Glaube, der standfest macht

Jesaja 7, 1 – 9

1 Es begab sich zur Zeit des Ahas, des Sohnes Jotams, des Sohnes Usijas, des Königs von Juda, da zogen Rezin, der König von Aram, und Pekach, der Sohn Remaljas, der König von Israel, herauf nach Jerusalem, um es zu bekämpfen; sie konnten es aber nicht erobern.

Auf diese Tempel-Vision aus dem Todesjahr des Usia folgt ein harter Schnitt. Der Blick in die geschichtliche Gegenwart. In die Zeit des Ahas (741 – 725), des Enkels des Usia. Es ist die Zeit, in der sich alle Völker vor der Großmacht Assur und ihrer Übermacht  fürchten. Rezin, der König von Aram, und Pekach, der König von Israel, versuchen eine Koalition gegen Assur zustande zu bringen, um einem Angriff standhalten zu können. In diese Koalition soll Ahas hinein gezwungen werden. „Erst als sie (Rezin und Pekach) die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen erkannten, werden sie sich dazu entschlossen haben, mittels eines Feldzuges einen ihren Plänen entgegenkommenden Mann auf den judäischen Königsthron zu bringen.“(O. Kaiser, aaO. S.  69) Es kommt zum Kriegszug, der aber scheitert. Die beiden Könige können Jerusalem nicht erobern.

 2 Da wurde dem Hause David angesagt: Die Aramäer haben sich gelagert in Ephraim. Da bebte ihm das Herz und das Herz seines Volks, wie die Bäume im Walde beben vom Winde.

Es wirkt wie eine Rückblende: Während des Aufmarsches der Truppen aus Damaskus und Samaria kommen Nachrichten über den nahenden Feind nach Jerusalem. Sie erschüttern das Herz des Königs und das Herz seines Volks bis ins Mark. Sie zittern, sprichwörtlich, wie Espenlaub. Im Hintergrund mag die Einschätzung stehen: Wir in Jerusalem und Juda sind diesen verbündeten Feinden in keiner Weise militärisch gewachsen.

 3 Aber der HERR sprach zu Jesaja: Geh hinaus, Ahas entgegen, du und dein Sohn Schear-Jaschub, an das Ende der Wasserleitung des oberen Teiches, an der Straße beim Acker des Walkers, 4 und sprich zu ihm: Hüte dich und bleibe still; fürchte dich nicht, und dein Herz sei unverzagt vor diesen beiden Brandscheiten, die nur noch rauchen, vor dem Zorn Rezins und der Aramäer und des Sohnes Remaljas.

       Das ist die Lage, in der Jesaja einen neuen Auftrag erhält. Er wird dorthin gesandt, wo  König Ahas zu finden ist, wohl beschäftigt mit der Organisation von Verteidigungsmaßnahmen für die Stadt. Wasser ist für die Versorgung einer belagerten Stadt lebenswichtig. Jesaja soll seinen Sohn mitnehmen. Das könnte ein erstes Zeichen sein: So richtig gefährlich ist es noch nicht, wenn ein Junge mitgenommen wird auf so einen Gang. Der Name des Sohnes wird ausdrücklich genannt. Schear-Jaschub. Übersetzt heißt er: „Nur ein Rest wird umkehren“ Steht dieser Junge mit diesem Namen auch wortlos neben dem Vater, so ist er doch mit seinem Namen eine Botschaft.  Ein Ruf zur Umkehr. „Glaube, der standfest macht“ weiterlesen

Heilig, heilig, heilig

Jesaja 6, 1 – 13

1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel.              

Das ist eine klare Datums-Angabe, wenn auch nur in Bezug auf das Jahr und nicht genau auf Tag und Stunde: In dem Jahr, als der König Usija starb. Es ist wohl das Jahr 736 v. Chr.

Wichtiger aber ist, was folgt: Jesaja sieht  den Herrn sitzen – im Tempel. Wenn ich genau lese, so sieht er wohl doch nicht den Herrn selbst, sondern nur den Saum seines Gewandes, der  füllte den Tempel. Auch diese Vision Gottes bricht nicht mit dem Grund-Satz: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ (2. Mose 33,20) In den Worten des Kommentars: „Es will aber durchaus beachtet sein, dass der Prophet letztlich nicht Jahwe selbst beschreibt, sondern nur den Saum seines Gewandes.“(O. Kaiser, aaO. S.  58) Es reicht, den Saum zu sehen, um zu wissen, mit wem man es zu tun hat.

