Apokalyptische Reiter

 Offenbarung 6, 1 – 8

1 Und ich sah, dass das Lamm das erste der sieben Siegel auftat, und ich hörte eines der vier Wesen sagen wie mit einer Donnerstimme: Komm!

 Es liest sich leicht so, als ob das Lamm mit dem Aufbrechen der Siegel eine Art Verlesen des Inhaltes der Buchrolle freisetzen würde. „Doch nach keiner Angabe der Offenbarung wird der Inhalt des Buchs verlesen.“(M. Karrer, Unfassbares entdecken, Texte zur Bibel 10, Neukirchen 1994, S. 34) Wir lesen also etwas, was gar nicht da steht, wenn wir so tun, als würde jetzt der Inhalt des Buches vorgeführt. „Nicht der Inhalt des Buches wird stückweise enthüllt, sondern der Seher erfährt, was der Besitz und die Verfügung über das Buch (=die Macht über die Geschichte) bedeutet bzw. bewirkt.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 63) Auch die Offenbarung hält durch, was der irdische Jesus gesagt hat: „Von jenem Tage aber oder der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.“(Markus 13,32) 

            Wir müssen uns also bescheiden. Das erste der sieben Siegel wird erbrochen und eines der Wesen ruft: Komm! Wem gilt dieses Komm? Dem Seher, der zum Sehen gefordert wird? Oder gilt es dem Pferd, das dann gleich erscheint? Dann wären die „Auftritte“ der Pferde und Reiter von dem Wesen in Gang gesetzt und nicht von dem Lamm. Das Lamm hätte „nur“ das Buch übernommen und das Aufbrechen der Siegel van der Schriftrolle. Ich gestehe, dass mich das nicht wirklich überzeugt. Es ist wohl doch das Lamm, das die Siegel aufbricht. Was diesem Aufbrechen folgt, ist allerdings nicht bloßer Buch-Inhalt, nicht ein Verlesen des Inhalts der Schriftrolle!  Der Gang der Weltgeschichte wird freigesetzt.

 2 Und ich sah, und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hatte einen Bogen, und ihm wurde eine Krone gegeben, und er zog aus sieghaft und um zu siegen.

Es ist der Auftakt einer regelrechten Prozession. Ein Auftritt folgt dem anderen, bis die Bühne gefüllt ist. Eindeutig: diese Pferde- und Reiter-Vision ist von Sacharja beeinflusst. „Ich sah in dieser Nacht, und siehe, ein Mann saß auf einem roten Pferde, und er hielt zwischen den Myrten in der Tiefe, und hinter ihm waren rote, braune und weiße Pferde.“(Sacharja 1,8) Aber die Herkunft des Bildes sagt noch nichts über seine Deutung. Sondern es ist wohl so: „Aus dem alttestamentlichen Vorbild ist etwas völlig Neues geworden; ein höchst aktuelles, dramatisches Bild ist an seine Stelle getreten.“(H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 118) 

            Der Reiter auf dem weißen Pferd ist ein Sieger. Er trägt eine Krone, die ihm gegeben ist. die Frage heißt: Wer ist dieser Reiter? Es gibt eine lange Auslegungstradition, die die worte hier von den viel späteren Sätzen in der Offenbarung(!) her liest:  „Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit.(19, 11) Dann wäre der Reiter auf dem weißen Pferd auch hier Christus.

Nur:  das passt nicht mit der folgenden Reiterschar zusammen. Sie alle, rot, schwarz, fahl, sind Schreckensträger. Das aber ist undenkbar: Christus als der, der die Schreckensarmee anführt. Dann muss der Reiter hier anders gesehen werden.

Ich führe Vorschläge der Ausleger an. Vorschlag 1: „Ein Triumphator erscheint, der in seinem Triumph Schaudern auslöst, aber ein Schaudern, das sich zum religiösen Schaudern vor Christus wandeln soll.“ (M. Karrer, Unfassbares entdecken, Texte zur Bibel 10, Neukirchen 1994, S. 42)  Vorschlag 2: „Am Bogen erkannte jedes Glied des weiten römischen Reiches die Parther, die ständig die Ostgrenze des Reiches beunruhigten und für die Römer den gleichen Schrecken bedeuteten wie für das Mittelalter – auch vom Osten her! – die Hunnen und später die Türken. Der mächtige Auftrag dieses ersten Reiters heißt: Völkerkrieg; und seine ganze Erscheinung atmet unwiderstehliche Siegeskraft.“ (H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 119)  Vorschlag 3: „In der Gestalt des ersten Reiters dürfte sich die (scheinbar) siegreiche Macht der lebensfeindlichen Kräfte der Welt zusammenfassen.“ (T. Holtz, aaO. S. 64) Vorschlag 4: „Versteht man die Farbe weiß als „Pseudoweiß“, als etwas, das einen weißen Anstrich hat, so ergibt sich eine Interpretation, die dem Zeitalter des christlichen Imperialismus entspricht, in dem im Namen Christi mit militärischen Hilfsmitteln zunächst im europäischen Raum Kriege geführt wurden.“ (K. Henning, Die Zukunft findet statt. Die Offenbarung aus der Sicht eines Ingenieurs, Wuppertal 1979, S. 117)

