Behutsamkeit ist angesagt

Offenbarung 2, 18 – 29

18 Und dem Engel der Gemeinde in Thyatira schreibe:

             Thyatira ist kein besonders prominenter Ort, an der Poststraße zwischen Pergamon und Sardes. Aber das Sendschreiben ist das längste unter den sieben Briefen. Von Thyatira wissen wir, dass Lydia, die erste Christin auf europäischen Boden aus der Stadt stammt. Wir  können auch davon ausgehen, dass der Purpurhandel in der Stadt blühte. Vermutlich gab es daneben noch andere Gewerbe und Handwerkszünfte.

 Das sagt der Sohn Gottes, der Augen hat wie Feuerflammen und seine Füße sind wie Golderz:

             Nur hier in der Offenbarung: Sohn Gottes. Was danach folgt – Augen wie Feuerflammen und Füße wie Golderz wirkt wie ein Rückverweis auf den Anfang des ganzen Schreibens (1,14-15) Da wurde der erhöhte Christus, den Johannes sieht,  genau so beschrieben.  Der ton liegt so ganz auf der Majestät dessen, der den Brief diktiert.

 19 Ich kenne deine Werke und deine Liebe und deinen Glauben und deinen Dienst und deine Geduld und weiß, dass du je länger je mehr tust.

 Wie rasch sind wir mit Urteilen bei der Hand, auch mit Pauschal-Urteilen. Da werden Gemeinden als tot abgestempelt und anderen als „lebendig“ gelobt. Hier geht es anders zu: Ich weiß deine Werke und es folgt eine Würdigung des geistlichen Lebens in der Gemeinde. es ist eine hohe Anerkennung, die sich in dieser Aufreihung Liebe – Glauben – Dienst – Geduld zeigt. In alledem ist die Gemeinde in Thyatira gewachsen, gereift. „Ausdrücklich wird ihr das echte, lebendige Wachstum ihres Christenstandes bezeugt.“(H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 86)

 Nur als eine Frage in die Zeit heute hinein dazwischen geschoben: wo reden wir so wohlmeinend und hochschätzend von einer Gemeinde? Mein Eindruck: kritisch sind wir stark, im Loben dagegen schwach. Vielleicht sollten wir von dem erhöhten Herrn erst einmal das Loben, die wertschätzende Würdigung lernen.

 20 Aber ich habe gegen dich, dass du Isebel duldest, die Frau, die sagt, sie sei eine Prophetin, und lehrt und verführt meine Knechte, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen. 21 Und ich habe ihr Zeit gegeben, Buße zu tun, und sie will sich nicht bekehren von ihrer Hurerei. 22 Siehe, ich werfe sie aufs Bett und mit ihr jene, die die Ehe gebrochen haben, ich stürze sie in große Trübsal, wenn sie sich nicht bekehren von Isebels Werken, 23 und ihre Kinder will ich mit dem Tode schlagen.

Diese Würdigung macht den Weg frei auch für kritische Anmerkungen. Es gibt auch in dieser so lebendigen Gemeinde „Zwischentöne“. Es geht um eine Isebel. Sie ist eine Frau mit einer starken Ausstrahlung und einem hohen geistlichen Anspruch Eine Frau, die beansprucht, eine Prophetin zu sein. Sie gewinnt Einfluss. Gemeindeglieder folgen ihr, orientieren sich an ihr.

Prophetinnen gibt es nach dem Neuen Testament ja durchaus. Von den Töchtern des Evangelisten Philippus heißt es: „Er hatte vier Töchter, Jungfrauen, die prophetisch redeten.“(Apostelgeschichte 21,9)Aber hier in Thyatira ist es eine falsche Prophetin – das zeigt schon der Name der falschen Königin Isebel, der ihr wohl zugeschrieben ist. Sie muss nicht so heißen.  Der Vorwurf an sie: „Sie lehrt und verführt zur Unzucht und zum Essen von Götzenopfer.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 44) Genau genommen ist hier Handeln nicht Zukunftsdeutung, sondern ein Lehren in der Gegenwart.

Sie beansprucht Wegweisung jetzt. Ihre Wegweisung im Heute ist falsch. Auch wen von Hurerei die Rede ist, so geht es wohl kaum um sexuelle Freizügigkeit. Gemeint ist wohl der Umgang mit den Götterkulten, die fehlende Abgrenzung gegenüber der religiösen Praxis der Umgebung. Es gibt die Vermutung, dass sie in ihrem Lehren darauf besteht, „keine religiöse Gemeinschaft könne außerhalb der Umwelt leben.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, S. 333) Dann würde sie möglicherweise Anpassungsprozesse an die Umwelt gefordert haben, denen der Brief widerspricht .

Es ist ja eine Auseinandersetzung, die bis heute zu führen ist. Wie verhalten wir – Christ*innen, uns als Christengemeinde gegenüber religiösen Praktiken, die aus fremder Religiosität stammen. Ist Synkretismus die Lösung oder doch scharfe Abgrenzung. Noch konkreter Wie gehen wir mit Meditationspraktiken um, die aus dem fernöstlichen Kontext stammen – Zen, Yoga, und was so alles auf dem Markt ist. Es gibt genügend starke Persönlichkeiten, die solche Techniken praktizieren und lehren. Sind sie alle späte Nachfahren der Isebel?

Damit beschreibe ich ein Problemfeld, das sich mit diesem Sendschreiben verbindet. Wir können kaum noch, ohne unter Fundamentalismus-Verdacht zu geraten, so eindeutig scheiden und unterscheiden. So verurteilen. Und doch bleibt auch uns, jedem Einzelnen nicht erspart, zuerst einmal für uns selbst Klarheit zu gewinnen. Ob wir sie wie das Sendschreiben, für alle in der Gemeinde verbindlich machen können, steht auf einem anderen Blatt. Wir sind nicht der Autor der Sendschreiben. Wir sind nicht der erhöhte Christus. Aber wir suchen Orientierung an seinem Wort, Wegweisung, auch für uns heute.

