Wo soll ich fliehen hin?

Offenbarung 9, 1 – 12

 1 Und der fünfte Engel blies seine Posaune; und ich sah einen Stern, gefallen vom Himmel auf die Erde; und ihm wurde der Schlüssel zum Brunnen des Abgrunds gegeben.

             Was ist da gefallen? Ein Stern. Ein Sternenwesen. Die Leser*innen der Offenbarung haben noch im Gedächtnis: „Die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden.“(1,20) Es geht also nicht um einen kosmische Himmelskörper, sondern um ein Himmelswesen, das gefallen ist. Die Parallele legt sich nahe. „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“ (Lukas 10, 18) Im Evangelium wird damit die Entfernung des Anklägers aus dem Himmel beschrieben. Und hier?

Dieser Stern bekommt Handlungsmacht verliehen. Er erhält Schlüssel zum Brunnen des Abgrunds. βύσσος – steht da, nicht Hades, δες. Gemeint ist die unergründliche Tiefe, ob der Erde oder des Meeres. „Der Abgrund ist der Ort der bösen Geister, und zwar an allen Stellen als ein Strafort.“  (A. Pohl, Die Offenbarung des Johannes, Wuppertaler Studienbibel, 2. Teil; Wuppertal 1969/1988, S. 33)  

2 Und er tat den Brunnen des Abgrunds auf, und es stieg Rauch empor aus dem Brunnen wie der Rauch eines großen Ofens, und es wurden verfinstert die Sonne und die Luft von dem Rauch des Brunnens. 3 Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde, und ihnen wurde Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben.

           Der Brunnen wird geöffnet und schleudert Rauch empor. Und mit dem Rauch kommen Heuschrecken auf die Erde. Vermutlich steht die Plage aus Ägypten Pate: „Und am Morgen führte der Ostwind die Heuschrecken herbei. Und sie kamen über ganz Ägyptenland und ließen sich nieder überall in Ägypten, so viele, wie nie zuvor gewesen sind noch hinfort sein werden. Denn sie bedeckten den Boden des ganzen Landes, und das Land wurde finster. Und sie fraßen alles, was im Lande wuchs, und alle Früchte auf den Bäumen, die der Hagel übrig gelassen hatte, und ließen nichts Grünes übrig an den Bäumen und auf dem Felde in ganz Ägyptenland..“(2. Mose 10, 13 – 15) Dass sie mit der Fähigkeit von Skorpionen ausgestattet werden, unterscheidet sie von den harmlosen Heuschrecken mitteleuropäischer Landschaften.

4 Und es wurde ihnen gesagt, sie sollten nicht Schaden tun dem Gras auf Erden noch allem Grünen noch irgendeinem Baum, sondern allein den Menschen, die nicht das Siegel Gottes haben an ihren Stirnen. 5 Und ihnen wurde Macht gegeben, nicht dass sie sie töteten, sondern dass die Menschen Qualen leiden sollten fünf Monate lang; und ihre Qual war wie eine Qual von einem Skorpion, wenn er einen Menschen sticht.

Diese Heuschrecken sind Quälgeister. Nicht das Gras ist ihr Ziel. Sie werden auf die Menschen losgelassen, die nicht das Siegel Gottes haben. Sie infizieren, sie machen krank. Über Monate hin leiden Menschen schier unerträgliche Schmerzen. Körperlich, seelisch. Nicht erst seit Münteferings Bezeichnung von Hedgefonds und ihren Managern als Heuschrecken wissen wir: „Heuschrecken können auch im Menschengestalt auftreten.“(K. Henning, Die Zukunft findet statt. Die Offenbarung aus der Sicht eines Ingenieurs, Wuppertal 1979, s. 162) So manches Mobbingopfer erfährt sich in den Fängen von Heuschrecken und weiß keinen Ausweg.   

  6 Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden, sie werden begehren zu sterben und der Tod wird von ihnen fliehen.

 So schlimm wird es unter dieser Heuschrecken-Plage werden,  dass der Tod ein Fluchtweg wäre und dieser Fluchtweg ist doch versperrt. „Der Mensch wirft sich weg, ohne sich freilich loszuwerden.“(A. Pohl, aaO. S. 36) Der Satz vom versperrten Tod ist eine Wirklichkeit, auch heute. Es gibt so viele, die gehen möchten, aber sie dürfen nicht. Der medizinische Fortschritt hält sie fest und, statt dass sie gnädig sterben dürfen, zieht sich ihr Sterben grauenvoll in die Länge. So mancher kann nicht mehr leben, aber er darf auch noch nicht sterben. Es ist hart, das so zu erfahren. Es tut weh, wenn der Tod nicht kommen kann. Ich möchte gerne einmal gehen dürfen, wenn es so weit ist. Ich möchte mich nicht abkämpfen mit dem Ringen um Tage, die nur noch Qual sind, weil sie angstbesetzt sind. Aber das habe ich nicht zu bestimmen. Gott kennt den Tag und er gibt ihn aus seiner Gnade.    

