Worauf es ankommt

Offenbarung 3, 7 – 13

7 Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe:

             Es folgt das Schreiben an den Gemeinde-Engel von Philadelphia. Das ist die christliche Gemeinde in einer späten Stadtgründung. Gerade einmal 350 Jahre alt ist Philadelphia keine sonderlich bedeutende Stadt geworden. Sie gehört zum Verwaltungsbezirk von Sardes. Wenn man so will: eine Kleinstadt. Getroffen auch, wie Sardes, durch das Erdbeben im Jahr 17 n. Chr. und wie Sardes durch die Hilfe des Tiberius wieder aufgebaut. Ob es eine jüdische Gemeinde vor Ort gab, in der Abfassungszeit der Offenbarung um 90 – 100 n. Chr., ist durch Ausgrabungen nicht nachgewiesen.

 Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, und der zuschließt, und niemand tut auf:

             Es ist eine Selbstvorstellung des Redenden, die aus der Reihe fällt – ohne jeden Rückgriff auf die vorangegangen Selbstvorstellungen im Anfang des Buches. Der Heilige erinnert an die Gottesbezeichnung in  der Hebräischen Bibel „Der Heilige Israels.“ gleich 22-mal im Prophetenbuch des Jesaja! Daneben Schlüssel Davids. Auch hier ein deutliches Zitat aus dem Propheten: „Und ich will die Schlüssel des Hauses Davids auf seine Schulter legen, dass er auftue und niemand zuschließe, dass er zuschließe und niemand auftue.“(Jesaja 22, 22) Inhaltlich kann man wohl sagen, dass die Schlüssel Davids in der Hand des Christus meint, dass „er bestimmt, wer in Gottes Volk, in die dem David zugesagte heilvolle Herrschaft Gottes und in Gottes Heiligtum eingeht.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, S. 351) Es liegt nahe, aus diesem Rückbezug auf so zentrale Redeweisen des Jesaja auf einen Konflikt mit einer konkurrierenden jüdischen Gemeinschaft in Philadelphia zu schließen.

 8 Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.

Die Verbindung aus der Vorstellung des redenden Christus zur Erfahrung der Gemeinde zeigt sich wie von selbst. Es wird wohl so gewesen sein, dass den Christ*innen in Philadelphia nicht alle Türen offen standen. Sie waren und sind nicht überall willkommen, gerne gesehene Gäste und Mitbürger. Umso wichtiger: der die Macht hat, Türen zu verschließen und zu öffnen, der hat ihnen die Tür aufgetan. „Der Herr selbst hat ihr die Tür aufgetan, durch die sie zu ihm – und damit zu sich selbst! –  gelangt ist.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 48) Für mich ist es keine Frage, dass im Hintergrund das Wort Jesu mitzuhören ist aus der großen Hirtenrede: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein und aus gehen und Weide finden.“(Johannes 10,9)

 Für Menschen, die sich vielfach ausgegrenzt und ausgeschlossen erfahren, ist dieses Wort von der offenen Tür eine unfassbare Ermutigung. Es setzt Kräfte frei, selbst wenn es nur eine kleine Kraft, μικρ δναμις, ist. Es macht Mut, auch in Krisen unverrückt zum Glauben zu stehen.Sich festzumachen im Glauben. Es wirkt wie eine Anspielung auf die Kraft des Senfkorns. Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Heb dich dorthin!, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein.“(Matthäus 17,20) Das ist die kleine Kraft mit den großen Möglichkeiten des Herrn.   

Es zeigt sich das Bild einer Gemeinde, die nicht kraftstrotzend dasteht, aber mit und in ihren Möglichkeiten lebt. Sie tun, was sie können. Sie leben mit den offenen Türen, die sie haben. Vielleicht ist es das, was wir heute von so einer Gemeinde zu lernen haben: nicht immerzu hinter Best-Practice-Modellen herzulaufen, sondern die eigene kleine Kraft anzunehmen. Die Identität zu finden, die im Leben  der eigenen Möglichkeiten liegt.

Auf dem Franziskusweg im Tauferstal steht ein Tor mit dieser Inschrift: „Ich habe vor dir eine Tür gegeben und  niemand kann sie zuschließen.“ Das ist ein starkes Gefühl, durch dieses Tor zu gehen, das Wort auf sich wirken zu lassen. Auf der Rückseite steht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

So aufeinander bezogen wird diese Tür zum Weg durch den Tod. Glaube ich das, bis in mein Unterbewusstsein hinein, dass der Weg in den Tod in Wahrheit ein Weg durch den Tod ist? Ich habe das zwanzig Jahre lang bei Beerdigungen gepredigt. Glaube ich das wirklich? Heute? Für mich? Auch wenn ich an mein eigenes Sterben denke?

 9 Siehe, ich werde einige schicken aus der Versammlung des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern lügen. Siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe.

             Es kommen Leute aus irgendwelchen dubiosen Herkünften. In die Gemeinde. Nicht alle haben eine lupenreine Vergangenheit, eine unbescholtene Herkunft. Man wird gut daran tun, die Versammlung des Satans nicht allzu direkt und voreilig mit der Synagogen und den Juden zu identifizieren.  „Es gibt in Kleinasien eine Strömung von Menschen aus den Völkern, die das Judentum hoch attraktiv finden, sich an die Schriften Israels halten und das Verständnis Jesu ihrer Orientierung an den Schriften kritisch unterwerfen.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, S. 353) Was das im Einzelnen heißt, wissen wir nicht. Nur so viel ist festzuhalten – der Redende, Christus, sagt:   sie sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht. Sie tragen also nicht die Identitätsmerkmale jüdischer Menschen wie Beschneidung und Sabbatheiligung.

