Versiegelt

Offenbarung 7, 1 – 8

 1 Danach sah ich vier Engel stehen an den vier Ecken der Erde, die hielten die vier Winde der Erde fest, damit kein Wind über die Erde blase noch über das Meer noch über irgendeinen Baum.

 Da Wald steht stüh, ka Vogl fliagt am Himmel                                                              und unter ana Bruckn zwa Kinder, die si duckn                                                              und eng und enger ruckn                                                                                                        Da Wind kummt auf, der erste Blitz zuckt nieder                                                           und unten in die Häueser werdn die Gebete leiser                                                           der Hass wachst auf’n Kaiser                                                                                                 Des Volk schaut nimme länger zua, die Ruhelosen woin a Ruah                                 es läut’ die Glockn aufn Turm. Des is die Ruhe vor dem Sturm. 

Der Sturm bricht los, es riacht nach Pech und Schwefel                                                die Weiber in der Kammer, die packt der grosse Jammer                                           Der Tischler schwingt sein’ Hammer                                                                                  Der Tod geht um, die Felder liegn voller Leichen                                                                die Scheiterhaufen brennen, ma sicht di Menschen rennen                                         es regnet Bluat und Tränen.  

Der Aufstand is im Keim erstickt,                                                                                             der Pfarrer auf der Kanzel nickt                                                                                                 er läut’ die Glockn aufn Turm –                                                                                            doch auch die Ruhe nach dem Sturm                                                                                    is nur die Ruhe vor dem Sturm                    G. Danzer, LP Ruhe vor dem Sturm 1981

           Für mich ist kein Zweifel – die Worte des Liedermachers unserer Zeit sind auch von diesen Worten der Offenbarung beeinflusst.

 Die Engel halten die Winde noch fest. Sie halten die Enden der Erde und damit die ganze Welt. Sie beherrschen die Macht des Sturmes, der Land und Meer in Aufruhr versetzen kann. Das alles bezeugt: Was immer es an Macht gibt, sie ist nur gegeben. Sie ist begrenzt durch Gottes Macht, der alles in seinen Händen hält. Das ist die untergründige Botschaft der Offenbarung: Auch das Wüten der Welt kommt aus den Händen Gottes.

Und das soll Trost sein? So fragen wir heute. Wir sind Menschen der Windstille. Wir sind Menschen, die nicht aus der großen Bedrängnis kommen. Wir sind Leute, die in relativer Beschaulichkeit ihr Leben führen können – ohne Nachstellungen, ohne Beschuldigungen, ohne Angst vor nächtlichen Verhören oder Folter.

2 Und ich sah einen andern Engel aufsteigen vom Aufgang der Sonne her, der hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief mit großer Stimme zu den vier Engeln, denen Macht gegeben war, der Erde und dem Meer Schaden zu tun: 3 Tut der Erde und dem Meer und den Bäumen keinen Schaden, bis wir versiegeln die Knechte unseres Gottes an ihren Stirnen.

 Jetzt wird verständlich, warum die vier Engel die Winde noch zurückhalten. Warum sie noch nicht der Erde und dem Meer Schaden tun dürfen. Die Arbeit, die Knechte unseres Gottes zu versiegeln. ihnen das Zeichen Gottes auf die Stirn und tief ins Innere einzuprägen, ist noch nicht zu Ende gebracht.

Wer sind diese Knechte unseres Gottes- δολοι το θεο? Die ein Brandzeichen an ihrer Stirn erhalten, so wie ein Tier das Brandzeichen seines Besitzers eingebrannt bekommt? Das scheint für mich eindeutig: „Das Siegel dürfte vorzüglich die Funktion der Bewahrung haben, die gründet in der durch das Zeichen beurkundeten Zugehörigkeit zur Gemeinschaft Gottes und des Lammes.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 70)  Darauf verweist ja auch die spätere Rede von den 144 000. „Und ich sah, und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und mit ihm hundertvierundvierzigtausend, die hatten seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben auf ihrer Stirn.“(14,1) Es geht um die Zugehörigkeit zum Lamm. Nur – es bleibt die Frage: Wer sind diese Knechte Gottes?

4 Und ich hörte die Zahl derer, die versiegelt wurden: hundertvierundvierzigtausend, die versiegelt waren aus allen Stämmen Israels: 5 aus dem Stamm Juda zwölftausend versiegelt, aus dem Stamm Ruben zwölftausend, aus dem Stamm Gad zwölftausend, 6 aus dem Stamm Asser zwölftausend, aus dem Stamm Naftali zwölftausend, aus dem Stamm Manasse zwölftausend, 7 aus dem Stamm Simeon zwölftausend, aus dem Stamm Levi zwölftausend, aus dem Stamm Issachar zwölftausend, 8 aus dem Stamm Sebulon zwölftausend, aus dem Stamm Josef zwölftausend, aus dem Stamm Benjamin zwölftausend versiegelt.

