Einmal wird der Himmel singen

Offenbarung 7, 9 – 17

 9 Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, 10 und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm!

 „Im Himmel soll es besser werden, wenn ich bei deinen Engeln bin.“ Ein weltweites Fest wie Weihnachten. Wie schön  – volle Kirchen und kräftigen Gesang. Selbst Menschen, die nicht viel mit „Kirche“ im Sinn haben, kennen doch die Weihnachtsgeschichte und finden sie irgendwie anrüh­rend und lassen sich von ihr zum Träumen verführen: Was wäre, wenn das alles so wahr wäre….  Weihnachten ist „nur“ ein Anfang. Es ist nicht das Ziel. Der armselige Stall von Bethlehem ist nicht das Ziel – er stößt eine Geschichte an, in die Gott alle Welt hineinziehen will.

Der Seher auf Patmos sieht das größere Ziel: Die Anbetung aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen. Das ist weltweit, Zeiten und Regionen überspannend und führt über die 144000 hinaus. Genauso wie es über den Anfang des Erdenweges hinaus führt. Nicht mehr ein paar Hirten und Weise vor der Krippe. Alle vor dem Thron und dem Lamm. Es ist die umfassend-völlige Überbietung der Geschichte des Einzugs in Jerusalem. Nicht mehr ein Eselsreiter, nicht mehr ein enthusiastischer Jüngerhaufen – jetzt beten ihn alle an – in den Kleidern der Sieger, der Überwinder. Hinter denen, die da rufen, ist alle Vergangenheit versunken. Sie sehen nur den Thron und das Lamm. Es ist der niemals endende Lobgesang im Himmel, der hier angestimmt wird.

„Wir sind mehr.“ Unübersehbar viele. Ein Bild, das ins Herz fällt, erst recht bei denen, die es oft anders erleben. die sich manchmal vorkommen wie die letzten Treuen, die den Weg zur Kirche nehmen. Erfahren, dass sie ein wenig belächelt werden als die fußkranken der Zeit, die nicht so richtig mitkommen und sich deshalb an diesen Gott aus der Vergangenheit und den Glauben an ihn klammern.  Hier lesen wir: Wir sind nicht der armselige, verlorene Haufen, als den wir uns manchmal empfinden mögen – immer weniger, immer mehr graue Köpfe.

Ich denken ja, dass dieser „Brief der Offenbarung“ an Leute gerichtet ist, die in der Minderheit sind, ein winziges Häufchen im großen Römischen Reich. Oft bedrängt, auch verfolgt, oft ins die Ecke, ins Abseits gestellt. Lebensbedrohlich ist ihr Glaube, nicht für die Anderen, für sie selbst, weil sie – nicht alle, aber manche – mit der Hingabe ihres Lebens einstehen werden für ihren Glauben, für das Lamm. Und sie hören: Am Ende der Zeit steht nicht das große Aus für unser kleines Häufchen – am Ende steht die unüberschaubare Menge derer, die in der Anbetung auf dem Platz vor dem Thron versammelt sind.

Es fällt auf: hier wird nichts darüber gesagt, was die durchgemacht haben, die jetzt zu singen anheben: ob es Märtyrer sind, ob sie froh sind, alles hinter sich zu haben. Nur das stimmt schon: Man hat als Lesender das Gefühl, hier versinkt die ganze Geschichte in diesem Bild, in diesem Jubel. „Der Blick des Glaubens überfliegt die schwere Spanne der Geschichte, die ihn noch vom Ende trennt und sieht vorweg den Triumph Christi, der auch der Triumph der Seinen sein wird.“(H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 129)

 Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! Was sie singen, ist nicht Zukunftsmusik. Es ist Gegenwartsmacht. So ist es schon und nicht nur: so soll es einmal werden. Es scheint, als müsste jeder wirkliche Lobpreis die Zeit sprengen und im Lobpreis schon das Ziel erreichen. Es in die Gegenwart hinein singen.

 11 Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Wesen und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an 12 und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

 Das haben die Engel Gottes von Ewigkeit her gesehen: Gott schenkt in dem neu­geborenen Kind Jesus das Heilmittel gegen die Krankheit der Sünde. Gott schenkt in ihm das Lamm, das unser Heil ist. Darum singen die Engel in der Weihnacht das Lob Gottes. Und sie nehmen ihren weihnachtlichen Lobgesang im Himmel wieder und wieder auf – und ziehen die Ältesten und die vier Wesen mit hinein in ihr Lied.

