All deiner Kinder hoher Lobgesang

Offenbarung 5, 6 – 14

 6 Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. 7 Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß.

Es ist, als würde der Seher noch einmal hinschauen, genauer als zuvor. Jetzt fällt es ihm ins Auge: mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm.  Das hatte er zuvor nicht gesehen, weil er nur Augen für den Thronenden hatte, für die Wesen und die Ältesten. Jetzt sieht er das Lamm. ἀρνίον. Unsere gewohnte Übersetzung Lamm ist nicht ganz zutreffend. „Das griechische Wort benennt genauer den „kleinen Widder“. Das Bild verbindet die Schwachheit des Lammes und die Stärke des Widders.“ (M. Karrer, Unfassbares entdecken, Texte zur Bibel 10, Neukirchen 1994, S. 32) Dieses Lamm ist kein nettes Schäfchen, irgendwie zum Kuscheln.

Dem stehen auch die Beschreibungen im Weg – wie geschlachtet,  sieben Hörner und sieben Augen. Es ist ein starkes Tier – darauf deutet die Siebenzahl hin. Und doch: wie geschlachtet. Es liegt nahe, hier den Bezug zur Passion zu sehen, auch den Bezug zu dem Wort des Täufers, das das Evangelium zitiert: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das die Sünde der Welt trägt.“(Johannes 1, 29) Selbst wenn da im Griechischen für Lamm das Wort μνς steht.   

 Und weit zurückgreifend in die Geschichte Israels den Bezug herzustellen zur Passah-Erzählung, zur Nacht des Auszugs: „Während dieser Nacht wurde den Juden aufgetragen, das Passahfest zu feiern. Jede Familie nahm ein Lamm, ein fehlerloses männliches Tier, schlachtete  es und bestrich mit seinem Blut die Pfosten und die obere Schwelle der Haustür, Sie brieten und aßen das Fleisch des Lammes und bereiteten sich auf den eiligen Aufbruch vor.“ (H. Frische, Visionen, die aufblicken lassen, Neuendettelsau 2008, S. 132) Auch das wird mitschwingen aus dem Gottesknecht-Lied: „Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.“(Jesaja 53, 7)Es ist eine eigentümliche und ungewöhnliche Sicht, die unser Denken auf Äußerste herausfordert: Hier steht in der Mitte nicht ein strahlender, unverletzlicher Sieger, sondern einer, der gezeichnet ist vom Schmerz, von den Tränen, vom Lied, der zu Tode geschunden ist. „Hier ist von einem Menschen die Rede, dessen Leidensbereitschaft mit einem Lamm verglichen wird, das man zum Schlächter führt und dessen Schweigen angesichts all des Unrechts, das man ihm antut, dem Verstummen eines Schafes vor seinem Scherer ähnlich ist.“(H. Frische, Die Botschaft von Patmos, Neukirchen 2002, S. 44)  Würdig ist der, der gelitten hat, zu Tod verletzt worden ist, nicht der Unberührte, Unbewegte, allem Leid Entzogene.  

                   Es ist gut, sich klar zu machen im Blick auf das wie geschlachtet: „Was Johannes sieht, lässt sich nur annähernd, „gleichsam wie“ beschreiben. Es überfordert die Ausdruckskraft der menschlichen Sprache, in der es mitgeteilt werden muss. Für die Lesenden hat das eine wichtige Folge: Die Bilder der Offenbarung sollen auch bei ihnen ein vielschichtiges „Gleichsam wie“ hervorrufen.“ (M. Karrer, Unfassbares entdecken, ebda.) Das ist eine Leseanweisung, die für das ganze Buch gilt. Wir sehen Bilder, die uns berühren sollen und wollen, unsere Seele wecken und keine Echtzeitreportage. Keine Dokumentation.     