Dennoch, zurück nach Thyatira und zu Isebel: es wird nicht kurzer Prozess mit ihr gemacht. Ich habe ihr Zeit gegeben, Buße zu tun.  Einmal mehr μετανοσn. Es ist, als wäre der Ruf zur Umkehr ein Grundwort für das Leben in den Gemeinden. Weil Gemeinden allemal nicht die Versammlung perfekter Heiliger sind, die alles richtig machen und immer richtig glauben. Sondern sie sind die Versammlung derer, die immer neu ihr Leben an Christus und dem Evangelium ausrichten. Umkehr Inklusive. „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht “Tut Buße” usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“( M. Luther, 95 Thesen 1517)

In dieser Gemeinde, deren Geduld gewürdigt ist, wird auch dieser falschen Prophetin Raum zur Umkehr gegeben. Der erhöhte Christus ist in aller seiner Macht nicht rasch bei der Hand mit Verurteilen.

 Und alle Gemeinden sollen erkennen, dass ich der bin, der Nieren und Herzen erforscht, und ich werde geben einem jeden von euch nach euren Werken. 24 Euch aber sage ich, den andern in Thyatira, die solche Lehre nicht haben, die nicht erkannt haben die Tiefen des Satans, wie sie sagen: Ich werfe keine andere Last auf euch; 25 doch was ihr habt, das haltet fest, bis ich komme.

 Aber der Erhöhte ist wie Gott: er prüft auf Herz und Nieren. So weiß es David im Klagelied: „Du, gerechter Gott, prüfest Herzen und Nieren.“(Psalm 7, 10) Christus ist nicht blauäugig und sieht alles durch die rosarote Brille. Er schaut genau hin. Dies ist eine Warnung an alle Gemeinden, nicht nur an Thyatira. Also auch an uns heute. Es gibt nicht nur die kirchenamtliche Prüfung durch Kirchenleitung. Es gibt auch den Blick des erhöhten Christus auf uns, unsere Gemeinden.

Wie gut ist das, wenn wir differenzieren, hinschauen ohne zu beschönigen, aber auch ohne zu verdammen. Dann kann auch das Wort der Ermutigung gesagt werden: was ihr habt, das haltet fest Das ist nicht festhalten an etwas, wohl aber durchhalten, sich treu bleiben, dem Weg des Glaubens treu bleiben, sich nicht verführen lassen zu falschen Kompromissen oder merkwürdigen Haltungen. Redlich und klar bleiben, ohne Winkelzüge, damit wir im Glauben aufrecht stehen.

Immerhin: Freispruch für alle, die nicht mitgemacht haben. Für alle, die standfest geblieben sind. Es ist durchaus bemerkenswert: Die Gemeinde insgesamt gilt als intakt. Trotz der Irritationen. Es ist ein frühes Wissen in der Christenheit: es gibt Christengemeinden immer nur in der Mischform – Unkraut und Weizen wachsen zusammen. Und: es ist nicht der Job menschlicher Unkraut-Jäger, für Reinheit der Gemeinden zu sorgen.

26 Und wer überwindet und meine Werke bewahrt bis ans Ende, dem will ich Macht geben über die Völker, 27 und er soll sie weiden mit eisernem Stabe – wie die tönernen Gefäße werden sie zerschmissen –, 28 wie auch ich Macht empfangen habe von meinem Vater; und ich will ihm geben den Morgenstern.

             Das Überwinder-Wort ist vom Zusammenhang des Briefes geprägt. Noch einmal taucht – ungenannt – das Stichwort Geduld auf  – wer meine Werke bewahrt bis ans Ende. Wieder und immer noch ist Durchhalten, Festhalten, Bewahren angesagt. Wer so lebt, gewinnt Anteil an der Machtξουσα – wie Christus sie empfangen hat und aus der er handelt. Ganz so, wie es am Ende des Evangeliums heißt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28,18)

             Es bleibt in der gleichen Spur: ich will ihm geben den Morgenstern. Am Ende der Offenbarung wird es aus dem Mund des erhöhten Christus heißen: „Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern.“(22,16) So ist dieses Versprechen nichts anderes als die Zusage der Teilhabe an Christus – seinem Wesen, seiner Art, seinem Handeln. Darauf leben die Überwinder zu. Es ist großer Lohn, der alle Geduld lohnt.

 29 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Es fällt auf. Vertauschte Reihenfolge! Diese neue Reihenfolge wird in den nachfolgenden Sendschreiben beibehalten. Eine Begründung für diese Vertauschung ist nicht wirklich erkennbar. Vielleicht ist der Satz ans Ende gerückt, um noch einmal nach der eben gehörten Verheißung einzuschärfen: Hören und bewahren, sich dem Reden des Geistes anvertrauen. So geht der gute Wege des Glaubens.

 

Heiliger Herr, Du Zuflucht und Halt, Du siehst uns an, durchschaust uns bis in die tiefsten Tiefen. Du prüfst uns, ob unser Reden wahrhaftig ist, unsere Liebe beständig, unsere Treue tatkräftig. Du suchst nicht die großen Glanzpunkte, wohl aber die Treue im Kleinen, das Festhalten an Dir.

Bewahre uns vor schnellen harten Urteilen, mit denen wir andere abstempeln. Du willst, dass wir Anteil gewinnen an Deiner Kraft, dass wir widerspiegeln, wie Du mit Deiner Welt umgehen willst – sorgsam, behutsam und so, dass keiner verloren geht.

Lehre Du uns dieses Umgehen aneinander. Amen