Immer nur die alte Spur

Offenbarung 9, 13 – 21

13 Und der sechste Engel blies seine Posaune; und ich hörte eine Stimme aus den vier Ecken des goldenen Altars vor Gott; 14 die sprach zu dem sechsten Engel, der die Posaune hatte: Lass los die vier Engel, die gebunden sind an dem großen Strom Euphrat.

             Es folgt das zweite Wehe, in 9,12 angekündigt, ausgelöst durch den sechsten Engel und seine Posaune. Oder genauer durch die Stimme vom Altar Gottes her, die ihn beauftragt. Mir scheint, es ist nicht Gottes Stimme.  Der Auftrag ist klar: freie Hand für die vier Engel am Euphrat. „Diese Engel sind als dämonische Streitkräfte zu verstehen, die darauf warten, am Tag X losgelassen zu werden.“ (K. Henning, Die Zukunft findet statt. Die Offenbarung aus der Sicht eines Ingenieurs, Wuppertal 1979, S. 168) Jetzt ist ihr Tag X.  Ein Tag, den Gott freigegeben hat.    

 15 Und es wurden losgelassen die vier Engel, die bereit waren für die Stunde und den Tag und den Monat und das Jahr, zu töten den dritten Teil der Menschen. 16 Und die Zahl des reitenden Heeres war zwanzigtausendmal zehntausend; ich hörte ihre Zahl. 17 Und so sah ich in dieser Erscheinung die Rosse und die darauf saßen: Sie hatten feuerrote und blaue und schwefelgelbe Panzer, und die Häupter der Rosse waren wie die Häupter der Löwen, und aus ihren Mäulern kam Feuer und Rauch und Schwefel. 18 Von diesen drei Plagen wurde getötet der dritte Teil der Menschen, von dem Feuer und Rauch und Schwefel, der aus ihren Mäulern kam. 19 Denn die Kraft der Rosse war in ihrem Maul und in ihren Schwänzen; denn ihre Schwänze waren den Schlangen gleich und hatten Häupter, und mit denen taten sie Schaden.

             Ein Reiterheer bricht auf, angeführt von diesen Vieren? Oder nur in Marsch gesetzt? 200 Millionen – eine tödliche Macht. Ihnen fällt ein Drittel der Menschen zum Opfer. Es ist eine Kriegsmaschine, die die Menschen überrollt  und der „Kriegsablauf ist von einem ganz enormen Ausmaß an „automatischem Ablauf gekennzeichnet.“ (K. Henning, aaO. S. 169) Mich erinnert das an die unvermeidlichen Kollateralschäden unserer Tage. Es gibt eine Logik des Krieges, die nicht mehr der Opfer achtet, sondern nur noch den eigenen Weg, den Sieg  sieht.

 20 Und die übrigen Leute, die nicht getötet wurden von diesen Plagen, bekehrten sich doch nicht von den Werken ihrer Hände, dass sie nicht anbeteten die bösen Geister und die goldenen, silbernen, ehernen, steinernen und hölzernen Götzen, die weder sehen noch hören noch gehen können, 21 und sie bekehrten sich auch nicht von ihren Morden, ihrer Zauberei, ihrer Unzucht und ihrer Dieberei.

       Ein ernüchternde Bilanz: die übrigen Leute, die nicht getötet wurden von diesen Plagen, bekehrten sich doch nicht von den Werken ihrer Hände. Die Not macht keine Umkehr. „Ihr Selbstbewusstsein hindert sie, sich einzugestehen, dass ihre goldenen und silbernen Götzen (Zinsen, Börse, Wertpapiere, Syndikate) ihnen kein Leben zu geben vermögen; ebenso wenig ihre Götzen aus Erz, die modernen Maschinen, und ihre Götzen aus Stein und Holz, die glänzenden Bauten moderner Technik.“ (E. Schnepel, Das Buch mit sieben Siegeln, Liebenzell, 1970, S. 125) Es ist erschreckend, wie im Rückenwind von Katastrophen die Bosheit der Menschenherzen sichtbar wird. Plünderungen in überfluteten Städten, Vergewaltigungen, Korruption, wenn es um Wiederaufbau von Erdbeben-Opfern geht. Es ist, als würde vielmehr eine Orgie von Gewalt ausgelöst. Nichts von den Erfahrungen des Schreckens ist geeignet, Umkehr zu bewirken. Wir wissen es: Kriege sind Brutstätten einer unfassbaren Verrohung und Brutalisierung. Allenfalls führen sie zu Anklagen gegen einen Gott, der das alles zulässt und nicht eingreift.

Nein, Not läutert die Herzen nicht. Die große Katastrophe des Zweiten Weltkrieges hat im zerstörten Deutschland keine nachhaltige Umkehr bewirkt. Das “Wirtschaftswunder” der 50-er Jahre hat alle Gedanken an Umkehr und Buße erdrückt. Die Finanzkrise hat das Kasino nicht stillgelegt. Gott hat es spätestens seit der Sintflut gelernt: Untergänge und tiefste Not sind keine Mittel, um die Herzen zurecht zu bringen. Erschreckend, aber so scheinen wir zu sein: Unsere Buße ist kurzatmig. Not lehrt eben auch fluchen.

Warum das so ist? Es hat wohl auch mit den harten Herzen zu tun, das in unserer Brust schlägt. Wir sind noch einmal davon gekommen -denken wir und machen weiter, immer weiter. Aus dem Schritt gebracht suchen wir wieder Schritt zu fassen und finden doch nur die alte Spur.

 

Heiliger Gott, wir sind nicht so rasch dazu zu bewegen, umzukehren, die gewohnten Wege zu verlassen. Wir glauben eher, dass es doch immer weiter so gehen wird.

Deine Gerichte sind Störungen der gewohnten Abläufe. Sie fordern neue Kreativität, neue Phantasie, aber nicht wirklich Abkehr vom Gewohnten.

Gerade wenn es schwierig wird, setzen wir auf die Stabilität der sicheren Abläufe, auf die Bergung in der Routine.

Hilf Du uns aus der alten Spur auf neue Wege, auf Deinen Weg. Amen