Darauf kommt es an: dieses Lamm ist würdig, das Buch zu nehmen. Würdig – warum? Dazu sagt die Vision nichts. Keine Begründung. Es ist einfach so. Es ist eine Perfektform: εληφεν – er hat ergriffen.  Er hat jetzt die Geschichte, so lese ich, in Händen. Das ist die Wirklichkeit, die im Himmel mit dieser Übernahme des Buches realisiert ist. Im Evangelium hört sich der gleiche Sachverhalt so an: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28, 18)  

 8 Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, 9 und sie sangen ein neues Lied:

             War für einen Moment alles auf diese eine Aktion, die Übergabe und Übernahme des Buches von der Hand des Thronenden zum Lamm fokussiert, so kommen jetzt wieder die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten in den Blick. Sorgfältig benannt, weil es dem Seher auch auf Sorgfalt in seiner Vision ankommt. Nichts, was er geschaut hat, ist nur schmückendes Beiwerk. Es ist eine große, feierliche Weihestunde, zu der für damalige Zeit wie selbstverständlich Weihrauch gehört, im jüdischen Gottesdienst so gut wie beim Kaiserkult. „Die Gebete der Heiligen sind das Räucherwerk in den Schalen.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, S. 464) So ist die Gemeinde, die noch unterwegs ist, doch schon in der himmlischen Anbetung der Wesen und Ältesten präsent.  Sie bereiten den Lobgesang vor, das neue Lied.

Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen 10 und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.

            „Es ist ein neues Lied, das alte Denken ist überwunden. Eine neue Ordnung der Welt tut sich auf, größer als alle bisherige politische Ordnung. Die Herrschaft dessen kommt nun in aller Öffentlichkeit zum Vollzug, der das Lamm Gottes hieß.“ (H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, s. 114) Es ist die Öffentlichkeit des Himmels, noch nicht die der Erde.  Aber es ist eine unumstößliche Gewissheit, die in diesem Lied in Worte gefasst wird: Es besingt den Sieg Christi, der errungen ist, der nicht mehr aussteht. Der sich auf die Menschen auswirkt, die herausgekauft sind aus der alten Sklaverei und eine neue Würde empfangen haben. Der so selbst gewürdigt ist, der verleiht seinen Menschen ihre neue Würde: Sie sind schon jetzt Bürger seines Königsreiches und Priester seiner Herrlichkeit, auch wenn das auf Erden noch nicht so zu sehen ist.

Das gleiche Denken: Im Himmel ist schon Realität, was auf Erden noch verborgen ist, noch im Anbruch ist, zieht sich auch durch den Hebräer-Brief. Es ist ein starker Trost für Leute in der Bedrängnis: Das Ziel des Weges steht schon fest. Und es zieht uns nach vorne. Wie weit ist das weg von der verbreiteten Weisheit unserer Zeit: der Weg ist das Ziel.

11 Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her, und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend; 12 die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.  

Der Lobpreis breitet sich aus. Er zieht weite Kreise, die sich alle um den Thron zentrieren. Er ist der Mittelpunkt, der Zielpunkt der Anbetung. Myriaden von Engeln, unzählbar, stimmen mit ein. Es kann sein, sie sind vorläufig unsere Stellvertreter, die unsere Stimme übernehmen, weil es uns so oft die Stimme verschlägt.

Es ist in der Thronsaal-Vision der Kapitel 4 und 5 der dritte, abschließende Lobpreis. Diesmal nicht mehr als Anrede direkt an das Lamm gerichtet, sondern eher als ein Ausrufen seiner Größe und Macht hinaus in alle Welt. „Eine Akklamation mit sieben Charakteristika ist ihm angemessen, die ebenso Gott selbst gelten könnte.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, aaO. S. 471) Sieben – Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob – das ist die Fülle, die die Welt umspannt.

 13 Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!

             In diesen Lobpreis stimmt der ganze Erdenkreis mit ein. „Die ganze Schöpfung vereint sich im Preis des Thronenden und des Lammes, dem sie Leben und Heil verdankt.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 63) Es ist die Gewissheit, die diese Visionen des Thronsaales herauf rufen wollen: Schöpfung und Erlösung kommen gewiss an ihr Ziel. Eine Gewissheit, die in den Bedrängnissen der eigenen Zeit aushalten und durchhalten hilf.

   14 Und die vier Wesen sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

 Das ist Gottesdienst in seinem Kern: Anbetung. Lobpreis.