7 Und die Heuschrecken sahen aus wie Rosse, die zum Krieg gerüstet sind, und auf ihren Köpfen war etwas wie goldene Kronen, und ihr Antlitz glich der Menschen Antlitz; 8 und sie hatten Haar wie Frauenhaar, und ihre Zähne waren wie die Zähne von Löwen; 9 und sie hatten Panzer wie eiserne Panzer, und das Rasseln ihrer Flügel war wie das Rasseln der Wagen vieler Rosse, die in den Krieg laufen, 10 und hatten Schwänze wie Skorpione und Stacheln, und in ihren Schwänzen lag ihre Kraft, Schaden zu tun den Menschen fünf Monate lang;  

            Der Seher Johannes gerät an den Rand seiner Sprachmöglichkeiten. Was er sieht, kann er nicht mehr wirklich sagen. Er sieht nur noch „wie“ und nur nach, was anderem „gleich“ ist. Es folgt eine detaillierte Beschreibung der Quälgeister. Sie ist geeignet, das Entsetzen vor dem heranziehenden Heer noch zu steigern. Zwischenwesen. Ausgestattet mit tödlicher Macht. Nur diese eine haben sie im Sinn: Schaden zu tun, zu quälen. Nicht aus sadistischer Lust. Ohne jede Regung des Gemüts. Gefühllos. einfach so. Weil sie es können, quälen sie. Nicht weil sie davon selbst einen „Gewinn“ hätten.

Die Vision hat, wie so oft, ihre virläufer im prophetischen Wort. „Sie sind gestaltet wie Pferde und rennen wie die Rosse. Sie sprengen daher über die Höhen der Berge, wie die Wagen rasseln und wie eine Flamme prasselt im Stroh, wie ein mächtiges Volk, das zum Kampf gerüstet ist. Völker entsetzen sich vor ihm, und jedes Angesicht erbleicht. Joel 2, 4-6) Wer zu denen gehört, die gerne Filme sehen – dieses Heer gleicht dem Aufmarsch der Ork-Heere, wie er sich in den Herr-der-Ringe-Filmen stetig wiederholt. Einmal in Gang gesetzt sind sie eine furchtbare Vernichtungsmaschinerie.

    Man kann es überlesen, übersehen: ihrer Vernichtungskraft ist eine Grenze gesetzt:  fünf Monate lang können sie den Menschen Schaden tun. „Die Entfesselung der Chaosmächte dauert nicht ewig, auch sie ist von Gott begrenzt.“ (M. Weyer-Menkhoff, Offenbarung, Porta-Studien 28, Marburg 2002; S. 92) Tröstlich – kein Schrecken ohne Ende?

 11 sie hatten über sich einen König, den Engel des Abgrunds; sein Name heißt auf Hebräisch Abaddon, und auf Griechisch hat er den Namen Apollyon. 12 Das erste Wehe ist vorüber; siehe, es kommen noch zwei Wehe danach.

             Schließlich: hinter dem allem steht ein königlicher Wille. Aber nicht der des Himmelskönigs, sondern der des Königs, des Engels des Abgrunds. Er hat einen Namen, Hebräisch, griechisch: Abaddon, Apollyon. in zwei Sprachen, damit es alle Welt verstehen soll. Das mag an die Kreuzigung Jesu erinnern: „Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. (Johannes 19, 19-20) Dieser König aus dem Abgrund ist der Gegenentwurf. Aber – es ist durch das ganze Buch hindurch kein Zweifel – das ist kein Kampf mit offenem Ausgang. Der Sieger steht von Ewigkeit her fest. 

Diese furchtbare Qualen richten sich gegen alle Menschen – mit einer Ausnahme: ausgenommen sind allein die Menschen, die das Siegel Gottes haben an ihren Stirnen. So sieht es der Seher und schreibt es an Leute, die es täglich erfahren: Unsere Zugehörigkeit zu Christus macht uns zu Außenseitern, setzt uns Verfolgungen aus, bringt uns in Bedrängnis. Aber in dieser Bedrängnis durch den Engel des Abgrunds. wird das Zeichen, das uns sonst stigmatisiert, zum Schutz-Zeichen, das der Macht dieses Engels ein Halt entgegen setzt.    

 Darum ist es wichtig, sich vor Augen zu halten:  „In jeder großen Katastrophe kann es den Anschein haben, als sei Gott selber ohnmächtig, als sei die Erde, die einmal seine Schöpfung war, ganz aus seiner Hand geglitten… So kommt den n auch in jeder Epidemie, jedem Erdbeben, jeder Flut der Ansturm dämonischer Mächte zum Vorschein, die diese Welt nicht Gottes Welt sein lassen wollen.“ (H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 140)

Diese Visionen sind mir schier unerträglich. Sie verstellen mir den Blick auf das Heil, auf die gute Zukunft Gottes. Sie lassen mich fragen, ob hinter dieser Dunkelheit und Düsternis noch helles Licht sein kann. Was Johannes hier sehen muss, lastet schon auf mir schwer – und ich ahne die Last, die diese Visionen für die Seele des Sehers Johannes gewesen sein müssen.

 Manche Qual trifft nur die Menschen. Manche Angst kennen auch nur wir Deutschen. Die Bilder der Angst hier treffen die Tiere nicht. Sie treffen nur uns.

Mein Gott im Himmel,ausgeliefert, gejagt, von namenlosen Schrecken geplagt – so haben sich Menschen zu allen Zeiten erfahren.

Und Du bist im Himmel und siehst zu? Und wir leben in sicheren Gegenden und halten uns raus? Wir erhöhen die Grenzen. Wir ziehen Mauern. Wir machen aus unserem sicheren Land eine Festung gegen die, die den Schrecken entfliehen wollen.

Herr, fülle Du unsere Herzen mit Mitleid, das in der Liebe tätig wird, mit Erbarmen, das sich nicht verschließt, mit Treue zu allen, die zu Opfern werden.

Wenn wir Dich suchen -an der Seite der Opfer werden wir Dich finden. Amen