Kauen und verdauen

Offenbarung 10, 1 – 11

 „Ehe die letzte, siebte Posaune ertönt, wird mit diesen beiden Kapiteln 10 und 11 wiederum ein Zwischenspiel eingeschoben.“ (H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 145) Der Gang der Ereignisse wird nicht aufgehalten, aber er verlangsamt sich.

 1 Und ich sah einen andern starken Engel vom Himmel herabkommen, mit einer Wolke bekleidet, und der Regenbogen auf seinem Haupt und sein Antlitz wie die Sonne und seine Füße wie Feuersäulen. 2 Und er hatte in seiner Hand ein Büchlein, das war aufgetan. Und er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer und den linken auf die Erde, 3 und er schrie mit großer Stimme, wie ein Löwe brüllt. Und als er schrie, erhoben die sieben Donner ihre Stimmen. 4 Und als die sieben Donner geredet hatten, wollte ich es aufschreiben.

 Unser Sehen und Verstehen wird gesprengt. Ein mächtiger Engel am Rand des Meeres. Er ist von einer eigenen Majestät und Größe. Es sind Attribute der Gottesgegenwart – die Wolke, der Regenbogen, die Leuchtkraft der Sonne, die Feuersäulen. Die Erinnerung stellt sich ein: „Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“(2. Mose 13, 21-22) In diesem Engel ist der wegweisende Gott mit auf dem Plan – Wegweiser durch die Zeit.

Nicht Christus. Nur ein Engel. Aber einer, dessen Macht erschreckend groß ist – mit einer großen Stimme ,wie ein Löwe brüllt. So hat schon Amos das Reden Gottes empfunden. „Der Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten? Gott der HERR redet, wer sollte nicht Prophet werden?“(Amos 3,8)Seine große Stimme – φων μεγλη – löst die sieben Donner aus. „In diesem Schrei verbindet sich der Aufschrei aus größter Not mit dem Reden aus größter Vollmacht.“ (H. Frische, Visionen, die aufblicken lassen, Neuendettelsau 2008Ss. 237) Es ist gewiss nicht nebensächlich: Wenn Jesus am Kreuz stirbt, so ist sein letztes Rufen ein Ruf  mit einer großen Stimme.

 Es könnte sein, beim Wort vom sieengfachen Donner  spielt Psalm 29 mit hinein:

   Die Stimme des HERRN erschallt über den Wassern,                                                 der Gott der Ehre donnert, der HERR, über großen Wassern.                                                                                                 Psalm 29,3

 Es folgt im Psalm siebenmal: Die Stimme des Herrn. Alles ist gesagt. „Mit der Himmelstimme wird die alleinige Verfügungsmacht Gottes über das Offenbarungsgeschehen sichtbar gemacht.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 81)

  Da hörte ich eine Stimme vom Himmel sagen: Versiegle, was die sieben Donner geredet haben, und schreib es nicht auf! 5 Und der Engel, den ich stehen sah auf dem Meer und auf der Erde, hob seine rechte Hand auf zum Himmel 6 und schwor bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, der den Himmel geschaffen hat und was darin ist und die Erde und was darin ist und das Meer und was darin ist: Es soll hinfort keine Zeit mehr sein, 7 sondern in den Tagen, wenn der siebente Engel seine Stimme erheben und seine Posaune blasen wird, dann ist vollendet das Geheimnis Gottes, wie er es verkündigt hat seinen Knechten, den Propheten.

Die Botschaft des Engels, beschworen unter dem Himmel. Darf man sagen unter Anrufung des Himmels? „Keine Frist mehr.“(T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 79) Kein Aufschub. Keine Zeit mehr, sie ist abgelaufen. Bezieht sich das nur auf die versäumte Umkehrzeit? Es könnte ja auch viel grundsätzlicher sein. Die Zeit – χρνος – eilt ihrem Ende zu, weil eine andere Zeit anbricht. Eine Zeit, in der es keine Zeitmessung mehr braucht. Keine Chronometer mehr, keine Uhren. Die Unterwerfung unter den unerbittlichen Zeittakt – überwunden. So gelesen klingt hier auch Befreiung mit an! Allem Leiden zum Trotz kommt die erfüllte Zeit Gottes. Alle Zeit ist aufgehoben in ihm, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, ες τος αἰῶνας τν αἰώνων, in alle Ewigkeit.

Seltsame: Versiegele und schreibe es nicht auf. Ist das eine Verschluss-Sache? Es soll nicht, noch nicht veröffentlicht werden, was kommen wird. Es gibt in der Prophetie eine vergleichbare Situation. Hesekiel wird berufen, empfängt Botschaft und dann: „Und der Geist kam in mich und stellte mich auf meine Füße. Und er redete mit mir und sprach zu mir: Geh hin und schließ dich ein in deinem Hause! Und du, Menschenkind, siehe, man wird dir Stricke anlegen und dich damit binden, dass du nicht unter die Leute gehen kannst. Und ich will dir die Zunge an deinem Gaumen kleben lassen, dass du stumm wirst und sie nicht mehr zurechtweisen kannst; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs. Wenn ich aber mit dir reden werde, will ich dir den Mund auftun, dass du zu ihnen sagen sollst: »So spricht Gott der HERR!« Wer es hört, der höre es; wer es lässt, der lasse es; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.(Hesekiel 3, 24-27) Nicht alles, was Gott sagt, soll gleich auf den Straßen zu hören sein. Erst, wenn es Zeit ist.