2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie.

            Beschrieben werden nun aber die Serafim. „Darunter sind keine niedlichen, pausbäckigen Rubensengelchen vorzustellen, sondern schaudererregende dämonische Mischwesen mit Schlangenleibern und 6 Flügeln (śārāf Schlange, vergl. Jes 14,39; 30,6)“ (R Albertz, aaO.  S.  15) Sie haben Flügel. Mehr erfahren wir nicht über ihr Aussehen. Wichtiger ist ihr Verhalten: Sie bedecken ihr Angesicht und ihre Füße – Zeichen der Ehrfurcht. „Wie der Mensch können auch diese Wesen Gottes Angesicht nicht sehen.“ (D. Schneider, aaO.  S.  135)  Sie sind um Gott.

 3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!

Dreimal ertönt das Heilig. Es ist, als rufen es sich die Serafim gegenseitig zu, damit sie es nie vergessen. „Alle Heiligkeit nimmt von ihm ihren Ausgang“ (O. Kaiser, aaO.  S. 60) Wenn etwas in dieser Welt heilig ist, Menschen heilig sind, dann, weil er, der HERR Zebaoth heilig ist. Seine Heiligkeit strahlt aus. Berührt als seine Ehre, seine kabôd, die ganze Welt. Es ist keine abgesonderte, sondern eine ausstrahlende Heiligkeit. Nur deshalb auch können wir diesen Ruf aufnehmen in der Abendmahls-Liturgie, wenn die Gemeinde es den Serafim nachsingt: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! „Heilig, heilig, heilig“ weiterlesen

Noch ist Zeit

Jesaja 5, 8 – 24

8 Weh denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker an den andern rücken, bis kein Raum mehr da ist und sie allein das Land besitzen! 9 Es ist in meinen Ohren das Wort des HERRN Zebaoth: Fürwahr, die vielen Häuser sollen veröden und die großen und feinen leer stehen. 10 Denn zehn Morgen Weinberg sollen nur „einen“ Eimer geben und zehn Scheffel Saat nur „einen“ Scheffel.

Ein Wehe-Ruf reiht sich nun an den nächsten. Beginnend bei denen, die sich Haus um Haus, Acker um Acker, Weinberg um Weinberg unter den Nagel reißen. Sie vertreiben andere von ihrem Besitz und lassen ihnen keinen Raum mehr zum Leben. Am Ende gehört ihnen alles, ihnen allein. Aber: Es wird keinen Ertrag bringen. Geradezu lächerliche Erträge sind das Ergebnis. Es ist kein Segen auf diesem zusammengerafften Besitz.

Sie gleichen in ihrer Raffgier dem reichen Kornbauern, von dem Jesus erzählt:  „Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?“ (Lukas 12,20) Ganz abgesehen von dieser Torheit – es ist ein Verstoß gegen das Gebot Gottes, so das Land an sich zu bringen. Das Land ist Gottes Land und nur geliehen, auf Zeit. Es steht unter dem Eigentumsvorbehalt Gottes: „Darum sollt ihr das Land nicht verkaufen für immer; denn das Land ist mein, und ihr seid Fremdlinge und Beisassen bei mir.“ (3. Mose 25,23) Hier setzt die Kritik zutiefst an.

11 Weh denen, die des Morgens früh auf sind, dem Saufen nachzugehen, und sitzen bis in die Nacht, dass sie der Wein erhitzt, 12 und haben Harfen, Zithern, Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben, aber sehen nicht auf das Werk des HERRN und schauen nicht auf das Tun seiner Hände! 13 Darum wird mein Volk weggeführt werden unversehens, und seine Vornehmen müssen Hunger leiden und die lärmende Menge Durst.

            Genauso scharf und hart ist der zweite Weh-Ruf. Über die, die sich das Leben schön machen und schön reden, es genießen ohne Maß und Ziel. Über die Müßiggänger. „Noch ist Zeit“ weiterlesen

Gott reagiert

Jesaja 5, 1 – 7

Es muss nicht zwangsläufig so sein, dass ein neuer Text immer  am Vorhergehenden anknüpft. Auch die Situation des Redenden kann eine andere sein. So ist es auch hier. Das nachfolgende „Weinberglied“ ist nicht notwendig die Fortsetzung des vorherigen Textes. Es steht hier einfach hinter den Heilsworten aus 4, 2 – 6. Umso schärfer aber ist der Kontrast zu diesen Worten.

