Vermessen – maßlos

Offenbarung 11, 1 – 2

 1 Und es wurde mir ein Rohr gegeben, einem Messstab gleich, und mir wurde gesagt: Steh auf und miss den Tempel Gottes und den Altar und die dort anbeten.

             Es geht weiter mit der Einbeziehung des Johannes in das Geschehen. Musste er das Büchlein essen (10,10), so wird er hier beauftragt, den Tempel Gottes zu vermessen.  Es liegt nahe, sich die prophetische Tradition ins Gedächtnis zu rufen: „Wie einst Hesekiel (40,5; 42,15) so bekommt hier der neutestamentliche Sehen den Auftrag, den Tempel zu vermessen.“ (H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 150)

 Der Unterschied: Hesekiel begleitet einen Mann, der den Tempel vermisst – Johannes soll selbst vermessen.

Es geht in dieser Vermessung des Tempels aber kaum um seine Länge und Breite. Auch nicht um die ästhetische Qualität. Im Hintergrund steht, so legt es sich aus anderen Schriften nahe, das Verständnis des Tempels als dem „Haus der lebendigen Steine“(1. Petrus 2,5), oder von Paulus her: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1. Korinther 3,16)  Die Gemeinde wird vermessen und dieses  Vermessen gleicht einem Versiegeln. „Mit einer prophetischen Zwischenhandlung wird die Bewahrung des zu Vermessenden angedeutet.“(T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 84) Im Innenraum, der vermessen worden ist stehen, die anbeten, die gezählt worden sind. In diesem Innenraum gilt und zählt allein die Bindung an die Mitte. An Christus Es gilt ganz so, wie wir es heute sagen: Gut, wenn etwas angemessen ist.

  2 Aber den äußeren Vorhof des Tempels lass weg und miss ihn nicht, denn er ist den Heiden gegeben; und die heilige Stadt werden sie zertreten zweiundvierzig Monate lang.

   Das ist der Gegensatz: Es ist schlimm, wenn etwas maßlos ist. Jeder Sportler weiß das. Wer seine Kräfte überschätzt, ohne Maß losrennt, der wird über kurz oder lang einbrechen. Nur wer mit seinen Kräften maßhält, wird ans Ziel kommen. Oder, wenn es um Geldgeschäfte geht: Wer unangemessen investiert, riskiert den Totalverlust.

Maßlos ist in der Vision des Sehers alles, was sich um den Tempel Gottes herum angelagert hat. In seiner Maßlosigkeit preisgegeben – dem Zugriff aller möglichen Mächte, Interessen, dem freien Spiel der Kräfte.. „Alles was nicht zum Kern des Tempels gehört, alles halbe, alles fünfzigprozentige und alles, was sich um den Tempel herum „tummelt“, wird von der Messung nicht erfasst. (K. Henning, Die Zukunft findet statt. Die Offenbarung aus der Sicht eines Ingenieurs, Wuppertal 1979, s. 181) Eine harte Gegenüberstellung: Gemessen und damit aufgehoben im Schutzraum der Gegenwart: Oder im Vorhof – maßlos, nicht gemessen, nicht eingebunden – preisgegeben an die Zeitläufte in ihrem wilden Weg. Solange der Messvorgang nicht abgeschlossen ist, kann man noch die Seite wechseln – aus dem Vorhof in den Tempel. Aus dem Abstand in die Bindung.

Was für eine Warnung: „Die Endzeit verträgt keine Mittelmäßigkeit.“(H. Lilje ebda.) Das ist die Aufforderung an uns Lesende heute, uns klar zu werden, wer wir ein wollen, zu wem wir gehören wollen, wohin wir gehören wollen. Ob wir Kern sein wollen oder nur Rand, Glieder einer manchmal ein wenig spöttisch betrachteten Kerngemeinde oder hofierte Randsiedler.

Ohne gleich auf das Ende der Zeiten zu schauen: ich möchte lernen in dem Maß zu leben, das Gott mir angemessen hat. So glaubt es ja der Apostel Paulus für uns: „Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens.“(Römer 12, 3) Wir haben nicht Glauben im Übermaß zur Verfügung, sozusagen maßlos. Unser Glaube ist unserer Person angemessen. Gott liefert in den Gaben des Glaubens Maßarbeit.

Das heißt – wieder persönlich gewendet: Ich bin zu alt, immerhin zweiundsiebzig Jahre, um jetzt noch Träume von neuer Größe zu pflegen. Meine Aufgabe ist Annehmen der Grenzen, die mir angemessen sind. Mich nicht kleiner machen als ich bin, nicht älter als ich bin, aber eben auch nicht größer und jünger. Damit ich mich nach außen maßlos verliere und mich auch nicht innerlich verwüste, weil ich kein Maß finde. Es gilt, gelassen zu werden. Die Tage meines Lebens unterliegen Gottes Maß und er weiß, wann genug genug ist.

 

Heiliger Gott. was ist Dir angemessen?  Was ist uns angemessen?

Wir fürchten uns davor, vermessen zu werden, weil wir fürchten, dass solches Vermessen uns Grenzen zieht. Müssten wir uns nicht vielmehr fürchten, maßlos zu handeln? Müssten wir uns nicht davor fürchten, dass wir kein Maß finden im Reden, im Verbrauchen, in unseren Worten und unserem Denken?

Mein Gott, unsere Welt geht daran zu Grunde, dass wir maßlos sind, wir als Menschheit und wir im reichen Westen. Gib Du, dass wir uns Dein Maß gefallen lassenc und uns einfügen lernen in die Schar um den Altar.