Der aus den Toten ruft

Offenbarung 3, 1 – 6

1 Und dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe:

             Sardes ist eine Stadt mit früher einmal großer politischer Bedeutung. Aber das ist schon lange Geschichte. „Im Jahr 17 n. Chr. ist sie durch ein Erdbeben stark zerstört worden, doch sehr rasch, auch mit Hilfe der der römischen Kaiser Tiberius und Claudius wieder aufgebaut worden.“(T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 46) Die frühere Bedeutung der Stadt, in der es auch eine starke jüdische Gemeinde gegeben hat, ist dennoch auch nach dem Wiederaufbau nie wieder hergestellt worden. Trotzdem ist es ein ziemlich   hartes Urteil: “Sardes führte ein museales Scheinleben, in Wirklichkeit war alles erloschen.“ (H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 90) Mir scheint, dieses Urteil über die Stadt ist doch stark beeinflusst von dem nachfolgenden Urteil des erhöhten Christus über die christliche Gemeinde in Sardes.

 Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne: Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.

             Das Wort hat der Herr.  Der die Verfügungsgewalt hat, über die Gemeinden – die sieben Sterne und genauso über die sieben Geister, „die vor dem Thron Gottes sind“(1, 4) Es ist seine Macht, die Himmel und Erde umfasst.  Und er sagt  „dem Engel, der wie ein himmlischer Stadtengel und gleichzeitig wie ein irdischer Charismatiker Verantwortung für die Gemeinde trägt.“(M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, S. 340)  was er weiß, wie er ihn sieht.

Der Herr sieht tiefer als die Menschen sehen. Sie sagen von dem Engel: du lebst. Alle sagen das, alle sehen ihn so und nennen ihn so. „Vielleicht trug der Bischof dieser Gemeinde den Namen Zosimos, der an das griechische Wort „leben“ erinnert.“(H. Lilje ebda.) Dann würde es hier auf den Kopf gestellt, dass der Name Wirklichkeit zum Ausdruck bringt. denn das Urteil des Herrn ist: Du bist tot. Das Bild der Menschen, das sie voneinander haben,  ist trügerisch. Jesus sieht tiefer.

            Das ist immer schon meine Furcht, ich kämpfe mit ihr seit Jahrzehnten. Menschen haben ein Bild von mir, dem ich innerlich nicht traue. Weil ich spüre, dass ich diesem Bild nicht entspreche. Ist nicht vieles, was ich tue und wie ich wirke, wie das Ausstellen ungedeckter Schecks? Ich rede von der Liebe, aber wen habe ich wirklich lieb? Ich rede von Beziehungen, aber zu wem halte ich denn wirklich Beziehungen aufrecht? Ich rede vom Glauben, aber wie weit ist es denn mit meinem Glauben wirklich her? Kann es sein, dass ich längst innerlich tot bin und nur noch den Namen habe, dass ich lebe, dass mein Glaube gar nicht mehr wirklich ist, lebendig ist und wirkt, was ich zu glauben behaupte?

2 Werde wach und stärke das andre, das schon sterben wollte, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott. 3 So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße! Wenn du nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde.

Es ist die Art Gottes, die hier mitten in diesem harten Wort aufleuchtet: der, der gerade das Urteil gehört hat: Du bist tot!, der wird zum Aufwachen gerufen. So ist Christus: er ruft aus den Toten. auch aus den geistlich Toten. Er ruft nicht die Vollkommenen, sondern die Unvollkommenen, nicht die Perfekten, sondern die, die immer noch nicht perfekt sind, noch nicht vollendet. Es ist eine Überlegung wert, ob das Sendschreiben hier nicht an das urchristliche Tauflied anknüpft: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“(Epheser 5,14)

Das ist das Hoffnungszeichen, das mit Sardes unlöslich verbunden ist. Der tote Zosimos wird dazu gerufen, die anderen zu stärken. Die Parallele liegt auf der Hand – in der Nacht vor der Verleugnung des Petrus: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dann umkehrst, so stärke deine Brüder.“(Lukas 22, 31 – 32)  Es ist die Wesensart Gottes, dass er sein Werk mit solchen Leuten vorantreibt, die nichts zu bieten haben, die dem Sterben näher sind als dem Leben.

„Das war ja so dein Wesen von alten Zeiten her                                                          dass du dir hast erlesen,  was arm, gebeugt und leer                                                  dass mit gebroch´nen Stäben du deine Wunder tatst                                                       und mit geknickten Reben die Feinde niedertratst.“                                                                F. W. Krummacher (1796 – 1868)

             Mir ist bewusst, dass ich gegen den Grundtenor fast aller Ausleger lese. Sie finden in diesen Worten nur Gericht, nur Urteil. Ich glaube das nicht – weil ich es ernst nehmen möchte, wie Christus hier diesen Toten anspricht und ins Leben ruft.

 4 Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind’s wert.

Immerhin: einige in Sardes haben nicht mitgemacht. Se sind ihrem Herrn treu geblieben.  Hinter dem Kleiderwort steht eine gesellschaftlich eindeutige Sicht, über alle religiösen Grenzen hinweg: „Der Besuch eines antiken Festes und vollends der Besuch einer Kultstätte zur Begegnung mit der Gottheit verlangt reine Kleidung; kultisch und moralisch dürfen keine Flecken auf ihr sein.“(M. Karrer, Johannesoffenbarung, aaO. S. 344) Darauf scheint es hinaus zu laufen: Vor Gott stehen die gut da, die fleckenlos unterwegs sind. Sie sind  ξιο, würdig. Wert.

