Im Himmelsthron-Saal

Offenbarung 4, 1 -11

 1 Danach sah ich, und siehe, eine Tür war aufgetan im Himmel, und die erste Stimme, die ich mit mir hatte reden hören wie eine Posaune, die sprach: Steig herauf, ich will dir zeigen, was nach diesem geschehen soll. 2 Alsbald wurde ich vom Geist ergriffen.

             Die sieben Briefe sind geschrieben. Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt. „Die eigentliche Vision beginnt; der Seher wird nun auf den himmlischen Schauplatz gerufen.“ (H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 103) Aber im strengen Sinn geht es hier dennoch nicht um eine Himmelsreise. Das Thema ist nicht die Entrückung des Sehers, sondern das, was er sehen wird. Ihm soll enthüllt werden, was nach diesem geschehen soll. Der ihn ruft, dessen Stimme er schon einmal wie eine Posaune (1,10) gehört hatte, der will ihm zeigen, was werden wird.  „Es spricht also  eine den Leserinnen und Lesern vertraute Stimme.“(M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, S. 403) Vor allem aber eine dem Seher bekannte Stimme. Kein Zweifel, es ist die Stimme Jesu Christi, des Menschengleichen.

Für mich liegt es auf der Hand, dass hier Parallelen zu der Berufung des Hesekiel anklingen.  „Wie der Regenbogen steht in den Wolken, wenn es geregnet hat, so glänzte es ringsumher. So war die Herrlichkeit des HERRN anzusehen. Und als ich sie gesehen hatte, fiel ich auf mein Angesicht und hörte einen reden. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.(Hesekiel 1, 28 – 2,2) Hier wie dort eine überwältigende Erfahrung, eine Thronschau, ein Wirken und Ergreifen des Geistes.

Es ist wohl so: erst in dem Augenblick, wo sich uns die Wirklichkeit Gottes enthüllt, wird aus Gott mehr als ein Wort. Das deutet der so karge Satz an. Alsbald wurde ich vom Geist ergriffen. Johannes ist ein  Ergriffener, ein Berührter. Was er im Nachfolgenden sehen wird, ist nicht mehr das Sehen der normalen Existenz. Es ist ein Wahrnehmungs-Raum, Seh-Raum, Erfahrungsraum, den der Geist eröffnet. Ohne dieses Ergriffensein würde Johannes nicht sehen, nichts hören.

Es ist ein Kennzeichen der Gottesblindheit unserer Zeit, dass sie von Gott redet wie  von einem Erkenntnisgegenstand unserer Weltbetrachtung. Gott ist nur ein Wort. Nicht einmal eines, das besondere Ehrfurcht wachruft. Erst in dem Moment, in dem der Geist uns die Augen öffnet, werden wir der Majestät Gottes angesichtig und es ändert sich alles.

  Und siehe, ein Thron stand im Himmel und auf dem Thron saß einer. 3 Und der da saß, war anzusehen wie der Stein Jaspis und der Sarder; und ein Regenbogen war um den Thron, anzusehen wie ein Smaragd.

             Der Seher sieht nicht gleich Zukünftiges. Er sieht zunächst Gegenwart. Einen Thron im Himmel. Wieder hören wir die Worte eines Propheten mitklingen: „In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel.“(Jesaja 6,1) Es ist eben keine Steinbild aus edelstem Material, keine Götter-Statue – es ist der Herr selbst.  Aber kein Wort über seine Gestalt, sein Wesen, sein  Aussehen. Lediglich das edle Material, mit dem der Sitzende annähernd beschrieben wird in dem wie ,ist Hinweis auf seine Majestät.  Es fehlen die Worte, das Gesicht übersteigt alle Vorstellungskraft und alles Fassbare. Ihn zu beschreiben ist nicht anders als im Wie-Modus möglich, „weil dafür keine Kategorien bereitstehen.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008., S. 56)

 4 Und um den Thron waren vierundzwanzig Throne und auf den Thronen saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen. 5 Und von dem Thron gingen aus Blitze, Stimmen und Donner; und sieben Fackeln mit Feuer brannten vor dem Thron, das sind die sieben Geister Gottes.

    Der Thronende ist nicht einsam in seinem Himmel. Gott ist kein einsamer Gott. Um ihn herum eine himmlische Versammlung, wenn auch keine Rats-Versammlung. Immerhin: vierundzwanzig Älteste mit weißen Kleidern. Allesamt gold-gekrönte Häupter. Das Bild kennen die Leser*innen der Offenbarung: so sieht es auch in den irdischen Thronsälen aus, in dem die Vasallen den Herrscher umgeben.

Es sind Ältesteπρεσβυτροι – Presbyter: So nennt die christliche Gemeinde die, die sie leiten. Vierundzwanzig an der Zahl. Damit können das alte Gottesvolk mit seinen zwölf Stämmen und das hinzugekommene Gottesvolk mit seinen zwölf Aposteln repräsentiert sein. Es wäre also vor dem Thron Gottes ein „Äquivalent zu einer Institution, die die Adressaten auf Erden kennen: ein Gremium von Ältesten.“(M. Karrer, Johannesoffenbarung, aaO. S. 418)

Der Thron ist kein Ruhekissen Gottes. Er ist ein Kraftort. Blitz, Stimmen Donner nehmen hier ihren Ausgang. So wie es Israel am Sinai erlebt hat: „Als nun der dritte Tag kam und es Morgen ward, da erhob sich ein Donnern und Blitzen und eine dichte Wolke auf dem Berge und der Ton einer sehr starken Posaune.“(2. Mose 19,16)Umleuchtet ist der Thron von sieben Fackeln. πτ λαμπδες  – sieben Lampen könnte man das grichische Wort lautmalerisch nachsprechen. „Und in der Mitte zwischen den Wesen sah es aus, wie wenn feurige Kohlen brennen, und wie Fackeln, die zwischen den Wesen hin und her fuhren. Das Feuer leuchtete, und aus dem Feuer kamen Blitze.“(Hesekiel 1,17)

