Zuflucht hinter dem Chaos

Offenbarung 6, 9 – 17

9 Und als es das fünfte Siegel auftat, sah ich unten am Altar die Seelen derer, die umgebracht worden waren um des Wortes Gottes und um ihres Zeugnisses willen. 10 Und sie schrien mit großer Stimme: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?

             Das fünfte Siegel. Es geht nicht einfach weiter so, Reiter folgt auf Reiter. Sondern es  ist ein scharfer Schnitt, ein völliger Szenenwechsel – weg von denen, die Gewalt bringen hin zu denen, die Gewalt erleiden und erlitten haben. Zu den Opfern.  „In den Blick treten die Märtyrer, die für die Sache Gottes ihr Leben gaben und ihr Geschick.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 65) Es sind die, die den Mund aufgemacht haben für Gott, für Christus. Ihr Zeugnis μαρτυρία – hat sie zu Märtyrern werden lassen, Zeugen, die mit ihrem Leben einstehen für ihren Glauben. Das Wort σφαγιάζω heißt: „Opfer schlachten.“(Gemoll ,Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 722) Das also ist geschehen. Menschen, Christ*innen sind hingeschlachtet worden. Ihre Seelen, ψυχς – wir können Psyche mithören, aber auch ihre Leben – finden sich unter dem Altar, dort wo das Blut der Opfertiere aufgefangen wird. Das ist die Botschaft, die hier versteckt ist: Kein Blut der Opfer geht verloren. Es wird aufgefangen. Darf man so weit gehen: es wird geheiligt, indem es so gesammelt wird?

Ohne Kommentar: „In unserer Welt gibt es keine Anzeichen dass wir sie zu einem Paradiesgarten religiöser Toleranz verwandeln. Zu deutlich klingen mit die Worte eines indischen Muslims im Ohr, als er vor ein paar Jahren bei einer interreligiösen Tagung gefragt wurde, ob nicht auch in Indien Muslime zum Christentum übertreten würden. In selbstverständlichem Ton erklärte er seinen Zuhörern, dass dies überhaupt kein Problem bedeute, denn solche, die zum christlichen Glauben überträten und die man deshalb vom Islam her als Abtrünnige bezeichne, würden einfach getötet. Auf Übertritt zum christlichen Glauben steht auch heute noch im Islam die Todesstrafe.“ (H. Schwarz, Das Geheimnis der sieben Sterne, Stuttgart 1993, S. 65)  

Sie werden laut. Sie rufen mit großer Stimmeφων μεγλ. Es ist wie eine Wiederholung des Todesschreies Jesu – da stehen genau die gleichen griechischen Worte – Matthäus 27,50. Zufall? Das denke ich nicht. Es ist eine verhaltene Andeutung der Schicksalsgemeinschaft mit Jesus, die den Tod mit einschließt, aber eben auch nicht im Tod endet. 

Sie schreien – nach Rache? Nach Recht? Es ist doch erst einmal so – ihr Schreien geht auf die Verzögerung ein: „Wann endlich soll sichtbar werden, dass das Opfer unseres Lebens einen Sinn hat?“ (H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 122) In guter Sicherheit, unbedrängt, lässt sich trefflich darüber streiten, ob man so rufen darf. Aus der Bedrängnis rufen sie nach Recht und Vergeltung. Es geht nicht um persönliche Rachsucht, es geht um die „endgültige Durchsetzung des Planes Gottes, um dessentwillen sie einmal ihr Leben geopfert haben.“ (H. Lilje ebda.)

Noch einen Schritt weiter: Es geht in diesem Schreien darum, dass die Liebe an ihr Ziel kommt. Gestorben sind sie ja im Vertrauen auf den, als Zeugen für den, der in seiner Liebe bis zum Äußersten gegangen ist. Wenn sie nun nach Recht schreien, so schreien sie zugleich danach,  dass diese Liebe ans Ziel kommt: Das steht hinter den Worten: „Die Liebe hebt nicht das Recht auf, es wird nicht dispensiert, dem Rechtsbrecher wird in der Liebe das Angebot gemacht, in ihr aufgehoben zu sein, Vergebung zu empfangen.“(T. Holtz, aaO. S. 66) Wir sollten also nicht zu voreilig sein, damit, hier nur – unchristliche – Rachegelüste zu hören.

