Das Buch mit sieben Siegeln

Offenbarung 5, 1 – 5

 1 Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.

             Eine Buchrolle in der Hand dessen auf dem Thron. So umschreibt der Seher ehrfürchtig Gott. Genauer noch: er sieht dieses Buch in der rechten Hand des Thronenden. Hat er zuvor vermieden, irgendwie zu menschlicher Beschreibung zu greifen – jetzt tut er es. Es ist die Hand, die für die Macht steht.

Die Schriftrolle enthält nicht nur eine Urkunde, sie ist selbst eine Urkunde. „Die Schriftrolle ist eine Herrschaftsurkunde oder ein längerer Text, der zweiseitig Aussagen zur Herrschaft Gottes und Christi enthält und um der rechtlichen Geltung willen versiegelt wurde.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, S. 443) Nicht einfach, sondern siebenfach.  Das gibt dieser Schriftrolle eine höchste Bedeutung.

Manchmal ist es so, dass Redewendungen sich verselbständigen. Aus der Schriftrolle, versiegelt mit sieben Siegeln, ist das Buch mit sieben Siegeln geworden. Etwas, das keiner versteht. Vielleicht auch, so eine geläufige Unterstellung, weil es einfach unverständliches Zeug ist. Diese Redewendung hat sich an die Offenbarung geheftet und ihr das Vorurteil eingetragen: Geheimnis, unbegreiflich – „am Ende musste das Allgemeinbewusstsein den Eindruck einer schier unendlichen Deutungsvielfalt oder umgekehrt einer Chiffre vom unverständlichen Buch der Zukunft gewinnen.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, aaO. s. 448)Weil die Offenbarung Zukunft beschreibt und Zukunft eben für uns alle – den Futurologen zum Trotz – ein Buch mit sieben Siegeln  ist, hat es den Anschein: Jeder kann in dieses Buch hineinlesen, wie es ihm gefällt. Sehr zu ihrem eigenen Schaden haben die Kirchen, ob evangelisch oder katholisch, das Lesen dieses Buches zu oft Sonderlingen und Außenseitern überlassen.   

 2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?

      Alles kommt darauf an, dass jemand berechtigt ist oder berechtigt wird, die sieben Siegel zu öffnen. Es ist keine Allerwelts-Angelegenheit, dieses Buch zu öffnen. Das Buch öffnen ist ja gleichbedeutend damit, die Geschichte, die darin aufgeschrieben ist, in Gang zu setzen.

3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch es sehen. 4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.

„Der Ruf des Engels und das betroffene Schweigen des Weltalls bedeuten, dass es den Menschen nicht gegeben ist, „aus eigener Vernunft und Kraft“ Gottes Ratschluss zu begreifen.“(H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 110) Die Weltgeschichte geht weiter und kann doch nicht weitergehen. Sie ist nur eine unendliche Wiederholung der immer gleichen Ereignisse: „Wie sie waren in den Tagen vor der Sintflut – sie aßen, sie tranken, sie heirateten und ließen heiraten bis an den Tag, an dem Noah in die Arche hineinging; und sie beachteten es nicht, bis die Sintflut kam und raffte sie alle dahin –, so wird es auch sein beim Kommen des Menschensohns.(Matthäus 24, 38-39) Die Weltgeschichte ist der große Stillstand und kein Fortschritt. Keine Erfolgsgeschichte, egal, wie man sie anschaut.

 Schlimmer aber: Das Reich Gottes kann nicht weitergehen. Das ist die Folge, wenn niemand das Buch öffnen kann. Es ist ja nicht irgendein Buch – es ist das Buch der Zeit. Alle Tage sind in ihm verzeichnet, die noch werden sollen.

Niemand – das ist Einspruch gegen alle, wirklich alle Allmachtsphantasien. Gegen die der weltlichen Herrscher so gut wie gegen die christlicher Überlegenheitsgefühle. Auf der Linie dieses  niemand liegt es, wenn der „johanneische“ Jesus vor Pilatus sagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“(Johannes 18,36) Das ist nicht nur eine Absage, die meint, dass sein Reich anders ist als die Reiche der Welt, menschenfreundlich und barmherzig. Es ist auch eine Absage daran, dieses Reich in dieser Welt schaffen zu können. Mit den besten Kräften der Kirche, den Kräften des Glaubens. Als Gotteskämpfer in geistlicher Waffenrüstung. Es hat der Kirche nicht gut getan, dieses Niemand in einem Anflug von Größenwahn über Jahrhunderte hin zu überspringen. Sie hat Menschen geknechtet unter dem Bewusstsein: wir treiben die Zukunft Gottes voran. Sie hat sich angemaßt zu wissen, wohin der Weg Gottes mit der Welt führt.