Dieses Nebeneinander der Deutungen macht deutlich: es kommt auf die Augen des Betrachters an. Der eine sieht Bilder, die sich aus der Zeitgeschichte erklären. Der andere sieht Bilder, die in der Gegenwart des Buches Gewicht gewinnen, ohne sie zu deuten. Und wieder andere sehen Bilder, die weit über die Abfassungszeit hinausweisen – auf die eigene Zeit. Das den Weg der abendländischen Christenheit durchaus kritisch sehen lehrt. Schließlich weist manche Auslegung auf ein Verständnis, dass das Wesen aller Zeiten in diesen Worten gespiegelt sieht: So geht es zu in der Welt, in der sie damals und wir heute leben. Es ist an den Leser*innen sich die Frage zu stellen: Wie lese ich? Welche Brille trage ich? Keiner von uns Lesenden ist frei von seinem Vorverständnis auch dieser Texte.

3 Und als es das zweite Siegel auftat, hörte ich das zweite Wesen sagen: Komm! 4 Und es kam heraus ein zweites Pferd, das war feuerrot. Und dem, der darauf saß, wurde Macht gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen, dass sie sich untereinander umbrächten, und ihm wurde ein großes Schwert gegeben.  

            Ein zweites Siegelσφραγδα – wird geöffnet, wieder die Ruf: Komm; Los. . Auch hier die Verteilung – das Lamm öffnet das Siegel, das zweite Wesen ruft. Wieder erscheint ein Pferd, feuerrot. Machtvoll auch dieser Reiter. Er könnte einer sein, der, weil er den Frieden von der Erde  nimmt, Krieg bringt, Bürgerkrieg. Sein Handwerkszeug ist ein großes Schwert. Genauer: eine Waffe für den Nahkampf, um Menschen zu schlachten. Er ist einer, der Gemetzel auslöst und anrichtet. Wie sollten wir in unserer Zeit das nicht mit Schaudern lesen und verstehen? Menschengemetzel – das sind unsere alltäglichen Nachrichten – weltweit Selbstmordattentate, weltweite Schlächtereien, Vergewaltigungen als Kriegshandlung.

 5 Und als es das dritte Siegel auftat, hörte ich das dritte Wesen sagen: Komm! Und ich sah, und siehe, ein schwarzes Pferd. Und der darauf saß, hatte eine Waage in seiner Hand. 6 Und ich hörte etwas wie eine Stimme mitten unter den vier Wesen sagen: Ein Maß Weizen für einen Silbergroschen und drei Maß Gerste für einen Silbergroschen; aber dem Öl und Wein tu keinen Schaden!

 Ein drittes Siegel, ein schwarzes Pferd, ein dritter Reiter. Das Verfahren, die Verteilung der Aktion von Lamm und Wesen bleibt gleich. Es ist eine beklemmende Reihenfolge, die aus dem Handeln des Lammes entsteht. Denn noch immer ist es ja das Lamm. das die Siegel erbricht, versteckt hinter dem es tat auf. Das Werk dieses Reiters: Er misst zu, darum die Waage. Er teilt das Schicksal zu. Was er bringt, ist Verknappung der Lebensmittel. Teuerung. Hungersnot. die Preise steigen in astronomische Höhen, verzwölffachen sich – das ist Inflation pur. Der Tagesverdienst reicht für eine Tagesration. Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Nur Öl und Wein bleiben stabil. Warum? Weil sie für den Kult gebraucht werden? Weil sie sakramentale Bedeutung haben? Es bleibt offen.

 7 Und als es das vierte Siegel auftat, hörte ich die Stimme des vierten Wesens sagen: Komm! 8 Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name war: der Tod, und die Hölle zog mit ihm einher. Und ihnen wurde Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit Schwert und Hunger und Tod und durch die wilden Tiere auf Erden.