Ich bin auch deshalb vorsichtig mit raschem Urteilen, weil mich meine Lebenserfahrung Vorsicht lehrt. Wie viel bei mir ist fast automatisierter Reflex. Wie mir jemand entgegenkommt, so reagiere ich auf ihn. Das Sprichwort redet vom Echo, das aus dem Wald schalt. Die moderne Hirnforschung hat etwas entdeckt, das zumindest Ähnlichkeit ahnen lässt: „Die Spiegelneuronen im Gehirn sind spezielle Nervenzellen, die den Menschen zum mitfühlenden Wesen machen. Wenn man beobachtet, dass sich jemand beim Gemüse schnipseln in den Finger schneidet, erlebt man selbst ein Unbehagen und kann nachempfinden, wie sich der Schmerz anfühlt. Wir werden mit dem Gefühl des anderen “angesteckt”, das heißt unsere Spiegelneuronen reagieren nicht nur, wenn wir selbst Leid, Schmerz oder Freude erfahren, sondern diese Nervenzellen werden auch dann aktiv, wenn wir diese Empfindungen bei jemand anderem wahrnehmen.“(www.planet-wissen.de/natur/Forschung/Spiegelneuronen) Das ist nicht wirklich weit weg von der Erkenntnis des uralten Sprichwortes: Unser Leben ist viel mehr Echo, als wir es in unserer selbstverliebten Zeit wahrhaben wollen.

Das Gegenmodell ist Jesus. Er ist ausgestiegen aus dem Echo-Verhalten. „Er, der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet.“(1. Petrus 2,23) Er geht in seiner Liebe, in seinem Verzicht auf Echo-Aktionen bis zum Äußersten, bis in den Tod. Die Aufforderung an uns, es ihm gleich zu tun, in ihm das Muster unseres Lebens anzunehmen und ihm zu folgen ist die Aufforderung, gegen unsere inneren angeborenen und erlernten Lebensmuster zu handeln. Vergebung ist keine naturgegebene Verhaltensweise. Sie kostet große seelische Kraft. Und – sie ist auch bei Jesus nicht der Verzicht auf die Herstellung von Gerechtigkeit. Sie legt nur diese Gerechtigkeit in die Hände des Größeren, Gottes.

  11 Und ihnen wurde gegeben einem jeden ein weißes Gewand, und ihnen wurde gesagt, dass sie ruhen müssten noch eine kleine Zeit, bis vollzählig dazukämen ihre Mitknechte und Brüder, die auch noch getötet werden sollten wie sie.

 Sie erhalten ein doppeltes Zeichen: einmal das weiße Gewand   – das Kleid der Sieger, Erinnerung auch an das Taufkleid. Zum anderen: die Mahnung zur Geduld. Die Zeit ist noch nicht voll. Doch ist allem Schrecken eine Grenze gesetzt. Es wird noch mehr Opfer geben, aber es ist kein Schrecken ohne Ende, der sich an ihnen, an den Christ*innen austobt.  Eine kleine Zeit – χρνον μικρν – das erinnert an Worte Jesu: „Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.“ (Johannes 16,16) Es ist eine Grundüberzeugung, die das Neue Testament prägt: Es wird nicht zu lange dauern und die Leiden der Zeit sind ein Nichts gegen das, was an Herrlichkeit wartet.

 12 Und ich sah: Als es das sechste Siegel auftat, da geschah ein großes Erdbeben, und die Sonne wurde schwarz wie ein härener Sack, und der ganze Mond wurde wie Blut, 13 und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine Feigen abwirft, wenn er von starkem Wind bewegt wird.

             Das sechste Siegel ist der Auftakt zu Geschehen, das den Himmel anrührt und die Erde verwandelt. Der ganze Kosmos gerät in Aufruhr, Verwirrung, ins Wanken.

 Das ist die große Spannung: auf der einen Seite der Schrei nach Gerechtigkeit und auf der anderen Seite die Schrecken der Erdbeben und Vulkanausbrüche. Kann es sein, dass der Untergang von Pompei hier Niederschlag in der Bildersprache des Johannes gefunden hat? Kann es sein, dass viel mehr, als es auf den ersten Blick zu sehen ist, auch Zeitgeschichte in die Worte mit hinein spielt? Ihr zumindest die Bilder bereitstellt? Denn auch im Schrei nach Gerechtigkeit meldet sich ja auch die Zeitgeschichte. Das ist die Erfahrung der Christen, dass sie gejagt werden, ausgeliefert und manche getötet. Genauso ist es die Erfahrung dieser Zeit, dass die Welt nicht so stabil ist, dass es Erschütterungen gibt, Erdbeben, die alles verwüsten. Vulkan-Ausbrüche, Sturmfluten. Sonnenfinsternisse, in denen es scheint, als würde die Sonne aufgefressen oder eingesackt.

