Arm und bedrängt – aber getragen

Offenbarung 2, 8 – 11

8 Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe:

 An der Westküste der heutigen Türkei liegt die Stadt Smyrna. Heute ist auf gleichem Gebiet Izmir zu finden, eine der großen türkischen Städte. Smyrna war um das Jahr 90 n. Chr. eine Handelsstadt mit einem Gerichtsplatz des römischen Staates.. Eine junge, moderne Stadt. Smyrna war in diesen Jahren prächtig wiederaufgebaut worden, nachdem es jahrhundertelang zerstört gelegen hatte. Eine Stadt, in der die alte medizinische Schule, das Asklepeion, benannt nach dem Wunder-Heiler Asklepios, zu neuer Blüte startete – gewissermaßen eine medizinische Uni-Klinik von ausgezeichnetem Ruf. Dieser jungen Stadt  wurde ein Kaisertempel für den römischen Kaiser gestiftet, eine Auszeichnung, um die sich viele Städte bemühten und die doch nur wenigen Städten zuteilwurde.

Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden:

 Nur eine Selbstvorstellung? Oder doch weit mehr. In meinen Augen eine erste Hilfe für die Gemeinde in Smyrna. Seht, zu wem ihr gehört! “Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und lebendig ist.”

Indem Jesus sie so anspricht, sagt er zugleich: Schaut her, was ihr erlebt, das ist ganz nahe an dem, was ihr an mir seht: Ihr kommt euch manchmal wie tot vor ‑ ich war tot! Ihr könnt manchmal kaum noch die Hoffnung auf Leben durchhalten ‑ ich bin lebendig, obwohl ich in den Tod gegeben worden bin. So sagt Jesus seiner bedrängten Gemeinde damals: Ich bin nicht unbedrängt durch das Leben gegangen, ich bin im Tod zerbrochen worden. Aber das war nicht das letzte Wort: ich bin nicht vom Tod besiegt für immer. Ich habe den Tod überwunden. Ich habe den Weg, der euch jetzt so schwer fällt, auch durchschritten, längst vor euch ‑ und ich bin auf diesem Weg ins Leben gegangen. So liegt in den Worten Jesu von allem Anfang an ein Versprechen an die Gemeinde: Weil ihr zu mir gehört, darum ist auch der schwere Weg ein Weg ins Leben. Auch das mag wie nebenher mitschwingen: Der Lebendigmacher ist Jesus, nicht Asklepios. 

 9 Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind die Versammlung des Satans.

 In dieser Stadt Smyrna lebt eine kleine Christengemeinde. „Ihre Merkmale: Bedrängnis, Armut und Verunglimpfung.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 38) Die Christen sind wirtschaftlich arm und lebten am Rande der Gesellschaft. Sie haben es schwer mit dem Staat und seinem Kaiserkult. Sie haben es genauso schwer mit anderen Religionen, die es reichlich gibt. Genau genommen sitzen sie zwischen allen Stühlen und drohen, unter die Räder zu kommen. Einmal mehr Bedrängnis – θλψις; einmal mehr Armut – πτωχεα. Und doch reich. Erfüllt. Es ist ein anderer Reichtum als der Reichtum der an den Börsen notiert wird.

Manche in Smyrna zählten sie wohl einfach zu den Juden, weil einige auch der Herkunft nach Juden sind. Aber sowohl die Juden als auch die Christen wissen: trotz der gemeinsamen Wurzel in der Geschichte Israels finden sie nicht mehr zusammen, weil der Glaube an Jesus sie trennt. Das aber ist für manche ‑ Juden und andere – Anlass genug, auf sie Druck auszuüben: sie sollen sich dem Kaiserkult beugen. Wenn sie schon nicht mehr jüdisch leben, dann sollen sie vor dem Standbild des Kaisers opfern und so ihre Solidarität mit dem römischen Staat zum Ausdruck bringen.

Wir haben eine Gemeinde vor Augen, die innerlich und äußerlich belastet ist, in der es oft genug verzagt zugegangen sein mag und die von sich selbst das Bild hatte: Wir sind dem kaum gewachsen. was auf uns zukommt. Wir sind schwach und hilflos und können fast nichts bewirken. Und manchmal mag sich diese Gemeinde sehr schutzlos und ausgeliefert vorgekommen sein.

Wen meint der Schreiber mit der Versammlung des Satans? Frühere Deutungen zielten auf Juden. Oder auf Judenchristen. Und hatten beide so den Geruch des Antijudaismus an sich. Heute rückt eine dritte Lösung in den Vordergrund: „Diese Gegner seien nicht jüdischer Herkunft, sondern Menschen aus den Völkern, die sich zum Ärgernis der Apokalypse Juden nennen und damit diesen Ehrentitel usurpieren.“(M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, S. 300) Besonders bemerkenswert: Juden – ein Ehrentitel, keine Abwertung!