Es gibt eine Kontrastgeschichte zu diesem Denken, die ich sehr liebe, weil sie ein helles Licht auf die Weise Gottes wirft.

Ein Fürst gibt ein großes Fest. Viele wichtige Menschen sind eingeladen. Es beginnt zu regnen, und vor der Toreinfahrt bildet sich eine große Pfütze. Als ein vornehm gekleideter Herr aus seinem Wagen steigt, rutscht er aus und fällt der Länge nach in die Pfütze. Mühsam erhebt er sich, von oben bis unten beschmutzt und nass und sehr geknickt. “So kann ich mich nicht auf dem Fest sehen lassen”, denkt er. Einige Gäste machen schon spöttische Bemerkungen. Ein Diener meldet den Vorfall dem Fürsten. Dieser eilt sofort hinaus und erreicht den Gast gerade noch, als er zurückfahren will. “Bleib doch, mir macht der Schmutz an deinen Kleidern nichts aus”, sagt der Fürst, doch der Gast hat Angst vor den Blicken und dem Getuschel der anderen Gäste. Da lässt sich der Fürst mit seinen kostbaren Kleidern in dieselbe Pfütze fallen, so dass auch er von oben bis unten voller Dreck ist. Er nimmt den Gast an die Hand, und beide gehen in den festlich geschmückten Saal. (R. Johnen in: Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten, Hamburg 2011, S. 22)

Die Worte über Sardes gehen mir nahe und nach, weil ich mich selbst oft in Frage stelle, weil ich weiß, dass ich so fromm nicht bin. Mein Taufkleid hat Flecken, weil das Leben seine Flecken hinterlässt. Was mich nicht verzagen lässt: Die tiefe Zuversicht, dass mein Heil nicht an mir und meinem makellosen Leben hängt, sondern an dem unbedingten Willen Gottes, mein Heil zu wirken und mich nie loszulassen.

 5 Wer überwindet, soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.

             Wieder das Überwinder-Wort. Die Überwinder werden im Gericht bestehen. Sie können vor Gott  erscheinen. „Die Welt mag in der Gegenwart den Nachfolgern Jesu verweigern, sich in die Bürgerlisten einzutragen.“(M. Karrer, Johannesoffenbarung, aaO. S. 345) Das ist die gegenwärtige Wirklichkeit, auch in Sardes. Aber dem steht die zukünftige,. himmlische und damit letzte Wirklichkeit entgegen: Sie sind in die Bürgerlisten des Himmels eingetragen – unauslöschlich.

Einmal mehr sind die Beziehungen auf Worte Jesu aus der Evangelienüberlieferung offensichtlich: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel.”(Matthäus 10,32) In der Lukas-Parallele heißt es: „zu dem wird sich auch der Menschensohn bekennen vor den Engeln Gottes.“(Lukas 12,8) Ich staune immer wieder über die Vernetzung der unterschiedlichen Überlieferungen in der ersten Christenheit, die offensichtlich aus mündlichen Traditionen schöpft.

 6 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Der Abschluss des Schreibens ist erneut die Aufforderung zum Hören. Die Wiederholung dieser Aufforderung durch die Folge der Sendschreiben hindurch erhöht ihre Dringlichkeit.

Heute dieses Sendschreiben lesen heißt danach fragen, wie es um unsere Kirchen steht. Sind sie wie Sardes? Mit dem Ruf, dass sie lebendig sind, dass sie vielen Feldern aktiv sind, engagiert und wichtig für die Umwelt. Kann es sein, dass wir als Kirchen uns selbst so sehen: lebendig. Aber unter dem Urteil des erhöhten Christus stehen: vom Tod gezeichnet, halbherzig, in vielen Werken nicht von der Liebe geleitet, nicht wirklich bei der Sache? Kann es sein, dass wir als reiche Kirchen in einem reichen Land längst zur Buße gerufen sind, uns ablösen sollen von unserem vermeintlichen Besitz, von dem Status als Volkskirchen? Dass wir zu lernen haben, als Minderheit zu leben, unter dem Verzicht auf althergebrachte Privilegien?

Wir aber wollen weiter so, wie gehabt. Weil wir Traditionalisten sind, die nicht merken, wie auf den heiligen Traditionen die Asche liegt, die jede Glut erstickt. Was bleibt als Hoffnung? Meine Hoffnung ist, dass Jesus aus den Toten ruft, dass er auch eine so vom Tod bedrohte Kirche nicht aufgibt, sondern sie neu ruft: Wach auf! Wecke auf! Dass es irgendwann nicht nur einige wenige sind, die in weißen Kleidern ihrer Taufe gerecht werden, sondern viele. Und dass wir es nicht nur als Lied der Sehnsucht singen sondern als Wirklichkeit erfahren:

 „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit,
dass sie Deine Stimme hört, sich zu Deinem Wort bekehrt.
Erbarm Dich, Herr.“                         C.G. Barth 1827, EG 262

 

Herr Jesus, wie gut, dass Du festhältst, festhältst an Menschen, die sich über sich selbst täuschen, die ihre Wahrheit nicht erkennen, warum auch immer. Wie gut, dass Du nicht erst dann nach uns rufst, wenn wir uns weiter qualifiziert haben, auf die Beine gekommen sind, anspruchsvolle Prüfungen geschafft haben.

Du rufst die, von denen nichts mehr zu erwarten ist, innerlich tot und äußerlich aufgegeben und fängst neu mit ihnen an. Darüber lobe und preise ich Dich, Du barmherziger, Leben schenkender Gott. Amen