Wird die Frage jetzt nicht mehr offen gehalten, sondern eindeutig beantwortet?  Die, die hier versiegelt werden, sind aus den Stämmen Israels. Genauer: κ πσης φυλς υἱῶν σραλ – aus allen Stämmen der Söhne Israels. Es ist eine überaus kühne Schlussfolgerung: „In diesem Sinne stammen wir in unserem Glauben alle von Juden ab.“(K. Henning, Die Zukunft findet statt. Die Offenbarung aus der Sicht eines Ingenieurs, Wuppertal 1979, S. 142) Mir erscheint das wie eine fromme Über-Interpretation, geeignet, den Unterschied zu überspringen und zu vertuschen zwischen Juden, die an Jesus glauben und Heiden, die an Jesus glauben. Wir aus den Heiden werden auch durch den Glauben nicht zu Söhnen Israels.

Die zwölf Stämme sind genannt und damit also das ganze Israel. Sorgfältig geht die Aufzählung vor: für den Stamm Dan, der aus dem Stammesverband ausgestoßen worden ist, rückt der Stamm Manasse nach. So wie für Judas auch einer nachrücken musste.

So also ist Israel wieder komplett – das ganze Israel. In den Schriften Israels ist mit dem ganzen Israel zugleich das wahre Israel gemeint. Das Gottesvolk, das sein Leben aus Gott hat. Wenn ich das ernst nehme, dann geht der Ausleger zu weit: „Wie Sklaven und Tieren eine Erkennungsmarke aufgeprägt oder eingebrannt wird, so werden die Christen mit dem Prägestempel Gottes als sein Eigentum gezeichnet und dadurch vor den tödlichen Gefahren, Anfechtungen und Versuchungen der Endzeit gesichert.“ (H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 127 )

       Mein Widerspruch: hier wird der Israel-Bezug allzu rasch übersprungen. Und hinter den Christen verschwindet das alte Gottesvolk im Nirgendwo. Das hat zur unbiblischen Enterbungslehre beigetragen. Die Kirche ist in diesem Denken an die Stelle Israels getreten. Wahrscheinlich müssen wir es neu lernen: Diese versiegelten Knechte Gottes sind Israel! Und Gott wird mit ihnen an sein Ziel kommen. Wäre es anders – wo bliebe unsere Hoffnung auf die Treue Gottes, wenn er sie schon dem Erstlingsvolk gegenüber aufkündigt? So denkt auch Paulus: „Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Römer 11, 26-29) So also darf ich lesen: in der Treue zu Israel liegt das Versprechen der Treue zu den Christen. Die Anschluss an das wahre Israel gewinnen. So und nur so kann ich zustimmen, dass in den Knechten Gottes alle gezeichnet sind, nicht nur die Juden, die an Jesus glauben, aber eben auch  nicht nur die Christen aus den Heiden.

  Der zweite Widerspruch: Es gibt keine Sicherung vor den tödlichen Gefahren. Auch nicht vor den tödlichen Gefahren der Endzeit. „Es ist nicht zu übersehen, das die Versiegelten noch mitten in der Unheilsgeschichte der Welt leben.“(H. Frische, Visionen, die aufblicken lassen, Neuendettelsau 2008, S. 169) Es gibt Bewahrung immer nur in diesen Gefahren. Eine Bewahrung, die den Schmerz mit  einschließt, die gar den Tod mit einschließt. Es ist Bewahrung durch das Todestal hindurch. Wie sonst wäre es auch zu verstehen, dass die Offenbarung nicht aufhört, auch nach der Versiegelung von Schreckensbildern zu zeugen? Die Versiegelung greift über die Schrecken der Zeit und Endzeit hinaus. Sie macht nicht unverletzlich, aber sie macht unverlierbar. so wie die Taufe nicht davor bewahrt, krank zu werden, Unglück zu erfahren, vor der Zeit zu sterben. Wohl aber davor bewahrt, im Sterben ins Nichts zu fallen. Gott lässt keinen fallen, der/die zu ihm gehört.

Das zu lesen, heißt mir einmal mehr bewusst zu machen: Ich kann es gar nicht oft genug sagen, wie dankbar ich bin für den Frieden, in dem ich leben darf, für das Glück der Unbedrängtheit.

 

Heiliger Gott, ich danke Dir, dass nicht alle Wetter über uns dahin gehen dürfen, dass Du Einhalt gebietest, wenn der Sturm alles überwältigen will.

Ich danke Dir, dass Du mich gezeichnet hast, dass ich das Zeichen tragen darf, dass ich zu Dir gehöre, dass ich mit dem Kreuz gezeichnet bin, dass Du meinen Namen eingezeichnet hast in Deine Hände.

Daran ändert kein Sturm des Lebens mehr etwas. Amen