Orte, die uns fordern

Offenbarung 2, 12 – 17

12 Und dem Engel der Gemeinde in Pergamon schreibe:

             Man muss nur einmal auf der Museumsinsel in Berlin den Pergamon-Altar – einen Zeus-Altar – gesehen zu haben, um eine Ahnung von der Pracht dieser Stadt zu spüren. „Pergamon steht gleichrangig in der Asia neben Ephesus. Vor allem im Bereich des geistig-religiösen Lebens hatte die Stadt eine hervorstechende Bedeutung.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 40) Bibliothek, Athene-Statute, ein Tempel für den Kaiser Augustus und die Göttin Roma – die Reihe ließe sich beliebig erweitern.

In dieser Stadt ist die junge christliche Gemeinde zur Bewährung ihres Glaubens gefordert.  Dazu hat die Gemeinde in Pergamon eine geistige und geistliche Auseinandersetzung zu bestehen, deren Größe wir heute kaum noch ahnen können. Wie arm müssen die Christen sich angesichts der religiösen Pracht ringsum vorgekommen ein. Oder muss ich es umgekehrt sagen: Was für eine Kraft müssen sie in sich gespürt haben, um da Stand zu halten, um nicht klein beizugeben.

 Das sagt, der da hat das scharfe, zweischneidige Schwert:

             Das Wort an die Gemeinde kommt aus dem Mund dessen, der Richtgewalt hat. Das schließt seine Urteilsmacht und seine Schutzmacht in gleicher Weise ein. Er hat als Schwert –  ομφαα – eine Waffe, die nicht zum griechischen Waffenarsenal gehört. „Der Christus unseres Sendschreibens tritt der griechischen Stadt von außen, wie ein Nichtgrieche  gegenüber.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, s. 315) Mag sein, es ist Erinnerung daran: Jesus war Jude.

 13 Ich weiß, wo du wohnst: da, wo der Thron des Satans ist; und du hältst an meinem Namen fest und hast den Glauben an mich nicht verleugnet, auch nicht in den Tagen, als Antipas, mein treuer Zeuge, bei euch getötet wurde, da, wo der Satan wohnt.

             Die Situation der Gemeinde wird sichtbar. Das ist nicht neutrales Land. Das ist kein säkularer Ort mit Religionsfreiheit für alle. Diese Gemeinde kennt Verfolgungserfahrungen. Einer unter ihnen, Antipas, ist sogar getötet worden.  Dahinter steht wohl  noch keine systematische Christenverfolgung durch städtisch-staatliche Behörden. In so einer Situation „rühmt Christus, dass der Engel und die Gemeinde in Pergamon einen tiefgreifenden Widerspruch gegen das Leben in der Stadt wagten.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, aaO. S. 317)  Sie halten fest an Christus, am Glauben und wanken und weichen nicht.

 14 Weniges aber habe ich gegen dich: Du hast Leute dort, die sich an die Lehre Bileams halten, der den Balak lehrte, ein Ärgernis aufzurichten vor den Israeliten, vom Götzenopfer zu essen und Hurerei zu treiben.  15 So hast du auch Leute, die sich in gleicher Weise an die Lehre der Nikolaïten halten.

             Auf dieses helle Bild fällt dennoch auch Schatten. Es gibt Leute, die abweichend lehren – die Lehre Bileams. wieder ist es so: wir wissen nicht, was inhaltlich gemeint ist. Sie werde identifiziert mit dem Propheten, der seltsame Altäre aufrichtet, Götzenopfer brachte und irrlichtere. Es kann sein, es geht bei diesen Bileams-Leuten um Reinheitsforderungen, um Sexualverhalten, um Gottesverständnis. Wir wissen es nicht. nur so viel ist erkennbar: es gibt innerhalb der Gemeinde große Differenzen.

Lassen sich die Probleme übertragen? Es gibt zu allen Zeiten Orte, an denen es eine besondere Herausforderung ist, im Glauben zu leben und seinen Weg zu suchen. So ein Ort istdie Kulturmetropole Pergamon. So ein Ort ist heute vielleicht Rom – „Rom ist heute eine atheistische Stadt.“ Mit dieser Aussage überrascht mich ein Dominikaner, den wir bei einem Spaziergang über den Aventin vor der Basilika Santa Sabina treffen.“(A. Hülsmeyer, in: SMD-transparent 03 September 2018, S. 20) Solche Orte mögen auch New York, London, Berlin sein. Obwohl wir besondere Herausforderungen für das Zeugnis des Glauben eher in islamischen Ländern sehen mögen.