1 Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.

Dabei fängt alles harmlos an. Ein Lied will der Sprecher singen. Bei einem Weinfest?  Von seinem Freund, für seinen Freund. Schon die Ankündigung lässt aufhorchen. Wer ist der „Liebling“ – so wörtlich im Hebräischen – des Sängers? Redet er so von Gott? Und wissen das seine Hörer von Anfang an? „Dass Gott Geliebter des Menschen sein soll, ist sehr ungewöhnlich.“ (D. Schneider, aaO. S.  112) Was der „Normalhörer“ mit diesen Anfangsworten hören dürfte, ist deshalb auch anders: Da singt einer für seinen liebsten Freund von dessen Weinberg, das ist die Braut, und schlüpft so in die Rolle des Brautführers.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.

Es ist die Welt, die die Zuhörer kennen: Da müht sich einer um seinen Weinberg. Er lässt es an nichts fehlen, nicht an Sorgfalt, nicht an Aufmerksamkeit, nicht an Zuwendung. Er tut alles, was getan werden muss, damit es gute Früchte gibt.

Es ist das Bild für ein Ringen um eine Beziehung. Alles wird versucht, damit es gut wird. Alles nimmt einer, eine in Kauf, um den Weg zu dem anderen zu finden, um es zu einem guten Miteinander kommen zu lassen.  Aber: Es wird nicht. Im Bild: Die Trauben sind Kümmerlinge. Sauer. Bitter. Der Weinberg ist eine einzige große Enttäuschung.

Ohne Bild: Diese Liebe ist eine einzige große Enttäuschung. Unabhängig davon, ob der Weinberg „betrogen“ hat, die Braut untreu war. Es ist eine Liebe ohne Echo. „Gott reagiert“ weiterlesen

Gnade inmitten von Chaos

Jesaja 4, (1).2 – 6

1 Und sieben Frauen werden zu der Zeit „einen“ Mann ergreifen und sprechen: Wir wollen uns selbst ernähren und kleiden, lass uns nur nach deinem Namen heißen, dass unsre Schmach von uns genommen werde.

In diesem Chaos sind Frauen besonders übel dran, die nicht den Schutz eines Mannes und seiner Sippe haben. Aller Reichtum nützt nichts, wenn da kein Beistand ist, keiner, der in dem männlich geprägten Rechtsraum einsteht für eine Frau, seine Frau. Was für ein Abstieg: „Unter Zurückstellung aller weiblichen Scham werden die jetzt so stolzen Zionstöchter von sich aus einen überlebenden Mann aufsuchen und sich ihm als Konkubinen, als Nebenfrauen, antragen.“  (O. Kaiser, aaO. S.  40)

Lass uns nur nach deinem Namen heißen – das ist kein bloßer Namenswechsel bei der Eheschließung, sondern ein Rechtsakt. Sie werden so Eigentum des Mannes, Sklavinnen. Alles, nur nicht schutzlos und rechtlos alleine bleiben. Wenn das Land und die Ordnung zusammenbrechen, ist selbst Sklaverei noch besser als die völlige Schutzlosigkeit.

Im Schicksal dieser Frauen spiegelt sich das Schicksal Jerusalems und Judas, wenn das Gericht Gottes in seiner ganzen Härte Wirklichkeit werden wird.

2 Zu der Zeit wird, was der HERR sprießen lässt, lieb und wert sein und die Frucht des Landes herrlich und schön bei denen, die erhalten bleiben in Israel.

            Wieder, wie schon in V. 1:  Zu der Zeit. Als Leser reibe ich mir verwundert die Augen: Wie denn nun? Geht das alles gleichzeitig? Gibt es doch mitten im Untergang Bewahrung, Rettung? Eine Lösung, auf die Exegeten dann leicht kommen, heißt: Das ist spätere Ergänzung. Wenn ja, dann aber immerhin eine Ergänzung, ganz im Geist des Jesaja. „Nicht das Gericht ist Gottes letztes Wort über sein Volk, sondern sein Heilswille.“ (O. Kaiser, aaO. S.  41) Wir heutigen Leser haben es zu lernen: Auch was später hinzukommt zu einem ursprünglichen Text ist nicht „unecht“, „minderwertig“, sondern es hat die gleiche Autorität wie die ersten Worte. Es ist Wort aus der Wirklichkeit Gottes. „Gnade inmitten von Chaos“ weiterlesen

Eine kalte Welt

Jesaja 3, 1 – 15

1 Siehe, der Herr, der HERR Zebaoth, wird von Jerusalem und Juda wegnehmen Stütze und Stab: allen Vorrat an Brot und allen Vorrat an Wasser, 2 Helden und Kriegsleute, Richter und Propheten, Wahrsager und Älteste, 3 Hauptleute und Vornehme, Ratgeber und Weise, Zauberer und kluge Beschwörer.