Inzwischen sind diese Allmachtsphantasien hoffentlich aus den Kirchenräumen ausgewandert. Deshalb sind sie noch nicht weg. Sie hatten fröhliche Wiederkehr gefeiert in manchen Slogans: „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.“. (Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, 1913, Werke, Band 19, Dietz-Verlag, Berlin 1977) Sie feiert Wiederkehr in der Vision, eine gerechte Welt des Kommunismus zu bauen ohne Leid und Schmerz, ohne Herrschaft des Menschen über den Menschen Sie feiert Wiederkehr im Denken so mancher Umweltaktivisten, die jeden noch so kleinen Schritt als Rettungsschritt für die ganze Welt hochstilisieren. Sie feiert auch Wiederkehr im Hegemonialanspruch „America first“, als hinge das Heil der Welt an diesem einen Land.

Der Seher aber sieht: Niemand. οδες. Keiner hat die Macht, keiner die Weisheit, keiner ist würdig. Einmal mehr: ξιος. Keiner ist von der Art, dem Wesen, der Qualität, dass er dieses Buch öffnen dürfte. Es knüpft irgendwie an das Urteil und die Einsicht des Psalms an:

„Der Herr schaut vom Himmel auf die Menschenkinder                                              dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage.                                                     Aber sie sind allesamt abgewichen und allesamt verdorben;                                      da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“                                Psalm 14, 2 -3

 Die Menschen und die Menschheit kann unendlich viel – zum Mond fliegen, das All durchmessen, Versuchen, den Geheimnissen des Kosmos auf die Spur zu kommen. Menschen können Städte bauen und Türme, die am Himmel kratzen. Menschen können Krankheiten erforschen und heilen, können dem Hunger und dem Artensterben die Stirn bieten.. Vermutlich könnten wir sogar, mit etwas mehr guten Willen und etwas weniger Willen zur Macht und Egoismus die Welt gerechter gestalten, der Armut das Wasser abgraben und nicht nur den Armen das Wasser.  Nur eine Grenze ist für uns unüberwindlich: wir können das Buch in der Hand Gottes nicht auftun und so die Zukunft Gottes in Kraft setzen.

Ich kann den Schmerz des Sehers nachvollziehen. Ich will auch nicht, dass die Zukunft verschlossen bleibt. Ich sitze in meinem Dorf und sehe – vermittelt durch die Medien – in die Welt. Ratlosigkeit allerorten. Unsere Zeit ist groß im Analysieren, im Benennen von Problemen. Aber nicht so gut im Finden von Lösungen. Es gibt so viel globales Auf-der Stelle-Treten – Klima, Hunger, Kriege, Flucht, Verbrauch der Vorräte der Erde… Und bei jedem Vorschlag, auch nur eine dieser Fragen anzugehen, tönt aus allen Ecken sofort das „aber“, formiert sich Widerspruch und Widerstand. Wir können es nicht – „jetzt Zukunft machen.“ (Slogan auf Wahlplakaten) Demut ist angesagt. Und: Geduldiges Tun nach dem Maß unserer Möglichkeiten. Das Öffnen des Buches können wir getrost IHM überlassen.

Aber umgekehrt bin ich auch froh, dass sich keiner der Zukunft Gottes bemächtigen darf und kann. Das ist ja doch wirklich eine Vorstellung, die Angst macht: Da gibt es Menschen, die die Zukunft nach ihrem Willen und Bild gestalten. Schreckliche Bilder entstehen daraus – und die Offenbarung zeigt etwas von ihnen.

 5 Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.

            Deshalb ist es auch gut, dass sich keiner findet, das Buch zu öffnen, nur der Löwe aus Juda.  Genug geweint, Genug geklagt. Einer der Ältesten lenkt den Blick des weinenden Sehers um. Lenkt ihn hin auf den Löwen aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids. Das ist ein Bild voller Kraft, ehrwürdig in seinem Alter. Es erinnert daran: die Zukunft der Welt ist nicht ablösbar vom erwählten Volk Gottes. Er muss den Namen nicht nennen, weil seine Leser*innen alle wissen, von wem da die Rede ist. Von Jesus, dem Christus, dem Menschengleichen.  Er wird das Buch auftun und so seine Herrschaft antreten und die Geschichte der Welt zu ihrem Ziel führen.

 

Manchmal wünschte ich mir, mein Herr Jesus, dass Du die Decke wegnimmst, die den Weg der Geschichte bedeckt, dass Du den Schleier lüftest und alle Wege klar zu sehen sind.

Manchmal aber auch bin ich froh, dass es nicht so ist, dass ich nicht weiß, was kommen wird, dass ich nicht weiß, wie viel Glück und Unglück noch auf dem Weg sind.

Manchmal bin ich froh,, dass alle Zukunft nur in Dir aufgehoben ist. Es ist gut für uns, unsere Welt, dass die Zukunft in Deinen Händen ist und dass Du sie heraufführen wirst, Du, der Löwe aus Juda, Du, der barmherzige und gnädige Herr. Amen