistlich: Sodom und Ägypten, wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde.

 Wir erfahren nicht, was das Zeugnis – hier steht μαρτυρία, martyria – dieser beiden Zeugen inhaltlich ist. Es bleibt in der Schwebe, genau wie auch ihre Identität, die mehr angedeutet als wirklich geklärt ist. Eindeutig in allem ist zunächst nur: sie sterben nicht zur Unzeit. Keinen Tag früher geht ihr Dienst zu Ende als bis er erfüllt ist, vollendet ist, ans Ziel gekommen. Hier steht mit τελσωσιν eine Verbform des Wortes, das als letztes Wort Jesu von Johannes überliefert ist: Τετέλεσται. “Es ist vollbracht.”(Johannes 19,30)   Eindeutig auch dies, dass sie dort sterben, wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde.  Damit ist klar: Hier ist von der großen Stadt Jerusalem die Rede. Wobei der Name absichtlich gemieden wird, weil dieser großen Stadt die geistliche Qualität abgesprochen wird, die mit dem Namen untrennbar verbunden ist – die Stadt Gottes. Statt dessen Sodom und Ägypten. Orte des Lasters und der Knechtschaft.

 9 Und Menschen aus den Völkern und Stämmen und Sprachen und Nationen sehen ihre Leichname drei Tage und einen halben und lassen nicht zu, dass ihre Leichname ins Grab gelegt werden. 10 Und die auf Erden wohnen, freuen sich darüber und sind fröhlich und werden einander Geschenke senden; denn diese zwei Propheten hatten gequält, die auf Erden wohnten.

Nüchtern wird angekündigt: Es kommen Zeiten, in denen der Widerspruch gegen den Glauben überhandnimmt. Aber auch in solche trostlosen Zeiten wird Gott seine Zeugen senden. Die für die Wahrheit Gottes eintreten. Kraftvoll und stark, aber nicht unüberwindlich geschützt vor den Mächten, die gegen Gott stehen. Darum gehört zu ihrem Zeugnis das Leiden. Es gibt keinen Weg des Glaubens, der nicht leidgeprüft wird.

Es ist so: Kein Mitleid der Zeitgenossen mit diesen Zeugen. Sie haben genervt. Sie haben den Weg der Welt in Frage gestellt. Sie sind lästig gewesen. Fremdkörper. Sie haben Menschen mit ihren Worten zu oft ein schlechtes Gewissen gemacht. „Die Menschen geben ihrer Freude darüber Ausdruck, von der Belästigung durch die aufdringliche Predigt der Propheten bewahrt zu sein.“(T. Holtz, aaO. S. 86f.) Endlich ist Schluss mit diesem Unsinn. Dahinter steht ja das Aufatmen der Welt, dass diese Störenfriede  weg sind.

Es ist keine Auslegung des Textes, nur ein Gefühl. Es gibt eine tiefe Genugtuung über die Missbrauchsfälle in der Kirche. Diese Moralapostel sind auch nicht besser. Es gibt die unverhohlen Häme, wenn der Papst- gerade noch bejubelt – sich sprachlich in Sachen Abtreibung vergreift. Es gibt, nicht selten genug auch bei Unglück, das Christ*innen getroffen hat, die sich erkennbar zum Glauben gehalten haben die Frage: Und, was hast es ihnen genützt, dass sie so fromm sein wollen?

Es ist die Ankündigung des Widerstandes, der Feindschaft, wie Jesus sie seinen Jüngern mehrfach angesagt hat: „Ihr aber seht euch vor! Sie werden euch den Gerichten überantworten, und in den Synagogen werdet ihr geschlagen werden, und vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen zum Zeugnis.“(Markus 13,9) Verbunden mit der nüchternen Feststellung, dass Menschen glauben, damit Gottes Willen zu erfüllen: „Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst.“(Johannes 16,2)Verbunden auch mit dem Hinweis auf die so unterschiedliche Gemütslage in solchen Zeiten. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen.“(Johannes 16,20) Diese Worte Jesu lassen wenig Raum für die Hoffnung heutiger Kirchen auf allseitige Anerkennung.

 11 Und nach drei Tagen und einem halben fuhr in sie der Geist des Lebens von Gott, und sie stellten sich auf ihre Füße; und eine große Furcht fiel auf die, die sie sahen.

Es scheint, mit dem Tod der Zeugen hat auch die Wahrheit des Glaubens verspielt. Keine Stimme mehr in der Welt. So triumphiert die Welt, voreilig und zu früh. Denn Gott bleibt der Herr des Geschehens. Es ist seine Zeit, die sich erfüllt hat. Und es der Geist des Lebens von Gott, der sie wieder auf die Beine stellt: der Geist des Lebens von Gott,  fuhr in sie und sie stellten sich auf ihre Füße. Das nimmt fast wörtlich uralte Propheten-Worte auf:  „Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße.“(Hesekiel 37,10)Die Hoffnung auf Auferstehung meldet sich hierzu Wort.

12 Und sie hörten eine große Stimme vom Himmel zu ihnen sagen: Steigt herauf! Und sie stiegen auf in den Himmel in einer Wolke, und es sahen sie ihre Feinde. 13 Und zu derselben Stunde geschah ein großes Erdbeben, und der zehnte Teil der Stadt stürzte ein; und es wurden getötet in dem Erdbeben siebentausend Menschen, deren Namen bekannt waren.

Ein Rätselwort? Ja! Ein Trostwort? Ja! Gegen das Urteil der Menschen stellt Gott sein Geben, den Geist des Lebens, seinen Ruf: Steigt herauf!

Es ist eine eigenartige Himmelfahrtsgeschichte – deutlich unterschieden von der Erzählung der Himmelfahrt Jesu. Da kehren die Jünger getrost in die Stadt zurück. „Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.“(Lukas 24,52-53)

Hier ist diese Himmelfahrt der Zeugen der Auftakt zu einer Katastrophe, die Jerusalem nicht ganz zerstört, aber doch den zehnten Teil der Stadt trifft, dazu siebentausend Menschen, deren Namen bekannt waren. Wir kennen diese Namen nicht und verstehen auch die Anspielung auf das Erdbeben nicht wirklich. Von Jerusalem sid solche Beben nicht bekannt.

Und die andern erschraken und gaben dem Gott des Himmels die Ehre. 14 Das zweite Wehe ist vorüber; siehe, das dritte Wehe kommt schnell.

             Ein großer Schrecken erfasst die Menschen – und lässt sie dem Gott des Himmels die Ehre geben. Anbeten. Ist das eine Umkehr, die nachhaltig sein wird?  Das wird sich zeigen müssen, wenn es gilt, im dritten Wehe standzuhalten.

 

Heiliger Gott, Du Vater unseres Herrn Jesus Christus. Du hast Deinem Sohn den Weg durch das Sterben nicht erspart. Du hast ihn nicht vor dem Tod bewahrt. Du mutest Deinen Zeugen zu, dass sie Sterben und Tod erfahren. Die Schicksalsgemeinschaft mit ihm geht durch die Tiefen.

Das sagt sich leicht. Das betet sich nicht mehr ganz so leicht. Und wenn es so weit kommen sollte, dass es uns abverlangt wird, der Weg durch Sterben und Tod, dann stärke Du uns das Herz. Gib Du uns, dass wir durch den dunklen Horizont das Licht des ewigen Tages sehen. Amen