Diesem Text ist im Abschnitt 2, 6 – 22 eine Gerichtsankündigung voraus gegangen. Krise wird auf Krise folgen. Und alles, weil das Volk sich Gott verweigert, die großen Herren und die kleinen Leute. Und jetzt treibt das Gericht auf die Spitze zu. Stütze und Stab werden weggenommen. Nichts Verlässliches ist mehr da. Das Chaos bricht aus, weil Gott Gericht hält.

Chaos-Tage. Die Vorräte werden verbraucht. Die Führungskräfte fallen genauso aus wie die Kriegsleute, die das Land und die Stadt schützen sollten. Und die Ratlosigkeit greift so um sich, dass weder die geistliche Führung noch die verpönte Kunst der Wahrsagerei irgendeine Orientierung geben kann. „Da schwatzen und da plappern die Gelehrten“ (C. Bittlinger) Es wird noch viel geredet, getalkt, aber es gibt kein Orientierung mehr.

 4 Und ich will ihnen Knaben zu Fürsten geben, und Mutwillige sollen über sie herrschen.

            Als Führungskräfte finden sich nur noch Junge, Knaben. In der Gesellschaft, zu der Jesaja gehört, gibt es eine Hochschätzung des Alters. Die Alten haben Lebenserfahrung, kennen sich aus.  Sie haben auch am Leben gelernt, nicht nur kurzfristig zu denken. Es ist eine Situation, die nur noch erschrecken kann. „Weh dir, Land, dessen König ein Kind ist und dessen Fürsten schon in der Frühe tafeln!“ (Prediger 10, 18) Führungseliten, die keine Verantwortung mehr kennen, sondern nur noch das eigene Wohlergehen. Wo das der Fall ist, da ist Gottes Gericht im Gange.  „Eine kalte Welt“ weiterlesen

Wer ist Zuflucht?

Jesaja 2, 6 – 22

6 Ja, du hast dein Volk, das Haus Jakob, verstoßen; denn sie sind den Sitten des Ostens verfallen, und es gibt Zeichendeuter wie bei den Philistern, und Kinder von Fremden haben sie mehr als genug. 7 Ihr Land wurde voll Silber und Gold, und ihrer Schätze war kein Ende; ihr Land wurde voll Rosse, und ihrer Wagen war kein Ende. 8 Auch wurde ihr Land voll Götzen; sie beten an ihrer Hände Werk, das ihre Finger gemacht haben.

             Es sind die Hörer*innen, die die große Vision des Jesaja gehört haben. Es ist jetzt wie ein schriller Misston, der dieser Vision folgt. Wie kann einer nur so wechselhaft sein in seinen Worten? Vielleicht gilt ja das Wort des Altkanzlers: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“(H. Schmidt) Jesaja – ein Fall für die Ärzte?

Meldet sich hier Fremdnefeindlichkeit? Kinder von Fremden haben sie mehr als genug. Mir scheint, es geht nicht um reale Kinder. Es geht um die Übernahme von Denkweise, von Glaubenshaltungen, die als Fremdimporte angesehenn werden. Diese neuen Denkweisen werden gehätschelt wie Kinder  und es ist übertrieben und falsch wie das Hätscheln von Kindern.

Es ist ein harte Feststellung, in der auch Schmerz mitschwingen mag: du hast dein Volk, das Haus Jakob, verstoßen. Das ist Gottes Antwort auf eine Erfolgsgeschichte, weil Gott nicht nach dem Erfolg fragt, nicht nach der Prosperität, sondern nach der Treue! Israel hat sich importiert, was es sich als Hilfen erwartete, was Aufschwung bringen sollte – Silber, Gold, Rosse, Wagen. Und wie nebenbei auch die Praktiken, die Zukunft sichern sollten – Zeichendeuter, Götzen. „Von Mesopotamien, dem klassischen  Land der Magie und Astrologie, und aus Philistäa, von Ost und West waren diese Bräuche zusammen mit den ausländischen Händlern, die von der wirtschaftlichen Blüte angezogen waren, und durch ihr Verhalten den Glauben des Bundesvolkes gefährdeten, in das Land eingedrungen.“(O. Kaiser, Der Prophet Jesaja, Kapitel 1 – 12, ATD 17; Göttingen 1963, S. 27)