Es könnte aber auch sein – die Orte der Herausforderung heute sind gar nicht zuerst geographisch zu benennen, sondern als gesellschaftliche Orte oder Milieus. Universitäten, Banken, Groß-Konzerne, Parteien, Verwaltungen – überall, wo es um Geld, Macht, Beeinflussung von Denken und Entscheidungen geht. Orte, an denen ein erfolgsorientierte Lebensstil sich mit aufgeklärter Liberalität und rationalistisch verbrämter Distanz zu aller religiösen Bindung verbindet. Wo die einfältige Einseitigkeit eines an den eigenen Glauben  gebundenen Gewissens allenfalls noch müdes Lächeln hervorruft. Geht da noch: mitmachen? Oder ist das schon das Verhalten eines Bileam, der hin und her schwankt? Bleibt nur der Rückzug ins fromme Ghetto der reinen Rechtgläubigkeit, von anderen spöttisch kommentiert?

In Pergamon gab es möglicherweise eine Richtung in der Gemeinde, die eher zu Zugeständnissen an die kulturelle Tradition des Ortes neigte, sich weit bis hin zur – passiven – Teilnahme an den Opferfeiern bewegte. Das löst die harsche Kritik des Johannes aus.

 16 Tue nun Buße; wenn aber nicht, so werde ich bald über dich kommen und gegen sie streiten mit dem Schwert meines Mundes.

             Darum ist Umkehr angesagt. Einmal mehr, wie schon im Brief nach Ephesus (2,5), das Wort und die Sache, die so viele Schriften des Neuen Testamentes durchzieht, zurückgreift auf die Predigt Jesu: μετανόησον.  Kehrt um. Verändert eure Gesinnung, euer Denken, euer Tun. Lasst es geschehen, dass ihr verwandelt werdet bis in die Tiefe eurer Existenz, euers Wollens, Fühlens, Sehnens. Wenn sie ausbleibt, kommt das Gericht. Aber nun nicht über die ganze Gemeinde. Die Gemeinde als Ganze ist nicht gefährdet. „Nur die Irrglaubenden sind dem Gericht unterworfen.“ (T. Holtz, aaO. S. 42)

 17 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich geben von dem verborgenen Manna und will ihm geben einen weißen Stein; und auf den Stein ist ein neuer Name geschrieben, den niemand kennt als der, der ihn empfängt.

Die Aufforderung zum Hören geht der Verheißung voraus. Die Verheißung verknüpft das Geschick der Überwinder mit dem himmlischen Manna – der Gottesspeise. Brot zum Durchhalten in Wüstenzeiten.   Und mit einem weißen Stein, der den Namen der Überwinder trägt.

Eine doppelte Beziehung legt sich nahe: „Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“(Lukas 10, 20) Vielleicht auch weit zurück in das Alte Testament: „Wer hat den Tag der geringen Anfänge verachtet? Die werden doch mit Freuden sehen den Schlussstein in Serubbabels Hand.“(Sacharja 4,10) Namen, in Stein gemeißelt. Darauf lässt sich hoffen, auch in bedrängter Zeit. Das gibt Halt, wenn ich innerlich dem Geheimnis des Glaubens in einer Weise verbunden bin, die mich widerstandsfähig macht.

Wir können uns die Zeit nicht aussuchen, in der wir leben. Wir können uns  als Gemeinde die Herausforderungen nicht aussuchen, mit denen wir es zu tun haben. Es ist schwer zu lernen, aber trotzdem wahr: Der Ort und die Zeit bestimmen darüber, welches Gepräge mein Glauben gewinnt. Damals in Pergamon, heute bei uns.

 

Du heiliger Gott, gib uns die Kraft, unsren Weg des Glaubens zu suchen, zu finden und dann auch tapfer zu gehen. Gib uns Unabhängigkeit von den vielen Stimmen, die auf uns einreden, von den vielen Bildern, die uns gefangen nehmen wollen, von den vielen Forderungen, denen wir genügen sollen.

Gib uns den Halt an Dir, in Deiner Treue, in Deiner Geduld, damit wir im Glauben beständig bleiben und im Leben wahrhaftig. Amen