10 Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.

 Durchhalten. Aushalten. Die Leiden der Zeit tragen. Über den Text hinaus, vom Text angeregt habe ich eine Frau vor Augen, die drei Jahre mit ihrer Krankheit gelebt hat. Sie aus einem tiefen Glauben heraus getragen hat. Still, unauffällig, immer sachbezogen und freundlich.  Sei getreu bis an den Tod  – das hat auf sie hin gestimmt. Sie ist Beispiel einer gläubigen Existenz, tief verwurzelt in Gott. Nicht ohne Fragen, aber in der Tiefe gehalten. Äußerlich hat diese Frau nichts hergemacht. Darin gleicht sie Smyrna. Auch von dieser Gemeinde gilt ja: äußerlich arm und in Nöten. Aber in Wahrheit reich. Es ist schwer zu verstehen, dass nicht der äußere Glanz ein Leben reich macht. Vielmehr ist es oft so: er verdeckt die innere Leere.  Es geht um die innere Haltung,  um ein Gehaltensein, geborgen in die Liebe Gottes.

Die Gemeinde steht vor der Frage, die bis heute immer wieder Christen beschäftigt: Wieweit müssen wir uns abgrenzen? Wann müssen wir sagen: Wir können nicht mittun in dem, was die Gesellschaft um uns lebt und erwartet? Wieweit können und müssen und dürfen wir uns anpassen an das, wie um uns herum gelebt wird und was der Staat von uns erwartet?

Was kann einer Gemeinde in solch einer schwierigen Situation helfen? Wer kann einer Gemeinde in solch einer Situation helfen? Oder gilt da der Satz, den wir manchmal hören und manchmal wohl auch selbst sagen: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott?

Es ist ein nüchterner und ernüchternder Blick zugleich: Es kommen harte Zeiten. Manche werden im Gefängnis landen. Das wird alle hart auf die Probe stellen, an den Rand des Aufgebens führen. Aber diese Zeit ist begrenzt – zehn Tage. Kein endloses Martyrium.  Damit sagt Jesus der Gemeinde und den Menschen in ihr: Ich weiß, was auf euch zukommt, weiß eure Trübsal und Angst. Ich weiß, wie es bei euch aussieht. Ich weiß, wie es in euch aussieht. Ich weiß, was euch zu schaffen macht.

Seit diesem Wort können die Leute der Gemeinde in Smyrna sagen: Unser Herr hat uns nicht vergessen. Der auferstandene, erhöhte Christus hat uns, diese kleine Gemeinde in Smyrna im Blick. Und er wird es nicht über unsere Kräfte gehen lassen! Was er von uns erwartet, wozu er uns Kraft geben will: “Sei getreu bis an den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben.” Man kann das auch so übersetzen: “Halte am Glauben fest bis ans Äußerste”. Es geht in diesem Wort nicht um irgendeine Nibelungentreue bis zum Untergang. Es geht nicht um die Treue zum Staat oder zum Volk, wie dies Wort vor 50 Jahren manchmal ausgelegt und missbraucht worden ist. Es geht um die Treue zu Jesus, Treue mit einer großen Verheißung. „Wer sein Leben für Christus einsetzt, wird als Preis das die Grenze des Todes sprengende Leben erhalten.(T. Holtz, aaO. s. 40)

11 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

             Wieder: hört hin. Nehmt es in euch auf. Baut euer Leben auf diese Worte. O-Ton Jesu: „Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.“(Matthäus 7, 24-25)

 Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.

Vor Jahren waren wir mit unserer Reisegruppe der Israel‑Reise in Yad Vaschem. Das ist die Gedenkstätte des Staates Israel für die Opfer des Holocaustes. In dieser Gedenkstätte ist unter anderem auch ein Mahnmal für die Kinder, die im Holocaust umgebracht worden sind. Es sind rund 1.500 000 Kinder, die in den Vernichtungslagern gestorben sind.

Wenn man in diese Gedenkstätte hineingeht, geht man in einen dunklen Raum. In der Mitte stehen fünf Kerzen, die sich in Spiegeln so oft widerspiegeln, dass man das Gefühl hat, in einem Meer von Lichtern zu stehen. In dieses Dunkel hinein und in diese Lichter hinein lesen eine Mann und eine Frau Namen der Kinder vor, ihr Geburtsland und ihr Alter, in dem sie starben.