Entfernt erinnert diese Argumentation an die Reaktionen von Eltern, die mit unerwarteten Schimpfworten ihrer Kinder konfrontiert werden. `Das haben sie aus dem Kindergarten, aus der Schule. Da haben sie das aufgeschnappt.´ Als ob es zu Hause nicht so etwas auch gäbe. Israel war nie das Land des reinen Gottesglaubens – vom ersten Tag an. Immerhin: Das Land steht gut da. Nur: der Preis ist zu hoch.    „Wer ist Zuflucht?“ weiterlesen

Eine große Vision

Jesaja 2, 1 – 5

1 Dies ist das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, schaute über Juda und Jerusalem:

            Es ist Neueinsatz gegenüber dem Vorhergehenden und eine feierliche Einleitung der nachfolgenden Vision. Sie wird dadurch unterstrichen, dass der Seher noch einmal ausdrücklich benannt wird: Jesaja, der Sohn des Amoz. Er empfängt diese Vision über Juda und Jerusalem, für Juda und Jerusalem.

Die Vision wird in fast gleichen Worten auch im Buch des Propheten Micha überliefert (Micha 4, 1-5). Dort fehlt aber genau dieser Einleitungsvers, der die Vision Jesaja zuschreibt. Das könnte ein Hinweis sein, dass sie bei Jesaja ihren ursprünglichen Ort hat und bei Micha „nur“ Zitat ist. Aber auch dann ist es gut, sich erinnern zu lassen: „Die Bedeutung eines biblischen Textes entscheidet sich nicht an der Verfasserfrage, sondern an seiner Aussage.“ (O. Kaiser, aaO. S.  20)

 2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, 3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN , zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.

            Zur letzten Zeit, in den späteren Tagen. Das ist „die Zeit, da Gott etwas völlig Neues tut. Nach dem Textzusammenhang ist aber nicht eine jenseitige Welt gemeint – dennoch sprengt das, was in V. 2-4 angesagt wird, die Möglichkeiten dieser Weltzeit völlig.“ (D. Schneider, aaO. S.  74)  Wahr ist ja: Die Zeiten, in der sich Berge weit über ihr seitheriges Niveau aufgetürmt haben, gehören der Entstehungszeit der Erde an. Millionen Jahre vor uns. Nicht mehr unseren Zeiten.

Aber vielleicht muss ich ja gar nicht so lesen, als würde hier die Erdbeschaffenheit rund um den Zion gewandelt. Auch die Auskunft, dass „der Zion mit einem hohen Götterberg im Norden gleichgesetzt“ (R. Albertz Hört, denn der Herr redet, 7 Abschnitte aus Jesaja 1 – 29, Texte zur Bibel 3, Neukirchen 1987, S.  41) sein könnte, scheint mir nicht zwingend. Gemeint sein könnte doch auch, dass der Zionsberg auf einmal eine Bedeutung gewinnt, die ihn alle Berge überragen lässt. Der Berg, auf dem das Haus des Herrn steht. Der Berg, auf dem das Heil der Welt sich entscheidet im Kreuz Jesu. „Eine große Vision“ weiterlesen

Gottesverlust

Jesaja 1, 21 – 31

 21 Ach, wie ist zur Hure geworden die treue Stadt! Sie war voll Recht, Gerechtigkeit wohnte darin; nun aber – Mörder. 22 Dein Silber ist Schlacke geworden und dein Wein mit Wasser verfälscht. 23 Deine Fürsten sind Abtrünnige und Diebsgesellen, sie nehmen alle gern Geschenke an und trachten nach Gaben. Den Waisen schaffen sie nicht Recht, und der Witwen Sache kommt nicht vor sie.

             Ach. Es klingt wie Totenklage und Vortrag einer Anklage in einem. Eine Totenklage über eine Stadt, die noch in voller Blüte steht. Weil Gott weiter sieht, weil er sich nicht blenden lässt vom Glanz der ehemaligen „Burg des Rechtes, in der die Bundesordnung wirklich in Kraft stand.“ (O. Kaiser, Der Prophet Jesaja, Kapitel 1 – 12, ATD 17; Göttingen 1963, S. 15)

Es gab eine andere Zeit, auf die das Wort zurück blickt – voll Recht, Gerechtigkeit,  Silber, Wein. Nichts davon ist übrig – das Silber verdorben, der Wein verfälscht, die Gerechtigkeit mit Füßen getreten – das alles ist Erläuterung zu dem Aufschrei: wie ist zur Hure geworden die treue Stadt! „Wenn Juda seinen Gott verlässt, der mit ihm einen ewigen Bund geschlossen hat, so ist das Ehebruch: Gottes Volk wird zur Hure.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 1. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988. S. 64) Es geht in diesem Aufschrei nicht um missbrauchte Sexualität, es geht um das Herumirren ohne festen Halt. die Stadt weiß nicht mehr, zu wem sie gehört.  Es ist der Aufschrei in einem Gemisch aus Schmerz und Zorn dessen, der das Werk seiner Liebe ganz und gar verdorben sieht.

Die Frage, die der Text nicht stellt, die sich aber dennoch aufdrängt: wie konnte es dazu kommen, dass Israel so die Spur Gottesverliert? wie konnte es dazu kommen, dass sie nach dem Anfang in der Wüste so abirren? Es ist eine Verlustgeschichte – auf den wundersamen Anfang folgt der Abstieg, der Abfall. Diese Sicht führt ja auch dazu, die Zeit in der Wüste zu verklären als die Zeit der ersten Liebe. Vielleicht ist das nichtstellen der Frage und das nichtsuchen nach Gründen ja ein Hinweis: Es hilft nichts, in der Vergangenheit Schuld aufzuspüren, Schuldigen zu benennen. Alles kommt darauf an, in der Gegenwart die Weichen neu zu stellen. Zurück zu kehren zu dem Anfang zu der „ersten Liebe.“(Offenbarung 2,4)

Verloren gegangen ist, woran Gott so viel liegt – das Recht der Waisen und die Sache der Witwen. Das zieht sich ja als ein roter Faden durch das Gesetz, wie es von Mose her überliefert ist – die Fürsorge Gottes in seinem Recht gilt besonders den Witwen und Waisen. „Gottesverlust“ weiterlesen

Umkehr ist möglich – heute

Jesaja 1, 10 – 20

10 Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra!

Was für eine Attacke! Wenn es stimmt, dass diese ganze Szene im Tempel spielt, beim Opferfest im Herbst, „in Verbindung mit einem Klage-Gottesdienst, wie er in Israel ausgerufen wurde, wenn ein nationaler Notstand das Land erschütterte“(D. Schneider, aaO.  S.  58), dann wird die Schärfe in den Worten  des Propheten erst richtig spürbar.  Es ist die gottesdienstliche Gemeinde, Führer des Volkes und „Fromme“, die Jesaja so angeht: Sodoms-Fürsten. Gomorra-Volk. Was für eine Parallele. Und ist das nicht schon Urteil über die, die so dastehen? Aber Jesaja sagt ihnen: Hört! Nehmt zu Ohren!  So, als rechnete er immer noch damit dass es über dem Hören zu einem Umkehren kommen könnte.

 11 Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. 12 Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor meinem Angesicht – wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet? 13 Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumond und Sabbat,  den Ruf zur Versammlung – Frevel und Festversammlung – ich mag es nicht! 14 Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin’s müde, sie zu tragen.

            Das hat in Israel Tradition: Opfer im Überfluss. „Der König aber und das ganze Volk opferten vor dem HERRN; zweiundzwanzigtausend Rinder und hundertzwanzigtausend Schafe opferte der König Salomo.“ (2. Chronik 7,4-5) Viel hilft viel. So ist der Gedanke und er ist bis heute kaum verändert in Kraft.

Gott aber, der HERR, lässt seinen Propheten sagen: Ich habe diese Opfer satt. Ich bin sie satt. Ich will mich nicht an ihnen sättigen. Der ganze Betrieb am Tempel gerät in die Kritik, nicht von Menschen, die die Verschwendung geißeln, sondern von Gott, der sich einen anderen Gottesdienst wünscht, nicht nur einen „etwas anderen Gottesdienst“. Und noch schärfer: Wenn sie so vor ihn kommen, zertreten sie den Vorhof. Der falsche Gottesdienst der Opfer schändet den Tempel. Was für Worte in den Ohren von Leuten, die am Tempel hängen, ihn als Zufluchtsort suchen.  „Umkehr ist möglich – heute“ weiterlesen