Wir erklären uns solche Naturphänomene heutzutage nüchtern, realistisch, rational, sogar im Voraus als Wetter- oder Unwetterprognose. Und doch: es packt Schrecken nach den Menschen, wenn sie Regenfällen, die sich zu Sintfluten auswachsen, ausgeliefert sind, wenn die Sonne das Land monatelang verbrennt., wenn der Sturm Bäume entwurzelt, als würde er Strohhalme durch die Luft wirbeln.

Ich bin Gott tief dankbar, dass mein Glaube nie so auf die Probe gestellt worden ist, dass ich in einem Land leben darf, in dem Christ*innen zwar manchmal belächelt, aber doch nicht wirklich verfolgt werden. Das ist ein Privileg, wenn ich die Geschichte des Glaubens anschaue. So war es fast nie,  zu keiner Zeit, an keinem Ort. So ist es auch heute weltweit nicht.

14 Und der Himmel wich wie eine Schriftrolle, die zusammengerollt wird, und alle Berge und Inseln wurden wegbewegt von ihren Orten. 15 Und die Könige auf Erden und die Großen und die Obersten und die Reichen und die Gewaltigen und alle Sklaven und alle Freien verbargen sich in den Klüften und Felsen der Berge 16 und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallt über uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! 17 Denn es ist gekommen der große Tag ihres Zorns und wer kann bestehen?

„Der Tag des Herrn zerbricht die Gestalt der Welt total.“ (T. Holtz, aaO. S. 67) Es ist vorbei mit der Suche nach Zuflucht, nach Sicherheit. So wie eine Buchrolle sich einrollt, so rollt sich der Himmel ein. Aus mit dem Firmament. Aus mit dem „Sternenzelt, über dem ein lieber Vater wohnen muss.“ Was folgt, ist Schutzlosigkeit und Chaos. Manchmal frage ich mich, warum säkulare Filme diese Bilder aufgreifen, während Predigten sie verschweigen? Wollen wir niemand damit erschrecken, dass wir vom Ende der Welt reden? Wollen wir es auf unseren Kanzeln lieber verschweigen,  dass es ein Ende haben wird mit den selbstgemachten Sicherheiten, den eigenmächtigen Erlösungen?

Wahr ist: es ist schwer, über dieses Ende zu reden. Erst recht, wenn da Worte wie Zorn fallen. Zorn ist bei uns unkontrollierter Affekt. Das ist dann so: Vor dem wütenden, tobenden Zorn gibt es kein Bergen. Nur: Unser Bild von Zorn stimmt hier nicht. Es geht nicht um das Austoben blinder Wut. Es geht um das Gericht, dem nichts standzuhalten vermag. Es geht um die Gerechtigkeit, vor der es kein Verbergen gibt. „Das Gehäuse der Welt bricht zusammen.“ (H. Lilje aaO. S. 125) Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass wir, nach siebzig Jahren Frieden, die wir die Schreckensbilder untergehender Städte nur noch aus den Nachrichten oder aus Dokumentar-Filmen kennen, uns eingestehen müssen: Wir lesen ohne verstehen zu können, weil uns der Existenz-Bezug fehlt. In Bomben- und Brandnächten, wie sie ein Ausleger namens Lilje erlebt hat, wächst ein anderes Lesen. Und vermutlich lesen auch Christen in Syrien, wenn sie denn noch Bibeln zur Hand haben, diese Worte anders.

 

Heiliger Gott, Du wirst die Welt verwandeln, damit sie Deine Welt wird. Du wirst dem, was wir heute sehen ein Ende machen, damit es zu dem neuen Anfang kommen kann, auf den kein Schatten mehr fällt.

Das wird nicht anders gehen, als das zu Ende kommt, was heute ist, wie es heute zugeht. Diese Wandlung wird uns wie Sterben sein, wie Versinken im Chaos. Das wird uns alle erschrecken und uns nach Zufluchtsorten Ausschau halten lassen. Vor dieser Verwandlung wird es kein Verbergen geben, keinen Fluchtort.

Gib Du uns das feste Herz, dass sich in der großen Wandlung in Dir birgt, das seine Zuflucht sucht und findet in Dir allein. Amen