Sieben Glieder hat dieser Gesang: Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke. Alles ist gesagt – alles ist vollendet. Es ist dieser siebengliedrige Lobgesang wie ein Reflex auf die sieben Tage der Schöpfung. „Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“(1. Mose 2, 2-3) Ist das zu groß gedacht: Im Lobgesang kommt die Schöpfung zur Vollendung.

Was angefangen hat mit den Engelchören, was sie im Himmel jetzt schon singen – das will seine Fortsetzung finden in dein und mein Leben hinein. Wo einer von uns die Vergebung der Sünde erfährt, wo einer von uns das erlebt: ich bin mit Gott im Reinen, ich bin frei durch seine Gabe von den Lasten meiner Vergangenheit, da kann er nicht mehr anders als einstimmen in das Lob der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe. Darum singen wir dies Lob ja auch in jedem Gottesdienst, Sonntag für Sonntag – immer da, wo uns die Güte Gottes zugesprochen worden ist.

Wo und wenn einer anfängt, so Gott zu loben, verwandelt sich auch sein Leben. Da wird das Leben zu einem Dank an Gott. Und wie anders sollen wir den Dank an Gott und das Lob seiner Herrlichkeit leben als in der Menschenfreund­lichkeit, die wir von Gott erfahren haben? Wer Gott lobt, der muss anfangen – aus innerem Antrieb heraus – den Menschen die Liebe Gottes weiterzugeben. Da öffnen sich geballte Fäuste, da werden verhärtete Herzen wieder einfühlsam, da findet unsere Zunge gute Worte für den anderen, da teilen unsere Hände. Da spiegelt unser Leben die Herrlichkeit Gottes.

 13 Und einer der Ältesten antwortete und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen? 14 Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es.

      Ein Stilmittel, um verborgene Wahrheit ans Licht zu holen. Einer der Ältesten fragt – Es ist also sein Fragen ein Antworten auf den Lobgesang. Und der Seher steht da, gefragt, und muss gestehen: Ich weiß es nicht. Du weißt es. Dieses Frage-Antwort-Spiel hat Vorläufer in den Propheten: „Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: HERR, mein Gott, du weißt es.“(Hesekiel 37,3) Und noch einmal, später, als der Seher nicht versteht: „Und ich ging zu einem von denen, die dastanden, und bat ihn, dass er mir über das alles Genaueres berichtete. Und er redete mit mir und sagte mir, was es bedeutete.“(Daniel 7,16) Es ist nicht so, dass wir, auch fromme Leute, wie von selbst wüssten, was der Weg Gottes ist. Es ist immer noch so, dass wir uns bescheiden müssen: Mein Herr, du weißt es. Nur wer so selbst zum Fragenden wird, wird auch hören, was ihm als Antwort zukommt.  Wenn schon der Seher Johannes nicht aus dem Fragen herauskommt, wer sind wir, dass wir oftmals tun, als wüssten wir. Alles.

 Und er sprach zu mir: Diese sind’s, die aus der großen Trübsal kommen und haben ihre Kleider gewaschen und haben sie hell gemacht im Blut des Lammes. 15 Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen.

 „Sie haben ihre Gewänder, ihren Habitus im Opfer-Blut des Lammes gewaschen und strahlend gemacht.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 72) Es geht in den biblischen Texten oft um Kleiderfragen, weil Kleider Leute machen. Alle ma­chen das Kleid ihres Lebens schmutzig – ohne Ausnahme. Wir alle haben schmutzige Hände und Füße bekommen auf dem Weg des Lebens. An uns allen haften Lieblosigkeit, harte Worte, Eigensinn, Leben auf Kosten anderer. Keiner von uns ist so, wie Gott sich den Menschen gedacht hat. Aber nun ist Gottes Antwort eben nicht: macht nichts – ich mache alle gut. Es ist nicht so, dass alle statt dieses alten Kleides der Sünde das weiße Kleid anhaben, automatisch von Gott verliehen. Dieses neue, weiße Kleid muss einer wollen, sonst kann Gott es ihm nicht anziehen!