Entscheiden ist anderes: dass sie im Kommen in die christliche Gemeinde überführt werden. Ihre Wirklichkeit wird sichtbar und vor allem: die Wirklichkeit der Gemeinde wird sichtbar. Dass die Gemeinde geliebt ist.  Man kann hier eine Nähe zu Ausführungen Des Paulus finden: „Wenn aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen überführt und von allen gerichtet; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.“(1. Korinther 14, 24-25) In der Gemeinde, die der Geist (!) leitet, wird offensichtlich, was in den Herzen ist und wird offensichtlich, dass Gott gegenwärtig ist.

 10 Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen. 11 Ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!

             Das ist die Aufgabe der Christen: bewahren, was sie empfangen haben. Sich im Durchhalten, in der Geduld nicht beirren lassen. Das gilt umso mehr, weil der Gegenwind stärker werden wird. Man muss die Stunde der Versuchung – ρα το πειρασμο – nicht chronologisch festzulegen versuchen. Das kann Hinweis auf „eine Welle der Verfolgung“ (H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 96) Die Gemeinden in Kleinasien haben solche Zeiten zum Anfang des 2. Jahrhunderts unter Diokletian  erlebt.

Es ist durchaus auch möglich, diese Worte als Nachklang der großen Endzeit-Reden Jesu zu verstehen. Dann wäre die Stunde der Versuchung die Stunde der letzten großen Prüfung. Davon wird im Lauf des Buches noch häufiger die Rede sein.

 Halte, was du hast – ich bin froh, dass ich das Wort von außen habe und es nicht auf meine mehr oder weniger ausgeprägte Glaubenssicherheit oder -gewissheit ankommt. Es geht nicht um die innere Stärke, die ihre Quellen in sich selbst hat. Christen gewinnen ihre Stärke im Außenhalt – am Herrn, der sie festhält. Der kommt.

Dass niemand deine Krone nehme! Das ist der Einsatz und gefordert ist voller Einsatz. „Von Thomas a Kempis stammt der Satz, der sich an diese Weisung anschließt: „Denn ohne Kampf kannst du die Krone der Geduld nicht erlangen. Wenn du nicht leiden willst, so sprichst du zur Krone: Nach dir begehre ich nicht. Wenn du aber die Krone willst, so kämpfe wie ein Mann und leide wie ein Held.“ (H. Frische, Visionen, die aufblicken lassen, Neuendettelsau 2008, S. 105)

12 Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen.

Die Gemeinde ist der „Tempel Gottes.“(1. Korinther 3,16) So lehrt Paulus. Ein „Haus aus lebendigen Steinen“, sagt Petrus. (1. Petrus 2,5) Und hier, was für ein kühnes Bild: Die Überwinder werden zu Pfeilern, zu Siegessäulen in diesem Tempel Gottes. Tragende Elemente. „Wie die Schmucksäulen der Völker tragen sie Inschriften.“(M. Karrer, Johannesoffenbarung, aaO. S. 357) Ihnen wird der Name Gottes regelrecht eintätowiert. ein Dreiklang ist dieser Name: meines Gottes, der Stadt meines Gottes und der neue Name Christi. In diesem dreifachen Namen ist der Zugang weit geöffnet. „Die größte Kühnheit unseres Sendschreibens liegt im Verständnis Jesu Christi, dessen neuer Name das Heiligtum Gottes für Nichtjuden öffnet.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, aaO,  S. 357)

 13 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Da ist nichts Neues zu sagen. Nur zu hören, es ernst zu nehmen mit der Aufmerksamkeit für das Wort, das der Geist denn Gemeinden sagt. Es wird allerdings keine Nebensächlichkeit sein: alle diese Aufforderungen zum Hören unterstreichen, dass die Sendschreiben, auch dieses nach Philadelphia nicht Schreiben an Herrn X oder Frau Y sind. „Auch das gute Wort, das Philadelphia gilt, gilt allen Gemeinden.“ (T. Holtz, aaO. S. 50) Das kann vor einer Verengung bewahren: Nur ich bin gemeint, nur ich bin gelobt, nur ich bin in Frage gestellt. wir hören zu wenig, wenn wir nur uns als Individuen angesprochen wahrnehmen. Es sind Schreiben an die ganze Christenheit – und auch heute noch so zu lesen.

 

Du guter Herr und Heiland, nicht darauf kommt es an, ob wir uns stark fühlen, ob wir anerkannt sind, ob wir allezeit offene Wege in unsere Umwelt finden.

Darauf kommt es an, dass Du die Tür für uns weit aufgemacht hast und niemand sie zuschließen darf, dass Du uns den Weg bahnst – hin zu verschlossenen Herzen, hin zu Leuten, die sich selbst und auch den Glauben längst aufgegeben haben.

Darauf kommt es an, dass wir heute schon zu Dir kommen dürfen, lobend, dankend, jubelnd, bittend, fragend, suchend und manchmal auch belastet mit unserem Zweifeln. Du wartest auf uns.

Und am Ende der Zeit kommt es allein darauf an, dass Du uns erwartest in der Tür des Vaterhauses