             Es ist zutreffend und wird sich durch das ganze Buch hin durchhalten: „Zur Gestaltung des Geschauten greift Johannes auf mannigfache Überlieferung des Gottesvolks zurück. so ist Gott, den Johannes schaut, der Gott, der sich von alters her seinem Volk in seinem Glanz, seiner Fremdheit und seinem Anspruch auf Verehrung gezeigt hat.“ (M. Karrer, Unfassbares entdecken, Texte zur Bibel 10, Neukirchen 1994, S. 30) Wir alle können ja von Gott immer nur in der Sprache und mit solchen Worten und Bildern reden, wie sie uns durch unsere eigenen Erfahrungen in der Gegenwart und die Erfahrungen früherer Zeiten und früheren Glaubens bereit gestellt und bewährt sind.

 6 Und vor dem Thron war es wie ein gläsernes Meer, gleich dem Kristall, und in der Mitte am Thron und um den Thron vier Wesen, voller Augen vorn und hinten. 7 Und das erste Wesen war gleich einem Löwen, und das zweite Wesen war gleich einem Stier, und das dritte Wesen hatte ein Antlitz wie ein Mensch, und das vierte Wesen war gleich einem fliegenden Adler. 8 Und ein jedes der vier Wesen hatte sechs Flügel, und sie waren rundum und innen voller Augen, und sie hatten keine Ruhe Tag und Nacht und sprachen: Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr, der Allmächtige, der da war und der da ist und der da kommt.

 Kein Zweifel: Dieser Abschnitt ist tief mit Jesaja 6 verbunden. Der Blick in den Thronsaal Gottes und die Erfahrung der Gegenwart Gottes im Tempel in Jerusalem haben viel gemeinsam. Vor allem eben die Anbetung. Heilig! Heilig! Heilig! rufen die Engel und genauso die Wesen vor dem Thron. Auch die Beschreibung der Wesen greift in der Wortwahl auf Vertrautes zurück: Ihre Angesichter waren vorn gleich einem Menschen und zur rechten Seite gleich einem Löwen bei allen vieren und zur linken Seite gleich einem Stier bei allen vieren und hinten gleich einem Adler bei allen vieren.“ (Hesekiel 1,10) 

 Die kirchliche Tradition setzt diese vier Wesen mit den vier Evangelisten in Beziehung und sagt damit: Der innerste Kern der Evangelien ist die Anbetung und die Hinführung zur Anbetung.

 9 Und wenn die Wesen Preis und Ehre und Dank geben dem, der auf dem Thron sitzt, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, 10 fallen die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem, der auf dem Thron sitzt, und beten den an, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, und legen ihre Kronen nieder vor dem Thron und sprechen:

 Den vorläufigen Abschluss der Szene bildet ein „Lobpreis-Gottesdienst“. Sie alle im Thronsaal fallen vor Gott nieder. Vor ihm der auf dem Thron sitzt, und beten den an, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ich weiß noch, wie irritierend ich Anfang der 80er Jahre das Wort „Anbetung“ fand. Irgendwie war in meinem Leben dafür kein Platz. Loben, danken – ja. Aber anbeten? Inzwischen habe ich dazu gelernt. Es gibt ein Rühmen der Größe Gottes, ein Anbeten, das in sich völlig zweckfrei ist und uns doch selbst bereichert. Gott die Ehre zu geben weitet das eigene Leben.

11 Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen.

Es ist die Antwort der Ältesten auf den Lobpreis der Wesen. Die Akklamation dessen, der gewürdigt worden ist, ein Amt zu übernehmen, mag Pate gestanden haben. „Würdig“ rief man bei Wahlämtern und schrieb man als politische Geste an die Wände.“(M. Karrer, Johannesoffenbarung, aaO. S. 430) Einmal mehr:  ξιος, würdig. Das Wort, das immer wieder eine große Rolle spielt, um Gottes Ehre zu benennen, Das steht ihm zu, dass ihm Anbetung zuteilwird.

Er ist würdig, weil alles, das ganz All, alles Sein, in ihm seinen Ursprung hat, in ihm auch seinen Bestand. In ihm sein Ziel. Es ist die himmlische Wirklichkeit, die hier besungen wird. In der Erwartung, dass sie so auch die irdische Wirklichkeit wandelt.

In einer ähnlichen Weise hat Luther wohl gedacht in seinen Kommentierungen zu den Bitten des Vater unsers: „Dein Reich komme. Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet von selbst, aber wir bitten in diesem Gebet, dass es auch zu uns komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Gottes guter, gnädiger Wille geschieht auch ohne unser Gebet, aber wir bitten in diesem Gebet, dass er auch bei uns geschehe.“(M. Luther, Der kleine Katechismus, 1529, Luther Deutsch,  Bd. 6, Göttingen 1983, S. 147-148)

 

Mein Gott, was kein Auge gesehen hat, was kein Ohr gehört hat, das dringt an uns heran. Die Herrlichkeit Deines Thrones. Der Glanz und die Schönheit, die ausgeht von Dir. Die große Anbetung, die erst vollkommen sein wird, wenn alle Stimmen mit einstimmen.

Jetzt, im Thronsaal um Dich herum, ist nur eine Vorhut da. Vierundzwanzig Älteste, Repräsentanten Deines Volkes und der Völker. Sie üben schon den Gesang, in den wir alle einmal einstimmen werden. Du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft. Dir allein gebühren Anbetung und Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen