Was ist mit unserem Beten?

Offenbarung 8, 1 – 5

1 Und als das Lamm das siebente Siegel auftat, entstand eine Stille im Himmel etwa eine halbe Stunde lang.

 Das siebte Siegel. Im Himmel ist eine Atempause. Es geschieht nichts, Es ist einfach nur still. Unvorstellbar? In der Welt, in den Schaltzentralen der Macht ist das unvorstellbar. Hier geschieht immer etwas. Die Nachrichten jagen um die Welt. Die Verkehrsströme fließen. Kontakte werden gehalten. Undenkbar, dass im Kanzleramt eine halbe Stunde Stille ist.

Gott aber kann sich das leisten. „Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.“(Markus 4,39) So heißt es in der Erzählung von der Sturmstillung. Die Stille im himmlischen Thronsaal unterbricht den Ablauf des Geschehens. Der Himmel ist nicht eilig. Seine  Welt unterliegt  keinem Ablauf ohne Pause, keinem unaufhaltsamen Prozess. Es ist, als entstünde in dieser Stille ein neuer Weg. Bei uns ist das oft so: Damit es zu neuen Wegen, zu neuen Schritten kommen kann, braucht es eine Klärung. Es ist merkwürdig: „Was nun tatsächlich geschieht, ist in Wahrheit ein Nicht-Geschehen, eine Stille im Himmel. … Die Stille währt nur einem Moment, sie wirkt wie ein Punkt.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 73)

Ich spüre diese Stille im Himmel. Manchmal. Ich suche sie, nicht oft genug. Sie gibt mir Halt. Sie lässt mich hoffen. Sie ist Gegengewicht gegen die innere Unruhe und Ungeduld, die mich so oft im Griff hat. Es gibt Lieder, die durch ihre Stete Wiederholung etwas von dieser himmlischen Stille transportieren, in mir aufrufen. Taize-Gesänge. Heilig bist du, Ursprung der Welt… Vor Jahren, bei einer mehrtägigen Wanderung auf dem heiligen Berg Athos habe ich etwas von dieser himmlischen Stille erfahren.  Manchmal klingt sie heute noch in meiner Seele nach und nährt meine Sehnsucht.

 2 Und ich sah die sieben Engel, die vor Gott stehen, und ihnen wurden sieben Posaunen gegeben.

            Sieben Engel, denen sieben Posaunen gegeben wurden. Es liegt Geheimnis über diesem knappen Satz. Was wird werden? Es ist wie ein tiefes Atemholen. „Johannes nimmt es erwartungsvoll wahr und auch der Leser soll auf ein gewichtiges Geschehen vom Thron her gespannt sein.“ (A. Pohl, Die Offenbarung des Johannes, Wuppertaler Studienbibel, 2. Teil; Wuppertal 1988, s. 21) Das siebte Siegel ist geöffnet, sieben Engel, sieben Posaunen – der letzte Akt wird vorbereitet.

 3 Und ein anderer Engel kam und trat an den Altar und hatte ein goldenes Räuchergefäß; und ihm wurde viel Räucherwerk gegeben, dass er es darbringe mit den Gebeten aller Heiligen auf dem goldenen Altar vor dem Thron. 4 Und der Rauch des Räucherwerks mit den Gebeten der Heiligen stieg von der Hand des Engels hinauf vor Gott.

Was wird, ist erneut: Gottesdienst. Liest man die Texte der Offenbarung im großen Bogen, so drängt sich der Eindruck auf: Es geht von Gottesdienst zu Gottesdienst. Es ist, als seien die Gottesdienste das Herz allen Geschehens, so schrecklich es auch werden mag.

Und, leicht zu überlesen: hier wird die so quälende Anfrage der Gemeinde auf Erden beantwortet: Was ist mit all unserem Beten? Was ist mit den Bitten, deren Antwort wir nicht sehen? Was ist mit den Schreien, auf die wir kein Echo erfahren? Das bedrängt ja, vor allem die, die es sich mit dem Beten nicht leicht machen: Geht es denn über unsere Zimmerdecke hinaus? Ist es nicht doch nur ein Selbstgespräch? Jahreslanges Beten – aber nichts wird gut. Jahrelanges Hoffen – aber kein Signal, dass es eine Wende gibt.

Doch, sieht Johannes:  Der Engel nimmt alles, Gefäß und Weihrauchkessel, damit er es darbringe mit den Gebeten aller Heiligen auf dem goldenen Altar vor dem Thron.  Auch hier wieder würdevolle, angemessene Bewegung. Nichts Eiliges. Nur so viel: Die Gebete kommen an. Die Engel sorgen dafür. Kein Gebet geht im Raum zwischen Erde und Himmel verloren. Kein Gebet ist nur so gesagt, ohne Widerhall. Gebete verwelken und verwesen nicht. Wie ein leichter Rauch steigen sie empor. Alle Gebete kommen hinauf vor Gott.

5 Und der Engel nahm das Räuchergefäß und füllte es mit Feuer vom Altar und schüttete es auf die Erde. Und da geschahen Donner und Stimmen und Blitze und Erdbeben.

 Die Gebete der Christen dringen durch. Sie kommen an. „Und gleichsam als Antwort wütet in der Welt das Verderben.“(T. Holtz, ebda.) Es sind Spannungen, die nicht aufzulösen sind. Die es nicht einfach machen mit dem Glauben. Damals nicht und heute nicht.

 

Herr Jesus, kein Gebet ist umsonst gesprochen, geatmet, gesungen, geweint. Kein Gebet bleibt auf der Strecke. Unser Beten steigt auf zum Thron, zu Dir. Und wird seine Antwort finden – in der Liebe, die alle Wunden heilt, alles Fragen stillt, die uns einhüllt in die Gegenwart aus Licht, einhüllt in Dir. Amen