Als ich dort stand, einige Minuten lang, und dies sah und hörte, da ist mir ein Lied eingefallen, das viele wohl einmal als Kinder gelernt haben:

“Weißt du, wie viel Sternlein stehen  an dem blauen Himmelszelt?                              Weißt du, wie viel Wolken gehen weithin über alle Welt?                                          Gott der Herr hat sie gezählet,  dass ihm auch nicht eines fehlet                               an der ganzen großen Zahl.”          W. Hey 1837, EG 511

Ich konnte die Sterne dort in Yad Vaschem nicht zählen ‑ so wenig wie ich Tage später die Sterne am Wüstenhimmel zählen konnte. Und keiner weiß genau, wie viele Kinder und wie viele Erwachsene in dem schrecklichen Geschehen des Holocaust das Leben gelassen haben aber daran mache ich mich fest: Gott, der Herr, hat sie gezählet.

Wenn ich das nicht glauben könnte ‑ ich weiß nicht, wie ich dann diese Bilder des Schreckens in Yad Vaschem anschauen sollte. Wenn ich das nicht glauben könnte, ich weiß nicht, wie ich mit den Bildern des Schreckens, wie sie Tag um Tag uns ins Haus kommen, umgehen sollte, ohne zynisch oder hart oder eiskalt zu werden. Wenn ich das nicht glauben könnte: “Ich weiß um deine Trübsal und Angst” ‑ ich weiß nicht, wie ich dann noch auf eine gute Zukunft der Welt hoffen könnte.

Wenn ich das nicht glauben könnte, dann würde mir manchmal um den Weg unserer Kirche Angst und Bange werden. Wie viele Gefahren gibt es heute ‑ sich anzupassen oder zu erstarren, sich zu verweigern oder sich nach allen Seiten hin zu verlieren. Wie hilflos kommt mir unsere Kirche oft vor in den großen Herausforderungen unserer Zeit. Sie haben ja recht, die Leute, die manchmal sagen: Was die Christen zu den Problemen unserer Zeit so sagen, ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Und: wie wenig kann eine Kirchengemeinde doch konkret in den Nöten und Problemen einer Stadt wirklich bewegen. Da ist das Verzagen und die Resignation nicht weit.

Aber: der erhöhte Herr weiß um diese schwache Kirche und er trägt sie ‑ und das genügt! Der erhöhte Herr weiß um die Anfechtungen seiner Gemeinde und er lässt sie nicht über die Kräfte gehen ‑ und daran dürfen wir uns genügen lassen.

Wie das aussehen kann, überwinden, das kann man an Menschen sehen, die den Glauben durchgehalten haben. Einer davon stand im Jahr 155 n. Chr. eben in Smyrna vor Gericht. Da bot das Gericht dem an Jahren uralten Bischof Polykarp an: Sage Jesus ab und du gewinnst die Freiheit> Und Polykarp antworte: “86 Jahre diene ich Christus und er hat mir nichts zuleide getan. Wie kann ich meinen König lästern, der mich erlöst hat?” Und so geht er lieber in den Tod, als von Christus zu lassen.

Eine ganz ähnliche Haltung wird von vielen bezeugt, die im 3. Reich vor dem Volksgerichtshof standen. Von den Geschwistern Scholl, von Hellmut von Moltke und von einigen anderen wissen wir: Sie konnten deshalb auf dem Weg durch Unrecht und schlimme Verletzungen ihrer Persönlichkeit bis zum Tod gelassen bleiben, weil sie fest verankert waren im Glauben an Jesus. Was für sie gilt, das ist nicht Ausnahme, das ist die Zusage Jesu Christi auch über uns: Ich lasse keinen los, der sich von mir halten lässt. Ich lasse keinen ins Nichts fallen, der sein Vertrauen auf mich gesetzt hat. Ich bringe durch den Tod ans Ziel. und niemand kann euch aus meiner Hand reißen.

An dieses Versprechen dürfen wir uns halten ‑ so wie die Gemeinde in Smyrna und so wie seitdem ungezählte, namhafte Christen und solche, deren Namen Gott alleine kennt: kein Leid der Welt kann uns aus der Verbundenheit mit Jesus reißen, weil er uns festhält und er ist der Erste und der Letzte, der tot war und lebendig ist und der aus dem Tod ins Leben bringen kann und bringen wird.

 

Du Herr des Lebens, der durch den Tod gedrungen ist, Du siehst uns, unser Kämpfen und Ringen, unsere Ängste und Anfälligkeit. Du siehst auch, was wir oft gering achten, dass wir reich sind, reich aus Dir, aus dem Glauben, der sich festmacht in Dir.

Danke, dass Du uns nicht blind nach vorne laufen lässt, nicht verschweigst, was uns erwartet. Danke, dass Du uns hilfst, in allem unsere Zuflucht in Dir zu suchen, Dich zu bitten, dass Du uns hältst. Du willst uns ja durchtragen durch alles Sterben, auch das Sterben vor dem Tod, damit wir zu Dir gehören in Zeit und Ewigkeit. Amen