             Schließlich das vierte Pferd, fahl. Dieses Pferd trägt einen Reiter mit Namen: Der Tod. θνατος. Der Totengott selbst, begleitet vom Hades, der Hölle, δης, auch sie wie eine Person vorgestellt. Es ist, als würde sich in seiner Macht alles bündeln, was die drei Reiter zuvor schon an Schrecken verbreiteten. Schwert und Hunger und Tod und durch die wilden Tiere. Es gibt vor diesen Schrecken kein Entrinnen. Mir scheint, von der Wirkung dieses Reiters her erklärt sich die Bezeichnung „der schwarze Tod“ für die Pest.

Ein winziger Trost, wenn es denn ein Trost sein sollte: ihnen wurde Macht gegeben. Auch sie sind nicht autonom. Auch ihre Macht ist begrenzt. Es ist wohl so: „Die Begrenzung der Macht des vierten Reiters lässt Raum für den weiteren Verlauf der Geschichte.“ (T. Holtz, aaO. S. 65) Von dieser Begrenzung der Schrecken weiß auch Jesus in den Wiederkunftsreden: „Wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Mensch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen werden diese Tage verkürzt.“(Matthäus 24, 22)

 Die apokalyptischen Reiter. Angst und Schrecken gehen bis heute von diesen Bildern aus. Es ist kaum möglich, sich dem zu entziehen. Heute sind es keine Reiter mehr. Glas-Phiolen, in denen tausendfacher Tod schlummert. Konferenz-Tische, an denen über das Schicksal von Millionen entschieden wird. Müllberge. Slums, die wuchern und Leben verschlingen.  Über die Erde läuft eine Orgie von Gewalt und Hass. Die vier Reiter üben ihre Herrschaft aus, als gäbe es keine Gnade.

Ich mag manchmal keine Nachrichten mehr sehen, aber ich sehe sie natürlich trotzdem, täglich. Ich mag das nicht mehr, weil ich das Gefühl habe, da werden alltäglich die apokalyptischen Reiter auf der Bühne gezeigt, frei Haus. Die den Frieden wegnehmen und Kriege zelebrieren, die den Hunger steuern anstatt ihn zu bekämpfen, weil der Profit wichtiger ist als Millionen Menschenleben, die ganze Heere von Seuchen und Epidemien über die Welt bringen. Gegen diese alltäglichen Schreckensbilder sind die Reiter wie harmlose Puppengestalten.

Was mir obendrein zu schaffen macht, weil ich es nicht wirklich begreife, vielleicht auch nicht wahrhaben will, ist das vierfache „Komm!“. Die vier Wesen, die so rufen, rufen ja nicht eigenmächtig. Sie folgen der Regie eines Größeren. Ich weiß, dass damit auch gesagt sein soll, dass auch diese Schrecken ihre Grenze im Willen Gottes haben. Aber es setzt mir zu, dass ER sie hervorruft. Oder ruft er sie nur so hervor, dass sie nicht mehr im Verborgenen sein und wirken können, dass ihr Tun vor aller Augen tritt. Sie waren immer schon da – jetzt müssen sie ans Licht. Damit ihr Schrecken sichtbar wird und in diesem Sichtbarwerden seine namenlose Schreckensmacht verliert. Der Schrecken, der benannt werden kann,. büßt an Macht ein. Ist es das? Es würde mir helfen, irgendwie mit diesen Bildern so umgehen zu können, dass sie mir nicht Gottes Bild überschatten.

Manchmal beschleicht mich die Furcht um meine Enkelkinder. Was wird das für eine Welt sein, in der sie ihren Weg finden müssen. Ich verstehe es nur zu gut, wenn einer unter dieser Angst stöhnt und verzagt. Ich verstehe, dass es manchmal wie eine große Lähmung über uns liegt, wenn die Reiter ihre Bahn ziehen. Das alles, so sieht Johannes, findet seine Grenze in Gottes Macht. Gott sei Dank.

 

Heiliger Gott. Hilf Du der Angst standzuhalten. Hilf Du nicht der Ohnmacht Raum zu geben, dass am Ende doch nur Gewalt das Sagen haben wird.

Manchmal kann ich es kaum glauben, dass die Welt in Deinen Händen ist, dass alle Schrecken der Zeit begrenzt sind, dass nichts geschehen darf, das Deinen Weg mit der Welt im nichts enden lässt. Manchmal packt mich die Angst, weil ich im Großen und im Kleinen nicht sehe, wie es gut werden kann.