Darum heißt es: „die es gewaschen haben im Blut des Lammes.“ Es ist also – auch wenn es nicht automatisch gegeben wird, nicht nötig, weiter mit einem schmutzigen Kleid durch die Weltgeschichte zu laufen – du kannst ein weißes Kleid bekommen – dadurch, dass du das Kleid deines Lebens bei Jesus  reinigen lässt. Das ist die Kernaussage unseres Wortes: Du kannst mit Gott, mit der Welt, mit Dir selbst ins Reine kommen, wenn Du Dich von Jesus reinigen lässt. So ge­schieht das Rein-Werden von Sünde: dass wir uns in einem willentlichen und per­sönlichen Schritt Jesus und dem, was er bringt, anvertrauen. Das aber ist keine einmalige Sache, sondern das dürfen wir wieder und wieder tun – denn er lädt uns jeden Tag dazu ein: Du darfst aus meiner Vergebung leben.

Es ist wichtig und kennzeichnend, dass nun doch die Vergangenheit der Anbetenden zur Sprache kommt. Dass der Lobpreis nicht einfach die Erfahrungen des Weges durch die Welt überspringt. Der Glaube mogelt sich nicht am Schmerz der Erinnerungen vorbei. Alle, die da anbeten, angetan in strahlendem Weiß sind durchgebracht durch ein Meer von Tränen, durch Bedrängnisse, Schmerzen, Angst. Hindurchgebracht durch die Täler der Verachtung, die Anläufe der Feindseligkeiten, durch den schneidenden Hohn derer, die sich als Sieger wähnen.

16 Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze; 17 denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen

Es ist eine doppelbödige Antwort. Sie verweist zurück auf das, was hinter den Singenden liegt – die große Trübsal. Die schlimmen Zeiten sind vorbei. Jetzt ist Wirklichkeit, was wir nur zu träumen gewagt haben. Das ist der andere Teil der Antwort: Sie verweist vor allem auf das, was vor ihnen liegt: eine Zukunft, auf die kein Schatten mehr fällt, die keinen Mangel mehr kennt. Unter der Obhut des Lammes – kein Hunger mehr, kein Durst mehr, aller Mangel für immer Vergangenheit. Nichts mehr zu viel, nichts mehr zu wenig. Weil sie unter der Obhut des Lammes ihren Weg gehen. Das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen lebendigen Wassers. Das Lamm – der gute Hirte.

 Es ist wie eine Vorwegnahme des Zielwortes, das am Ende der Offenbarung als das große Wort für alle Ewigkeit stehen wird: Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.  Es ist, als hielte es der Himmel nicht aus, das nur als ein Ziel zu haben. Es ist ja auch schon einmal vorweg gesagt worden – in den geschichtlichen Weg Israels hinein: „Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat’s gesagt.“(Jesaja 25,8) So wird es jetzt doppelt gesagt in den Weg und für den Weg, der alle Geschichte ans Ziel bringen wird. Vergangenheit, „Gegenwart und Zukunft der Erwählten verschlingt sich so am Ende der ersten Visionenreihe, die mit der Öffnung der sieben Siegel am Buch Gottes durch das Lamm verbunden ist.“ (T. Holtz, ebda.)

 Alles geht zurück auf die Anfänge, die Gott gesetzt hat. In der Schöpfung, mit Abraham, mit dem Gebot am Horeb, mit dem Kommen Jesu und seinem Kreuz. Und Gott bringt seine Anfänge alle zur Vollendung. Das will uns der Seher be­zeugen, wenn er uns davon erzählt, wie aus allen Völkern die Menschen, die die Vergebung Gottes und seine Güte erfahren haben, das Lob der Engel mitsingen. In diese große Bewegung, die Gott selbst ans Ziel bringen wird, sind wir mit hineingerufen!

 

Einmal wird der Himmel singen und dieser Gesang wird das ganze All erfüllen. Einmal werden wir versammelt sein, Menschen aus allen Nationen,allen Zeiten und Dir das Lob anstimmen. Dich preisen vom Aufgang der Sonne bis zu ihren Niedergang.

Einmal,  an dem Tag, den kein Dunkel mehr berührt, der immer währt, werden wir vor Dir stehen, Dich schauen und erfahren, wie Du die Tränen trocknest, abwischst, nicht wegwischst.

Einmal ist die Zeit der Fragen vorbei, zu Ende. Und unser Lachen und Jubeln findet kein Ende mehr, weil aller Jubel und alles Lob sich erfüllt in Dir.  Amen