Das Geheimnis Gottes, wie er es verkündigt hat seinen Knechten, den Propheten. ist Evangelium. Es steht außer Zweifel, dass hier bewusst das Wort εηγγλισεν, von dem sich unser Wort Evangelium ableitet, verwendet wird. Für mich steht es außer Zweifel: Das Geheimnis Gottes, τὸ μυστήριον τοῦ θεοῦ, umfasst beides, Gericht und Gnade. Ruf zur Rettung aus dem Unheil. Es ist die Enthüllung, dass hinter dem Gericht die Gnade aufleuchtet, dass alle Wege des Gerichts zur Gnade hin drängen. weil er der gnädige Richter, die richtende Gnade ist. Mitten in den Worten, die Schrecken ausrufen, ergeht das Wort an die Knechte, die Propheten, das Heil ansagt und Heil bringt.

8 Und die Stimme, die ich vom Himmel gehört hatte, redete abermals mit mir und sprach: Geh hin, nimm das offene Büchlein aus der Hand des Engels, der auf dem Meer und auf der Erde steht! 9 Und ich ging hin zu dem Engel und bat ihn, mir das Büchlein zu geben. Und er sprach zu mir: Nimm und verschling’s! Und es wird dir bitter im Magen sein, aber in deinem Mund wird’s süß sein wie Honig. 10 Und ich nahm das Büchlein aus der Hand des Engels und verschlang es. Und es war süß in meinem Mund wie Honig, und als ich’s gegessen hatte, war es mir bitter im Magen.

       Der Seher wird in die Vision hineingezogen, wird selbst Akteur. Erst muss er sich auf den Weg zu dem Engel machen, ihn um Aushändigung des Büchleins bitten. Als er es hat, hört er: Nimm und verschling`s! Wie einst Hesekiel. „Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.“(Hesekiel 2, 9-10)

       Johannes muss die Botschaft, die er zu sagen hat, verinnerlichen, süß und bitter zugleich. Anders kann er nicht Bote sein. Was er anzukündigen haben wird, ist kaum zu ertragen, unverdaulich. Es liegt ihm schwer im Magen. Aber diese schweren Zeiten sind nicht das Letzte. Das Ziel ist die Erfüllung aller Verheißungen zu. Das ändert ihren Geschmack noch einmal. Bis auf diesen Tag heute ist es so, dass die Botschaft Gottes im Mund der Boten immer beides ist: Last, die bitter schmeckt und Trost, der süß ist, wohltut. Hoffnung weckt in dunklen Zeiten.

 11 Und mir wurde gesagt: Du musst abermals weissagen von Völkern und Nationen und Sprachen und vielen Königen.

             Es ist wie eine zweite Berufung, „eine Bestätigung des prophetischen Auftrags an Johannes.“ (H. Lilje aaO. S. 147) Johannes wird mit diesem Auftrag in die Reihe der Propheten gestellt. Seine Sendung geht nicht nur nach innen, sie ist kein innerchristliches, kein binnenkirchliches Wort. Keine esoterische Geheimlehre für ein paar von Ewigkeit her schon Auserwählte. Er ist gerufen zu öffentlicher Rede – von Völkern und Nationen und Sprachen und vielen Königen. ἐπὶ λαοῖς καὶ ἔθνεσιν.  Das griechische ἐπὶ kann sowohl zu ihnen als auch über sie bedeuten. Anrede und Anklage. Damit sie hören – und vielleicht doch noch umkehren? 

Daran hat sich nichts geändert, auch wenn unsereiner nicht Johannes ist. „Wir haben eine Bringschuld: Wir sind der Welt  schuldig, ihr das zu sagen, was sie sich nicht selbst sagen kann – das Evangelium“ So hat der Marburger Systematiker Carl-Heinz Ratschow uns als Studenten gelehrt.  Daran hat sich bis heute nichts geändert. Gott will alle  und sendet darum seine Leute zu allen. In der Ferne und der Nähe.

 

Mein Gott, Du willst, dass wir Dein Wort sagen. Öffentlich, vor dem Forum der Welt. Du willst, dass wir zur Umkehr rufen, mahnen, ermutigen, dass wir nicht einstimmen in das „Weiter so“.

Gib Du, dass wir Dein Wort in unser Inneres aufnehmen, dass Dein Geist es uns einverleibt, dass es uns nicht fremdes Wort bleibt, von außen, sondern dass wir es durchkauen, damit wir es – verdaut – dann auch sagen. Amen