Ich halte mich fest an Dir, vertraue ggen alle Angst und eklemmung auf Dein Erbarmen, Deine Treue. Am Ende des Weges wird nur noch Dein Licht sein und wir in Dir Amen

3 Gedanken zu „Apokalyptische Reiter“

  1. Ich habe Lust, auf eine Predigt aus dem Jahre 1944 hinzuweisen. Der Seher Johannes schaut in dem Reiter auf dem weißen Pferd den Anfang der Plagen Gottes. Der erste Reiter ist ein Blender und erweckt den Anschein, als würde er Christus mit dem, was er getan hat, in den Schatten stellen. Massen von Menschen ohne geistliches Unterscheidungsvermögen glauben ihm und binden sich an ihn.
    Helmut Thielicke erzählt in seiner Autobiographie “Zu Gast auf einem schönen Stern” von einer mutigen Predigt nach der Bombadierung Stuttgarts am 26. Juli 1944 in einer kleinen Bergkirche. Der Prediger, Prälat Ißler, fragte seine Gemeinde: “Wann haben wir mehr gelitten – jetzt, wo wir durch die leeren Fensterhöhlen dieser Kirche auf unsere verbrannte Stadt sehen und an die Schrecken denken, denen wir eben entronnen sind und die den meisten von uns alles raubten, was sie besitzen? Oder haben wir nicht noch mehr gelitten in den vergangenen Jahren, als wir wie in schlafwandlerischer Sicherheit von Sieg zu Sieg eilten, als kein Gott dem Übermut und Frevel an gepeinigten Menschen Halt gebot und als man sich ungestraft auf den ‘Segen der Vorsehung’ zu berufen wagte, die alles, alles gelingen ließ? Drohten wir nicht irre daran zu werden, dass da jemand im Weltgericht sitzen könne, wenn er diese ‘via triumphales'”, diesen Triumphzug, “zuließ?” Da hat ein evangelischer Prediger in den Erfolgen Hitlers als Feldherr im 2. Weltkrieg, die viele Menschen in ihrem Wahrnehmungs-Sinn für die Wirklichkeit geblendet haben, den Reiter auf dem weißen Pferd gesichtet.”

      1. Lieber Ulrich,
        ich nehme Deine Rückfrage auf und setze noch einmal neu an. Eigentlich wollte ich nur auf diese Predigt 1944 in Stuttgart hinweisen un deutlich machen: Es hilft, sich in Erinnerung zu rufen, wie andere vor mir Offb 6 gelesen, ausgelegt und zugespitzt haben. Aber natürlich sollen und wollen wir auch heute auslegen und zuspitzen.
        Da gehen meine Gedanken heute in zwei Richtungen: Einmal bin ich froh darüber, dass wir – trotz allem – noch in einer funktionierenden Demokratie leben. Nach Röm 13 will Gott nicht nur sein Volk, seine Gemeinde sammeln, stärken und in vielfältiger Weise senden. Er gebraucht auch das politische Handeln derjenigen, die sich dazu berufen und begabt fühlen. Ich wünsche mir und bete dafür, dass das politische Geschehen hier in unserem Land, in der westlichen Welt und in vielen anderen Ländern wieder in ruhigerem und in soliderem Fahrwasser geschehen kann.
        Zum anderen: Auch ich sehe heute, wenn ich Nachrichten im Fernsehen sehe und im Radio höre und wenn ich Zeitungen lese, die apokalyptischen Reiter auf uns zu kommen, den Reiter auf dem weißen, den auf dem feuerroten, dem auf dem schwarzen und auf dem fahlen Pferd.
        Immer wenn sich jemand unter den politisch Mächtigen bewusst in Szene setzt, wenn er sich über alles erhebt, wenn er so tut, als habe er in allem recht und trage eine weiße Weste, immer wenn da wieder jemand mit seinen Waffen droht, nicht einsieht, dass menschliche Macht immer begrenzt ist, und immer, wenn er von Erfolg zu Erfolg jagt, denke auch ich an Offb 6.
        Wenn solche Menschen dann nicht mehr wissen, dass so schnell nach dem Reiter auf dem weißen Pferd, diesem Blender, die Reiter auf dem feuerroten, dem schwarzen und dem fahlen Pferd kommen kann, wird es für die Menschen gefährlich.
        Herzliche Grüße!
        Dein Hartmut

Kommentare sind geschlossen.