Wie anders denken wir oft über Gottesdienste: Was habe ich gelernt? Was habe ich verstanden? Das sind die falschen Fragen für einen Gottesdienst. Es geht nicht um eine Lehrveranstaltung, dem ehrwürdigen Gelehrtenrock der Pfarrpersonen zum Trotz.

Wenn überhaupt Fragen, dann: Wem bin ich begegnet? So, dass es mich überwältigt hat? Was ist mir in Gott widerfahren, das mich jubeln und ihn preisen lässt? Gerade weil der Gottesdienst im Kern Anbetung ist, tut es mir manchmal leid, dass ich musikalisch und ästhetisch so unterbemittelt bin. Ich kann meiner Freude nicht mit einem Klavier Ausdruck verleihen, auch nicht mit einem Bild, das ich male. Ich muss immer Worte machen

Aber es bewegt mich, diesen himmlischen Gottesdienst vor Augen zu haben und zu wissen: das ist das Ziel. Es wird einmal wie ein Traum sein, anbetend vor dem Thron Gottes zu stehen.

Ach nimm das  arme Lob auf Erden, mein Gott, in allen Gnaden hin.              Im Himmel soll es besser werden, wenn ich bei Deinen Engeln bin.                Da sing ich Dir im höhern Chor viel tausend Halleluja vor. ”                                                                 J. Mentzer 1704, EG 330

 

Wie gut, mein Gott, dass ich es nicht schon können muss, das Lob, das im Himmel gesungen wird. Wie gut, dass Du Dir unser Loben gefallen lässt, das aus der Tiefe, das unter Tränen und Schmerzen, das mit der Angst im Herzen. Wie gut, dass Du das Stammeln unserer Zungen, das verwehte Röcheln unseres Atems als Dein Lob hörst und es einfügst in den hohen Lobgesang.

Dir und dem Lamm Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen

2 Gedanken zu „All deiner Kinder hoher Lobgesang“

  1. Lieber Uli, heute möchte ich etwas zu Deiner Auslegung ergänzen. Gerade weil bei der fortlaufenden Tages-Lese jetzt im November die Kapitel 12 – 19 übersprungen werden und Kapitel 13 nicht vorkommt,
    weise ich hin auf die starke Polarität zwischen dem Lamm am Thron Gottes in Kap. 5 und dem Tier aus dem Abgrund (c. 11,7) und aus dem Meer (c.13,1). Das Lamm hat seine Vollmacht von Gott, das Tier von dem Drachen, der alten Schlange, dem Teufel, dem Satan (c.12,9). Das Lamm trägt 7 Hörner und 7 Augen, das Tier 10 Hörner, 10 Kronen und lästerliche Namen. Und dann (besonders auffallend): das Lamm steht da, “wie geschlachtet”; dies wird c 5,9.12; 13,8 wiederholt! Bei dem Tier ist eines der Häupter, “als wäre es tödlich verwundet”; dies wird in c. 13,12 wiederholt, also unterstrichen. Dann: Mit dem Lamm ist Christus gemeint, von dem es in c.19,13 heißt: “sein Name ist: das Wort Gottes”. Von dem Tier heißt es in c.13,6: “Und es tat sein Maul auf zu lästern seinen Namen und seine Hütte und die im Himmel wohnen.” Vielleicht gibt es noch andere Parallelen. Jedenfalls hat diese Parallelität zwischen dem Lamm und dem Tier etwas Faszinierendes. Dem Christus am Thron Gottes wird der Antichrist gegenübergestellt. Ich will nicht sagen, dass ich alles in diesen großartigen Kapiteln verstehe, aber die Macht und Herrlichkeit Christi leuchtet noch einmal ganz anders auf, wenn man sein Gegenbild, seine Karikatur, das Nachäffen des Heils-Weges, den Gott führt, in den Blick nimmt. Gott wird zu seiner Zeit sein und seines Sohnes Reich vollenden; aber auf dem Weg dahin werden nach und nach die Mächte des Bösen ausreifen und zeigen, was in ihnen steckt. Umso größer ist der vielfältige Lobgesang in der Thronsaal-Vision von Offb 4+5.

    1. Das sind wichtige Hinweise, umso mehr, weil die Kapitel 12 und 13 in der Tat in der fortlaufenden Lese fehlen werden.

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